Top Rezension
Eine nüchterne Liebeserklärung, oder: Ist er zu stark, bist du zu schwach …
Aromatics Elixir ist 1971 erschienen; damals war Richard Nixon US-Präsident, Willy Brandt war Bundeskanzler, Walter Ulbricht trat zurück, und „aufmüpfig“ war in der BRD das Wort des Jahres. Ich hatte mit Düften noch nichts am Hut, sondern ging gerade in die zweite Klasse und spielte mit Freundinnen Gummitwist oder Barbie.
Trotzdem wage ich die Behauptung, dass Aromatics Elixir nach seinem Erscheinen und bis weit in die 80er Jahre nicht wie heute ein polarisierendes Unikum war, sondern ein Duft, der sich bei aller Unverwechselbarkeit in die damalige Duftlandschaft einfügte, ohne allzu sehr herauszustechen. Denn die Duftlandschaft von 1971 war eine ganz andere als heute. Die Duftrichtung „Blumig-Fruchtig-Süß“, wie wir sie heute im Mainstream als vorherrschende Standard-Duftrichtung mit gefälligem Verlauf („lecker“) und sirupartig süßer Basis kennen, gab es so noch nicht. Auch Gourmand-Düfte gab es noch keine, es war die Zeit 20 Jahre vor Angel. Vieles, was in den 70er Jahren als Damenduft verkauft wurde, könnte heute ohne weiteres als Unisex oder gar als Herrenduft durchgehen, etwa Saint Laurents „Y“, Diors „Diorella“, Scherrers „Jean-Louis Scherrer“, Lauders „Alliage“ und noch viele andere. Die Einteilung in „Nische“ und „Mainstream“ war unbekannt; Düfte kaufte man je nach Geldbeutel und Verfügbarkeit in der Parfümerie, im Kaufhaus oder in der Drogerie. Das Sortiment war überschaubar, was nicht da war, gab es nicht, und wer auf dem Dorf wohnte oder mehr Auswahl wollte, musste sich in die nächste größere Stadt bemühen.
Dementsprechend war damals das Duftempfinden der Konsumenten – die ja nur das Spektrum des überschaubaren zeitgenössischen Marktes kannten – ein anderes: Aromatics Elixir mit seiner spannungsreichen Zusammenstellung aus Kräutern, Blumennoten, Moos und Patchouli bot sicher auch damals schon ein hohes Maß an Unverwechselbarkeit, aber die Grundaussage – moosig, krautig, herb und widerspenstig, dabei nur sehr verhalten süß – war nicht ungewöhnlich, Aromatics Elixier hatte sie mit vielen anderen damals gängigen „Damendüften“ gemeinsam.
Die Unverwechselbarkeit von Aromatics Elixir spielt sich für mein Empfinden auf einer anderen Ebene ab, nämlich in der spannungsreichen Kombination von krautigen Noten mit verhaltenen, gar nicht typisch blumigen Blütenaromen vor dem Hintergrund einer intensiven, harzigen Basis aus Moos, Ambra und Patchouli – all das bei fast völligem Verzicht auf Süße bei dennoch warmer Anmutung, höchster Intensität und rekordverdächtiger Haltbarkeit.
Schon die Kopfnote hat mit den sonst üblichen Kopfnoten (zumal im Mainstream) kaum Gemeinsamkeiten. Hier schmeichelt nichts und es gibt auch kein Feuerwerk flüchtig-anmutiger Anfütterungsnoten: die volle Wucht der geballten Krautigkeit, garniert mit Kamille, bahnt sich den kürzesten Weg ins Riechzentrum. Brutal? Ja.
