loewenherz

loewenherz

Rezensionen
1 - 5 von 919
'Die am meisten drüber reden, tun es am wenigsten.'
sagte man in meiner Jugend, und ich behaupte einfach mal, so ist das immer noch. Und (zu) viel drüber reden tut leider (immer noch oder schon wieder) Tom Ford, was ich aus mehreren Gründen betrüblich finde. Nach - im Englischen wie auch in dessen Übersetzung - sprachlich fragwürdig originellen Trouvaillen wie Lost Cherry, Rose Prick und Vanilla Sex hatte ich eigentlich gedacht, man wäre im Haus Ford mit schlüpfrigen Doppeldeutigkeiten nun endlich durch (zumal mit etwa Black Lacquer oder zuletzt Oud Voyager ja zeitgleich durchaus Annehmbares feilgeboten wurde). Falsch gedacht. Dass nun ausgerechnet der Akkord Feige, den ich persönlich grundsätzlich nicht ganz einfach finde, mit einem besonders beklagenswert plumpen Namen bedacht wurde, hilft zusätzlich nicht.

Ich suche und schätze bei Parfums neben dem Duft an sich auch stets das ihm zugrundeliegende Konzept - hoffentlich gibt es ein solches. Also nicht nur, wie er handwerklich gemacht ist, sondern auch, wie er akademisch gedacht und umgesetzt ist. Und 'Figue Érotique' hat die Reife und Hintergründigkeit einer Gruppe angetrunkener Teenager-Jungs, die gröhlend an einer halbierten Feige lecken. Und dann - muhaha! - den Finger reinstecken. Die Subtilität einer Fernfahrerzeitschrift aus den 90ern, deren Titel verrät: 'Geheime Sex-Tipps tabuloser Friseusen!'. Ein Duftkonzept, das eher an Bruno Banani denken lässt (sorry, Bruno - ich kenne keinen deiner Düfte, bestimmt sind die ganz toll!) als an einen, der neben wirklich sinnlichen Altvorderen wie Santal Blush oder Noir de Noir (be-)stehen kann.

Gemacht ist Tom Fords Feige ganz 'okay-ish' - wenn man denn süß und Frucht und Feige mag. Fast hatte ich gehofft, ihn mehr zu hassen, aber stattdessen habe ich den Duft an sich schon fast wieder vergessen. Das mag einerseits vielleicht an seinem en passant-Test an einem Flughafen liegen, zeigt andererseits aber doch auch, wie wenig er sich einprägt und macht mit mir. Aus der Idee 'erotische Feige' hätte man mutig etwas mit dem Zitat von Haut und Schweiß und körperlichen Säften bauen können - statt nur ein bisschen bitter und ein bisschen grün und dann lange sehr süß - wenn Muscovado-Zucker auch ein bisschen schicker klingt. Doch das wäre wohl zu viel Sex gewesen für den prüden Durchschnittsamerikaner, der Figue Érotique am besten ja noch vor Jahresende kaufen soll.

Fazit: weniger drüber reden, Tom. Mehr machen!
5 Antworten
Gefällt mir nicht, aber bin froh, dass es ihn gibt!
In aller Kürze zum Parfum: dass ich Fruchtdüfte - den Akkord Kirsche ganz besonders - nicht besonders mag, habe ich vielfach beschrieben und erläutert. Ich halte Kirschdüfte auch parfumhistorisch langfristig nicht wirklich für relevant, sondern glaube, dass wir in zehn Jahren bestenfalls mit nostalgischer Verklärung an sie zurückdenken werden. Harry Lehmanns (relativ) neuer Kyoto ist - Leder hin, Leder her - ein solcher Kirschduft, und ich fand ihn beim Testen bestenfalls forgettable - süßlich-gefallsüchtig und very 2025 wie er ist.

Und doch war der Moment seiner Entdeckung ein besonderer, ein froher, beinahe bin ich versucht zu sagen: glücklicher. Ich war seit jeher ein Freund jenes merkwürdig (vor-)gestrigen Ladenlokals in der Kantstraße, unweit Ecke Wilmersdorfer in Berlin-Charlottenburg, wo man neben mitunter herrlich gestrigen Parfums für vergleichsweise kleines Geld auch Plastikblumen kaufen konnte (was ich jedoch nie jemanden tun gesehen habe). Und als der Laden seine Türen dann zumachte, war ich traurig, ob er sie denn jemals wieder öffnen würde.

