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Top Rezension
Mag sein, dass ich ein Geisterfahrer bin..
Oh ja, ich kann durchaus nachvollziehen, warum dieser Duft auf soviel Ablehnung stößt: der Start ist wirklich abenteuerlich!
Wer schon immer mal wissen wollte, warum Frédéric Malle seinen Tuberosen-Duft “Carnal Flower“ genannt hat, sollte einmal an “Tambour Sacré“ schnuppern: deutlicher können die fleischlichen Facetten dieser narkotisierenden Blüte nicht herausgearbeitet werden. Auch in Malles Duft kommen sie zur Geltung, werden aber vom gesamten Duftspektrum der Tuberose in Schach gehalten – der intensiven floralen Weißblüher-Note, den aasigen Indolen und grünen Nuancen. In “Tambour Sacré“ aber, kombiniert mit einer ungesüßten Kaffee-Note, brechen sie ungehemmt hervor, als wäre die sorgsam austarierte Balance im Tuberosen-Kosmos plötzlich verschoben. Offenbar eliminiert hier der dunkel-säuerlich duftende Kaffee weite Teile des Blüten-Kaleidoskops, und lässt die Tuberose mit einem Mal seltsam nackt zurück, geradezu körperlich, eben “carnal“. Auch die quietschrosa Kaugummi-Anklänge fallen ohne die sie normalerweise ummantelnde Robe ziemlich unangenehm auf und versprühen ein durchdringendes Haarspray-Aroma – das alles muss man aushalten!
Ich gebe zu, das fällt schwer, denn dieser Auftakt, dieser Clash der beiden Hauptakteure, die den gesamten Duftverlauf von “Tambour Sacré“ prägen sollen, stellt wirklich eine Zumutung dar.
Schön duftet das nicht, zumindest nicht im Sinne von ‚harmonisch’ ‚angenehm’, oder ‚schmeichelnd’. Nein, dieses Übereinanderherfallen von harschem Kaffee und divenhafter Tuberose hat eher etwas von einem olfaktorischen Gemetzel, das beide Kontrahenten in ein ungutes Licht taucht. Mögen sie für sich genommen wunderbar duften, hier riechen sie nicht mehr gut, weder Kaffee, noch Blüte.
Zum Glück betreten aber noch weitere Akteure die Bühne und gebieten dem konfrontativen Treiben ein Ende. Kardamom und Zimt würzen begütigend den Kaffee, bitter-schalige Früchte und der süße Duft der Akazie zerren die sich hysterisch gebärdende Tuberose vom Kampfplatz.
Die füllige, warme, von Harzen, Hölzer und Balsamen geprägte Basis tut ihr übriges, und die Kampfhähne beruhigen sich zusehends. Nach ca. einer Stunde hat sich ein komplexes, dunkel tönendes, herb-würziges und nur wenig süßes orientalisches Aroma entwickelt, das zur Abwechslung mal ohne obligatorische Vanille und modisches Oud auskommt.
Jetzt duftet “Tambour Sacré“ wunderbar! Und als wollte er mich für alle zuvor erlittenen Unannehmlichkeiten entschädigen, hält der Duft dank Extrait de Parfum-Konzentration eine halbe Ewigkeit.
Normalerweise bin ich ja nicht so ein Freund endlos lang anhaltender Düfte, aber in diesem Fall muss ich wirklich eine Ausnahme machen, denn diese einmalig schöne Orientalik, mit dem sich mittlerweile versöhnt in den Armen liegenden Tuberosen-Kaffee-Gespann im Herzen, kann ich Stunde um Stunde genießen.
Das Team um Andrea Bissoli Rubini, der Parfümeur Cristiano Canali und Francesca Gotti, die Produkt-Designerin haben nach “Fundamental“ wieder einen erstaunlichen Duft geschaffen, den man sich allerdings, mehr noch als seinen Vorgänger, erarbeiten muss. “Fundamental“ war ja mit seinem charakterstarken, fruchtig-wachsigen Trauben-Akkord schon kein ganz einfacher Geselle, aber in Sachen Sperrigkeit geht “Tambour Sacré“ noch einige Schritte weiter.
Für mich ist das Kunst, richtig große, zugegeben moderne Duft-Kunst. Allerdings solche, die ich beim besten Willen nicht empfehlen kann. “Fundamental“ könnte ich gerade noch empfehlen, vorausgesetzt der Adressat oder die Adressatin hat eine offene Nase für ein ungewöhnliches Duftabenteuer. Bei “Tambour Sacré“ aber weiß ich, dass mir völliges Unverständnis begegnen würde – zumindest zeitweise ist der Duft ein olfaktorischer Höllenritt, den ich keinem zumuten möchte.
Und dennoch, mag ich auch als Geisterfahrer unterwegs sein und glauben, dass alle anderen in die falsche Richtung fahren: mir gefällt alles an “Tambour Sacré“ , selbst der schräge Auftakt.
Mittlerweile habe ich nämlich festgestellt, dass ich mich, je öfter ich den Duft trage, umso mehr auf diese wilden Start freue: auf die entfesselte Tuberose, die sich kreischend in den frisch gebrühten, ungewürzten und ungesüßten Kaffee stürzt – großartig!!!
