Ich liebe den Sommer mit seiner Sonne, seinen Düften, seinem blauen Himmel mit den hingesprenkelten Wolken, die grüne Natur mit all ihren Pflanzen und Tieren. Aber wenn die Hitze seit nun bereits mehreren Tagen über 32° liegt und alles lähmt, beginne ich mich auf den Herbst zu freuen. Duftmäßig bin ich gut gerüstet. Ich besitze einige Herbstdüfte – mit Patchouli, Rosen und Iso, und natürlich zwei wunderbare Ouds von MFK -, die ich alle gerne trage. Nun ist ein neuer dazugekommen, der gänzlich ohne Patchouli, Rosen und Oud auskommt. Bois d‘Iris stand schon lang auf meiner Wunschliste. Ein günstiges ebay Angebot hat es jetzt möglich gemacht, dass er den Weg in meine Sammlung fand.
Es war ein Blindkauf aufgrund der Inhaltsstoffe der Duftpyramide und erstaunlich guter Bewertungen. Immerhin hat es Bois d’Iris auf einen Topplatz im Unisexranking gebracht.
Um die Ingredienzien wird, so scheint mir, ein bisschen ein Geheimnis gemacht. Bei Parfumo werden nur „salzige Noten, Iris, Ambra und Vetiver“ genannt. Andere Quellen wissen angeblich auch von Ladanum, Vanille, Myrrhe, Zucker und Treibholz. Damit kommen wir dem Duft schon näher.
Ich mag Holznoten. Nicht unbedingt das süße Sandelholz, aber wenn es in Richtung herbe Zeder oder so geht, schätze ich sie. Und sonnenverwöhntes Treibholz sowieso. Von der pudrigen Trockenheit der Iris bin ich überhaupt fasziniert.
Das war auch ungefähr meine Vorstellung vom Bois d’Iris, wobei ich mich frage, ob mit Bois Holz oder Wald gemeint ist. Im Englischen kann das Wort Wood ebenfalls beides bedeuten.
Obwohl ich wusste, dass hier Holznuancen auf mich warten würden, fand ich die Idee vom Iriswald einfach inspirierender. Man muss sich das einmal vorstellen: ein Wald aus lauter violetten Irisblüten … Die waren für mich schon als Kind eine meiner Lieblingsblumen. Damals sprach man noch von Schwertlilien.
Tatsächlich braute man bereits im 19. Jahrhundert aus den an sich giftigen Iriswurzeln, seinerzeit „Veilchenwurzel“ genannt, Parfüms, die den zu dieser Zeit überaus beliebten Veilchenduft verströmten. Dieser war auch als Konfekt begehrt - nicht zuletzt weil er für diskreten Wohlgeruch am stillen Örtchen sorgt.
Der Duft der Iriswurzel – aus der Blüte lässt sich kein Aromaöl gewinnen - gilt als betörend: mystisch, zartpudrig, elegant, holzig und süß. Der Wurzelstock muss jahrelang reifen, bis er zur Irisbutter destilliert werden kann.
Benannt ist die „blaue Blume der Romantik“, hinter der man die Iris vermutet, nach der geflügelten Göttin des Regenbogens aus der griechischen Mythologie.
Was würde mich also erwarten? Iris, ja klar, und Holz. Damit rechne ich. Doch welche Holznoten werden das sein? Und wie werden sie sich mit dem erdigen Vetiver vertragen? Wohin wird mich diese Duftreise führen?
Eigentlich müsste alles klar sein. Ist es das? Ich sprühe den Duft auf. Es ist alles da, aber doch anders als gedacht. Das Holz ist hell, trocken und süß, wie sonnengewärmt. Der erste Eindruck ist: holzig, trocken und süß. Ich vermeine, einen Hauch von Vanille zu erschnuppern.
Der Duft wirkt von Anfang an edel – und subtil. Er erschließt sich mir nicht sofort. Er „flackert“ irgendwie. Ich tippe auf Iso. Jedes Mal, wenn ich an meinem Handrücken schnuppere, kommt er mir anders vor. Das helle Holz ist eine Konstante, die pudrige Iris ebenfalls. Aber die Vanille „flackert“. Ich bin irritiert. Möglicherweise ist das, was ich für Vanille halte, vielleicht das Labdanum?
Für Momente erinnert mich der Duft an das kräftige Aroma von dunklem Waldhonig, jedoch ohne Süße. Die Süße ist schon da, doch verhalten, eher balsamisch.
Herbgrüne Nuancen wechseln sich mit holzigen ab. Einmal hab ich das Gefühl, an einem ländlichen Sägewerk vorbeizugehen und den Geruch von frisch geschnittenem Holz wahrzunehmen. Allerdings ist da auch „Wald“, der den balsamischen Duft schwer und etwas erdig macht. Vetiver hat zwar etwas Modriges, Herbes, doch nicht so intensiv wie Patchouli, der sich gern in den Vordergrund drängt.
Bois d’Iris ist ein subtiler Duft. Feinstofflich, fällt mir ein. Er ist dezent, drängt sich nicht auf, ist aber präsent. Es ist für mich ein weicher Herbstduft – ein wenig versonnen wie ein Tag im Altweibersommer, an dem man schon die Elegie des schwindenden Sommers spürt. Doch er ist kein Duft starker Gefühle. Subtil eben. Schenkt man ihm Aufmerksamkeit, wird man mit verschiedenen Duftelementen belohnt – Waldhonig, Holz, Balsam, herbmodrigem Vetiver und, wenn man ganz genau hinschnuppert, dann ist da auch noch etwas irgendwie Erhabenes, das an Weihrauch denken lässt. Ich nehme an, das ist die Myrrhe, die einen leicht rauchigen Schleier über das Ganze legt.
