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DonVanVliet
Don's Blog
vor 3 Jahren - 26.07.2022
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Chemisch v3rschlüss3l+3s Parfum

Chemisch v3rschlüss3l+3s Parfum

Victoria's Secret scheint kein Vorreiter auf dem Parfummarkt zu sein, aber ihr neues Parfum "Bare" ist genau das. Es ist das erste Parfum, das Cryptosym enthält, eine transparente, geruchlose Substanz, die ein Parfum vor Kopien schützt, indem sie die Formel chemisch verschlüsselt.

Neue Parfums werden routinemäßig einer chemischen Analyse unterzogen, die als GCMS bezeichnet wird: Gaschromatographie mit Massenspektrometrie-Kopplung. Ein Parfum wird verdampft und mit einem Inertgas vermischt, das dann durch ein klebriges Rohr geleitet wird, das langsam erhitzt wird. Die flüchtigsten Moleküle bleiben nur wenig haften und kommen zuerst heraus. Je heißer es wird, desto größer und träger werden die Moleküle, bis sie am Ende des Rohrs herauskommen - wo sie chemisch analysiert werden. Der Anwender kann die Moleküle auch erschnüffeln, um sie leichter zu identifizieren. Ein geschickter Bediener kann die resultierende Grafik mit den Spitzen und Tälern interpretieren und eine gute Vorstellung davon bekommen, was in dem neuen Duft enthalten ist.

Laut Premium Beauty News enthält Cryptosym "eine Mischung aus spezifischen Rohstoffen", die in der Lage sind, "eine breite Palette von Störungen [während der GCMS] zu induzieren". Vermutlich beeinflussen die Moleküle der Cryptosym-Basis die Flüchtigkeit der aromatischen Moleküle, so dass sie nicht wie üblich auf die GCMS reagieren und ihre "Quantifizierung und Identifizierung ... erschwert wird". Dies macht es schwieriger, die Formel neu zu erstellen, heißt es.

Premium Beauty News berichtet außerdem, dass nach Angaben von Symrise "40 % der Rohstoffe von Cryptosym betroffen sind und 29 % davon durch diese Technologie vollständig verschlüsselt werden können". Da es sich vermutlich um ein Symrise-Eigenprodukt handelt, können wir davon ausgehen, dass es im nächsten Parfum von Aliénor Massenet, Chefparfümeur bei Symrise, auftauchen wird. Es wird interessant sein zu sehen, ob es einen spürbaren Einfluss auf die Performance eines Parfums hat.

Eine weitere interessante Frage ist, wie lange die Parfum-Piraten und andere Parfumhäuser brauchen werden, um einen Weg zu finden, das Verfahren zu umgehen. Nach Angaben des Amts für geistiges Eigentum der Europäischen Union wurden 2019 in Europa 9,6 Milliarden gefälschte Parfums und Kosmetika beschlagnahmt, was etwa 10 % des legalen Marktes entspricht. Zumindest kurzfristig dürfte Cryptosym einen Einfluss auf die Schmuggler und ihre Handlanger haben, die sich an den Rändern der Sonntagsmärkte in Paris tummeln.

Da es keine Gesetze zum Schutz des geistigen Eigentums gibt, ist das Raubkopieren ein großes Problem für die Branche, und das zu Recht. Ein größeres Problem für den Kenner sind jedoch die vielen Mainstream-Parfums, die nichts anderes sind als eine leichte Abwandlung der neuesten Erfolgsgeschichte: Das Ziel ist ein bewährter Verkaufsschlager, der leicht herzustellen ist, weil 90 % der kreativen Arbeit bereits geleistet wurde, und so war das Klonen für die großen fünf Hersteller eine sichere Sache. Bis jetzt, denn es sieht so aus, als ob Symrise mit seiner bahnbrechenden Technologie einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Könnte es die Arbeit der Parfümeure erschweren und verlangsamen, indem es die Möglichkeit des Cut-and-Paste von bestehenden Werken einschränkt - und das Parfum dadurch sogar teurer machen? Oder zwingt es sie nur dazu, kreativer zu sein?

Vielleicht ändert es auch gar nichts. Was denkt ihr?

