Nuée Bleue (2019) von Violet

Nuée Bleue 2019

Version von 2019
Cafenoir
24.05.2020 - 07:13 Uhr
31
Top Rezension
8.5Duft 7Haltbarkeit 7Sillage 8Flakon

An der Nase herum verwirrt

Der Duft verwirrt mich, scheint mich an der Nase herumzuführen, ich nehme Facetten von anderen bekannten Düften wahr, von denen ich Nuée Bleue (noch?) nicht lösen kann, und das fordert meine Wahrnehmung heraus.

Es war ein Blindkauf, aufmerksam gemacht durch eine so liebenswerte wie von mir geschätzte Parfuma, die meinte, es handele sich um einen ausgesprochen schönen Iris-Duft, in dem sie zudem irgendetwas leicht an Sicily erinnere, meinen Signatur-Duft. Soviel vorweg genommen: das kann ich bestätigen! Als ein Flakon im Souk auftauchte, wich anfänglicher Blindkauf-Widerstand schnell der (Neu-) Gier.

Nuée Bleue habe ich heute zum dritten Mal getragen. Ich schreibe diese Info in meinen Kommentaren oft dazu, damit meine Aussagen einzuordnen sind. Diejenigen, die diese Art Kommentare unzulänglich oder schlimmer finden, können sich dann spätestens jetzt ausklinken ;).

Die bisher geringe Wiederholung meines Dufterlebnisses kann in diesem Fall durchaus eine bedeutende Rolle spielen. Denn mein Gehirn spielt mir Streiche, es signalisiert, ich hätte Infusion Iris aufgesprüht, oder doch Calaluna? Dann wieder Sicily, nein, Sicily riecht doch ganz anders, und doch ist es etwas Bekanntes. So geht das Hin- und Her, ist es meine Nase, oder changiert der Duft wirklich so? Auf jeden Fall macht es mir deutlich, wie sehr das Gehirn im Unbekannten bekannte Muster sucht. Evtl. gibt sich das ja mit mehrmaligem Tragen.

Als Erstes nehme ich beim Aufsprühen Frische wahr. Verhaltene Zitrik, die sich mit Aldehyden vermengt und unmerklich später eine wunderbar klare Iris heraufbeschwört. Auch wenn ich keine Freundin von Aldehyden bin, hier stören sie mich nicht, zusammen mit Zitrusnoten scheine ich sie sogar zu mögen, wie eben auch in Sicily. In meinem Kopf entsteht das Bild von frischer, weißer, an der Leine wehender Wäsche, inmitten von Zitrushainen irgendwo im Süden Europas.

Eine Duftkomponente entwickelt sich, vielleicht die Hauptkomponente, die mich sehr an Iris - Düfte wie Prada’s Infusion d’Iris oder auch Bvlgari’s Calaluna erinnert, ein wenig auch an Quelques Fleurs Jardin Secret. Sie ist klar, frisch, hell, pudrig und kühl. Fast von Beginn an vorhanden, bleibt sie über den ganzen Duftverlauf präsent.

Daneben gibt es diese andere Komponente, die tatsächlich ein wenig an Sicily erinnert, aber nicht nur. Sie duftet sonnig und warm und steht für mich im Kontrast zu der hell-frischen Iris. Da sind Zitrusnoten, die eher orange als gelb, geschweige denn grün, riechen. Dazu Aldehyde, die nicht hervorstechen und die Zitrik besänftigen. Und alsbald eine holzige, benzoe-würzig-balsamische Basis. Moschus nehme ich nicht separat wahr, aber etwas Fluffiges, das von Moschus herrühren mag.

Ich habe das Gefühl, dass die zweite Komponente die erste erden möchte, dies aber nicht ganz gelingt. Die Iris-Komponente scheint immer wieder davon zu fliegen, sich zu verselbstständigen und aus der warm-würzigen Sonnenkompenente zu lösen, so als hätte ich 2 Düfte aufgetragen. Aber das mag wie gesagt nur eine Kapriole meines Gehirns bzw. meiner Riechzellen sein.

Das Spektakel hält an die 6-7 Stunden an, die Haltbarkeit bewegt sich also im Mittelfeld.

Interessant fand ich noch, dass die Parfumeurin des hier beschriebenen Duftes laut Herstellerseite Nathalie Lorson ist. So weit hergeholt mag es also nicht sein, dass man Spuren von Sicily zu erkennen glaubt, der ebenfalls von ihr kreiert wurde. So ist es zumindest zum ursprünglichen Sicily vermerkt.

Der Flakon ist funktionell und gut. Die aufgedruckte Biene gefällt mir persönlich nicht so gut, sie sieht aus wie irgendein Insekt, für die ich einfach keine Vorliebe habe. Der historische Kontext relativiert diesen Eindruck jedoch, denn das Symbol der kaiserlichen Biene als Markenzeichen durften Parfumhäuser verwenden, die zu den Hoflieferanten der Kaiserin Eugenie, Ehefrau Napoleons III., zählten. Die vermutlich bekannteste Marke mit diesem Zeichen dürfte hier wohl Guerlain sein, aber wie man sieht nicht die einzige.

