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Torfdoen

Torfdoen

Rezensionen
1 - 5 von 41
Wiedersehen mit neuen Bekannten
Ich sitze in einem Café in Rom und bestelle die Nummer Sechzehn, weil sehr teuer und ich mich erinnere, so etwas Ähnliches schon mal bestellt und gemocht zu haben. Der Kellner bringt eine orangene Flüssigkeit, stellt sie auf den Tisch und geht in Lauerstellung, wippt auf und ab in den Knien. „Das ist mir scheißegal“, sage ich in meiner Vorstellung zu ihm und beuge mich über das zylindrische Plastikgefäß, übrigens nicht größer als ein Schmetterling und unglaublich schmal, zum Einsaugen der daraus aufsteigenden Aerosole. Zitrusfruchtig, sagt der Kellner, entreißt mir das lächerlich kleine Behältnis in einer vorhersehbar flinken Bewegung und hält mir einen Raumanzug entgegen. „Steigen Sie da hinein, dann geht’s weiter.“

Die Kulissen der belebten Piazza werden zur Seite geschoben und eine ausgedörrte Steppenlandschaft formiert sich. Die Sonne brennt, Zikaden zirpen. Ein leicht sprudeliger Sauerstoff, den ich von Sultan Vetiver und Grenadille d'Afrique kenne wird in meinen Helm gelassen, während ich über trockenes Gehölz torkele. In meinem Raumanzug ist es wunderbar kühl.

„Ist das Petitgrain?“, frage ich ohne Erwartung einer Antwort. „Hat so was Pelziges auf der Zunge.“

„Sie können die Umgebung durch den Filter in Ihrem Helm riechen“, tönt es über das Intercom.
Ich sehe mich um. Bäume, Sträucher, Wildblumen.

„Bewegen Sie sich mit der Nase darauf zu.“

Nicht weit von mir entfernt weist ein sich so schmal wie möglich machender Tannenbaum zum Himmel. Leicht ätherisch, zistrosenharzig, knorrigtrocken, denke ich, als ich die Nadeln mit den Handschuhen streife und erdigen Staub aufwirble. „Du hast Dir eine unwirtliche Gegend für Dein stolzes, sattes Grün ausgesucht.“

Nach einiger Zeit des Durchstreifens dieser rustikalen Landschaft, betrete ich einen kleinen Hain, in der Mitte ein großer Baum, der Kastanien trägt. Der Kellner vom Anfang kommt aus einem Gebüsch hervorgekrochen, öffnet eine am Boden liegende Frucht und zeigt mir die seltsam aussehende rotschwarze Nuss.

„Sie kennen Muskat von zuhause, aber Sie wissen nichts über die Pflanze, den Herstellungsprozeß des Gewürzes, die halluzinatorische Wirkung, gar nichts. Wahrscheinlich kaufen Sie immer diese abgepackten Beutel und streuen etwas davon in Ihren Kartoffelbrei. Wir haben eine Prise davon in die Flüssigkeit von vorhin gegeben, wirklich nur ein kleines Bißchen, wir wollten den Kontrast zum Öl, zum Harz, zur Spritzigkeit, es ist etwas zu viel, ich weiß, sehr trocken, staubig fast, ja, wir wollten es so. Es ist eine humorlose, rustikale Kreation. Die Landschaft, das Leben hier draußen, dolce vita ist es nicht, aber ruhig, keine Hektik, im Einklang mit der Natur, seit tausend Jahren. Hier wird es immer so sein. Es ist ein hartes, schönes Leben. Darauf haben wir Wert gelegt. Einfachheit, Zurückhaltung, verstehst Du?“ Dabei klopft er mir auf die Schulter und ein kümmelfrischherber Schweißtropfen kullert ihm über die Stirn von der Nase.

„Ich verstehe, ja. Das habt ihr gut hingekriegt. Ich mag das auch. Bin kein Snob, bin total für Natur und so. Parfum d'Empire macht das auch so mit ihrem Orangenkracher, viel seifiger halt, vielleicht auch nicht so klar strukturiert wie ihr. Kennst Du den?“

Mit dem schelmischen Blick aufgesetzt wirkender Empörung schwingt der Kellner um hundertachtzig Grad herum und schlendert wortlos von dannen.

Ganz überwältigt von seiner kleinen Ansprache schaue ich ihm noch eine Weile hinterher.

„Wie heißt Du eigentlich?“, rufe ich eilig.