Dies ist ein Artikel von Brian Buchanan von Parfumo.net, den ich freundlicherweise übersetzen durfte, vielen Dank dafür!

Aktualisiert am 26.07.2022 - 05:51 Uhr
25 Antworten
IFumerIFumer vor 3 Jahren
Parfums entwickeln sich an anderen weiter. Das war schon immer so.
Und klar kann man über GCMS grob strukturiert erkennen wie etwas "gemeint ist." Doch zuletzt zählt das was dann der "kopierende" Parfumeur riecht.
Und Perspektivenwechsel:
"Smells like Team Spirit," kann man spielen, nach 8 Wochen Gitarre üben. Die Noten gibt es zum Download. Das ist gut, denn: Komponieren konnte es nur einer. Bleiben wir bei Musik.
Wenn man mit deutschen Musikern über Inspiration spricht, schauen viele mit Respekt zu Subway to Sally "auf." Dann klingt eine halbe Strophe eines Rammstein- oder Saltatio Mortis Songs ein bisschen nach denen zu denen die aufschauen. Na und?
So verhält es sich mit Parfums auch. Man hat gute Ideen UND kopiert gute. Die kreative Wahrheit liegt dazwischen.
Kundenperspektive: Wer Kopien kaufen will, tut das. Egal wie gut die sind. Ein solcher Mensch handelt aus einem Mangel, findet Geiz geil und geilt sich am Schnäppchenpreis auf. Also: Aus Parfumeurssicht: Überflüssig.
EmblaEmbla vor 3 Jahren
klingt nach eine längst überfälligen Idee. Trotzdem befürchte ich zum einen dass es am Duft oder der Haltbarkeit etwas ändert und zum anderen dass die "Piraten" bald wieder einen Weg finden den Schutz zu umgehen. Bin gespannt ob sich das durchsetzt.
AdanAdan vor 3 Jahren
Wie funktioniert Cryptosym denn genau? Ist es ein Stoff der sich während der GC-MS z.B. durch die Hitze mit anderen Stoffen verbindet und so deren Molekulargewicht maskiert/verändert? Wenn ja, würde ich das als bedenklich markieren weil es die Haltbarkeit des Parfums verringern würde wenn man einen Stoff zusetzt der nach und nach mit Bestandteilen des Parfums reagiert. Ansonsten könnte Cryptosym auch einfach ein chemisch unreaktives Gemisch aus z.B. unschädlichen Fetten/Fettsäuren oder sowas wie Silikonen sein was einfach zu starkem Hintergrundrauschen im Chromatogramm führt, aber mir widerstrebt der Gedanke etwas prinzipiell "unnötiges" einzumischen nur damit es niemand über GCMS analysieren kann, das kann nicht wirtschaftlich sein. Sobald man Cryptosym als Referenzstoff (= in Reinform) hat kann man das Rauschen dann sowieso rausrechnen, zumindest nach meinem Verständnis.
MrPinkMrPink vor 3 Jahren
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Wenns funktioniert isses DUA´s Endgegner! :D
Alfa156Alfa156 vor 3 Jahren
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Mein Bedenken wäre die Verträglichkeit der eingesetzten Chemikalie mit der Aufnahme durch die Haut. Das sollte erstmal in Studien ermittelt werden
DonVanVlietDonVanVliet vor 3 Jahren
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Das wird ausführlich geschehen sein - wie bei allen neuen Inhaltsstoffen. Da sind doch Studien sicher Pflicht.
MiniGBICMiniGBIC vor 3 Jahren
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Interessanter Artikel, was es nicht alles gibt… :)
Wahrscheinlich ist dieser Satz hier ausschlaggebend:
“Eine weitere interessante Frage ist, wie lange die Parfum-Piraten und andere Parfumhäuser brauchen werden, um einen Weg zu finden, das Verfahren zu umgehen.”
Ist wahrscheinlich wie in der IT: Man kommt gar nicht so schnell nach mit den neuesten Sicherheitstechnologien wie diese wieder ‘geknackt’ werden…
NuiWhakakoreNuiWhakakore vor 3 Jahren
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So, jetzt also Kopierschutz für Parfums, super Idee, das hat ja bei Musik, Filmen und Computerspielen in der Vergangenheit auch ganz toll funktioniert! Bin gespannt, was hier die Nebenwirkungen sein werden, vielleicht verfärbte Haut oder Haarausfall? Selbst wenn es funktioniert, ist es ein chemischer Stoff mehr im Parfum, von dem ich als Konsument nichts habe. Sorry, aber das muss nicht sein.
