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Aspasia0s Blog
vor 1 Tag - 02.02.2026
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Alles Orange, oder was? – Die Welt der Orangen Duftnoten zwischen Blüte, Blatt und Schale

Hinweis: Dieser Artikel enthält zur Visualisierung u.a. KI generierte Bilder

Die Orange ist ein Star in der Parfumwelt. Gerade im Sommer gehört sie zu den beliebtesten Duftnoten für heiße Tage. Doch was man als Duftanfänger vielleicht nicht weiß (ich zumindest wusste es anfangs nicht): Mit der Frucht aus dem Supermarkt, hat die Duftnote Orange eher weniger zu tun. Und dann begegnen uns auch noch verschiedenen Namen wie Orangenblüte, Neroli oder Petitgrain. Wo ist da der Unterschied? Dieser Artikel erklärt die feinen Unterschiede und zeigt, was die vielseitige Superfrucht Orange wirklich kann.


Inhalt:
1. Gestatten: Mein Name ist Orange, Bitterorange
1.1 Exkurs: was die Pomeranze noch so alles kann
2. Die Welt der Orangennoten in der Parfümkunst
2.1 Orangenblüte
2.2 Neroli
2.3 Petitgrain
3. Parfumbeispiele

1. Gestatten: Mein Name ist Orange, Bitterorange

Beginnen wir mit dem Grund, warum ich schrieb, dass die Parfümorange wenig mit der Orange aus dem Supermarkt, wie wir sie kennen zu tun hat. Was bei uns auf dem Teller oder ausgepresst im Glas landet, ist nämlich vor allem Citrus × sinensis. Das ist der botanische Begriff für die Frucht, die wir herkömmlich Orange oder Apfelsine nennen und die so herrlich sauer süß schmeckt, weswegen sie im Englischen auch gerne sweet orange genannt wird. Sie entstand wahrscheinlich in Südostasien aus der Kreuzung der Pampelmuse und der Mandarine. Aber sie ist es nicht, mit der wir uns heute eingehend beschäftigen werden, auch wenn sie mittlerweile hin und wieder in der Parfumwelt genutzt wird.
Der eigentliche Star nennt sich Citrus × aurantium, zu Deutsch Bitterorange oder auch Pomeranze. Auch sie entstand als Hybrid aus Pampelmuse und Mandarine, ist aber, wie schon der Name andeutet, deutlich saurer und herber im Aroma als ihre süße Schwester. Auch enthält sie deutlich weniger Saft.
Sie gelangte von Südostasien über Handelswege nach Indien, dann weiter in den heutigen Iran und in die arabische Welt und im 11. Jahrhundert von dort nach Europa. Viel früher übrigens als die süße Variante, die erst im 15. Jahrhundert ihren Weg zu uns fand.


1.1 Exkurs: was die Pomeranze noch so alles kann

Bevor ich umfassend auf die Nutzung der Bitterorange in der Parfümwelt eingehe, möchte ich einen kurzen Exkurs über ihre sonstige Nutzung geben. Über Jahrhunderte hinweg war die Bitterorange die Orange in Europa. Wie gerade eben beschrieben, gelangte die süße Variante erst deutlich später nach Europa. Lange Zeit gab es also nur diese eine Orange und obwohl sie kulinarisch eher, nun ja, „für Erwachsene“ war, war sie an den europäischen Höfen der Hit. Ein Monarch, der einen Bitterorangenbaum sein Eigen nannte, konnte damit durchaus angeben. Tatsächlich ließen sich Herscher udn herscherinnen gerne mit ihnen malen. Die Orange umgab eine Aura von Exotik, denn den Menschen war zu diesem Zeitpunkt noch bewusst, dass diese Frucht aus dem fernen Asien stammte. Da tat der bittere Geschmack der Faszination keinen Abbruch. Der Siegeszug der bitteren Orangenmarmelade begann.
Ob es den Adligen damals wirklich allen so gut geschmeckt hat oder ob man sich das bloß einredete, um nicht mit dem „Pöbel“ gleichgesetzt zu werden, der eine solch edle Pflanze nicht zu schätzen wusste, nun, diese Frage lasse ich einmal offen für eigene Spekulationen.