„A-ZZA-RRROOOOO!“, meldet er sich in heiterem Singsang zurück.
Azzaro pour Homme Eau de Toilette , denke ich. Der alte Würzwürfel. Wußte ich’s doch, dass da Tradition mitschwingt.

Staksend folge ich der flirrenden Sillhouette Azzaros, der Sauerstoff kühlt angenehm eukalyptisch runter, kriegt eine guerlaineske Anmutung. Ich reibe hier und da über Gehölz und Sträucher, während ich mir mutig ein Leben in dieser fein gemachten, etwas ernsten Duftgegend ausmale.

„Ich will nicht unhöflich sein, aber gibt es noch etwas zu sehen oder zu riechen hier? Azzaro?“

Über das Intercom meldet sich eine Stimme: „Sie können so lange hier verweilen, wie Sie möchten, der Sauerstoff reicht für einige Stunden. Sie werden auch merken, dass sich die bisher erlangten Eindrücke zu einer samtenen Einheit zusammenfügen und an Eleganz gewinnen. In Ihrer Sucht nach Vergleichen, wird Ihnen die seidige Nadeligkeit eines Krizia Uomo Eau de Toilette in den Sinn kommen. Ich rate Ihnen, auszuharren. Bitte bringen Sie den Raumanzug beim Verlassen der Steppe zum Checkout, Sie erhalten dort eine kleine Phiole als Gastgeschenk und Ihre Rechnung. Arrivederci.“
10 Antworten
„...in die Nase gelassen, stärken sie das Gehirn,…“ Teil 2 – Neue Windungen
Sekret sickerte durch kleine Öffnungen. Es lief an den Wänden hinunter und diffundierte als feiner Dunst, ölte den Raum und mich ein. Naturkosmetik. Mal wieder kein Disneyland. Der liebe Gentilhomme hatte mir diese Reise ermöglicht (besten Dank!).

Ich befand mich in einer Art Grotte oder Hohlraum. Die Klimaanlage war auf Saunastufe eingestellt. Karg war es und doch beseelte mich dieser Ort. Ein bißchen Moos und ein paar Farne kräuselten sich über dem lehmigen Boden. Ich entledigte mich meiner Kleidung.

Als ich mich an den schleimigen Wänden entlangschob, den Liebestau einsog, reizte ein scharfer, ätherischer Geruch, vielleicht Rosmarin oder Salbei, meine harmoniebedürftigen Sinne. Etwas Säuerliches – eine Ahnung von Zitronenreiniger (die Guten, aus den 70ern) – mischte sich dazu. Jemand hatte als Warnung oder Willkommensgruß ein Surfboard an einen Eingang gestellt. Die krautigen Gerüche schienen von dort zu kommen.

Kleine Fackeln waren zur besseren Orientierung aufgehängt. Alle paar Meter fand ich ein Spinatblatt. Es schmeckte erdig, leicht bitter. Ein seltsames Poltern und eine Tür öffnete sich. Ein bärtiger, nackter Mann mit Zeitung in der Hand trat aus einem Verschlag. Sein Gesicht erhellte sich, als er mich sah. Er warf die Zeitung weg.

„Aber, aber, mein junger Freund. Wir essen unseren Spinat nicht.“

Er nahm ein Blatt und hielt es vor mein Gesicht.

„Wir rauchen ihn.“

Er griff in einen Beutel, verteilte auf dem Blatt etwas, das aussah wie getrocknete Kräuter, rollte es ein und verschloß es mit dem Sekret, das er in einem Einmachglas aufbewahrte.

„Gehört Dir das Surfbrett da hinten?“, fragte ich leicht benommen.

„Ja und nein. Hier, nimm' einen Zug. Es macht Dich stark und beschützt Dich vor den Atlanten.“

„Atlanten, wer ist das?“

„Du wirst sie sehen. Sie sind Götter, die von uns Opfer fordern. Wer schwach ist, den holen sie in ihr Reich.“

„Du hast ziemlich einen an der Knospe.“

„Das stimmt. Willst Du Dich ausruhen? Die Lebensbedingungen sind – sagen wir – etwas gewöhnungsbedürftig hier.“

„Man kann kaum atmen.“

„Ist es nicht herrlich! Kurz vor dem Erstickungstod beglückt uns der Körper mit der höchstmöglichen Menge an Endorphinen, Botenstoffen und natürlichen Scharfmachern. Wir leben im Paradies, mein, junger, hübscher Freund. Komm, folge mir. Und nimm noch einen Zug.“

Ich stolperte dem Greis hinterher, der mich durch ein silbergraues Kleid aus Spinatrauchwölkchen dirigierte.

