Nervöses Agieren am Händlertisch, die Auftraggeber bringen die analogen Leitungen zum Glühen. Auf klobigen Monitoren flackern in den ersten Windows-Versionen die Kurse internationaler Börsen. Die Digitalisierung steckt an jenem 16. September 1992 noch in den Kinderschuhen. Der schwarze Mittwoch wird das britische Pfund in nur einem Handelstag in die Knie zwingen.
Chanel schwitzt mit, kam doch Égoïste Eau de Toilette 1990 drei Jahre zu spät auf den Markt und traf nicht vollends den Geschmack der smarten Männer der seichten 1990er.
Ob Jacques Polge für Leerverkäufe seiner Positionen an Sandelholz, Zimt, Gartennelke und Rose sorgte, kann ich nicht bestätigen. Vermutlich klang aber zu jener Zeit der Rettungsanker Lavendel bullish, let‘s go long on it! (À la hausse de la lavande!) Kontrakttermin: 1993.
Der Werbespot von Platinum Égoïste Eau de Toilette war quasi eine persönliche Katharsis. Lies die grandiose Ankündigung von Égoïste Eau de Toilette den Träger unerkannt im Carlton an der Croisette verschwinden, wird Besagter zum wortwörtlichen Schattenboxer im edlen Hotelzimmer. Die ulkige Stimme des schattigen Rivalen reizte die Toleranzgrenze zum Klamauk hin aus, war doch der Text eher eines Louis de Funès würdig. Musste die Korrektur derart angekündigt werden? Na ja.
Damals wie heute…
Zisch!
Cher Jacques, wie versprochen geliefert. Metallisch durch und durch dieses Platinum. Hier hast Du die klaffende Fougère-Lücke des Hauses geschlossen. Die altehrwürdige Eleganz eines Chypre Pour Monsieur Eau de Toilette passte nicht mehr zum damaligen Zeitgeist, die Jungs wurden rauer, viriler, wollten Spaß haben. Die Zeit der rasierten Körper, erste Piercings stachen durch. Dein Gespür mal wieder, einfach genial.
Du hast in der Notlage wohl den Erfolg von Dihydromyrcenol seit den 1980ern gut studiert, die Kraft des Moleküls erkannt. Dein Fougère wird kompromisslos scharf schneiden, die liberalen Marktkräfte walten und Chanel wieder glänzen lassen.
Der Start Deiner Komposition gleicht einem Blitzgewitter, man wird geblendet. Neroli und Petitgrain, fast schon doppelt gemoppelt, könnten gleißender nicht sein. Ihre kalte, stechende Eigenschaft wird hier geschliffen. Spiegelglatt.
Und darin spiegelt sich der Schönling, ein vollkommen aufgeputschter Lavendel. Schade, dass Chanel keine Speedos im Sortiment hat, in Rosmaringrün könnte das edle violette Kraut sein little dirt auf dem Laufsteg shaken. Verständlich geschrieben: die molekulare Verstärkung treibt den Lavendel mit krautiger Begleitung ins Übersportliche.
Die übersteuerte Rosengeranie der Herznote erfüllt die metallische Vorgabe perfekt, man spürt das edle Erz bis ins Mark.
Und genau hier unterscheidet sich der Edle von seinen Artverwandten, ernstes Galbanum hindert jegliche liebliche Süße eines sonst üblichen Coumarins, welches vollkommen fehlt. Keine Waldnähe hier. Dafür lädt man in die elegant strenge Chanel-Boutique. Sicher, etwas Muskatellersalbei ist zu spüren, doch völlig domestiziert, was angesichts der minimalistischen Pracht nicht anders zu erwarten wäre. In den Lalique-Vasen wurde frisch heller Jasmin arrangiert, welcher an einem Mistral-Morgen noch jugendlich gepflückt wurde.
Der geniale Coup des Basis verbirgt sich in der Ausrichtung des Vetivers. Grün und dezent säuerlich vertreibt es jegliche Gemächlichkeit, orchestriert die metallischen Noten stimmig. Die Zugabe von Eichenmoos wurde so bemessen, dass der Duft ja nicht zu seifig abgleitet, sonst wäre das Thema in Schaum aufgegangen. Pluspunkt!
