Als Titel dieses Kommentars zog ich alternativ „Grün-Bunte Organik, feinst püriert, synthetisch gebunden und als dichter Nebelschleier versprüht“ in Betracht. Allerdings wäre das erstens sehr lang gewesen, zweitens hätte ich damit schon alles Wesentliche gesagt gehabt und kein Mensch hätte weitergelesen und drittens wollte ich diesen nil-bezogenen Kommentar unbedingt nutzen, um das herrliche Lied der Comedian Harmonists „In der Bar zum Krokodil (am Nil, am Nil, am Nil)“ zu erwähnen. Was kann sich im deutschen Liedgut an Wortwitz mit dem Nil-Song und anderen ähnlichen alten Chansons und Couplets messen? Wer kriegt heute noch (mit gelegentlichen Ausnahmen im Austro-Pop, etwa bei der EAV) Reime hin wie „Sittsamkeit“ auf „Schlitz ins Kleid“, „Dreivierteltakt“ auf „dreiviertelnackt“ und vor allem „Denn Theben war für Memphis / das was Lausanne für Genf is‘“ hin? (In einer Live-Aufnahme hab ich auch mal die ebenfalls charmante, obschon nicht ganz so geniale Version gehört: „Denn Theben war für Memphis / das was die Wurst für’n Senf is‘“).
Aber zurück zu unserem Duft. Ich kenne „Un Jardin sur le Nil“ (dessen „sur“ übrigens nicht „über“ bedeuten dürfte, sondern schlicht „am“, wie in „Chalons-sur-Marne“) schon seit etlichen Jahren, hatte ihn aber nie selbst getestet und kam auch nie auf die Idee, ihn zu rezensieren. Für mich war der Duft einfach ganz naiv immer „10“, denn er ist eine Art Signaturduft des Näschens an meiner Seite, und an ihr gefällt er mir perfekt. Die Neugier und dann insbesondere auch die jüngsten Verrisse hier auf Parfumo (April 2018 war kein guter Monat für den Nilgarten) haben mich dazu motiviert, den Duft auch selbst zu tragen (unisex deklariert ist er ja, obwohl ich ihn eher feminin empfinde) und mich ihm auch mal ganz bewusst schnuppernd und analysierend zu nähern.
Und da kann ich die hier jüngst geäußerte Kritik durchaus nachvollziehen, auch wenn ich die von Duftsucht ausgemachten „kokeligen“ und „modrigen“ Noten nicht finden kann und auch wenn mir FabianO’s Vergleich mit dem (aus meiner Sicht in der Tat trivialen) Voyage etwas ungerecht vorkommt. Aber gerade an Fabians Kommentar könnte ich auch vieles unterschreiben.
Ich nehme (anders als Meggi in seiner exquisiten literarischen Miniatur, die hier sehr präzise Duftphasen beschreibt) „Un Jardin sur le Nil“ als eher linearen Duft wahr. Er begegnet mir mit vielen, vielen organischen Duftnoten, vor allem (feucht-) grünen, obst-und-gemüsigen und in etwas geringerem Umfange auch floralen. Diese folgen allerdings nicht chronologisch aufeinander, sondern treten alle gleichzeitig auf, und auch das nicht in Gestalt von mehreren sozusagen miteinander ringenden Duftteppichen. Vielmehr bietet sich hier das Bild einer zu feinstem Püree verarbeiteten, fast schon auf Molekularebene homogenisierten frisch-süß-grün-leichtwürzigen Organik, die mit einer sehr kräftigen Dosis aquatischer Frischesynthetik aufgefüllt und stabilisiert wurde. Obwohl ich jetzt von selbst nie darauf gekommen wäre, diesen Duft mit „Cool Water“ zu vergleichen, wie es hier ein anderer Parfumo getan hat (sie riechen vorderhand überhaupt nicht ähnlich), dann ist insoweit doch was dran. Sozusagen Frucht-Gemüse-Blumenquirl mit Cool Water aufgegossen. Und das Ganze dann aus dem Flakon als feiner, etwas opak-milchig wirkender Nil-Nebel (gibt’s da unten Nebel? Keine Ahnung…) versprüht.