Der Duft ist angenehm, abwechslungsreich, dezent und spannend. Er wird nie langweilig.
Wer ihm weniger Aufmerksamkeit schenkt, findet in ihm einen unaufdringlichen, sympathischen Begleiter, der Eleganz ausstrahlt, aber in seiner trockenen, holzigen Dominanz angenehm unsüß bleibt. Die Iris fügt sich harmonisch in das Duftorchester. Und nein, sie hat hier nichts Veilchenhaftes, sondern nur die feine pudrige Süße eines Duftes, der völlig ohne Blumenhaftigkeit auskommt, was ich sehr ansprechend finde.
Es ist ein Duft zum Träumen, ein Gefährte für die letzten Sommertage und die ersten noch warmen Herbsttage. Er hat nichts Dunkles oder Düsteres wie viele Patchoulidüfte. Er ruht in sich, fühlt sich gelassen an und überträgt dieses Wohlgefühl auf seine Trägerin. Ich schreibe Trägerin, weil ich mir diesen Duft eher an Frauen vorstelle, obwohl er unisex ist. Für Herren ist er vielleicht zu weich, zu wenig intensiv und zu indifferent, changierend.
Ich denke, er wird Menschen am besten gefallen, die sozusagen für die leisen Töne empfindsam sind. Da entfaltet er seinen großen Reichtum an Nuancen. Vorausgesetzt, man hat ein feines Näschen, um alle die Noten wahrzunehmen.
Einen großen Wandel macht der Iriswald meiner Ansicht nach nicht durch – abgesehen davon, dass die liebliche Vanille irgendwann mehr und mehr zu Ambra wird, das heißt, eben diese Lieblichkeit verliert und „orientalischer“ wird. Was natürlich nicht heißen soll, dass Bois d’Iris ein Orientale ist. Doch er hat so etwas, das ich mit Fernweh in Verbindung bringe, wie ich es oft spüre, wenn sich im Herbst die Zugvögel sammeln und gen Süden fliegen. Und ich sie in Gedanken begleite, über das große Wasser, und mich frage, wie viele von ihnen zurückkommen werden.
Ich meine, mit Bois d’Iris wird man überall gut ankommen und einen sympathischen Eindruck hinterlassen. Er passt zu sehr vielen Gelegenheiten. Er kann einem eine gewisse elitäre Aura verleihen. Denn er ist anspruchsvoll. In diesem Sinn wird er vielleicht sehr jungen Leuten nicht so stehen – außer den charismatischen Persönlichkeiten unter ihnen, die sich gern von der Masse abheben.
Mir gefällt dieser Duft. Ich finde die Melange von holzig und pudrig ausgesprochen gelungen.
Ich würde den Bois wie gesagt nicht unbedingt an heißen Tagen tragen, weil er eben diese erdige Wärme ausstrahlt, aber an Sommerabenden kann er zweifellos reizvoll erscheinen.
Unterschätzen darf man diesen Duft keinesfalls. Er hat es sozusagen in sich. Ich entdecke immer wieder neue Facetten an ihm. Das macht ihn abwechslungsreich. Es würde mich wie gesagt nicht überraschen, wenn da Iso mitmischt.
Der Duft schafft es, warme Akkorde mir einer gewissen elitären Distanziertheit zu kombinieren - ein spannendes Dufterlebnis.
Kompliment, Du hast den Duft sehr schön, und wie ich finde, auf den Punkt charakterisiert : )
Habe ihn mir heute gegönnt und bin auf der Stelle verliebt!
Ein ganz wunderbarer Kommentar; ich bin jedem deiner Gedanken gerne gefolgt. Und du hast den Duft trefflich eingefangen, ich teste ihn gerade und bin sehr angetan.
Ein ausnehmend schöner, differenzierter, bei aller Ausführlichkeit gut und gern zu lesender Kommentar zu einem offensichtlich sehr besonderen Duft, den ich noch nicht kenne, Deinetwegen aber nun gern kennenlernen möchte. Danke!
Einer der Schönsten -, und - er war einmal mein Signaturduft ... Du hast ihn wunderbar, sehr schön ausführlich beschrieben - - und für mich so einiges Neues über die Iriswurzel ...
Je älter ich werde, desto mehr fühle ich mich von „leisen“ Düften angezogen. Du hast mir den Duft in sehr schönen Worten näher gebracht, jetzt habe ich eine klare Vorstellung davon. Iris habe ich bis anhin nicht beachtet, das wird sich nun ändern. Vielen Dank und einen riesigen Pokal!
Als pudrig empfinde ich Bois d‘Iris nicht wirklich, eher als holzig und schillernd. Iso vermute ich hier auch, das würde den Flackereffekt erklären. Ich empfinde ihn allerdings als prima passend im Sommer. Viel Freude mit dem wunderbaren Schatz. Bei mir auch -große Liebe!!
Sehr schöner, ausführlicher und informativer Kommentar! Ich mag den Duft auch sehr, so wie die gesamte 'Collection Extraordinaire' eigentlich. Ich besitze noch eine Abfüllung von ihm und glaube auch, dass er am besten im Herbst zur Geltung kommen würde. Und ja, dass die Noten auf diversen Seiten nicht einheitlich gelistet sind, irritierte mich ebenfalls. Aber sei es drum. Dennoch ein toller Duft.
Habe ihn mir heute gegönnt und bin auf der Stelle verliebt!