Who are you, Sally Bowles?
Meine ersten Bilder beim Nuit waren die eines nächtlichen Art déco-Salons in warmem, gedämpften Licht, Oberflächen aus dunklem Lack und glänzendem schwarzen Kunsstoff. Gibt es Art déco-Möbel aus Bakelit? Hier stehen Vasen herum, die sehen so aus, Bouquets darin, üppig, ein betäubender, staubiger Blütenduft liegt in der Luft. Sind das alles echte Blumen zwischen dem polierten Chrom? An den Wänden hängen vom Alter überhauchte Spiegel, der Boden besteht aus altem, aber hellem, duftenden Parkett. Ich befinde mich in einer leisen Unterhaltung mit einem Geschöpf, das einer vergangenen Zeit zu entstammen scheint, dabei vollkommen modern wirkt. Seine androgynen Umrisse werden von den spiegelnden Oberflächen reflektiert. Die kurzen dunklen Haare liegen dem schmalen, blassen Gesicht an und betonen seine Jungenhaftigkeit. Eine Sally Bowles, die aus der Zukunft zu kommen scheint, oder ist sie doch durch ein Wurmloch aus der Künstlergarderobe eines Berliner Cabarets der Zwanzigerjahre gefallen? Man plaudert, kokettiert, das Gespräch ein unbestimmtes Spiel mit Vorstellungen, Möglichkeiten, Reflektionen. Ist das Anziehung? Ich werde das Gefühl nicht los, Teil einer Inszenierung zu sein. Was ist hier echt, was nur Kulisse? Ein leises Unbehagen macht sich breit. Irgendetwas wird mir plötzlich zu viel, lähmt mich. Diese staubige Dichte. Ich möchte klar denken, kalte Luft, die nach Regen riecht, einsaugen.
Ich muss hier raus.
Naomi Goodsir ist eine Künstlerin, die sich bevorzugt in neu interpretierten, aufwändig gearbeiteten Versatzstücken klassischer Kleidung - vor allem traditioneller Herren- und Uniformmode - zeigt und dieses Arsenal zum Bestandteil ihres Werks gemacht hat. Überdimensionierte Kragen, Krawatten, Kostümjacken, Jagdhüte, Kopfputz aus Federn, Hosenträger, immer wieder Leder, Archaisches, Vinatgemode und Futuristisches , Dunkles, Fetischartiges, all das bevölkert ihren kreativen, ausdruckstarken Kosmos, in dem ihre Hutmacherei und die Herstellung handwerklich anspruchsvoller Accessoires das Herzstück darstellen. Nuit ist einer ihrer ersten unter eigenem Label kreierten Düfte. Zuvor war sie als Parfüm-inspirierte Künstlerin (Parfumeurin ist sie nun mal von Hause aus nicht) für Annick Goutal tätig und war zusammen mit Isabelle Doyen zum Beispiel für den (von mir sehr gemochten) „Ambre Fétiche“ verantwortlich. Vergegenwärtigt man sich ihr Oeuvre, so erwartet man, dass sie sich dem Thema „Tuberose“ auf eine eigene, sehr spezielle Art widmet. Ein Spiel aus archaischen, artifiziellen und natürlichen Elementen, und das in der ihr eigenen ausdruckstarken Handschrift - und man wird nicht enttäuscht.
Ob das tragbar oder als Gebrauchsprodukt tauglich ist, steht freilich auf einem anderen Blatt, doch dazu später mehr...
Für Tuberosen braucht man in vielerlei Hinsicht starke Nerven.