Wir kamen in eine große Nebenhöhle, genauso karg bewachsen, wie die andere, nur das hier in der Mitte ein großes Bett aus Pflanzenteilen und Grünzeug errichtet worden war – die Quelle der starken, ätherischen Olfaktur.

„Das Liebesnest!“, rief der Alte theatralisch.

„Wo sind die Anderen?“

„Sie schlafen. Ruh‘ Dich aus. Das Bett ist sehr bequem. Und der Duft: Klee und Tabak und Walnussessenzen. Sehr angenehm.“

Ich krabbelte in das Räuchernest, rückte mir die Blätter zurecht und seufzte.

„Walnuss rieche ich kei… .“

Dem schweren Druck der Lider nachgebend, konnte ich nur noch sehen, wie der Alte sich kerzensteif in eine der Wandöffnungen drückte.

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Ich erwachte. Es war still. Die Luft stark saunamäßig. Schmierfilm auf der Haut. Alles beim Alten. Die Unterlage mit dem Grünzeug war verschwunden. War ich wieder in der Grotte vom Anfang?
So langsam hatte ich die Schnauze voll. Lass mal abhauen, dachte ich. Gleißend helles Licht. Ein ungeheurer Sog entstand. Ich rutschte. Ein riesiger sich drehender Pelzball bewegte sich auf mich zu. Es dröhnte: GIB IHM NOCH MEHR BASILIKUM!

Ich sah das Surfboard, ergriff geistesgegenwärtig seine Flanken und, obwohl ich noch nie auf einem Board gestanden hatte, schaffte ich es, mich an einen Seitengang zu manövrieren.
„Komm zu uns herein, hier bist Du sicher.“, hörte ich eine Stimme rufen. Eine Hand streckte sich mir aus einer der Öffnungen entgegen. Das Pelzmonster kam immer näher. Ich ergriff die Hand und flutschte durch das schmale Loch.

Nach dieser ungewohnt actionlastigen Sequenz, die, wie ich nach mehrmaliger Durchsicht der Erzählung zugeben muss, keinerlei Sinn ergibt, wurde es etwas weird.

Grünschimmernde Dunkelheit. Kontraktionen. Hyperraum und transdimensionale Kanäle. Nagetiere in Anzügen. Auf Schnellbooten. „Möchtest Du ein Eis?“, fragt der bärtige Greis. Er fragt es immer wieder. Dabei leckt er am Pelzmonster. Umgedrehte Surfbrettpyramidenhochhäuser. Sanft schimmernde Opaleszenz. Gleiten über Flamingos. Schizophrene Nagetiere in Weißkitteln mit Schnellfeuerwaffen zerballern die Szenerie. Ich stürze. Hände betatschen mich. Ziehen mich in Öffnungen oder Sternentore. Füße treten mich. Wollen verschlungen werden. Bin selbst Hände und Füße, zerziehe mich, werde zerzogen, bin Hand gleich Fuß gleich Öffnung. Was ist mit den Drüsen? Instinktive Viskosität. Der Greis als Nagetier mit dem Kopf an der Stelle, wo sein Hinterteil ist, reinigt seinen Pelz. Gewaltige Fettwelten auf Eiswaffeln. Festhängen in unendlichen Weiten. Gefangen im Speiseeisbehälter. Zwei Kugeln Castoreum in der Spinatwaffel, bitte. Beende die Geschichte, Mann. Was ist mit den Drüsen?

Feuchtes Gemäuer. Treppe. Vorgärten. Zäune. Endlich Waldrand. Ich hatte auch schon Witterung aufgenommen. Ich sprinte so schnell ich kann nach einem unbestimmten Zuhause. Ich fühle mich… nicht ganz geil. Ungewöhnlich, ja. Allein, es fehlt… Romantik. Beruhigt über diese Erkenntnis werde ich zu Lehm und neongrün schimmerndem Pflanzendünger…

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Ich schlug die Augen auf. Immer noch Höhle. Der Bärtige rieb sich an mir.

„Was zur Hölle?“

„Du hast gezittert, ich will Dich warm halten“, entgegnete er pikiert.

„Jetzt reicht‘s mir.“ Ich warf den Alten runter, stand auf und suchte meine Sachen.

„Wo sind meine Klamotten?“, herrschte ich ihn an.