Er hat. Und er ist wunderbar. Ich bin kein Unternehmensberater, aber mit Produktmanagement und -marketing leidlich vertraut, und selten habe ich bei einem solchen betriebswirtschaftlichen Wagnis - und ein solches ist die Übernahme eines in vieler Hinsicht (vor-)gestrigen kleinen Unternehmens mit bisweilen (vor-)gestrigen Produkten zweifellos - gedacht: ja, genauso muss das doch! Den Laden modernisiert, und doch erkennt man ihn gleich wieder. Die Kunstblumen sind - natürlich! - weg, dafür steht da wunderschöner alter Tisch, der bisher wohl in den nicht zugänglichen Räumen hinten stand. Die alten Düfte, um derentwillen Harry Lehmann geliebt wurde, alle noch da. Mit Kyoto auch ein Versprechen, Neues auszuprobieren - so doof ich den nun finden mag. Junge und leidenschaftliche Unternehmer, die nicht nur Betriebswirte, sondern merklich auch Parfumliebhaber (geworden) sind. Ein Laden voller Kundschaft in einer gesunden Mischung aus alter Stammkundschaft und hippen Instapeople, und ich hoffe aufrichtig und sehr, das ist und bleibt ganz häufig so.

Fazit: ein Stück der Seele Charlottenburgs (und hauptstädtischen Parfumschaffens) gerettet - in einer Zeit, wo so viel davon verloren geht. Und den nächsten neuen Duft, den finde ich dann auch toll. Versprochen!
3 Antworten
Spröde Stimme, sanftes Lied
Hier ist nun einer, über den ich gleich schreiben wollte, als er mir neulich in die Nase kam. Über den ich noch immer schreiben wollte, während er auf meinem Handgelenk Raum nahm und sich entwickelte. Und über den zu schreiben ich mir dann doch noch etwas Zeit genommen haben, denn der bedarf es eben, um seine Gedanken zu einem Parfum zu ordnen und sortieren - gerade dann, wenn einer Ordnung und Sortierung so sehr verdient hat wie Fischersunds Flotholt, den ich so schön und so besonders finde wie schon ganz lange keinen mehr. Den ich spontan mitnehmen wollte, doch der Stimme der Vernunft (noch) folgte und dem Haben-Wollen-Impuls erfolgreich widerstand.

Zwei von Fischersunds Parfums - Jöklalykt und Útilykt - kannte ich schon, fand beide sinnlich durchaus ansprechend und akademisch spannend konzipiert. Flotholt passt sich gut ein in diesen Reigen und ist doch besonderer und anders - sowohl hinsichtlich Lautstärke wie Orchestrierung seiner Duftakkorde. Als prägend empfinde ich die Rauchnote - die Anklänge von Asche hat und somit die Erinnerung an etwas Verlorenes, Verbranntes. Doch ohne jene Räuchernote auskommt, die der Akkord Rauch mitunter hat, und die ich dann mitunter störend finde. Stattdessen wird Flotholt getragen von etwas Zerbrechlichem, etwas Verletztem und kaum mehr als einer Erinnerung, einem Echo.

In den Dialog mit dem rauchigen Schlüsselakkord treten weitere starke Protagonisten - jeder von ihnen sorgfältig gewählt und abgestimmt in seiner herben Schönheit. Ein dunkelmariner Ton - grünschäumende See an einem schwarzen Strand, und ohne alles, was die Parfumindustrie üblicherweise 'aquatisch' nennt. Ein kratziger, fast stallig anmutender Moschuston: viehisch-intim, aber nicht warm - der Lagerstätte eines Tieres gleich, das lange schon fort ist. Die ferne Ahnung eines Waldes - den es in Flotholts heute weithin baumloser Heimat Island einst gegeben hat - harzig und fremd und karg, unter Stürmen hingebeugt. Und eben jener feinrauchige Nordwind, der die spröden Stimmen zu einem sanften und weichen Lied zusammenführt, das berührt und 'etwas macht mit uns'.

Fazit: möchte ich Flotholt haben, wo er mich doch scheinbar so begeistert? Ein Teil von mir natürlich - klar doch! - und ich kann heute nicht mit Sicherheit sagen, ob dieser Teil sich nicht doch noch durchsetzt, wenn ein trüber Moment an einem trüben Tag mal plötzlich Sinn und Schönheit braucht. Jedoch bedient Flotholt wie geschildert eine sehr spezielle Nische - rauchig und herb und fremd und doch vertraut - und diese Nische ist in meinem Portfolio durch Aēsops Hwyl - ein anderer Duft, doch hinsichtlich seiner Wesensart für mich verwandt - bereits besetzt. Daher sagt die Stimme der Vernunft (noch) Nein zu mir, doch jede(n), die/der sich für Flotholt entscheidet, beglückwünsche ich sehr.
2 Antworten
Wie Vögel mit den Wolken ziehen
Für mich, das gebe ich zu, ist ein Parfum stets ein Produkt für alle Sinne, muss ein Produkt für alle Sinne sein. Zunächst ist da natürlich der Duft selber - wie ist er aufgebaut, wie orchestriert, wie entwickelt er sich während der Zeit, die ich ihn trage? Darüber hinaus ist mir jedoch auch wichtig, was er mit mir macht, wie er akademisch gedacht ist - wenn er den irgendwie gedacht ist. Wenn nicht, ist er wahrscheinlich raus. Und dann will ich auch wissen, welche Geschichte er erzählt - und ob diese Geschichte sorgfältig und nachvollziehbar und gut erzählt ist. Und einen formschönen, zu Duft und seiner Geschichte passenden Flakon möchte ich auch. Für all das - für den Duft, für seine Idee und für sein Marketing - bin ich bereit zu bezahlen. Das wird nicht auf alle hier zutreffen, und das ist für jede/n gut so, wie er oder sie es haben will. Ich will alles.

