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#104 Greenbriar 1968 von CB I Hate Perfume

#104 Greenbriar 1968 2007

Yatagan
01.02.2014 - 14:15 Uhr
28
Top Rezension
7.5Duft 5Haltbarkeit 5Sillage 10Flakon

Komm her, meine Junge, ich schnitz dir ein Spielzeug!

Unkommentierte Düfte No. 22

Greenbriar 1968 nimmt unter den außergewöhnlichen und experimentellen Düften von Christopher Brosius‘ Marke CB I hate perfume noch einmal eine Sonderstellung ein. Der Duft ist eine olfaktorische Assoziation, für die der Parfumeur allerlei Duftkomponenten zusammentrug, die ihn an seinen Großvater erinnerten.

Vielleicht sollte vor einer Besprechung des Duftes aber noch ein Wort zum Konzept dieser Marke stehen: CB (die Initialen von Christopher Brosius) und die appellative Formulierung „I hate perfume“ stehen für eine Idee von Düften für Menschen, die vom üblichen harmonischen Wohlgeruch der Duftindustrie übersättigst sind - oder wie Christopher Brosius es auf seiner Homepage selbst ausdrückt: Dies sei „the place to explore „perfume“ from an entirely different and uniqe point of view.“ Auf den Standpunkt, die Perspektive also kommt es an, ob ich etwas als Duft, als „Parfum“ (hier in Anführungsstrichen geschrieben wie auf der Homepage) wahrnehme oder nur als Geruch im neutralen Sinne des Wortes, als Zumutung, als Naturgeruch (Erde, Heu, Gras, einzelne Pflanzen, Blumen, Muscheln, Sand, Holz etc.). Entsprechend stark polarisieren die Düfte. Für einige sind sie Unsinn, Scharlatanerie, die o.g. Zumutung. Für andere, zu denen ich mich auch zähle, sind sie Experiment, spannende, neu erschlossene Felder, Tor zu neuen Räumen von Parfum. Ich gebe zu, dass nicht alle Düfte gleich gut gelungen sind, nicht einmal die meisten ein wirklich nachhaltiges Interesse bei mir auslösen, etwa das Interesse sie zu kaufen oder zu tragen. Aber in vielen Fällen möchte ich einen Duft auch einmal für mich selbst erkunden, Düfte vergleichen, erschließen. Und dafür sind sie wertvoll.

Einige CB's wurden hier bereits besprochen. Ein zentrales Thema etlicher Düfte kreist um die Komponenten Erde, Holz, Wald, Baum, Gras: so z.B. die CB-Düfte Under The Arbor, Wild Hunt, Black March. Allesamt halte ich für spannend, in gewisser Weise auch für gelungen; alle aber auch auf den ersten Blick nur für den Träger selbst bestimmt, scheinbar fast untragbar in der Öffentlichkeit, - jedoch nach kurzer Entwicklungszeit (15 bis max. 30 Minuten) eine innere Schönheit entfaltend, die sie sogar für Büro und Alltag geeignet erscheinen lassen. Darüber kann man sicherlich trefflich streiten.

Ohnedies gibt es einige CB-Düfte, die schon fast konventionell daher kommen, so z.B. 2nd Cummung (für Herren, was sonst), November, Just Breath, At The Beach 1966, 7 Billion Hearts oder Mr. Hulot‘s Holiday (nach dem berühmten, klassischen französischen Film). Zu einigen werden Besprechungen folgen.

Greenbriar gehört wohl eher zur ersten Gruppe der experimentelleren Düfte. Das aber mag auf den ersten Blick erstaunen. Betrachtet man Konzept (Erinnerungen an einen Großvater) und Duftnoten (u.a. Heu, Leder / -Handschuhe, Pfeifentabak...), dann könnte man eher einen leicht tragbaren, alltagstauglichen CB-Duft der zweitgenannten Kategorie vermuten. Zum Glück, so meine ich, ist dies aber gerade nicht der Fall. Denn neben den oben erwähnten Tönen finden sich auch noch die Komponenten Erde (deutlich im Vordergrund), Baumwollpullover (!) und Sägemehl (leicht erkennbar).

Zunächst einmal musste ich kurz nach dem Auftragen an den Geruch denken, der einem entgegenschlägt, wenn man eine Pflanze umtopft oder aus frischer, aber sehr feuchter Erde zieht. Da mischt sich der Geruch von Erde mit einem gewissen Moder, verursacht durch länger andauernde Feuchtigkeit, und dieser charakteristische Geruch ist es, der hier quasi im Sinne einer Kopfnote das Dufterlebnis (denn nichts weniger ist es) eröffnet. Nach kurzer Zeit (einige Minuten) schließt sich der Geruch von frischem Heu an. Wer das als Stadtkind schon lange nicht mehr in der Nase hatte: Jede Zoohandlung bietet getrocknetes Heu in abgepackter Form. Wer da einen tiefen Zug nimmt, der weiß, was ich meine. Die Note bleibt aber durchaus dezent, anfangs noch stark von der Erde verdeckt.

Erst nach einer Weile mischen sich süßlichere, auch herbe Töne darunter, die vom Pfeifentabak stammen könnten. Schwer auszumachen dagegen scheint mir die Ledernote (hier als Lederhandschuh-Note bezeichnet), die sich doch sonst so gerne, spätestens mit der Herznote, in den Vordergrund drängt, hier aber offenbar nur für die Grundierung sorgt.

In der Basisnote dagegen erscheint dann auch noch der Holzgeruch von frisch geschnittenem Holz, und wer eine sehr starke Phantasie hat, der kann vielleicht auch den Geruch eines Pullovers wahrnehmen (ich habe gerade noch einmal an einem gerochen; denkt man sich den Waschmittelgeruch weg, dann könnte da etwas übrig bleiben, was hier gemeint ist; sicher bin ich mir aber nicht, denn da ist vielleicht der Groß-Vater Wunsch des Gedankens).