Sollte sich an meinem “changierenden” Eindruck etwas ändern, werde ich es hier nachtragen. Auch meine Bewertung könnte sich dann noch mal geringfügig ändern. In der Zwischenzeit bin ich gespannt auf weitere Eindrücke zu dieser "Blauen Wolke", zur "Ruhe vor dem Sturm", wie der Hersteller es beschreibt. Vielleicht ist es ja auch genau das, was meine Wahrnehmung irritiert, die Ruhe vor dem Sturm, nur dass mir diese Formulierung zu dem Duft sicher nicht eingefallen wäre.

Edit am 28.06. nach mehrmaligen Tragen, also wie angekündigt und versprochen ;): grundsätzlich hat sich nicht viel verändert in meiner Wahrnehmung, die Irritation ist nicht mehr so groß, was nicht überraschen dürfte. Und nach mehrmaligen Tragen ist der Duft aus meiner Sammlung nicht mehr weg zu denken, er gefällt mir ausgesprochen gut und ich greife oft zu ihm
13 Antworten
SilvercatSilvercat vor 3 Jahren
Danke für die tolle Rezension! Beschreibt ganz genau auch meine verwirrten olfaktorischen Eindrücke von diesem Duft.
Fresh21Fresh21 vor 4 Jahren
Bis auf die balsamische Basis klingt der Duft gemäß deiner feinen Beschreibung wie Musik in meinen Ohren:) Triggerpokal!
Escada1970Escada1970 vor 5 Jahren
Prada Iris, Calaluna, Sicily alles traumschöne Düfte. Da könnte man das blaue Wölkchen gefahrlos blind bestellen
MelisandeMelisande vor 5 Jahren
Bei mir ist es umgekehrt: Ich mag Sicily (sehr gute Wahl für einen Signaturduft :-)), den genannten Houbigant und auch Aldehyde sehr gern, deshalb möchte ich den hier unbedingt testen. Klingt nach Beuteschema!
Conchi2019Conchi2019 vor 5 Jahren
Da ich diesen Duft ja kenne und gut finde, möchte ich jetzt doch unbedingt den Sicily testen ;-)
ErnstheiterErnstheiter vor 5 Jahren
Genau das macht Duefte fuer mich spannend: “changierende” Eindruecke, Wandel im Duftverlauf, auch an der Nase herumfiehren, warum nicht. Schoener fundierter Kommentar.
Melisse2Melisse2 vor 5 Jahren
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Auch mir gibt der Duft Rätsel auf. Ich empfinde das Parfum vor allem als angenehm kühlen Irisduft. Und er hat so was Rundes, Tiefes, besser kann ich das leider nicht beschreiben.
Kajsa5Kajsa5 vor 5 Jahren
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Hihi, ich kann das alles gut nachvollziehen ;) Ich hab grade geschaut und ich hatte den Duft vor über 100 Tagen bewertet. Seither habe ich ihn immer mal wieder getragen und er wanderte rauf auf die Wunschliste und dann wieder runter, jeh nach Tageseindruck. Grundsätzlich gefällt er mir schon sehr gut, aber er ist ein wenig ein Wechselbalg für meine Nase, an einem Tag denk ich ja, ich will den Flakon, dann wieder trag ich ihn und denk mir, ja, der ist schon schön, aber doch nicht für die Sammlung
FvSpeeFvSpee vor 5 Jahren
Für eine Wolke ist es doch absolut angemessen, dass sie nicht zu greifen ist und ständig ihre Form verändert! Den Kommentar habe ich gerne gelesen, auch wenn ich von den Düften, die du zum Vergleich herangezogen hast, leider keinen kenne. Überhaupt schön, wieder von dir zu hören!
Camey5000Camey5000 vor 5 Jahren
Umfangreich und wissenswert. :-))
ParmaParma vor 5 Jahren
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Sehr informativer und nachvollziehbarer Kommentar!
Smellie13Smellie13 vor 5 Jahren
Super Kommentar, danke! Seit Tagen überlege ich mir, über den Duft zu schreiben, kriege aber nichts raus dazu. Die "Nasenverwirrung" ist vermutlich die gute Erklärung dafür-hat wohl auch auf den Kopf übergegriffen ;-) Sehr interessant sind für mich die Informationen bzgl. gleicher Parfumeurin wie bei Sicily und dass die Biene die gleiche Bedeutung wie bei Guerlain hat. Das versöhnt mich etwas mit dem "Insektenflakon", der auch auf dem Weg zu mir ist :-)
PollitaPollita vor 5 Jahren
Sehr schöner Kommentar mit vielen Details. Auch ich ziehe immer gern Vergleiche zu anderen, mir gut bekannten Düften, um Neulinge besser einordnen zu können. Super, dass Du Glück beim Blindkauf hattest.