Im Dschungel mit Yatagan

Yatagan
Yatagan
vor 6 Monaten - 30.11.2021
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English Scents revisited

Wer wie ich eine große Vorliebe für englische Düfte hat (D.R. Harris, Geo F. Trumper, die alten Floris, die alten Penhaligon's, die nicht mehr erhältlichen Crown, Anglia, über andere englische Mark decken wir den Mantel des Schweigens), der kann Lust und Frust gleichermaßen erleben. Freude bereitet die Traditionspflege einiger alter Marken (Harris, Trumper), deren Colognes oft noch in alter Machart erhältlich sind, Leid dagegen verursacht die inflationäre Veröffentlichungspolitik einiger bekannterer Firmen, die nichts mehr mit der Tradition der English (oder British) Scents zu tun hat. Dazu gehören die meisten Neuveröffentlichungen der letzten zehn Jahre. Punkt.

Ab und an kriecht dann mal wieder eine neue Marke aus einer Nische, die ihre Sache gar nicht so schlecht macht. Jüngst aufgefallen ist mir da Captain Fawcett, die mit einer lustigen, vermutlich komplett frei erfundenen Hintergrundstory aufwarten, die allerdings ein wenig an den historischen Entdecker Percy Fawcett, verschollen 1925 am Oberlauf des Rio Xingu, angelehnt ist. Hier wird der Mann Captain Peabody Fawcett genannt, angeblich 1905 am Oberlauf des Ubangi (Nebenfluss des Kongo) verschwunden. 1997 habe man seinen ramponierten Koffer gefunden, in dem allerlei Salben und Rezepte enthalten gewesen seien. Man darf vermuten, dass sie als Vorlage für die Pomaden und Duftwässerchen der Marke Captain Fawcett gedient haben. Wer's glaubt..., aber lustig ist es. Außerdem mag ich derartige Storys.

Captain Fawcett's Eau de ParfumCaptain Fawcett's Eau de Parfum ist ein hier leider unterschätzter Klassiker im Stil eines dunkelsüßen Aromatic-Fougères, das zugegebenermaßen eine Weile auf der Haut vor sich hinmüffelt, bevor es sich wie Aschenputtel aus mausgrauem Schüchternheit erhebt. Ein wenig zu süß würzig geraten vielleicht. Ich mag ja Kardamom-Vanille-Mischungen sowieso nicht so. Überzeugend ist hier aber das Gerüst und das geht gut als moderner Fougère durch. Beachtet auch den Kommentar des von mir überaus geschätzten Zionist, der hier allerdings ausnahmsweise restlos von meiner Bewertung abweicht. Geschmack halt!

MaharajahMaharajah ist dagegen aus meiner Sicht kein so gelungener Knüller, weil hier (wieder mal) die gerne verwendete synthetische Ledernote, die uns nun bereits seit annähernd zehn Jahren verfolgt, verbastelt wurde. Dennoch recht charmant, denn Rose und Zeder reißen was raus.

Alessandro ManfrediniAlessandro Manfredini ist ein als Immergeher für Männlein und Weiblein konstruierter Duft, der das von mir geliebt Veilchen (Alpenveilchen) enthält, und noch grün würzige, aber auch ätherisch helle Töne addiert.

Richtig mutig wird es dann bei Ricki Hall - Booze & BaccyRicki Hall - Booze & Baccy , weil da das in uralten, etwas ranzigen englischen Düften manchmal pur verwendete Bay-Rum enthalten ist, das aus dem Lorbeerbaum gewonnen wird, früher als Haarwasser verarbeitet wurde und so richtig hart männlich riecht. Könnt ihr euch nicht vorstellen, wenn ihr das noch nicht gerochen habt. Aber so alt seid ihr halt nicht. Dazu kommen aber Gewürze, Harz und Rauch und dann wird es doch rund, wenn auch sehr herb.

Für Motoradfreund*innen, - um das hier mal komplett korrekt zu formulieren (Triumph-Maschinen), auch wenn der Duft sich an Männer richtet -, wäre dann Rufus Hound's TriumphantRufus Hound's Triumphant gedacht. Auch wieder sehr traditionell, weil Galbanum enthalten ist und das riecht grün bitter und war früher öfters drin in urbritischen Düften. Heute wird es eher selten verarbeitet. Hier noch mit säuerlichen Akzenten kombiniert. Muss man heute Mut haben - oder fest an einen traditionellen Kundenkreis glauben.

Zuletzt dann noch mein liebster aus der Reihe: Sid Sottung Academy - BarberismSid Sottung Academy - Barberism . Der wunderbare, fast schon trashige Flakon erinnert an die Siebziger, der Duft auch. Hier ist nämlich alles drin, was man früher in sogenannten aromatischen Herrendüfen verarbeitete: Bergamotte (klar), Rose (ja, schon, öfters), Galbanum (musste), Zeder (männlich), Patch (düster), Moschus (mögen Frauen). Klappt zusammen vorzüglich.

Ich empfehle daher einen unvoreingenommenen Test der Reihe. Nicht alle überzeugen so richtig, aber sie haben Potential.

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