Und was macht der Mensch sonst so mit jeder Frucht, die er habhaft werden kann? Richtig, er verarbeitet sie zu Aljohoool!. Curaçao wäre hier ein berühmter Vertreter. Darauf erstmal eine grüne Wiese, Prost!
Und natürlich hat man der Bitterorange auch allerlei medizinische Wirkungen zugeschrieben. So sollte sie zum Beispiel den Magen stärken, die Herzfunktionen verbessern und allgemein die Vitalität fördern. Sie wurde gegen Völlegefühl, Schwindel und Verdauungsbeschwerden empfohlen. Auch wurde ihr eine pestabwehrende Wirkung nachgesagt, was vor allem auf der Vorstellung beruhte, dass ihr starkes Aroma dem „krankhaften Miasma“, das man lange Zeit für die Ursache aller Krankheiten hielt, entgegenwirken könne.

2. Die Welt der Orangennoten in der Parfümkunst

Nun wissen wir welche Frucht der Ausgangspunkt bei der Parfumherstellung ist. Doch wie geht es weiter? Warum ist mal von Orangenblüte, mal von Neroli oder Petitgrain die Rede? Die absolute Kurzfassung: Es hängt damit zusammen, welche Teile der Pflanze verwendet wurden und wie sie extrahiert wurden. So fertig, Artikel Ende.
Was? Ihr wollt es genauer wissen? Nun denn, meine Freunde desgepflegten Duftes, eurer Wunsch ist mir Befehl.

2.1 Orangenblüte

Starten wir mit dem, was erst einmal am einfachsten klingt: Orangenblüte. Da sagt der Name ja schon, was drin ist. Okay, eigentlich müsste es, wie wir schon gelernt haben, Bitterorangenblüte heißen, aber so viele Buchstaben sind sehr unsexy im Marketing. Daher vereinfacht man es zu Orangenblüte, auch wenn bis auf ein paar Indie-Ausreißer in fast allen Fällen die Bitterorangenpflanze der Ursprung ist.

Die Blüten stammen heutzutage oftmals aus Marokko, Tunesien oder Ägypten. Sie werden auch heute noch großteils per Hand gepflückt, da die Blüten sehr empfindlich sind. Noch dazu muss es nach der Ernte schnell gehen mit der Extraktion, da gepflückte Blüten schon nach einigen Stunden ihren Duft verlieren. Auch der Zeitpunkt der Ernte spielt eine Rolle: In der Phase direkt nach dem vollständigen Öffnen der Blüte sind die flüchtigen Duftstoffe am stärksten konzentriert. Da der Bitterorangenbaum jedoch nicht alle Blüten gleichzeitig entwickelt, sondern zeitweise Blüten in unterschiedlichen Entwicklungsphasen zusammen mit sogar schon fertig gebildeten Früchten am Baum hängen, braucht es viel Erfahrung, um diesen perfekten Erntezeitpunkt zu erwischen.

Um den Duft der Blüten einzufangen, werden sie mit Lösungsmitteln wie n-Hexan oder Petroleumether extrahiert. Dafür braucht man eine riesige Menge an Blüten. Für 1 Liter Orangenblüten-Absolue benötigt man grob etwa 300 bis 600 kg frische Blüten. Das fertige Absolue riecht, wie viele es mit der klasssichen Duftnote Orangenblüte verbinden intensiv blumig, leicht süß, manchmal fast schon cremig
Kleiner Funfact, wieder aus der Welt des Adels: Von Ludwig XIV., besser bekannt als der Sonnenkönig, heißt es, dass Orangenblütenöl sein Lieblingsduft gewesen sei, weil es angeblich der einzige Duft gewesen wäre, der ihm keine Kopfschmerzen bereitet hätte.

