Amber-wer? Ambra-wie? Ambrox-was? – Eine Tour durch das begriffliche Chaos
Hinweis: Dieser Artikel enthält zur Visualisierung u.a. KI generierte Bilder

Amber, Ambra, Ambergris, Ambroxan, Ambrox, Ambroxide – man kann in der Parfumwelt schon mal das Gefühl haben, den Duft vor lauter Amb... nicht mehr zu sehen. Doch was ist was? Dieser Artikel möchte Licht ins Dunkel dieser oft verwechselten Begriffe bringen. Damit bin ich sicherlich nicht die erste, aber ich werde versuchen einige historische Aspekte mit einzubringen, sodass vielleicht trotzdem etwas Neues für euch dabei ist.
Inhalt:
1. Einleitung: Die Amber-Ambra Verwirrung
2. Sprachlicher und historischer Exkurs
3. Die Begriffe in der Parfumindustrie
3.1 Ambra/Ambergris
3.2 Amber
3.3 Ambrox, Ambroxan, Ambroxide
6. Beispieldüfte
1. Einleitung: Die Amber-Ambra Verwirrung
Seit gut zwei Jahren bin ich nun in der Duftwelt unterwegs. Als ich begann, mich näher mit Parfums zu beschäftigen, waren mir viele Begriffe völlig neu. Wörter wie Sillage oder Chypre sagten mir nichts, und auch bei Noten wie Vetiver, Styrax oder Labdanum hatte ich keinerlei Vorstellung. Bei anderen – etwa Eichenmoos – wusste ich zwar auch nicht genau, wie sie riechen, hatte aber immerhin anhand des Begriffs eine grobe Idee, in welche Richtung es gehen könnte.
Tja, und dann kam Amber.
Zuerst dachte ich: Das ist doch dieses Zeug aus Walen, davon hatte ich bereits gehört. Aber ziemlich schnell merkte ich, dass weder das Duftbild noch die Beschreibungen in den jeweiligen Parfums wirklich dazu passten. Vielleicht war also doch der Bernstein gemeint, also „Amber“ im wörtlichen Sinne? Nur: Ich habe während meines Studiums wochenlang bei Ausgrabungen Bernsteinklümpchen in der Hand gehabt, die riechen nach fast gar nichts.
Meine Verwirrung war also groß. Und ich glaube, so geht es vielen, Parfümeure und Markeninhaber offenbar eingeschlossen. Denn sobald man beginnt, sich ins Dickicht dieser Begrifflichkeiten zu wagen, wird schnell klar: Auch die vermeintlichen Profis bringen einiges durcheinander.
Ich habe weiter recherchiert und möchte hier nun versuchen, gemeinsam mit euch das Amber–Ambra–Ambrox-Problem etwas aufzudröseln.

2. Sprachlicher und historischer Exkurs
Beginnen wir gaaaanz von vorne. Wie kam es überhaupt zu diesem Kuddelmuddel? Im Deutschen ist es eigentlich ziemlich einfach: Bernstein: das Zeug vom Baum, Ambra: das Zeug vom Wal. Easy-peasy, kaum zu verwechseln. Das Wort Bernstein leitet sich vom mittelniederdeutschen bernen ab, was so viel wie „brennen“ bedeutet und auf die entzündbare Eigenschaft des Harzes hinweist. Wir Deutschen haben Dinge schon immer gerne pragmatisch benannt.
Und Ambra?
Nun, ab hier wird es „lustig“. Ambra stammt vom arabischen anbar, das häufig wie ambar ausgesprochen wurde und sowohl für den Pottwal als auch für die graue Substanz aus seinem Magen verwendet wurde. Man kann jetzt schon ahnen, wie das Durcheinander entstand: Mit den Kreuzzügen gelangte das arabische Wort nach Europa und wurde zunächst ebenfalls für den „Walstein“ benutzt – was sicherlich mit dem regen Handel mit diesem Produkt zu jener Zeit zusammenhing.
Doch bereits ab dem späten 13. Jahrhundert wurde anbar auch für Bernstein verwendet. Warum? Darüber lässt sich heute nur spekulieren. Vielleicht, weil beides sehr wertvoll und am Strand auffindbar war, vielleicht weil beides (bez. Bernstein nur beim anzünden) einen eigentümlichen Geruch besitzt, oder möglicherweise weil der Bernsteinhandel zunahm.
So oder so: In vielen Sprachen begann man, mit anbar beziehungsweise den jeweiligen abgeleiteten Formen zunehmend Bernstein zu bezeichnen. Daraus entstanden im Französischen ambre, im Englischen amber, im Spanischen ámbar – und die Italiener machten aus heutiger Sicht das Chaos perfekt, indem sie das goldene Harz ambra nannten. Das Walprodukt unterschied man dann, indem man einfach „grau“ davorsetzte, und so wurde das Wort ambergris geboren. Doch im Verlauf der Jahrhunderte gab man sich sprachlich immer weniger Mühe zu unterscheiden, was nicht zuletzt in der modernen Parfümwelt zu allerlei Vermischungen und Missverständnissen führte.
3. Die Begriffe in der Parfumindustrie