Und da haben wir es komplett: Das Bild des Großvaters, der in seiner Werkstatt sitzt, den geliebten Pullover trägt, zwischen Holzstücken, Sägespänen, überwinternden Pflanzen, Heuvorräten für Wasweißich, seine Lederhandschuhe zum Schutz bei der Arbeit trägt, eine Pfeife im Mundwinkel, wie er dem Enkel im Jahre 1968 ein Holzspielzeug herstellt: Komm her, meine Junge, ich schnitz dir ein Spielzeug!

Braucht man dieses vergilbte Erinnerungsfoto, um den Duft schätzen zu können? Ja und Nein: spannend ist es schon, wenn man mit Christopher Brosius in die Vergangenheit des Jahres 1968 reist, nötig ist es aber nicht. Der Duft, der in den ersten drei Minuten so abweisend mit seinem Träger, seiner Trägerin umging, scheinbar nur nach Moder und Erde roch, wird alsbald zu einem charmanten Begleiter. Trägt man ihn dezent auf, dürfte er von der Umgebung als angenehm wahrgenommen werden (denn die Einzelkomponenten riechen die meisten Menschen gern, selbst frische Erde, Holz und Heu), für den Träger selbst aber wird er immer wieder Grund genug sein, ihn intensiver riechen zu wollen und die Hand zur Nase zu führen.

Nachtrag: Nach längerer Zeit des Tragens (> 60 Minuten) wird der Duft dann noch ein wenig süßer, fast wie würziges Heu oder ein bestimmter Pfeifentabak.

P.S.: Leider steht mir von der winzigen Probe kein Rest zum Teilen zur Verfügung.
19 Antworten
DuftJunkieDuftJunkie vor 11 Jahren
OK, der kommt auf die "Merkliste" :-). Danke.
FittleworthFittleworth vor 12 Jahren
Klingt sehr interessant! Danke! Pokal, was sonst!
KaschimaKaschima vor 12 Jahren
Assoziationsanstoßender Kommentar! Ich kann mir gut vorstellen, dass hier ein Stück Zukunft für die Parfumwelt drin steckt... Biobaumwollpokal!
0815abc0815abc vor 12 Jahren
Was Du alles auf dich nimmst!Somöchtichnichtriechenpokal abstell.
Mustang69Mustang69 vor 12 Jahren
Informativ und hervorragend aufbereitet, ein durchweg toller Kommentar. Persönlich frage ich mich immer, wie es den Parfümeuren wohl gelingen mag, Duftnoten wie "Baumwollpullover" zu extrahieren.
PaloneraPalonera vor 12 Jahren
Allein schon der Nennung meines Geburtsjahrs wegen ist das Kennenlernen dieses Duftes ein Muß - das mir freilich nicht schwer fällt, hege ich doch für bisher alle mir untergekommenen Düfte von CB eine starke Sympathie. Und für Großväter auch, ;-).
DobbsDobbs vor 12 Jahren
Zum Testen finde ich das Duftkonzept sehr interessant und spannend, aber da würden mir wohl 5 ml Fläschchen zum immer-mal-wieder-schnüffeln durchaus reichen.
MarronMarron vor 12 Jahren
Spannendes Konzept, was CB da anbietet... Von Dir wie gewohnt äußerst interessant umgesetzt!
ZoraZora vor 12 Jahren
Interessanter und lehrreicher Kommi. Würde ihn testen aus Neugier aber kaufen wohl eher nicht.
PlutoPluto vor 12 Jahren
Der kommf auf die Merkliste, ich mag so einen leichten Erd-/Modergeruch.
AuraAura vor 12 Jahren
Wieder einmal lehrreich und unterhaltsam geschrieben, absolut perfekt! Werde die CB- I hate perfumes im Hinterkopf behalten.
KleineHexeKleineHexe vor 12 Jahren
Also wenn ich mal so von meinen Erfahrungen in den öffentlichen Verkehrsmitteln ausgehe, dann gibt es keine untragbaren Parfüms. Nur welche, die ich nie tragen würde. ;-)
IngerInger vor 12 Jahren
Wunderschön- ich könnte mir vorstellen, so zu duften; nicht täglich, aber hin und wieder. Superschöner Kommentar - danke!!!
MandelmausMandelmaus vor 12 Jahren
Ausgefallene Incis, interessanter Markenname und du hast ihn wirklich sehr gut beschrieben. Freue mich auf weitere Kommentare. Was da wohl noch kommen mag? :D
GaukeleyaGaukeleya vor 12 Jahren
Ich kann ihn förmlich durch den Rechner riechen :-D. Ob ich selbst so duften möchte, weiss ich freilich nicht sicher, aber der rein olfaktorischen Erfahrung sollte sich kein leidenschaftlicher Parfumo verschliessen ;-)
ErgoproxyErgoproxy vor 12 Jahren
Nun, die wenigen Gerüche welche ich bisher testen konnte, waren schon interessant, aber bis auf einen eher untragbar.
HerrNilsonHerrNilson vor 12 Jahren
Danke für Deinen differenzierten Kommentar. Ich stricke Dir grade einen Pokal aus Baumwolle - dauert aber etwas, weil ich Lederhandschuhe anhabe und mir der Pfeifentabak in den Augen brennt wie verbrannte Sägespäne.
ShamisShamis vor 12 Jahren
Das klingt ja unheimlich interessant. Danke, auch für die klasse Hintergrundinformationen.
TaurusTaurus vor 12 Jahren
Klingt nach einem Duft für pfeiferauchende Naturburschen ;-)