2.2 Neroli

Weiter geht es mit Neroli – ich liebe Neroli ja über alles ♥. Neroli wird ebenfalls aus der Blüte des Bitterorangenbaums gewonnen, im Gegensatz zum Orangenblütenöl aber nicht per Lösungsmittel-Extraktion, sondern per Wasserdampfdestillation. Durch dieses Verfahren bleibt ein noch natürlicherer Duft erhalten, allerdings ist es auch deutlich teuer, da man viel mehr Blüten als bei der Lösungsmittel-Extraktion braucht. Waren wir gerade eben beim Orangenblüten-Absolue bei 300–600 kg Blüten für 1 Liter Absolue, braucht es für 1 Liter Neroliöl gut und gerne eine ganze Tonne an Blüten, weswegen neroli auch deutlich teuerer ist. Neroli riecht im Gegensatz zum Orangenblüten-Absolue etwas weniger süß, dafür etwas zitrisch-frischer, manchmal auch ein Hauch bitter, aber immer noch mit intensiv blumigem Charakter.

Der Name Neroli stammt übrigens von der italienischen Stadt Nerola oder genauer gesagt von Marie-Anne de La Trémoille, Herzogin von Bracciano (1642–1722). Einer ihrer weiteren Titel war Principessa di Nerola. Sie parfümierte ihre Handschuhe und Bäder mit dem Dampfextrakt der Bitterorange und startete damit einen Trend, Jahrhunderte bevor der erste „Duftinfluencer“ geboren wurde. Das Duftwässerchen wurde schnell beim restlichen Adel sehr beliebt und nach ihrem Titel benannt.

2.3 Petitgrain

Zum Schluss werfen wir noch einen Blick auf Petitgrain. Auch hier kommt meistens die Wasserdampfdestillation zum Einsatz, allerdings nicht der Blüten, sondern der Blätter, Stiele und unreifen Früchte des Bitterorangenbaums. Das schlägt sich im Duftprofil nieder. Petitgrain riecht deutlich weniger blumig und dafür grüner als seine beiden Verwandten.
Interessanterweise stammt, obwohl ja dieselbe Pflanze die Grundlage ist, der Großteil des kaufbaren Petitgrainöls nicht aus Marokko, Tunesien oder Ägypten, sondern aus Paraguay und Frankreich. Der Name kommt aus dem Französischen und heißt so viel wie „kleines Korn“; er spielt auf die kleinen unreifen Früchte an, die verwendet werden. Mittlerweile gibt es auch Petitgrain von anderen Zitruspflanzen, wie zum Beispiel Zitronen-Petitgrain.

3. Parfumbeispiele

Am Ende dieses Artikels möchte ich mich nicht nur wieder bei allen bedanken, die meine langen Ausführungen bis hierhin verfolgt haben (ernsthaft, danke, dass ihr euch das alles durchgelesen habt), sondern auch wieder ein paar Parfumbeispiele an die Hand geben. Wie schon beim Amber/Ambra-Artikel ist es wieder eine Liste, die zwar nach bestem Wissen versucht, repräsentativ für die jeweilige Note zu sein (mit Unterstützung von euch aus dem Forum), aber natürlich nicht vor individuellen abweichenden Dufteindrücken gefeit ist und auch schon gar nicht vollständig. Seht sie also bitte mehr als Orientierung denn als Absolutum.

Orangenblüte:
Infusion de Fleur d'Oranger
Fleurs d'oranger
Mon Précieux Nectar
APOM
Fleur d'Oranger Eau de Toilette
Classique Eau de Toilette

Neroli:
Holy Neroli
Néroli Intense
Aqua Allegoria Nerolia Vetiver
Neroli Portofino Eau de Parfum
Echt Kölnisch Wasser Eau de Cologne