Ich hoffe, man findet gegen die ganzen ausschließlich kopierenden Hersteller andere Lösungen. Leider fällt mir da gerade auch nichts ein...
NuiWhakakoreNuiWhakakore vor 3 Jahren
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Ja, aber das hat 20 Jahre gedauert (bei Musik) und auf dem Weg dahin haben nur die Anwälte gewonnen. Und die sollten nicht immer gewinnen, ich bin mit einer verheiratet 😉
Allerdings bezweifle ich, dass Parfümhersteller die selbe Lobbymacht haben ..
TerraTerra vor 3 Jahren
Bei Musik und Filmen wurde es hart bestraft und es hat am Ende halbwegs funktioniert, denn nun gibt es günstige Streamingdienste die viele doch lieber nutzen als illegale, virenverseuchte Portale.
CubiculumCubiculum vor 3 Jahren
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"40 % der Rohstoffe von Cryptosym betroffen sind und 29 % davon durch diese Technologie vollständig verschlüsselt werden können"
Der Satz wird verständlicher, wenn man "betroffen sind" (im Original: affected) mit "beeinflusst werden" übersetzt. Denn darum geht es schließlich: dass das Ergebnis der Chromatographie so beeinflusst wird, dass es nicht zum Nachbau des Duftes genutzt werden kann, oder dass dieser Prozess zumindest erschwert wird.
Rubikon66Rubikon66 vor 3 Jahren
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Woher bekommen die Fälscher ihre Rohstoffe ? Von Firmen wie Symrise, Givaudan, Firmenich, IFF, Takasago usw. Ich denke hier geht es nur um Imagepflege und Kundenbindung (Nimmst du unser Gesamtpaket, dann kriegst du Cryptosym und unsere Captives in Top Qualität).
Abgekupfert wird schon immer - wo ist die Grenze? Ist die "Übernahme" von Akkorden und Basen noch okay?
Ein wirklicher Weg zum Schutz wäre meiner Meinung nach der Schutz des Duftverlaufs gewesen, hat aber scheinbar nicht funktioniert.
TerraTerra vor 3 Jahren
Würden die Hersteller die Duftstoffe nicht verkaufen, würden andere sicher auch die nachbauen 🤣
CoraKirschCoraKirsch vor 3 Jahren
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Hm, hm... Ich finde es vor allem interessant, dass sie das so offen kommunizieren. Normalerweise lassen sich die Firmen doch ungern in die Karten schauen. Vielleicht isses zur Abschreckung, weil sie nicht so ganz an ihre eigene Methode glauben? ;-)
Blöd fänd ich's, wenn die sicherlich erheblichen Entwicklungskosten auf den Verkaufspreis geschlagen würden. (Wobei: Was soll sonst damit passieren?) Der Kunde hat ja nicht um eine Diebstahlsicherung als Sonderausstattung gebeten, sondern nur um einen Duft.
Obendrein frage ich mich, ob sich die Märkte tatsächlich so sehr vermischen. Bei den richtig teuren Nischendüften gibt's immer Leute, die es sich leisten können UND wollen, weil sie z.B. das Kunstwerk verehren und das Original besitzen möchten. Und die Anderen, die den Dufteindruck wollen, aber keine Kohle für das Original haben. Ich kenne nicht so viele, die sich das Original leisten könnten, aber lieber ein Dupe kaufen.
Unterm Strich: gemischte Gefühle.
JamySunshineJamySunshine vor 3 Jahren
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Natürlich wird das auf den Preis der Düfte Auswirkungen haben. Die Entwicklungskosten, bis hin zu den Studien zu Verträglichkeiten und Patentrechten u. Lizenzen kosten schon etwas.
Sollte das Verfahren nicht zu knacken sein, gibt es auch keine günstige Dupe Konkurrenz mehr, die den Preis drückt und man kann ordentlich an der Preisschraube drehen.
