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Chocolat Irisé von Annette Neuffer

Chocolat Irisé 2012

DasguteLeben
04.10.2016 - 06:47 Uhr
38
Top Rezension
9Duft 8Haltbarkeit 6Sillage

Frei von künstlichen Aromen

Wie man Gerüche wahrnimmt, einordnet und bewertet hängt entscheidend von der kulturellen und persönlich-biographischen Duftsozialisation ab. Zweifellos ist meine hohe Sensibilität gegenüber monomolekularen synthetischen Geruchsstoffen und Aromen der Tatsache geschuldet, dass in unserem Haushalt keine funktionale Parfümerie existiert: Wasch- Spül- und Reinigungsmittel sind geruchsneutral, Kosmetika allesamt nur mit natürlichen Ölen parfümiert. Entsprechend nehme ich viele Mitmenschen als wahre Synthetikbomben wahr, da ihre Kleidung vor Dihydromyrcenol, Calone und anderer "aprilfrischer", extremhaftender Geruchschemie nur so strotzt, wozu sich dann gerne noch Ambroxanattacken (der Axe-Effekt: würgen und röcheln) oder senfgasartige Überdosierungen von Ethylvanillin aus Betty Barclay-Produkten hinzugesellen. In solchen Momenten verstehe ich den Impuls hinter Parfümverboten am Arbeitsplatz. Viele MitbürgerInnen scheinen jedoch völlig desensibilisiert gegenüber solchem olfaktorischen Overkill. Mir stellt sich die Frage: welche Konsequenzen sollten wir daraus ziehen, dass Menschen problemlos zwischen monomolekularen und komplexen Riechstoffen mir großen Quantitäten an Sekundär- und Tertiärmolekülen unterscheiden können, also etwa synthetischen Damasconen und Rosenöl? Zumal der berühmte Slowfood -Test ja gezeigt hat, dass von natürlichen Lebensmitteln entwöhnte Kinder den simplen Kunsterdbeergeschmack der geschmacklichen Komplexität einer echten Frucht vorziehen, d.h. olfaktorisch und gustatorisch verarmen. Das ist keine Frage unmittelbarer gesundheitlicher Folgen, sondern eine zunächst ästhetische, die aber auch Grundsätzliches über die Qualität unseres Weltverhältnisses aufwirft. Und unter diesem Blickwinkel, nicht dem irreführenden Allergieaspekt, wäre vielleicht auch die Frage von Natur und Synthetik (durchaus unscharfen Begriffen) in der Parfümkunst zu diskutieren.

Dass ich die Mehrzahl von Gourmandüften die ich getestet habe verabscheue, hat, wie mir Chocolat Irisé erneut beweist, nichts mit dem Genre an sich zu tun, sondern mit seiner regelmäßig überbordenden Künstlichkeit und synthetischen Überintensität. In eine gute Crème Brulée gehört Bourbon-Vanillestange, kein Vanillin und in einen guten Gourmandduft gehört ein dominanter Anteil hochwertiger natürlicher Öle mit einem komplexen Duftspektrum. Ja, in Jacques Guerlains Shalimar war auch Vanillin, aber eben auch jede Menge Tonka, Iris, 30% (!) Bergamot-Öl und dazu noch Jasmin, Rose, Birkenteer, Patchouli, Sandelholz und einiges mehr.

Und damit sind wir bei Annette Neuffers Kreation und Variation des Gourmand/Oriental Themas, quasi Shalimar naturelle en cacao. Der Verzicht auf Monomoleküle und die Qualität der Rohstoffe bedeutet, dass hier Ausgewogenheit und Komplexität regieren, das Talent der Parfümeurin, dass das Schoko-Vanille Soufflé nicht zu einem Duftmatsch kollabiert und 100% Naturmaterialien limitieren letztlich die Sillage und Intensität von Chocolat Irisé. Der Auftakt ist intensiv zitrisch-floral, für mich überwiegen in der Kombination die "orangenen" Töne der Tangerine gegenüber der Bergamot-Herbe und die weißfloralen Aspekte von Jasmin und Neroli gegenüber der Rose (später wird diese dezent vernehmbar). Kakaonoten spielen sehr schnell und deutlich für mich hinein und machen mir spontan Lust auf eine heiße Schokolade. Es entfaltet sich ein olfaktorischer Baldachin mit einem Kakao-Vanille Gerüst, über dem die floralen Noten schweben, wobei die zarte Irisnote eine schöne Brücke zwischen Floralität und Vanillesüße bildet. Der erdige Rauch des Patchouli spielt schön und dezent in die Vanille hinein, der Rest der Basis bleibt noch dezenter im Hintergrund. Nah an der Haut schnuppernd dominiert die köstliche Vanille, insgesamt setzt sich das Parfüm bei mir nach einer halben Stunde als sehr angenehm verwobener "skin scent," der eine zarte Aura ausstrahlt - zart heisst hier übrigens in keiner Weise feminin, sondern tatsächlich komplett unisex - für mich sind es die brachialen Synth-Gourmandnoten, die auf schlimmste Art und Weise etwas mißverstanden hyper-feminines haben.

