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Top Rezension
Déjà-vu lieber spät als nie
Eigentlich bezeichnet ein Déjà-vu eine manchmal falsche Erinnerung. Aber die Erinnerung der folgenden Geschichte ist echt. Allerdings jahrelang vergessen. Manchmal ist es aber so, daß das olfaktorische Gedächtnis längst begrabene Geschichten, besonders was Parfum betrifft, wieder ausgräbt. Das Ganze geschah beim Test von No 50 : Civet Cat Chypre. Da dachte ich : Moment mal dich kenne ich doch!
Jetzt kommt meine Nenntante Thea ins Spiel. Nenntante deshalb, weil ich das Verwandtschaftsverhältnis nie so richtig durchschaut habe. Sie war die Großcousine einer richtigen Tante mütterlicherseits. Eigentlich war sie gar keine Tante und wollte auch nie so genannt werden. Sie wohnte im französischen Sektor von Berlin und war mit einem französischen Offizier verheiratet. Sie hat natürlich französisch gelernt und das gerne – als berliner Kodderschnauze – mit Urberlinerisch gemixt. Ab 1961 war die Grenze dicht, aber später als sich alles beruhigt hatte, hat sie natürlich ihre restliche berliner Verwandtschaft besucht und ich habe sie oft getroffen, da ich auch einige Jahre in Berlin gewohnt habe. Wat glaubt Ihr denn wieso ick so jut balinan kann? Sie hat mir sehr übel genommen als ich aus Berlin weg zog und mich ein Kamel mit Ohr´n genannt. Nach der Wende zogen die Franzosen ab, aber sie blieb da und wollte nicht nach Französien, wie sie es nannte. „Ick hab mir scheiden lassen von den Dussel.“
Auf jeden Fall war Thea genauso parfümverrückt wie ich und ihr habe ich etliche Düfte zu verdanken (noch vor der Wende), Chanels, Guerlains, u.a. So auch 3 "Pafönks" von Weil. Weil de Weil, Antilope und eben auch Zibeline. Letzteres 2012, als ich das Zibeline von 2011 schon hatte und sie sagte :“ Det Jelumpe kannste vajessen!“ und schenkte mir einen Restflakon der richtigen Zibeline, da der 2011er ja Merde war.
Zibeline ist ein animalischer Blumenchypre der Bombastenklasse. Heute nur noch zu Mondpreisen zu bekommen. Typischer Aldehydzitruseinstieg. Die Schleichkatze ist zwar kein Vegetarier hat hier aber Käuter gefrühstückt. Ich will hier nicht die Pyramide runter rattern, denn wenn ich schreibe Blumenchypre dann meine ich das auch so, weil hier alles drin ist, was der Parfümeur in seiner Duftorgel rumstehen hatte. Die mußten alle rein, ob sie wollten oder nicht. Wer solche Orgien nicht mag, muß nicht weiter lesen und kann sich mit schüchternen Soliflors befriedigen.
Wenn es dann zur Basis übergeht - und Leute das dauert – würde Thea sagen. „Wenn de den träjst dann zieht dein Oller nie wieda jerippte Untahosen an!Der macht den Feua untat Hemde, det kann ick dir vasprechen!“ Pelziges Zibetöl verfolgt von einem bemoosten, grünen Wal.
Lasziv, schnurrig, hocherotisch.
„Für´t Rumsieln uffn Zottelteppich vor´n Kamin!“
Danke liebe Thea und R.I.P.
Das Haus Weil hat schon lange nicht´s mehr Bombastisches auf den Markt gebracht. Die goldenen Zeiten sind vorbei.
Weil hat seine Wurzeln in den 1920er Jahren. Die 1927 von den Brüdern Alfred, Jacques und Marcel Weil gegründete olfaktorische Institution entstand aus einer kühnen Vision: ihre Expertise als berühmte Kürschner zu transzendieren, um außergewöhnliche Parfums zu kreieren.
Das Wesen von Weil lag in seiner Fähigkeit, Tradition und Innovation zu vereinen und Düfte anzubieten, die die Sinne fesseln und der Zeit trotzen.
Die 1892 in Paris gegründete Marke wurde zunächst für ihre innovativen Pelzparfums bekannt.
Da aber heute (hoffentlich) nur noch wenige Menschen echte Pelze tragen, ist das damalige Konzept ins Wanken geraten und man verliert sich in Banalitäten. Was sehr schade ist.
Thea würde sagen:“ Zibeline, Antilope, Weil de Weil wan irre jut. Det wat heute untawegs is, könnta vajessen.“
21 Antworten


Du hast es schon bestens geschrieben, die goldenen Zeiten von Weil sind längst vorbei.
Die Urversion war legendär!