Die überfallartig vorpreschenden Kräuter ziehen sich zur Herznote hin etwas zurück, aber hervor tritt nicht etwa ein gefälliges Blumenbouquet mit den üblichen Verdächtigen aus der Rose/Jasmin/Maiglöckchen-Combo, sondern es kommt zu einer Abfolge sanfterer, aber weiterhin eindeutig herber Kräuternoten. Nur ab und zu blitzt dazwischen ein etwas verschüchtert wirkendes Blümchen auf. So etwas kennt die geneigte (oder mittlerweile vielleicht auch nicht mehr geneigte) Parfümkonsumentin heute – wenn überhaupt – nur aus klassischen „alten“ Herrendüften. Wer ausschließlich Blumig-Fruchtig-Süß bevorzugt, denkt bei voreiligem Hauttest spätestens jetzt an Abwaschen (um festzustellen, dass Abwaschen nicht funktioniert; da muss schon ordentlich geschrubbt werden, um das Zeug wieder loszuwerden!).
Dennoch ist Aromatics Elixir bei genauerem Hinriechen ein auf spezielle Art femininer Duft, denn die Basis vermittelt trotz fehlender Süße eine intensive Ausstrahlung moosig-balsamischer Wärme, die ihresgleichen sucht. Und obwohl hier in der Pyramide nicht genannt, habe ich in der Basis von jeher auch eine Assoziation von feinem, knarzigem Leder.
Dass Aromatics Elixir insbesondere bei Jahrgängen ab ca. 1980 vermehrt unangenehme Assoziationen zu wecken scheint, ist mir angesichts des heutigen Duftumfelds durchaus nachvollziehbar (man könnte sich allerdings auch fragen, ob durch exzessiven Gebrauch von Fruity-Florals mittelfristig eine Degeneration der Riechzellen bewirkt wird, aber das ist natürlich Spekulation). Fakt dürfte hingegen sein, dass von Aromatics Elixir geweckte unangenehme Assoziationen („muffig“, „stechend“, „alt“ usw.) durch das in der Regel mittlerweile eindeutig omaeske Alter typischer Trägerinnen negativ verstärkt werden. Keine Frage; viele treue Aromatics Elixir -Trägerinnen haben sich diesen Duft in den 70er, 80er Jahren zugelegt und nähern sich, so ist der Gang der Welt, inzwischen dem Rentenalter, wenn sie es nicht schon erreicht haben. Und der Umstand, dass Aromatics Elixir nicht anschmiegsam, sondern eher widerspenstig und durchaus etwas zickig wirkt (und insoweit nicht selten gewisse Gemeinsamkeiten mit seinen Trägerinnen hat), tut sein Übriges.
Das alles schreckt mich aber nicht, ich liebe diesen Duft, hatte ihn im Alter zwischen 20 und 30 permanent in meinem Repertoire, und ich trage ihn auch heute wieder mit Freude und Hingabe, wenn mir danach ist. Was den Vorwurf des „Unzeitgemäßen“ betrifft, tröste ich mich mit dem Gedanken, dass spätestens in so 20, 25 Jahren der typische zeitgenössische Fruity-Floral bei dann 20-jährigen Duftkonsumentinnen ein Stirnrunzeln und den Kommentar „riecht irgendwie oll“ hervorrufen wird.
Im englischsprachigen Raum hat Clinique jahrelang mit dem Slogan geworben „Performs the role of a perfume, but goes far beyond.“ Das ist wie fast alle Werbesprüche überspitzt ausgedrückt, enthält aber einen wahren Kern. Aromatics Elixir hat seit über vierzig Jahren trotz aller Anwürfe alle Moden überdauert, steht noch immer bei Karstadt, Müller, Douglas und Co. wie der Fels in der Brandung neben typischen, ständig wechselnden Mainstreamdüften im Regal, ist nach wie vor unverwechselbar und einzigartig, und verkauft sich – obwohl Clinique kaum mehr Werbung dafür macht – offenbar unverändert gut. Und dass er polarisiert, schadet kein bisschen, ganz im Gegenteil. Die Duftwelt wäre ärmer ohne Aromatics Elixir. Ach ja, der geht locker auch für Männer!