Wer schon immer mal wissen wollte, warum Frédéric Malle seinen Tuberosen-Duft “Carnal Flower“ genannt hat, sollte einmal an “Tambour Sacré“ schnuppern: deutlicher können die fleischlichen Facetten dieser narkotisierenden Blüte nicht herausgearbeitet werden. Auch in Malles Duft kommen sie zur Geltung, werden aber vom gesamten Duftspektrum der Tuberose in Schach gehalten – der intensiven floralen Weißblüher-Note, den aasigen Indolen und grünen Nuancen. In “Tambour Sacré“ aber, kombiniert mit einer ungesüßten Kaffee-Note, brechen sie ungehemmt hervor, als wäre die sorgsam austarierte Balance im Tuberosen-Kosmos plötzlich verschoben. Offenbar eliminiert hier der dunkel-säuerlich duftende Kaffee weite Teile des Blüten-Kaleidoskops, und lässt die Tuberose mit einem Mal seltsam nackt zurück, geradezu körperlich, eben “carnal“. Auch die quietschrosa Kaugummi-Anklänge fallen ohne die sie normalerweise ummantelnde Robe ziemlich unangenehm auf und versprühen ein durchdringendes Haarspray-Aroma – das alles muss man aushalten!
Ich gebe zu, das fällt schwer, denn dieser Auftakt, dieser Clash der beiden Hauptakteure, die den gesamten Duftverlauf von “Tambour Sacré“ prägen sollen, stellt wirklich eine Zumutung dar.
Schön duftet das nicht, zumindest nicht im Sinne von ‚harmonisch’ ‚angenehm’, oder ‚schmeichelnd’. Nein, dieses Übereinanderherfallen von harschem Kaffee und divenhafter Tuberose hat eher etwas von einem olfaktorischen Gemetzel, das beide Kontrahenten in ein ungutes Licht taucht. Mögen sie für sich genommen wunderbar duften, hier riechen sie nicht mehr gut, weder Kaffee, noch Blüte.
Zum Glück betreten aber noch weitere Akteure die Bühne und gebieten dem konfrontativen Treiben ein Ende. Kardamom und Zimt würzen begütigend den Kaffee, bitter-schalige Früchte und der süße Duft der Akazie zerren die sich hysterisch gebärdende Tuberose vom Kampfplatz.
Die füllige, warme, von Harzen, Hölzer und Balsamen geprägte Basis tut ihr übriges, und die Kampfhähne beruhigen sich zusehends. Nach ca. einer Stunde hat sich ein komplexes, dunkel tönendes, herb-würziges und nur wenig süßes orientalisches Aroma entwickelt, das zur Abwechslung mal ohne obligatorische Vanille und modisches Oud auskommt.
Jetzt duftet “Tambour Sacré“ wunderbar! Und als wollte er mich für alle zuvor erlittenen Unannehmlichkeiten entschädigen, hält der Duft dank Extrait de Parfum-Konzentration eine halbe Ewigkeit.
Normalerweise bin ich ja nicht so ein Freund endlos lang anhaltender Düfte, aber in diesem Fall muss ich wirklich eine Ausnahme machen, denn diese einmalig schöne Orientalik, mit dem sich mittlerweile versöhnt in den Armen liegenden Tuberosen-Kaffee-Gespann im Herzen, kann ich Stunde um Stunde genießen.
Das Team um Andrea Bissoli Rubini, der Parfümeur Cristiano Canali und Francesca Gotti, die Produkt-Designerin haben nach “Fundamental“ wieder einen erstaunlichen Duft geschaffen, den man sich allerdings, mehr noch als seinen Vorgänger, erarbeiten muss. “Fundamental“ war ja mit seinem charakterstarken, fruchtig-wachsigen Trauben-Akkord schon kein ganz einfacher Geselle, aber in Sachen Sperrigkeit geht “Tambour Sacré“ noch einige Schritte weiter.
Für mich ist das Kunst, richtig große, zugegeben moderne Duft-Kunst. Allerdings solche, die ich beim besten Willen nicht empfehlen kann. “Fundamental“ könnte ich gerade noch empfehlen, vorausgesetzt der Adressat oder die Adressatin hat eine offene Nase für ein ungewöhnliches Duftabenteuer. Bei “Tambour Sacré“ aber weiß ich, dass mir völliges Unverständnis begegnen würde – zumindest zeitweise ist der Duft ein olfaktorischer Höllenritt, den ich keinem zumuten möchte.
Und dennoch, mag ich auch als Geisterfahrer unterwegs sein und glauben, dass alle anderen in die falsche Richtung fahren: mir gefällt alles an “Tambour Sacré“ , selbst der schräge Auftakt.
Mittlerweile habe ich nämlich festgestellt, dass ich mich, je öfter ich den Duft trage, umso mehr auf diese wilden Start freue: auf die entfesselte Tuberose, die sich kreischend in den frisch gebrühten, ungewürzten und ungesüßten Kaffee stürzt – großartig!!!
13 Antworten


Danke für deine wunderbare Beschreibung.
Ich empfinde am Beginn das Gemetzel wie du es beschreibst halb so wild, bin erstaunt über die Süße die ich vernehme und freue mich jede Stunde mehr und mehr über diesen Duft.
Er hält wirklich eine halbe Ewigkeit auf meiner Haut.
Deine Worte reifen im Kopf zu duftenden Bildern.
Danke dafür.