Nein, gemeint ist hier nicht die trashige Familie Bundy, sondern die hochnoble Familie des hochnoblen Lord George. Und auch, wenn man glaubt, dass es absolut keine Gemeinsamkeiten zwischen amerikanischem Proll und englischem Hochadel gibt, sollte man sich nicht täuschen lassen: Die Aristokraten-Sippe um Lord George bestehend aus Lady Blanche (Gattin von Lord George), Tochter Rose und Schwiegersohn Herzog Nelson hat es nämlich auch faustdick hinter den blaublütigen Ohren. Außen hui, innen pfui sozusagen. Und damit wäre dann bewiesen, dass auch bei von und zu nur mit Wasser gekocht wird.
Interessant fand ich allerdings die Idee, diesen vier unterschiedlichen Charakteren entsprechende Düfte in der „Portrait“ Serie zu widmen. Ich muss gestehen, dass mich bei der Ankündigung der neuen Portrait-Serie von Penhaligon’s vorrangig das tolle Flakon-Design mit den künstlerisch anmutenden Verschlusskappen angesprochen hat. Ansonsten hatte ich mit dem Traditionshaus bislang (von wenigen Ausnahmen wie „Endymion Concentré“, „Opus 1870“ und einigen Düften aus der „Trade Routes Collection“ einmal abgesehen). eher wenige Berührungspunkte.
Und auch bei Lord George sah es anfänglich nicht nach einer Punktlandung aus. Nicht nur, dass die Verkäuferin eher abweisend und desinteressiert war (ich schwöre, ich hatte ehrenhafte Absichten und wollte nur den Duft testen!), nein, nachdem ich endlich einen Sprühstoß auf meiner Hand hatte, stieg mir zunächst eine bitter-herbe Rasierschaum-Note unterlegt von etwas Fuseligem in die Nase. Ich bin generell kein Freund des Geruchs von Rasierschaum (zum Glück bin ich Trocken-Rasierer) und hätte mir diesen auch in der Kopfnote nicht so präsent gewünscht. Die Verkäuferin wollte dann zumindest noch bzw. aus meiner Sicht viel zu schnell wissen, wie mir der Duft denn so gefällt. Also sagte ich „im Moment noch nicht so gut“, was sie mit „der Duft enwtickelt sich auch bei jedem anders“ quittierte. Echt jetzt? (Habe ich gedacht, meine Begleiterin geschnappt und schnellstmöglich den Laden verlassen).
Doch bereits einige Meter weiter stiegen mir dann plötzlich warm-weich-würzige Noten in die Nasen. Wo kamen die her? Ich mochte es kaum glauben, aber sie kamen von der bedufteten Stelle auf meiner Hand. Lord George ließ grüßen.
Von der anfänglichen Rasierschaum-Note lag nur noch ein Hauch in der Luft bzw. hat sich diese perfekt mit moderat süßlicher Tonkabohne, feinem Holz (ich tippe auf ein Zedern-, Sandelholz-Gemisch) und feinen Amber-Noten (bräunlich-golden und dabei würzig-aromatisch-balsamisch ohne schwer zu sein) verbunden. Der Clou ist allerdings diese leichte Brandy-Note (wobei ich nicht sagen kann, ob Brandy nun wirklich so riecht, da ich so gut wie nie Alkohol trinke bzw. im Haus habe), die sich unter und über dieses Gemisch legt. Sehr fein und leise, aber dennoch präsent.
Ich war absolut begeistert und wusste sehr schnell, dass ich ohne diesen Duft nicht nach Hause wollte und konnte. Leider bedeutete das auch, dass wir wieder in dieses Geschäft mit dieser speziellen Verkäuferin mussten. OK, es gibt keinen Prinz ohne Kröte. Also Augen zu und durch, der Duft war und ist es allemal wert. Sie hat ihn mir dann auch tatsächlich verkauft ;-)
Und auch heute, einige Wochen nach dem Kauf, bin ich immer noch absolut begeistert vom guten Lord. Spontankäufe sind sonst nicht so meins, aber in diesem Fall war er goldrichtig. Lord George ist ein eleganter, eher zurückhaltender und subtiler Duft, der allerdings trotzdem Präsenz zeigt und nachhaltig wirkt. Die Mixtur ist sehr schmeichelnd und lädt zum Wohlfühlen ein, vermittelt gleichzeitig Klasse und Understatement. Lord George hat es nicht nötig, laut zu sein oder zu werden, er wirkt durch sich unaufgeregt und edel, hat trotzdem Esprit und wirkt in keinster Weise angestaubt oder aus der Zeit gefallen. Lord George ist sicherlich kein Duft für Teenager oder sehr junge Träger. Ein gewisses Maß an Lebenserfahrung und Alter stehen dem Duft gut zu Gesicht.
Der Flakon ist absolut hochwertig, ebenso der Sprühkopf, der feinste Nebel des Dufts versprüht. Die künstlerisch gestaltete Kappe ist schön anzuschauen und wertig dazu. Die Kartons der Portrait-Düfte wurden von der isländischen Künstlerin Kristjana S. Williams gestaltet. Sie hat dafür Elemente aus viktorianischen Gemälden mit modernen Illustrationen und Farben verbunden. Somit sind nicht nur die Düfte, sondern auch das Packing ein optischer Genuss.
Und ich muss gestehen, dass es Penhaligon’s geschafft hat, mich speziell mit diesem Duft auf’s Positivste zu überraschen. Die drei anderen Düfte der Serie sind auch nicht schlecht, treffen meinen Geschmacksnerv aber nicht in dem Maße wie Lord George.
Wer also einen Gentleman-Duft mit Adels-Feeling möchte, dem sei ein Test ausdrücklich empfohlen ;-)
Dein vorzüglicher Kommentar adelt den Duft und ist ein Lesegenuss. Meine beiden Jungs, Teenager, die meine Düfte mitbenutzen, haben mich übestimmt. Es wurde der Duke - "Much Ado" entspricht ihrem Alter vermutlich mehr :)
Du wirst lachen - oder auch nicht: Ich mußte bei den Flacons unweigerlich an die erst kürzlich entdeckte Serie "The Royals" denken, auch und gerade im Kontext der Geschichten dazu. Nun habt Ihr mich aber beide auf eine andere Schiene gestellt, erst Yatagan, jetzt Du - verrate mir nur noch, in welches Geschäft ich NICHT gehen werde, um die Düfte kennenzulernen!
Auf der Internetseite von Penhaligon's steht folgendes: “Portraits” is a tribute to the English spirit; between establishment, humour and provocation. Nach deinem Kommentar habe ich den Eindruck, dass die Marketingexperten den Duft in der Tat richtig eingeschätzt haben. Und vielleicht gehört die auf britische Art reservierte Verkäuferin einfach zum Gesamtkonzept. ; )
Ich fand den auch total klasse..wie eben Dein Kommentar auch;-)! Der Preis hält mich aktuell noch vom Kauf ab! Vergiss' bitte auch im neuen Jahr nicht..ein Duft entwickelt sich bei jedem anders..lach;-)))!!!
Kein Prinz, ohne Kröte…… sehr lustig!
Der Duft liest sich sehr interessant, der Flakon erinnert mich zu sehr an die Arbeit ;)