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Les Nombres d'Or - Eau Absolue von Maison Mona di Orio

Les Nombres d'Or - Eau Absolue 2013

Meggi
03.05.2016 - 14:44 Uhr
30
Top Rezension
7.5Duft 8Haltbarkeit 6Sillage 8Flakon

Ein Tag im Leben des Giovanni D.

Giovanni D. lebt in Italien. Beneidenswert – so vielleicht der erste Gedanke. Doch das Leben schenkt ihm nichts. Er arbeitet in einem landwirtschaftlichen Betrieb, dessen Flächen überwiegend an einem Berghang liegen. Maschinen lassen sich fast nirgends einsetzen, die Arbeit wird zumeist von Hand erledigt. Und sie ist hart. Über ‚Dolce vita‘ und mediterrane Beschwingtheit, die die Touristen in dieser Gegend suchen, kann er nicht einmal lächeln. Seit nämlich seine Frau schwer erkrankt ist, reicht das Geld kaum noch. Das flirrende Licht, das die Besucher begeistert, bemerkt er nicht mehr. Es war einst Teil seines Wesens, allerdings verdunkelt nun die Sorge um seine Frau sein Gemüt.

Wenn Giovanni die Plantagen betritt, begrüßen ihn keine saftig-fröhlich-frischen Früchte und feine mediterrane Würze. Für ihn riechen Bitterorangen, Bergamotte und Lorbeer einfach nur bitter. Hat er eine Weile daran gearbeitet, erinnert ihn das sogar an beißenden Gummi-Geruch.

Er hat sich heute in aller Frühe rasieren lassen, ja, sein letzter Luxus. Und der ist für ihn auch bloß erschwinglich, weil der Barbier sein Schwager ist, der dafür ab und zu etwas von dem bekommt, was Giovanni und seine Frau in dem kleinen Kräutergarten hinter dem Haus heranziehen. Zwei Stunden ist die Rasur jetzt her; das seifig-saubere Gefühl ist nicht verschwunden, obwohl er trotz der morgendlichen Kühle bei der Arbeit bereits ein wenig geschwitzt hat.

Später, in der Hitze, wird der Schweiß in Strömen über sein ganzes Gesicht fließen, die gelegentlichen Schlucke Wasser aus seiner Flasche werden ihm dagegen beinahe süß erscheinen. Und irgendwann ist dann endlich Feierabend.

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Eau Absolue hat nichts von dem an sich, was unsereins spontan beim Gedanken an Italien in den Sinn kommen mag. Die Bergamotte ist quasi ent-obstet. Sie bestaubt ernsthaft-unfruchtiges Petitgrain. Die ohnehin spärlich gewährte Fruchtigkeit zieht sich obendrein rasch zurück; der Duft darf selbst in der Kopfnote kaum zitrisch genannt werden. Lorbeer ist praktisch vom Start weg beteiligt. Dazu andere Gewürze, getreidig-kartoffelig (es winkt Numero Uno von Carthusia), die gemeinsam mit einer zwar charakterlich markanten, dennoch stillen Säure insgesamt einen geradezu bitter-seifigen Eindruck erzeugen.

Höchst apart ist der binnen einer Viertelstunde entstehende Gegensatz zwischen schroffem Gewürz und den balsamischen Komponenten aus der Basis, die gleichwohl einen Dreh innehaben, der ins Teerig-Gummihafte reicht und mich an Tauer denken lässt. Aber immer wieder macht sich aus dem Hintergrund die seifig-saubere Note bemerkbar, die phasenweise sogar dominant wird. Sie bleibt durchweg abweisend herb gehalten. Klischeehaft-mediterran ist an alledem nichts.

Ab dem späteren Vormittag stützt sich der saubere Part verstärkt auf Iris. Sie ist einerseits bitter und unterfüttert die Gummi-Note, verströmt andererseits allerdings auch jene Scheinbar-Süße, wie sie etwa einem Schluck Leitungswasser nach einem Bad im Meer eigen ist. Dieses Changieren der Iris kenne ich aus Bois d’Iris von TDC (wobei dort sonst keinerlei Verwandtschaft besteht!).

Im Laufe des Nachmittags fällt besagter Gegensatz allmählich in sich zusammen. Der Lorbeer hat schon noch ordentlich Würze, die sich locker bis abends hält, er wird jedoch zunehmend umcremt. Die Zeder liefert einen holzigen Hauch drumherum. Es bildet sich ein herb-restsauer-balsamisches Aroma, das freilich weiterhin charaktervoll ist. Am Abend bietet die Iris überraschenderweise entfernte Lippenstift-Qualitäten auf. Ein Küsschen für Giovanni von der Tochter, die in der Stadt arbeitet? Ihn jedenfalls versöhnt es mit dem Tag. Ein bisschen zumindest.

Ich bedanke mich bei Puck1 für die Probe.
17 Antworten
FeliniFelini vor 9 Jahren
Ich lasse mir keine Deiner kleinen, feinen Geschichten entgehen, aber bittere Gummiseife muss ich nicht haben. Einen Landarbeiter-Pokal gibts trotzdem!
OrmeliOrmeli vor 9 Jahren
Klingt schön aber mit Iris habe ich ja so meine liebe Not.
YataganYatagan vor 9 Jahren
Lorbeer okay, aber bei mir ging DER gar nicht.
PaloneraPalonera vor 9 Jahren
Im Land, wo die Zitronen blüh'n, ist das Vita nicht nur dolce, auch wenn das hierzulande allzu gern geglaubt wird. Danke, daß Du den Blick nicht abgewendet und unseren geschärft hast - und die Nase sowieso.
KleopatraKleopatra vor 9 Jahren
Meine alte neue große Liebe "Le Parfum" von Lalique enthält auch Lorbeer. Da mag ich ihn. Insofern würde ich diesen für mich nicht abschreiben... ;)
GaukeleyaGaukeleya vor 9 Jahren
Das finde ich sehr neugierigmachend, zumal ich Lorbeer sehr mag in Düften. Schöne, berührende Geschichte rund um Giovanni indes *schneuz*
ErgreifendErgreifend vor 9 Jahren
Meins war der nicht so. Der Name, wie so oft, irreführend. Pokal
MarWicMarWic vor 9 Jahren
Tolle Bilder hast du wieder gezeichnet......
TaurusTaurus vor 9 Jahren
Ich frage mich, was es mit dieser Saint-Thomas-Lorbeer auf sich hat ...
TiaraTiara vor 9 Jahren
2
Seit mir der mit ner Probe ausgelaufen ist, bleibt er mir unvergesslich, leider allerdings im negativen Sinne. Der ist einfach zu heftig :)
GelisGelis vor 9 Jahren
Wieder eine gute Kurzgeschichte. Kann mir den Duft gut vorstellen. Ist wohl nix für mich.
CravacheCravache vor 9 Jahren
Oha, der könnte was für mich sein - auch wenn meine Vorfahren Winzer waren und wohl ihr Produkt ausgiebig selbst genossen haben :)
0815abc0815abc vor 9 Jahren
Lorbeerpokal.
KiengiraKiengira vor 9 Jahren
Poverogiovannipokal!!!!
ErgoproxyErgoproxy vor 9 Jahren
Da ich Lorbeer mag, kommt er auf die Merkliste.
ErgoproxyErgoproxy vor 9 Jahren
Da ich Lorbeer mag, kommt er auf die Wunschliste.
MisterEMisterE vor 9 Jahren
Tolle Story. Und nach einem schönen Duft klingt es auch... Italobauernpokal....!