Trotzdem wage ich die Behauptung, dass Aromatics Elixir nach seinem Erscheinen und bis weit in die 80er Jahre nicht wie heute ein polarisierendes Unikum war, sondern ein Duft, der sich bei aller Unverwechselbarkeit in die damalige Duftlandschaft einfügte, ohne allzu sehr herauszustechen. Denn die Duftlandschaft von 1971 war eine ganz andere als heute. Die Duftrichtung „Blumig-Fruchtig-Süß“, wie wir sie heute im Mainstream als vorherrschende Standard-Duftrichtung mit gefälligem Verlauf („lecker“) und sirupartig süßer Basis kennen, gab es so noch nicht. Auch Gourmand-Düfte gab es noch keine, es war die Zeit 20 Jahre vor Angel. Vieles, was in den 70er Jahren als Damenduft verkauft wurde, könnte heute ohne weiteres als Unisex oder gar als Herrenduft durchgehen, etwa Saint Laurents „Y“, Diors „Diorella“, Scherrers „Jean-Louis Scherrer“, Lauders „Alliage“ und noch viele andere. Die Einteilung in „Nische“ und „Mainstream“ war unbekannt; Düfte kaufte man je nach Geldbeutel und Verfügbarkeit in der Parfümerie, im Kaufhaus oder in der Drogerie. Das Sortiment war überschaubar, was nicht da war, gab es nicht, und wer auf dem Dorf wohnte oder mehr Auswahl wollte, musste sich in die nächste größere Stadt bemühen.
Dementsprechend war damals das Duftempfinden der Konsumenten – die ja nur das Spektrum des überschaubaren zeitgenössischen Marktes kannten – ein anderes: Aromatics Elixir mit seiner spannungsreichen Zusammenstellung aus Kräutern, Blumennoten, Moos und Patchouli bot sicher auch damals schon ein hohes Maß an Unverwechselbarkeit, aber die Grundaussage – moosig, krautig, herb und widerspenstig, dabei nur sehr verhalten süß – war nicht ungewöhnlich, Aromatics Elixier hatte sie mit vielen anderen damals gängigen „Damendüften“ gemeinsam.
Die Unverwechselbarkeit von Aromatics Elixir spielt sich für mein Empfinden auf einer anderen Ebene ab, nämlich in der spannungsreichen Kombination von krautigen Noten mit verhaltenen, gar nicht typisch blumigen Blütenaromen vor dem Hintergrund einer intensiven, harzigen Basis aus Moos, Ambra und Patchouli – all das bei fast völligem Verzicht auf Süße bei dennoch warmer Anmutung, höchster Intensität und rekordverdächtiger Haltbarkeit.
Schon die Kopfnote hat mit den sonst üblichen Kopfnoten (zumal im Mainstream) kaum Gemeinsamkeiten. Hier schmeichelt nichts und es gibt auch kein Feuerwerk flüchtig-anmutiger Anfütterungsnoten: die volle Wucht der geballten Krautigkeit, garniert mit Kamille, bahnt sich den kürzesten Weg ins Riechzentrum. Brutal? Ja.
Die überfallartig vorpreschenden Kräuter ziehen sich zur Herznote hin etwas zurück, aber hervor tritt nicht etwa ein gefälliges Blumenbouquet mit den üblichen Verdächtigen aus der Rose/Jasmin/Maiglöckchen-Combo, sondern es kommt zu einer Abfolge sanfterer, aber weiterhin eindeutig herber Kräuternoten. Nur ab und zu blitzt dazwischen ein etwas verschüchtert wirkendes Blümchen auf. So etwas kennt die geneigte (oder mittlerweile vielleicht auch nicht mehr geneigte) Parfümkonsumentin heute – wenn überhaupt – nur aus klassischen „alten“ Herrendüften. Wer ausschließlich Blumig-Fruchtig-Süß bevorzugt, denkt bei voreiligem Hauttest spätestens jetzt an Abwaschen (um festzustellen, dass Abwaschen nicht funktioniert; da muss schon ordentlich geschrubbt werden, um das Zeug wieder loszuwerden!).