Petitgrain:
Le Petit Grain
Saint-Germain-des-Prés

Aktualisiert am 02.02.2026 - 13:20 Uhr
16 Antworten
CfrCfr vor 4 Stunden
Hast du schön beschrieben ☺️
FlughörnchenFlughörnchen vor 8 Stunden
Was für ein schöner Beitrag 🥰
Sehr gern gelesen, vielen Dank 🏆
Dieses stimmungsaufhellende Früchtchen 🍊 kann schon was....
ich liebe Neroli und orangige Düfte (vorausgesetzt sie sind nicht zu süß) sowohl in 4711 (da kommen einfach Kindheitserinnerungen hoch) oder aber einen absoluten Liebling den "Néroli Intense von Nicolaï" den ich durch eine liebe Parfuma kennenlernen durfte, da ist ganz viel saftig duftendes verbaut.
Herrlich 🥰
SeirinaSeirina vor 14 Stunden
1
Danke für diesen informativen Beitrag, sehr hilfreich. :)
LilauLilau vor 15 Stunden
1
Ein sehr interessanter und informativer Blogbeitrag! Man lernt einfach nie aus.;-)
PNewmanPNewman vor 16 Stunden
Weiß jemand warum der Neroli Intense dann so günstig ist, wenn der Rohstoff so teuer ist? Ist hier kein echtes Neroli enthalten? Und weiß jemand in welchem Duft ein hoher Anteil von echtem Neroli enthalten ist?
Aspasia0Aspasia0 vor 15 Stunden
Nun teuer muss man ins Verhältnis setzteb. Neroli ist teurer als Orangenblüten Absolue, allerdings sind beide zum Beispiel günstiger als Rose oder Iris.
Zusätzlich gibt es von Givaudan und co auch synthethische Duftstoffe, die Neroli verstärken, sodass die Hersteller kleinere Mengen des eigentlichen Öls verwenden können
Vea91Vea91 vor 1 Tag
2
Klasse Beitrag, sehr unterhaltsam sehr informativ, sehr gerne gelesen und was dabei gelernt 🌻❤️
CoraKirschCoraKirsch vor 1 Tag
2
Sehr aufschlussreich ☺️ Das mit der Bitterorange war mir in dem Umfang nicht klar.
Was ich ja seltsam finde: Ich liebe alles Zitrische, im Essen und im Duft. Aber die hier genannten Noten mag ich gar nicht. Petitgrain ist am schlimmsten, dann kommt die OBlüte. Neroli KANN gehen, aber ich suche nicht danach.
Nst85Nst85 vor 1 Tag
2
Danke für den schönen Überblick – habe ich gerne gelesen! Und mich wieder mal dabei ertappt, dass ich die eigentlich alle sehr gerne mag. Sowohl zusammen als auch getrennt. Frisch und grün geht bei mir immer. 😄
BjancerBjancer vor 1 Tag
2
Vielen Dank für die Zusammenstellung! Ich persönlich mag Petitgrain inzwischen durchaus gerne (vermutlich auch nicht immer und überall, aber der Selva do Brasil hat es mir jedenfalls angetan). Bei Neroli und Orangenblüte bin ich mir noch nicht so sicher, da muss ich wohl noch etwas durchtesten, ob ich etwas zu mir passendes finde ;-)
DasCroeDasCroe vor 1 Tag
1
Großen Dank für diesen informative, unterhaltsam geschriebenen, tollen Blogg 🏆
Sind die "Schüttelwörter" in Absatz 2 Absicht (anti KI-Alarm)?
Aspasia0Aspasia0 vor 1 Tag
Ups, ne keine KI nur meine "Schnelltipp-Rohfassung" so ganz ohne anschließende Korrektur 😅
PollitaPollita vor 1 Tag
3
Mir geht es ähnlich wie @ElAttarine. Neroli in Richtung von 4711 liegt mir weniger. Dafür finde ich den Duft von Orangenblüten Absolue wundervoll. Ich bin ein Fan des JPG Classique Parfum. Wie immer wunderbar recherchiert und unterhaltsam geschrieben. Deine Texte machen großen Spaß, zu lesen. Herzlichen Dank!
Aspasia0Aspasia0 vor 1 Tag
Hoppla, da ist mir der Classique direkt durchgerutscht, den wollte ich gleich mitnehmen, als er im Forum erwähnt wurde. Danke für's ins Gedächtnis rufen =D
ElAttarineElAttarine vor 1 Tag
4
Dankeschön für den feinen Überblick!
Neroli mag ich gar nicht, wenn es 4711-mäßig auftaucht. Aber einen Duft möchte ich noch anfügen, den ich sehr mag, und in dem alle Teile der Bitterorange vorkommen: "Berber Blonde" von Sana Jardin.
Aspasia0Aspasia0 vor 1 Tag
1
Ich kann ja tatsächlich auch dem 4711 etwas abgewinnen, wenngleich es jetzt auch nicht mein allerliebster Neroli Vertreter ist. 😅

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