Original Santal von Creed

Original Santal 2005

Meggi
29.12.2015 - 14:28 Uhr
21
Top Rezension
6Duft 5Haltbarkeit 5Sillage 7.5Flakon

Mehr ‚Nachtflug‘ als ‚Mann‘

Die un-spannenden Sachen aus meiner Pröbchen-Sammlung, also das Zeug, was man halt überall hinterhergeworfen bekommt, wandert in der Regel gar nicht erst in die virtuelle Sammlung, sondern bloß in einen Karton auf dem Schrank. Da gucke ich nur sehr selten rein. Jetzt gab es mal einen Anlass, denn verschiedentlich wurde von einer Ähnlichkeit zwischen Original Santal und Joop! Homme berichtet. Letzteren habe ich als Pröbchen schon ewig in besagter Kiste liegen, ich finde wenig rätselhafterweise jedoch ständig was, was ich viel lieber testen mag. Aber angesichts der hier gelegentlich diagnostizierten Verwandtschaft musste ich da nun ran.

Hm. Wer den Creed oder den Joop lange nicht mehr unter der Nase hatte, den (oder die!) mag die Erinnerung irreführen. Der Direktvergleich verrät völlig anderes.

Der Joop kommt nämlich vom Start weg muffiger und trockener daher, möglicherweise hat der Parfümeur stärker auf Zeder gesetzt, als die Angaben vermuten lassen. Und es wird sogleich süßer, eine ölige Pseudo-Zitrusfrucht-Süße übernimmt innerhalb weniger Minuten das Kommando. Ein Blick in die Pyramide bestätigt mit Heliotrop unmittelbar den Verantwortlichen für diesen Dreh. Die Orangenblüte kommt kaum dagegen an. Nach rund zwei Stunden gleitet Herr Joop dann ins Seifige ab und erreicht nach etwa sechs Stunden eine ausdauernde, süßlich-holzige Note. Sandel? Ich werde den Verdacht nicht los, dass Zeder-plus-Süßkram-Camouflage-Sandel zumindest zu Hilfe genommen wurde.

Rundweg alles macht der Creed besser, manches um Längen. Seine Frucht ist dezenter, trotzdem wirkt sie präsenter - natürlicher und gekonnter. Und in Sachen Haltbarkeit lässt sie sich ebenfalls nicht lumpen, locker eine Stunde bleibt sie luftig-fruchtig dabei. Im Anschluss beginnt die lange Regentschaft von Sandelholz-Vanille, vorherrschend spätestens ab der dritten Stunde. Doch wird die Note umgeben von einem luftigen Hauch: Der Lavendel ist prima geraten, mal nicht muffig wie so oft bei mir, sondern angenehm ausbalanciert, zurückhaltend floral. Ab der vierten Stunde mildert Zeder die Süße ab und verfeinert das Sandelholz.

Der Gedanke an eine andere Joop-Verwandtschaft drängt sich auf. Ich hatte schon vor dem Kommentare-Lesen hin und her überlegt, woran mich der Mittelteil von Original Santal erinnert, aber beim Stichwort Joop war es dann sofort klar. Auffälliger als die Nähe zu Homme scheint mir eine zu Nightflight. Ich meine konkret die synthetisch-vanillige und sanft-wacholdermäßig umspielte Lavendelnote – die freilich wiederum dem Creed besser gelingt. Tatsächlich verblüffend und einige Stunden lang bemerkbar. Immerhin ist Sandelholz auch für Nightflight ausgeführt. Schade, dass der Wacholder bei mir nicht intensiver durchkommt. Ich finde ihn vergleichsweise zahm und hätte mir mehr davon gewünscht.

Im hinteren Drittel bietet der Creed eine vollständig un-überraschende, sacht bestaubte, rest-lavendelig umspielte, milde, balsamische Holznote auf, behutsam eingerahmt von Cremungs-Ergänzern, vor allem Ambra. Nichts Herausragendes, geschweige denn Innovatives, aber schön gemacht und sehr angenehm. Der Direktvergleich spricht mithin eine klare Sprache. Gegen den Creed wirkt Joop! Homme fürchterlich billig, Nightflight macht es besser, bleibt indes gleichfalls auf Distanz.

Fazit: Dieser Creed wird nie ‚meiner‘ werden, das allerdings gilt für andere Düfte mit dieser Zusammensetzung ebenso. Das ändert nichts daran, dass er gut und universell einsetzbar zu tragen ist.

Ich bedanke mich bei Ormeli für die Probe.
15 Antworten
FittleworthFittleworth vor 8 Jahren
Sehr informativer Kommentar!
Zauber600Zauber600 vor 8 Jahren
1
Nachdem ich als Zeitzeuge von Joop! Homme und in den 80ern auch Besitzer/Verwender eines 100ml-Flakons dieses rosa Heliotrop-Zuckerwassers war habe ich Jahrezehnte gebraucht, um jetzt wieder Freude an dieser Duftrichtung zu haben. In meiner Sammlung steht seit ein paar Tagen OS und ich muß Dir zustimmen, mit dem Joop! hat der Creed nicht sehr viel gemeinsam .. ein hochwertiger (natürlich auch synthetischer) jüngerer Bruder mit besseren Genen :-) Danke für den Kommi und natürlich: Pokälsche!
GerdiGerdi vor 10 Jahren
Uiihhh! Da bin ich aber gespannt auf's Pröbchen! Klingt nach Beuteschema!
SarungalSarungal vor 10 Jahren
Mit anderen Worten: Ein echter Creed! - Schöner Kommentar... ich stell mal (passend zur Marke) einen Gefälligkeitspokal ab!
MandelmausMandelmaus vor 10 Jahren
Toll und sehr differenziert beschrieben, habe ich gerne gelesen :)
KleopatraKleopatra vor 10 Jahren
Es wäre schlimm, wenn wir sie alle lieben würden... ;)
OrmeliOrmeli vor 10 Jahren
Fand ihn früher ziemlich gut und Handwerklich ist er tadellos. Inzwischen haben sich die Vorlieben etwas geändert :-)
PlutoPluto vor 10 Jahren
Vieles drin, was ich ganz gerne mag.
DuftJunkieDuftJunkie vor 10 Jahren
Sandelholz ist schwieriger als man denkt, wenn es um Einzelnotendüfte geht; ähnlich wie Tuberose oder Rose. Aber bei dem Preis und diesem Ruf sollte man von Creed etwas besseres erwarten können. Ich jedenfalls war arg enttäuscht :-(.
YataganYatagan vor 10 Jahren
Unfassbar! ich hätte schwören können, dass ich den bewertet habe, was aber offenbar nicht der Fall ist. Ein Creed, den ich nicht kenne... Da muss ich wohl noch mal ran. Interessant, auch wenn Du ihn ja nicht so positiv beurteilst.
ErgoproxyErgoproxy vor 10 Jahren
Och, mir hat der gut gefallen, damals. Aber ich bin drüber weg, glaube ich.
MarWicMarWic vor 10 Jahren
Du und die Creeds-das wird wohl nichts mehr....
Mustang69Mustang69 vor 10 Jahren
Ich muss gestehen, ich ziehe den Joop Homme vor. Der hat so was schön morbides :)
PaloneraPalonera vor 10 Jahren
Hm. Ich fürchte, ich habe den guten Joop Ende der Achtziger etwas zu oft und etwas zu heftig dosiert gerochen, seither ist er mir verleidet. Der Creed scheint manches besser zu machen.
DaveGahan101DaveGahan101 vor 10 Jahren
Wie immer klasse Kommentar! Ich mag aber den "edlen" Joop aber nicht..als einer der wenigen der Marke!