Von den Hölzern ist eher die Zeder auszumachen, und zwar ihre frühlingshaften Harze, vorsichtig mit Amber abgerundet.
Ein kleiner Leberfleck wäre dennoch diese undefinierbare fruchtige Note, welche leise im Hintergrund rumgeistert. Doch nicht etwa das so 1990er Calone? Spekulationen…
Im Grunde riecht Patinum frisch krautig, schöne Weißblüher kleiden es elegant, alles holzig eingerahmt. Der perfekte Tagesbegleiter.
Im damaligen BfG Hochhaus in Frankfurt am Main, dem heutigen Sitz eines Teils der Europäischen Zentralbank, baute man zu jener Zeit zur Gallusanlage hin eine glasüberdachte Restaurationsfläche im Untergeschoss aus, Tanzfläche inklusive. So konnten besagte Händler bequem von den oberen Etagen aus mit dem Fahrstuhl runter fahren und sich zum Afterwork den Stress abtanzen, Platinum war überall zu riechen. Das war ein imposantes Bild! Bevorzugte Scheibe, classy house style von Crystal Waters‘ 100% Pure Love. Ihre Tänzer tragen im Video die passenden Anzüge von damals. Oder die kämpferische Antwort des sich tapfer aufraffenden Königreichs, Urban Cookie Collective - The Key, The Secret.
Denn Britannien wie Chanel trotzen stets der unbändigen Brandung und stehen immer wieder auf.
Und ein guter Zischer an Platinum hilft diesbezüglich auch im trüben Alltag.
Sehr gerne gelesen mein Lieber. Müsste ich mich für einen Fougère für den Rest meines Lebens entscheiden, wäre es dieser, noch vor Rive Gauche pH & anderen Legenden. Es ist einfach dieses zeitlose, stets tragbare, aber gleichzeitig markante. Ist auch weniger seifig-cremig & duschgelig als andere seiner Gattung. Liebe den !!!
Das hast Du dufttechnisch fein seziert und wunderbare Hingergrundinfos geliefert. Danke! War damals mein erster „richtiger“ Duft, ohne damals das Wort „Fougère“ gekannt oder den Duft wirklich verstanden zu haben. Roch einfach gut und anders als das bis dahin Bekannte. Mit etwas Abstand finde ich ihn immer noch sehr gut, auch wenn all die Veränderungen ihm etwas zugesetzt haben.
Empfand ich damals als was zwischen Affront und zu klassisch. Muss ich wiedermal testen, die Idee des Non-Flanker Flankers ist ja schon wieder ganz gut …
Wären die Werbungen nicht gewesen, insbesondere die legendäre Fernsehwerbung von 1990, wäre Egoiste womöglich eingestampft worden. Somit wäre es zu „Platinum“ womöglich nie gekommen. Aber Werbung hin oder her: Chanel hat schon gute „Pferde im Stall“. Mein Favorit ist immer noch Antaeus.
Wunderbare Schilderung des damaligen Zeitgeistes!
Für mich war Egoiste der heilige Gral, daher konnte Platinum bei mir leider nicht punkten - heute finde ich ihn okay.
Bei dem Duft musste ich an den T1000 aus den Terminator-Filmen denken. Könnte ca. zeitgleich rausgekommen sein. Guns n‘Roses You Could be Mine. Könnte hinkommen, oder?
Jo! Ich mach's kurz: Platinum Égoïste war gut, ist gut und bleibt gut. Ich habe ihn auch nach längerer Zeit mal wieder im Schrank. Aber er darf noch auf etwas höhere Außentemperaturen warten.
Von den UCC nehme ich dann Sail Away, auch wenn das erst '94 rauskam. Leider ist die Sängerin 2015 an Krebs verstorben, da bekommt die Erwähnung nochmal eine besondere Bedeutung.
Gern gelesen!
Beide leider nicht meine Welt.
Aber bei spiegelglatten Schönlingen, die after-work im Frotteetuch schattenboxen, bekomme ich Unwohlsein.
🏆
Für mich war Egoiste der heilige Gral, daher konnte Platinum bei mir leider nicht punkten - heute finde ich ihn okay.
Von den UCC nehme ich dann Sail Away, auch wenn das erst '94 rauskam. Leider ist die Sängerin 2015 an Krebs verstorben, da bekommt die Erwähnung nochmal eine besondere Bedeutung.