„Meinst Du die Fackeln brennen von alleine“, erwiderte er unbeeindruckt. „Alle Vorzüge genießen, aber keinen Beitrag leisten, so haben wir das gerne.“

„Wie komme ich hier raus?“

„Das ist eine gute Frage. Du solltest etwas mehr Spinat rauchen, vielleicht erhältst Du dann eine Antwort.“

Ich lief den Gang hinunter, der Alte hinter mir hinterher. Ich beschleunigte meine Schritte.

„Du kommst nicht von hier weg. Wieso genießt Du nicht einfach diesen Ort? Es ist doch wunderschön hier… Metaphysische Erektion… blablabla…“

Ein Dröhnen. ICH NEHME JETZT DIE PROBE. Die Atlanten!, dachte ich. Meine Rettung.

Die Fibrillen des Pelzballs nahmen Schleim und Menschenreste dankbar auf. Ein Sprung und es ging nach draußen. Die starke Beschleunigung ließ mich das Bewußtsein verlieren…

Aus ganz weiter Ferne. SCHAU MAL, DA HÄNGT WAS… IST DAS EIN… NACKTER MANN? HEY, SIE DA! KÖNNEN SIE MICH HÖREN? HALLO!

Die Weißkittel wußten nicht, dass ich bei veränderten Umgebungsbedingungen in kürzester Zeit meine ursprüngliche Größe wiedererlangen würde. Sie wußten auch nicht, dass der Eine mit dem Wattestäbchen unter der Last meines schnell zunehmenden Gewichts zusammenbrechen und der andere durch ein paar Hiebe mit der Kelle des zufällig parat liegenden Nagetiers zu Boden gehen würde. Den netten Nager nahm ich mit. Wir hauten ab aus diesem Folterkeller. Wir konnten uns gleich gut riechen. Vom bärtigen Greis erzählte ich nichts.

Die ganzen verrückten Typen ließen wir hinter uns.
18 Antworten
Wohlfühlmoderne
Mehr Frucht als Säure. Die von der lieblichen Sorte: Erdbeeren, Mango, Kumquat und so. Zitrusfrüchte hat man kampfunfähig gemacht und in Tonkalebkuchentoffee eingedickt. Das hilft beiden Seiten. Grapefruit, Bergamotte und Zitrone wird der saure Zahn gezogen, das Kaubonbonhafte vor Lächerlichkeit bewahrt. Zarter Vetiverrauch ist der Schiedsrichter, der nur ein harmonisches Unentschieden zulässt. Auf der Tribüne, gut gekleidet, ein paar Klassiker: die etwas angestrengt dreinblickende Jasmin, der coole Lavendel. Rose ist zuhause geblieben, muss noch einen Aufsatz für die Schule fertig schreiben. Nichts Schweres. Eher von der Sorte: Was war der schönste Moment in meinem Leben. Trotzdem will es nicht gelingen. Sie bringt nichts zu Papier, der Stift ruht in ihrer Hand, die leere Seite mahnt. Sie schaut aus dem Fenster. Immer ist es Frühling. Die Leute gehen händchenhaltend am Gartenzaun vorbei. Vögel bauen lachend ihre Nester. In der Luft liegt die heitere Melodie, die sie schon aus ihrer Kindheit kennt. Sie denkt, so ist es doch eigentlich schön, oder? Warum kann ich es nicht zu Papier bringen? Ganz weit hinten am Horizont fällt ihr ein Flackern auf. Sie legt den Stift beiseite und geht nach draußen.
28 Antworten
Aus anderer Zeit
Im Wasser spiegelt sich der blassrote Abendhimmel. Die Sonne hängt wie ein weißer Glutball über den schwarzen, konturlosen Bergen. Kein unbekümmertes Rosa, kein jugendliches Blau an ihren Rändern. Alles mischt sich. Orange, Grün, Violett. Das Wasser.

In Gewissheit nahender Dunkelheit, lasse ich mich fallen.

Erinnerungen werden. Saftige Wogen trügerischer Zitrusfrüchte verschütten gekonnt eine tiefreife Lebendigkeit. Krautiggrünes 1978, aber heute. Moos und Schlingpflanzen, so wunderbar retro und sperrig, wie schon lange nicht mehr. Die honiggelben Strahlen verfangen sich zunehmend im prädementen Zustand des Abendglimmens.