Warum ich hier so weitschweifig davon erzähle? Weil hier so vieles davon stimmt - den nüchternen Flakon mal außen vor, aber so macht Comme des Garçons das eben. Der feine, vielstimmige Duft. Was er mit mir, während ich ihn trage, tut. Die Assoziation zum wunderbaren Max Richter, der mit kammermusikalisch reduzierter Instrumentalisierung ein empfindsames, intimes Werk erschuf. Die Überführung dieses empfindsamen, intimen Werks in eine Duftarchitektur, in der man die Idee wiedererkennt. Wie er Geschichten erzählt - von solitären Spaziergängen an einem leeren Strand im Winter. Von einer langen Autofahrt durch einen Wald im Norden - den Vögeln folgend, die mit den Wolken ziehen. Von einem Nachmittag in einer Galerie mit zeitgenössischer Kunst, als ich plötzlich und ganz ohne Grund zu weinen anfing.

Er hat - natürlich - etwas Hochartifizielles. Noch einmal - Comme des Garçons macht das so. Das weiß man vorher, manchmal gelingt es, manchmal nicht. Hier gelingt es. Herber, kühlbitterer Wacholder (ohne die ihm oft anhaftende Gin Tonic-Assoziation, die ich nicht mag) und kaum mehr als eine Ahnung von Süße - beinahe so, als betrauerte man einen lange zurückliegenden Verlust, darin feine Anklänge von Tinte und Likör. Es folgt ein feinaschiger, spröder Pfeffer - und ich finde Pfeffer oft anstrengend - ohne Stechen und ohne Schärfe, fast eher die Erinnerung an Pfeffer als der Pfeffer selbst. Und dann - in der schönen und weichen Langsamkeit einer Bratsche - zärtliche Zedernweichheit, nahbar und distanziert zugleich - wie die Hand das Büttenpapier wärmt, während wir schreiben, kaum wahrnehmbar und schon vorbei.

Fazit: stille Schönheit, überzeugend in ein Duftkonzept übersetzt.
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Das traurigste Parfum der Welt
Es geht los, Freunde. Holt die Federn und den Teer, ich bin bereit. Ein Teil von mir bedauert tatsächlich fast ein bisschen diesen - Spoiler Alert! - nicht wirklich netten Kommentar zu schreiben. (Dem anderen Teil ist das egal.) Entschuldigend eingeräumt sei gleichwohl, dass dieser Kommentar vielleicht ein bisschen unfair ist, denn einiges, was ich hier gleich zu Paradigme sage, lässt sich sicherlich auch über das eine oder andere Parfum der Gegenwart behaupten. Und dennoch - was für ein tieftrauriger Duft ist dies, für dessen kurzfristigen Ertrag das Label Prada (und die genannten Kunstschaffenden) ihre Namen an L'Oréal verhökerten.

Niemand, behaupte ich, der Parfums als solche tatsächlich liebt oder mit sinnlicher Leidenschaft erlebt, hat an irgendeiner Stelle an der Erschaffung von Paradigme mitgearbeitet. Nicht bei der Kampagne um den aktuell populären Marvel-Darsteller Tom Holland, die - obschon ikonographisch durchaus nicht unästhetisch gemacht - auch jedes andere Parfum bewerben könnte. Nicht beim Design des lieblosen Flakons, der - ohne reduziert zu sein - aussieht, als hätte man auf halber Strecke einfach abgebrochen. Und schon gar nicht bei seinem seelenlosen Inhalt, den ich forgettable und ärgerlich, impertinent und irrelevant gleichzeitig finde.

Paradigme ist - neutral gesagt - die brutale Essenz eines Breitenparfums der Gegenwart, ein den Key Words 'frisch', 'sexy', 'jugendlich' folgendes industrielles Arrangement, auf maximale Gefälligkeit und Fungibilität ausgerichtet, bei minimalem Einsatz aller Ressourcen, die ein Parfum besonders machen. Frisch, sexy und jugendlich sind keine schlechten Attribute, aber so lieblos hingeworfen wie hier wurden sie selten. Um diesen Mangel zu beheben, so befürchte ich, werden diejenigen, die ihn nun ein oder zwei Jahre lang tragen (ehe sie vergessen, dass es ihn gab) im Zweifel großzügiger dosieren. Was es nicht besser macht.

Fazit: als Treppenwitz der Parfumgeschichte mutmaße ich, dass all jene, die Paradigme vor dem abendlichen 'den Ku'damm mit überhöhter Geschwindigkeit entlang brettern' verschwenderisch vor den gewellten Ikea-Spiegeln im Flur auftragen, seinen Namen weder korrekt aussprechen können, noch wissen, dass ein Paradigma eine 'grundsätzliche Sicht der Dinge' oder vereinfacht 'Weltanschauung' ist. Macht ja nichts.
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