Es sind divenhafte Zwiebelgewächse, welche sich in unseren Breiten nur einen Sommer lang mit ihren eleganten, auf schlanken Stielen schwebenden wächsern weissen Blüten und ihrem unvergleichlich intensiven Duft zieren. Die Tuberose ist eine betörende Schönheit, die sich sinnlich und selbstsicher verausgabt, um im Folgejahr eingeschnappt unter einem Schopf grüner Blätter zu verharren, ganz so, als sähe sie sich aus einer unergründlichen Laune heraus ausserstande - ganz die wetterfühlige, nervöse Zicke - noch einmal, nur ein letztes Mal, vor den Vorhang zu treten und den nicht enden wollenden Applaus ihrer Verehrer entgegen zu nehmen.
Tuberosen haben (wie alle Diven) ihre Fans und solche, die naserümpfend abwinken. Wer seine Nase einmal in Robert Piguets „Fracas“ steckt, wird, bezogen auf den typischen Tuberosenduft, seine Entscheidung, dem einen oder dem anderen Lager anzugehören, schnell getroffen haben. Ich bin hier aufrichtig zwiegespalten. „Faszinierend anstrengend“ trifft es wohl, würde mich jemand nach meiner knappsten Beschreibung meiner Empfindungen bei dieser speziellen Gattung von Weißblühern fragen. Schwer, sinnlich, sehr feminin, nächtlich, narkotisch, die Sinne raubend - so in etwa würde meine Beschreibung weiter lauten.
Die Tuberose nimmt eine zentrale, jedoch durch weitere Duftbestandteile gut flankierte Stellung in Nuit ein, und erhält durch Naomi Goodsir eine Interpretation, die ihr die ultrafeminine, dominante Femme fatale austreibt. Statt dessen stellt sie ihre Androgynität und ein Spiel mit Ambivalenzen heraus. Da sind zu Beginn fast ruppig-rohe, grasige, grün-nussige, an frischen, herben Pflanzensaft erinnernde kühle Aspekte (Angelika; der grüne Lidschatten von Sally Bowles), Balsamisch-Cremiges (Galbanum; ihre warme Körperlichkeit), Holziges und Erdigkeit (Styrax; wir befinden uns in einem alten Gebäude), dazu eine staubige, trockene Dichte (Hier müsste eigentlich mal gelüftet werden … Vielleicht verrät mir jemand, mit welchen Tricks Frau Goodsir die Staubigkeit in manchen ihren Düften erzeugt, so auch im "Ambre"). All das ergibt irgendwie möglicherweise in der Summe einen Eindruck von Plastik. Oder von ziemlich grünen Tuberosen in nachtschwarzen Plastikvasen. Ich weiss es nicht. Ich kann diese Kunststoffassoziation nicht wirklich nachvollziehen und habe, um mir das Gegenteil zu beweisen, an diversen schwarzen Verschlüssen von Flakons gerochen, in der Hoffnung, ich käme dahinter, wie Bakelit riecht - Fehlanzeige.
Aber es passt dennoch: Schwarze, glänzende Oberflächen, Spiegelndes, etwas Altes, das dennoch modern, fast futuristisch wirkt, Nacht. Dieser Eindruck hält sich bei mir, während die Nuit-Tuberose ihre unterschiedlichen faszinierenden Aspekte entfaltet und einen in ihren merkwürdigen Bann zieht. Mein familiäres Umfeld hat allerdings eine einhellige Meinung, und da konnte ich so homöopathisch dosieren, wie ich wollte (das sollte man bei dem Duft sowieso stets, die Performance ist sonst buchstäblich erstickend):
Nichts wie raus hier!
Fazit: Ein handwerklich zweifellos hochwertiger, ungemein dicht verwobener Duft mit narkotischer Performance, den man nur in Mikrosprühstößen anwenden sollte (und selbst die füllen mühelos ganze Räume). Minimalistisch dosiert zeigt er allerdings seine vielen Facetten und seine ambivalente Anziehungskraft.
PS: Ich kann mich immer noch nicht wirklich festlegen, welche Bewertung ich ihm schlussendlich gebe. Angefangen bei 8,5, runterkorrigiert auf 7,5, tendiere ich jetzt wieder nach oben.
Who are you, Sally Bowles?