Moosfarne wärmen mich. Nichts drängt zurück in die Dunkelheit. Ich erinnere mich an etwas. Atmen. Die grünen Fühler der Pflanzen strecken sich in meinen Organismus. Ich grabe im Harz und lege mich neben die Blümchen.

Kraftvolles Rosa. Erdfarben. Die Füße zu einem Schweif gebunden. Ich gleite wie im Rausch durch diese komplexe Melange männlicher und weiblicher Kernigkeit. Unklar bleibt, ob die betörende, glühende Kraft überhaupt einem anderen Geschlecht als Natur zugesprochen werden kann.

Die prachtvolle Dualität zerfließt in unbekümmertes, ledernes Kaugummipuder, eine imposante, aber elegante Jasminstrenge, orangegesprenkelten Zitrussand und große, schwere Kleckse grünharzigen, dunklen Honigs.

Ein üppiges, antikes Blütenmeer, schillernd und tief. Der erdigzerklüftete Grund, der es hält, liegt in geheimnisvoll süßem Dampf auf meiner rostigen Haut.
36 Antworten
Kontaktlinsen des Tigers
Mit dem Gesicht im Moos aufgeschlagen. Gott sei dank, die Sektflöte noch ganz. Ich grabe wie wild im torfigen Erdreich, klaube meine Zitronen zusammen. Viele sind es nicht. Ich starre auf meinen Handrücken. Dieses Mistvieh hat sein Revier markiert. Muss weiter. Spüre seinen fahlen Paprikaatem.

Eine kleine Pfütze Schaumwein auf grünüberwuchertem Untergrund. Ich schlürfe gierig den Tau, der seiner säuerlichen Note nach nur ein alter, edler Tropfen sein kann. Irgendwie abgelaufen, aber gewollt. Wie heute ein Norne, aber anstatt des Süß-Ätherischen, vergoren-holzig, wie in der Natur nichts Bekanntes. Echtes Eichenmoos eben. Ich denke an Success, Paco Rabanne, Lauder for Men. Wo Grasnarbe anfängt und Sexparty aufhört, ist da schwer auszumachen.

Ich stolpere durch eine dicht bewucherte, exotische Pflanzenwelt, die mich aber weiter nicht interessiert, zu beschäftigt bin ich, in die Flöte zu gucken, die Zitronen zu balancieren und mir verbliebene Erdreste aus den Zähnen zu pulen.

Dann halte ich inne. Es hat alles seine Richtigkeit. Ein Chypredschungel aus den 80ern, in den ich hineingeraten bin. Super dicht, mit vielen Schattierungen. Discolichter, Frotteebezüge und hygienisch Ausschweifendes in eine komplexe Naturwüchsigkeit hineingearbeitet. Wenig glattgebügelt, ohne den Drang alles in seine sterilen Einzelteile zu zerlegen. Und von latenter pflanzlich-schwüler Krautigkeit. Funkelnde Tigeraugen. Survivor.

Kurz bevor ich einen sehr erwachsenen, doch irgendwie zeitlosen Galbanumcocktail samt erdigem Zitrusfruchtmysterium in meinen Händen zu halten wähne, reißt es mich zu Boden.

Zwei dicke Zitronen hält sie mir vors Gesicht. Der Tiger schleicht elegant um die Farne und Lianen. Er tritt aus seinem Versteck heraus und würdigt mich keines Blickes.

„Aus reiner Freundschaft hat er dich nicht umgebracht. Er mag dich.“

Er pieselt in die Sektflöte.

Ich richte mich auf und streife den Schmutz von der Hose.

„Das ist nett von ihm. Ich mag ihn auch. Vor allem, weil er mich nicht angefallen hat. Als ob er eine Order dazu hatte. Es scheint hier überhaupt ein etwas rauerer Umgangston zu herrschen.“

Sie nähert sich mir und entfernt den Pfeil aus meinem Kopf.

„Rede keinen Unsinn. Er mag es, mit dir zu spielen. Und er ist nichts gegen die Kraft des alten Waldes.“

Aus einer samtenen Sitznische hält mir jemand eine volle Sektflöte entgegen. Ich nehme das Glas und trinke es. Weit entferntes Funkeln und Dröhnen.

Das einzig Vernünftige scheint mir, die Herrin des Waldes zu einem Dance-Off herauszufordern, 8 Minuten Boogie Wonderland.

Gute Idee, denke ich noch, eins werdend mit den Bewegungen, in grüner Säuerlichkeit überwuchernd.

(Danke, liebe Tabla, für die Probe.)
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