Ein sehr sehr schöner und angenehm zu tragender Duft, der sich allen Liebhabern der Guerlinade empfiehlt, allen Freunden echter heißer Schokolade und allen von Gourmand-Monstern verschreckten, welche die Komplexität natürlicher Süße und Würze kennenlernen möchten.
14 Antworten
SorayaSoraya vor 5 Jahren
Du hast mich zumindest zum lachen gebracht und ich finde das du diesen Duft ganz gut beschrieben hast. Und ja, der ist ziemlich lecker und ich musste mir auch einen Caro K. machen und an meine Lindbox naschen....
HyazintheHyazinthe vor 8 Jahren
Danke für die deutlichen Worte! Der gewohnheitsmäßige Umgang mit all diesen heftigen Stoffen rächt sich letztendlich. Die Zunahme an Krebs, Allergien, Unverträglichkeiten, Stoffwechselerkrankungen kommt nicht von ohne, da kann ich als Heilpraktikerin ein Lied von singen. Vieles davon lässt sich nicht mehr heilen, manches nur mit großem Aufwand und absolutem Verzicht auf diese Stoffe. Es müsste auch politisch etwas getan werden, leider geht es völlig in die andere Richtung. Dank EU u. uns. Regier
JumiJumi vor 9 Jahren
Ein schöner Kommi! Im täglichen Leben versuche ich so wenig wie möglich Chemie ins Haus (und auf den Tisch) zu lassen. Im Parfum... hm... da sind die Grenzen für mich mehr verwischt, es sei denn der Duft schreit förmlich nach Chemie. Auf die Neuffer-Düfte bin ich schon durch andere User aufmerksam geworden. Dank dir auch auf diesen hier :)
DasguteLebenDasguteLeben vor 9 Jahren
Der Duft ist noch wunderbarer :-)
0815abc0815abc vor 9 Jahren
Das ist ein wunderbarer Kommentar.Ich danke dir.
DasguteLebenDasguteLeben vor 9 Jahren
@Bertel: wenn wir uns mal wieder treffen bringe ich auch gerne meine Samplebox mit.
BertelBertel vor 9 Jahren
Ich hatte Madame Neuffer leider zuerst über ihre musikalischen Darbietungen kennengelernt - da finde ich sie ganz furchtbar... Das hat mir bislang den unvoreingenommenen Blick auf ihre Düfte verstellt. Da Du sie durchweg lobst muss/will ich versuchen einen neuen Anlauf zu nehmen. Danke!
DieLoraDieLora vor 9 Jahren
Ein wirklich schöner, informativer Kommentar der große Lust auf den bevorstehenden Test macht!
TooSmell27TooSmell27 vor 9 Jahren
Zwischen Maggisuppe, Lenor und Meister Propper geht die Nase leider drauf. Ich empfinde diesen Overkill als Quälerei, und bin inzwischen auf die Neuffer-Düfte sehr neugierig.
CentifoliaCentifolia vor 9 Jahren
Lieber T, vielen Dank für diesen schönen Kommentar, der mir zu 100% aus der Seele spricht. Bei mir zuhause auch keine functional perfumes! Ich schließe mich Yatagan an und unterschreibe gleichfalls. Daß es auch hier Kunsterdbeerkinder gibt sieht man ja! Neulich brachte mir eine Freundin ein von mir ausgeliehenes Kleidungsstück gewaschen zurück. Selbst nach 10 Wäschen bekomme ich den Weichspülerhorror nicht mehr raus. Ein olfaktorischer War Of Loudness, der oft erschreckend unbemerkt bleibt.
YataganYatagan vor 9 Jahren
Ich wünsche diesem Kommentar möglichst viele verständige Leser. Ich würde gerne alles hier unterschreiben. Danke!
MissPiggyMissPiggy vor 9 Jahren
Danke Dir für die sehr interessante Expedition in Deine Wahrnehmung von Geschmacks- und Geruchsstoffen. Ich ticke da etwas anders, lebe zwar auch so weit wie möglich duftfrei, was Waschmittel, Deo, Shampoo etc. betrifft, aber ich mag (trotzdem) die synthetischen Düfte meist lieber. Was Neuffer angeht, riecht mir ihr Sortiment zu sehr nach Aromatherapie. Und zwar _nur_ danach - ich empfinde es nicht als Parfum zum "Tragen".
BlauemausBlauemaus vor 9 Jahren
Ein sehr interessanter Exkurs über natürliche Duftstoffe. Ich verwende aufgrund versch. Beschwerden seit einigen Wochen nur noch rein natürliche Düfte und versuche ansonsten auf Chemie so gut wie möglich zu verzichten. Und mir geht es von Tag zu Tag besser.
TIA1971TIA1971 vor 9 Jahren
Das mit den Erdbeeren kenne ich zu gut, aber anders herum...ich esse nur pure Erdbeeren bzw. damit selbst hergestelltes, ansonsten...würg (und bei einigen anderen Lebensmitteln ist das natürlich auch noch so), dass es bei den Gourmand-Düften ähnlich sein könnte, da bin ich noch gar nicht drauf gekommen *HandvorKopfklatsch* - den muss ich unbedingt mal testen, vllt. erlebe ich eine Überraschung, denn ich bin wahrlich - bislang zumindest - kein Gourmand-Fan ;-D