Insgesamt gibt das dann einen schwer zu greifenden, hellgrünen, mal strahlenden, mal eher weißgrün-schleierigen, und wegen der starken Homogenisierung und der deutlich zu spürenden Synthetik auch etwas eindimensional, manchmal fast schon etwas anstrengend wirkenden Dufteindruck. Gelegentlich kommt ein leicht seifiger Akzent dazu, dessen Ursprung ich nicht identifizieren kann.
Der Duft ist mitnichten raumfüllend oder gewaltsam kräftig, aber er haftet sehr nachhaltig an der Haut und ruft sich auch noch nach acht, neun, Stunden immer wieder deutlich spürbar in Erinnerung.
So gesehen und aus der Nähe betrachtet kann mich „Un Jardin sur le Nil“ nicht richtig begeistern. Sicherlich ein frischer Sommerduft, nicht unoriginell durch dieses pflanzliche Alexandria-Allerlei darin, phasenweise richtig schön wirkend, aber jedenfalls an einem Mann, oder jedenfalls an mir, nicht wirklich markant, nicht richtig ausgewogen, nicht besonders inspirierend. Nun hoffe ich nur, dass mir der Duft weiterhin an Frau von Spee gefällt und dass ich mir diesen unschuldigen Zauber nicht durch die ganze Analytik zerstört habe.
Was noch nachzutragen ist: Als ich den Nilgarten zum ersten Mal an mir ausprobierte, fiel mir sofort eine gewisse Nähe zu „Essential“ von „Lacoste“ auf. Bei Lacoste das Krokodil, bei Hermès der Nil, passt ja (konnte ich mir nicht verkneifen). Tatsächlich aber, wenn man sich die Zutatenliste anschaut, sieht man bei beiden Düften eine Frucht-Blumen-Holz-Kombi und als Gemüse (wenn das wohl auch botanisch zwei-felhaft ist, oder?) in beiden Tomate, bei Hermès als „Ranke“ und bei Lacoste als „Blätter“. Und dass (auch) im „Essential“ massig Aqua-Chemie drin ist, können wir wohl getrost voraussetzen.
...sehr fein und treffend kommentiert - vielleicht möchte Herr Ellena mit seinen "Jardins" (die ja alle mehr oder weniger Synthetisches mitspielen lassen) auf jeden Fall (auch) "modern" sein, was für ihn am ehesten mit Synthetik zu tun hat. Bisweilen nicht ganz untypisch für den französischen Geschmack... wenn ich an die Pyramide vor'm Louvre denke oder die Archtitektur von La Defense... (vielleicht versteig' ich mich aber auch grad... :)
Erst als ich Ellenas Buch gelesen hatte interessierten mich seine Düfte. Er kann Synthetikdüfte gekonnt zu für mich sehr oft schönen Düften mit wahrlich abstrakt realisierten Impressionen und Assoziationen zu realen Duftempfindungen evozieren. Dazu muss man seine Ideen zu Düften verstehen/kennen. Dazu muss man sich nicht eng mit seinen Erwartungen an die Pyramide halten. Die Namen sind Vorschläge, die Spielräume zu inneren Duftszenen sind. Puh, schwierig, dass so kurz auszudrücken.
Vielleicht ist es kein Nebel, sondern es schiebt sich etwas Sand ins Bild. Ich mag den Duft nicht, hätte es aber gar nicht genau erklären können, außer, dass ich ihn recht unecht empfand. Ich drücke dir, deiner Analyse zum Trotz, dass du nun bei Frau von Spee nicht an die diversen Molekularebenen denken musst, wenn sie ihn trägt. Manches Mal zerdenkt man sich die Dinge lieber nicht. :D Tomatenpokal.
"Ich badete im Ganges
(das ist eine Art Nil)
Im Ganges schwamm was Langes
auf Flügeln des Gesanges:
Das war ein Krokodil."
Heinz-Erhardt-Pokal! PS: Ich empfand ihn als zu synthetisch-wässrig.
Der Gatte der Frau Potifar
Und aß von einem Feigenblatt
Gehackte Mumie mit Spinat ..."
https://www.youtube.com/watch?v=W09ShUKH-HI
(das ist eine Art Nil)
Im Ganges schwamm was Langes
auf Flügeln des Gesanges:
Das war ein Krokodil."
Heinz-Erhardt-Pokal! PS: Ich empfand ihn als zu synthetisch-wässrig.