Dennoch ist Aromatics Elixir bei genauerem Hinriechen ein auf spezielle Art femininer Duft, denn die Basis vermittelt trotz fehlender Süße eine intensive Ausstrahlung moosig-balsamischer Wärme, die ihresgleichen sucht. Und obwohl hier in der Pyramide nicht genannt, habe ich in der Basis von jeher auch eine Assoziation von feinem, knarzigem Leder.
Dass Aromatics Elixir insbesondere bei Jahrgängen ab ca. 1980 vermehrt unangenehme Assoziationen zu wecken scheint, ist mir angesichts des heutigen Duftumfelds durchaus nachvollziehbar (man könnte sich allerdings auch fragen, ob durch exzessiven Gebrauch von Fruity-Florals mittelfristig eine Degeneration der Riechzellen bewirkt wird, aber das ist natürlich Spekulation). Fakt dürfte hingegen sein, dass von Aromatics Elixir geweckte unangenehme Assoziationen („muffig“, „stechend“, „alt“ usw.) durch das in der Regel mittlerweile eindeutig omaeske Alter typischer Trägerinnen negativ verstärkt werden. Keine Frage; viele treue Aromatics Elixir -Trägerinnen haben sich diesen Duft in den 70er, 80er Jahren zugelegt und nähern sich, so ist der Gang der Welt, inzwischen dem Rentenalter, wenn sie es nicht schon erreicht haben. Und der Umstand, dass Aromatics Elixir nicht anschmiegsam, sondern eher widerspenstig und durchaus etwas zickig wirkt (und insoweit nicht selten gewisse Gemeinsamkeiten mit seinen Trägerinnen hat), tut sein Übriges.
Das alles schreckt mich aber nicht, ich liebe diesen Duft, hatte ihn im Alter zwischen 20 und 30 permanent in meinem Repertoire, und ich trage ihn auch heute wieder mit Freude und Hingabe, wenn mir danach ist. Was den Vorwurf des „Unzeitgemäßen“ betrifft, tröste ich mich mit dem Gedanken, dass spätestens in so 20, 25 Jahren der typische zeitgenössische Fruity-Floral bei dann 20-jährigen Duftkonsumentinnen ein Stirnrunzeln und den Kommentar „riecht irgendwie oll“ hervorrufen wird.
Im englischsprachigen Raum hat Clinique jahrelang mit dem Slogan geworben „Performs the role of a perfume, but goes far beyond.“ Das ist wie fast alle Werbesprüche überspitzt ausgedrückt, enthält aber einen wahren Kern. Aromatics Elixir hat seit über vierzig Jahren trotz aller Anwürfe alle Moden überdauert, steht noch immer bei Karstadt, Müller, Douglas und Co. wie der Fels in der Brandung neben typischen, ständig wechselnden Mainstreamdüften im Regal, ist nach wie vor unverwechselbar und einzigartig, und verkauft sich – obwohl Clinique kaum mehr Werbung dafür macht – offenbar unverändert gut. Und dass er polarisiert, schadet kein bisschen, ganz im Gegenteil. Die Duftwelt wäre ärmer ohne Aromatics Elixir. Ach ja, der geht locker auch für Männer!
23 Antworten


Ich war 1971 gerade geboren, und für mich ist AE einer der Düfte, die schicke und souveräne Frauen (u/o Muttis) gern verströmten. Unverwechselbar, ein Fuß in der Tür zu einer Vergangenheit, in der niemand seine Kinder Emma nannte ;)
an Männerhaut und trug ihn mit 18 Jahren auch ganz selbstverständlich.
...hoffentlich wird er es wieder. Pokalwennesdennginge!:)