Dass sich Leute die Düfte nicht leisten können ist sogar gewollt, da die Kundschaft von den Edelmarken oft nicht wollen, dass Hinz u. Kunz in Jogginghosen, so duften wie sie selbst. Sie zahlen gerne mehr für Exklusivität und aus manchen Beiträgen hier im Forum kann man m.M.n. regelrecht herauslesen das Dupekäufer nicht gerne gesehen werden.
TerraTerra vor 3 Jahren
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Mit der Kreativität ist das bei Hunderttausenden Düften irgendwann so eine Sache. Ich glaube viel mehr als etwas abgewandelt ein bereits bekanntes Thema neu aufkochen geht kaum, vor allem wenn es noch gut riechen soll. Es gibt ja auch genug sehr experimentelle Düfte. Secretions Magnifique wurde glaube ich noch nicht geclont, nur gibt's sicher auch dementsprechend wenige Menschen, die den tragen wollen 🤣
ExUserExUser vor 3 Jahren
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Welche Ambroxan Bombe aus dem 21. Jahrhundert will denn noch jmd kopieren :D bei nicht mehr erhältlichen Vintagedüften ist es durchaus sinnvoll, siehe DUA Fragrances, die altes wieder lebendig machen.
Aber was jetzt noch auf den Markt kommt ist doch nicht mehr kopierungswurdig.
ExUserExUser vor 3 Jahren
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Ich fand die Antwort von Terra eigentlich ganz neutral und sachlich. Außerdem kommt imho noch immer sehr viel gutes Neues auf den Markt.
ExUserExUser vor 3 Jahren
Super, hochnäsig den Dorf-Douglas runtermachen aber dann einen Zara Duft bewerben. Spitze Terra!
Und kp warum du von Duschgeldüften schreibst, vermutlich bissn durch den Wind heute der Herr.
CoraKirschCoraKirsch vor 3 Jahren
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Gerade, was die Wiederbelebung ausgestorbener Düfte betrifft, dürften die Kopierfirmen gerne noch sehr viel umtriebiger werden. Damit nehmen sie keinem was weg, machen aber uns eine Freude, die bestimmte Düfte vermissen ;-)
TerraTerra vor 3 Jahren
Wenn du klassische Düfte magst, dann teste Mal den Zara Leather Jardin. Er beweist das Gegenteil, wie genug andere Düfte. Was du schreibst ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit, der vielleicht zutrifft, wenn man nur mal im Kleinstadtdouglas testet. Es gibt genauso viele, geniale Düfte aus dem 21 Jahrhundert. Und falls das gemeint ist: Ambroxan riecht nicht nach Duschgel. Ich hasse diese Duschgeldüfte wie Sauvage. Ambroxan mag ich hingegen sehr gern.
ShaunBakerShaunBaker vor 3 Jahren
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Da gebe ich dir zu 100% recht. Bis Mitte der 2000er waren Düfte noch individuell, mittlerweile rieche ich nur noch abgewandelten Einheitsbrei. Kopiert möchte ich davon schon zweimal nichts haben...
CacaoAbsoluCacaoAbsolu vor 3 Jahren
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Spannender Artikel. Ich finde das eine gute Entwicklung, schließlich soll die Arbeit der Parfumeure die entsprechende Wertschätzung erhalten. Das ist wie bei jeder anderen kreativen Arbeit, ob Literatur, Musik oder Malerei etc. - der Künstler muss sein Werk schützen dürfen. Anlehnung an bestehende Düfte und Inspiration durch diese ist immer erlaubt und wird es auch immer geben, aber 1:1 Kopien schaden dem Schaffen echter Künstler und sind ein Hindernis und Rückschritt für die Branche.
ExUserExUser vor 3 Jahren
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Spannender Artikel. Ob Cryptosym tatsächlich einen Impact auf die Branche haben wird, wird sich zeigen. Ich bin skeptisch …
GschpusiGschpusi vor 3 Jahren
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Sehr interessant. Nach meiner Lehre habe ich bei Siemens in einer Abteilung gearbeitet, die Gaschromatographen herstellte.

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