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Seerose
29.01.2014, 17:16 Uhr
9Duft 7.5Haltbarkeit 5Sillage
Top Rezension 0

Edelherb

Dem Angebot ein Probenset der neu lancierten Düfte von Oriza L. Legrand zu bestellen konnte ich nicht widerstehen. Auch weil Pipette mich bereits darauf aufmerksam gemacht hatte, und ich mir die Homepage dieser Düfte angeschaut hatte. Ein Parfümname welcher fast 300 Jahre existiert. Ich hatte das Set schon am nächsten Tag in meinen Händen.
Es war mir klar, dass ich keine Düfte nach historischen Rezepten erwarten kann, wenn es die Rezepte überhaupt noch gibt. Zumindest nicht aus jenen Zeiten des Rokoko und der Klassik. Die Auswahl der Düfte des Hauses "Oriza L. Legrand" betrifft Parfüms aus verschiedenen Epochen bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Ich erwartete allerdings Düfte, die sich an die alten Rezepte und Inspirationen an die jeweiligen Epochen anschließen und die in ihrer Art, so weit ich das beurteilen kann, einzigartig sind.
Nun also der 1. von mir getestete Duft: "Die Nelke Louis XV". Dieser König Frankreichs hat von 1710-1774 gelebt, absolutistisch und zentralistisch in Versailles Hof gehalten. Er hatte zahlreiche Maitressen, 8 außereheliche von ihm anerkannte Kinder. Die berühmteste Maitresse von der wir heute noch Legenden kennen war Madame Pompadour.
Nun könnte man ein von Rosen, bedrängenden Weißblühern, Moschus und Ambra betörendes Parfüm erwarten welches für den heutigen Duftgeschmack modifiziert und gemäßigt worden ist, EU-tauglich zudem.
Es handelt sich bei "OEillet Louis XV", wie bei ALzD versprochen, um einen sehr eleganten und eher herben Duft. Das kann man schon am Titel erkennen: Nelke! Sie soll seinerzeit eine in Parfüms favorisierte Duftnote gewesen sein.
Und die Nelke, sowohl als Blüte als auch als Gewürz dominiert tatsächlich. Eine faszinierende edelherbe Verbindung ist dem Hause Legrand geglückt.
"OEillet Louis XV" beginnt mit einer spritzig-würzig und leicht zitrischen Note, der rosa Pfeffer bleibt dezent. Das Zitrische verschwindet rasch. Binnen Kurzem ist ein herber holziger Grundton wahrzunehmen. Gleichzeitig ahnt man bereits die weitere Entwicklung.
Farne und Moose rieche ich dann, Krautiges um dann der Gewürznelke eine Weile die Vorherrschaft zu überlassen.
Glücklicherweise nimmt sich die Gewürznelke zurück, die Nelkenblüte legt sich darüber und nach einer Weile ergibt sich der Duft einer herben Gartennelke wie ich ihn kenne. Rose nehme ich über den gesamten Verlauf nicht wahr. Aber ich nehme noch Hölzer wahr, etwas Herb-cremiges ist da und nimmt dem Duft seine leichte Rauhheit. Reispuder ist genannt. Nun gibt es viele Reissorten mit verschiedenen Duftnoten. Ich kann nicht identifizieren welcher hier gemeint ist. Keineswegs ist hier die Irispudernote gemeint.
Moschus nehme ich überhaupt nicht wahr, er wird in der Basisnote geschickt integriert sein.
Damals wurde noch reichlich Puder verwendet für die oft schlechte Haut und unter sowie auf die Perücken gestäubt. Es lässt sich auch denken, dass damals trotz allen Prunks und der Verschwendung Düfte bevorzugt wurden, die eher herbe waren und streng, die die schlechten Gerüche, Krankheiten sowie Parasiten abhalten sollten und dennoch elegant und edel sein sollten.
"OEillet Louis XV" gibt in seiner Entfaltung weitere leicht bittere Holznoten frei. Mit der edelherben cremig und für uns nicht so gewohnten Pudernote gibt es weiter keine Entwicklung. In dieser Duftmischung bleibt der Duft stehen und hält sehr lange bei mir. Ein Duft, der nicht zu herb ist jedoch trocken, aber in keiner Weise lieblich zu nennen wäre.
Die edelherbe Nachempfindung dieses Duft für die Zeit Ludwig des XV scheint überraschend. Aber diese Überraschung sehe ich als eine falsche Vorstellung über jene Zeit. Wenn man hier in den vielen Schlössern aus jenen Zeiten auf der Spur ist, lässt sich trotz allen Prunks die Ungemütlichkeit und Kälte der riesigen Räume und der mangelnde Komfort für Körperpflege nachvollziehen.
Ein für mich tatsächlich einzigartiger Duft.
Ein Duft nur für Frauen? Ich ordne den Duft unbedingt als Unisexduft ein.
Es fehlen allerdings (nicht für mich!) Lavendel und die Dominanz von Zitrusnoten für Männer, die das bevorzugen.
13 Antworten
DieLoraDieLora vor 3 Jahren
1
Ein wunderbarer, aussagekräftiger und sehr informativer Kommentar. Der Duft selbst verzaubert mich ebenso.
SeeroseSeerose vor 3 Jahren
1
Danke Dir von Herzen für Deine liebenswürdige Zustimmung: Frohe Ostern!
UnterholzUnterholz vor 6 Jahren
Fein beschrieben, passt alles... muss ihn nochmals testen, obwohl er mir schon beim ersten Test gefiel.
FirstFirst vor 7 Jahren
Das ist der andere des Wanderbriefes, der mich am ehesten gekriegt hätte. Aber auch nicht wirklich. Dennoch: Auch dieser ist wieder sehr beeindruckend.
KovexKovex vor 9 Jahren
Ein ganz toller Kommentar. Ich gebe Dir Recht. Unbedingt Unisex. Der hat was....
Nizza13Nizza13 vor 10 Jahren
Sehr, sehr guter und informativer Kommentar. Eindeutig unisex, sehr würzig, eigenwillig und besonders
SkjomiSkjomi vor 11 Jahren
Jetzt erst getestet und deinen tollen Kommi entdeckt, sehr schön beschrieben, sehr gut getroffen! Unbedingt ein Unisex-Duft, an mir wird er so herb, dass ich ihn sogar eher Männern empfehlen würde.
FittleworthFittleworth vor 12 Jahren
Klingt spannend. Louis-XV-Pokal!
KleineHexeKleineHexe vor 12 Jahren
Ich habe den jetzt testen können. Männer traut Euch!
ErgoproxyErgoproxy vor 12 Jahren
Ich empfinde den Duft sehr feminin, da die Blumen für mich voll zum Tragen kommen. Zu Beginn muss ich auch an Brausepulver denken.
KleineHexeKleineHexe vor 12 Jahren
Meine Merkliste meldet gerade: Speicherüberlauf! Gelungener Kommentar. Pokal geht leider nicht.
ErgoproxyErgoproxy vor 12 Jahren
Im Barock und Rokoko warenn(wie ich gelesen habe) blumige Parfums der Renner, für das Ungeziefer gab es u.a.Flohfallen.:) Interessant beschrieben.
YataganYatagan vor 12 Jahren
Wenn Du einen Teil des Probensets irgendwann nicht mehr benötigst würde ich mich als Abnehmer sehr gerne anbieten. ;)