3.1 Ambra/Ambergris
Fangen wir mit dem an, womit alles anfing: Ambra. Was ist das eigentlich? Ambra ist eine graue, wachsartige Substanz, die im Verdauungstrakt von Pottwalen entsteht. Wenn diese Meeresriesen ihre Leibspeise – Tintenfische und Kraken – fressen, können unverdauliche Teile wie Schnäbel oder Hornkiefer nicht verarbeitet werden. Diese landen eingebettet in der Ambra. Warum genau das passiert, darüber sind sich Forscher noch nicht einig. Manche vermuten, dass die Ambrabildung eine Art Stoffwechselstörung beim Pottwal sein könnte. Eine andere Theorie besagt, dass die Substanz als eine Art antibiotischer Schutz dient, der Verletzungen der Darmwand verschließt (möglicherweise verursacht durch eben jene unverdaulichen Teile). Die Ambra gelangt dann entweder durch Erbrechen ins Meer (weswegen ich sie liebevoll Walkotze nenne) oder wenn der Wal auf natürliche Weise stirbt.
Ambra kann man auf dem Meer treibend oder als Klumpen am Strand finden, meistens bis zu etwa 10 Kilogramm schwer, in seltenen Fällen sogar mehr als 100 Kilogramm. Solche Klumpen können jahrelang, manchmal sogar Jahrzehnte, durch die Ozeane treiben, bevor sie schließlich an Land gespült werden. Frische Ambra, also quasi frisch ausgekotzt, riecht ziemlich übel – was man bei der Herkunft auch kaum anders erwarten kann. Den gewünschten Duft entwickelt Ambra erst im Laufe ihrer „Reifung“ im Meer. Trotzdem ist selbst ein gereifter Klumpen Ambra olfaktorisch eine ziemlich harte Nuss, denn wie so oft macht die Menge den Unterschied.
Und wie riecht es nun? Da möchte ich an dieser Stelle das Materialarchiv zitieren, da ich ihre Beschreibung recht anschaulich finde und selbst auch noch nie an so einem Brocken geschnuppert habe:
„Frische Ambra riecht unangenehm nach Fäkalien, von erdig-schimmelig bis tranig-säuerlich. Gealterte, getrocknete Ambra riecht sehr gut und vor allem einzigartig. Ihr Duft lässt sich weder mit anderen vergleichen, noch befriedigend beschreiben. Meist werden Begriffe wie tabakartig, balsamisch und holzig gewählt [maritim wird auch öfters in Zusammenhang mit Ambra erwähnt].“

3.2 Amber
Lange Zeit spielten sprachliche Vermischungen im Bereich der Parfums keine Rolle. Im Zusammenhang mit Duftwässerchen war selbstverständlich das Walprodukt gemeint, es gab einfach keine Alternativen. Daher stellte sich auch nicht die Frage nach der Begrifflichkeit. Doch im späten 19. Jahrhundert ging eine Revolution durch die Parfumwelt: 1874 gelang es den Chemikern Wilhelm Haarmann und Ferdinand Tiemann erstmals, Vanillin, den Hauptaromastoff der Vanille, künstlich herzustellen. Wahrscheinlich ahnten sie nicht, dass sie damit den Grundstein für eine der bis heute erfolgreichsten Duftfamilien legten.
Anfangs war die Parfumwelt gar nicht begeistert. Viele Parfümeur*innen hatten Bedenken, einen künstlichen Ersatzstoff zu verwenden, man war bis dahin nur natürliche Duftstoffe gewohnt und fürchtete, die synthetische Alternative könne da nicht mithalten. Dass sich diese Zweifel nicht lange hielten, ist dem Parfümeur Georges de Laire zu verdanken. Schon während seiner Zusammenarbeit mit Ferdinand Tiemann an der Herstellung von Vanillin erkannte er früh das Potenzial des neuen Duftstoffs.
Die zündende Idee, wie man Vanillin für die Parfümerie nutzbar machen könnte, stammte jedoch von einer Frau: Marie-Thérèse de Laire, der Ehefrau von Georges de Laires Neffen. Sie hatte den Einfall, Vanillin und weitere aufkommende synthetische Duftstoffe mit natürlichen Rohstoffen zu kombinieren, um sie so für Parfümeur*innen leichter einsetzbar zu machen.
Daraus entwickelte das Unternehmen De Laire eine Reihe sogenannter „Base“-Parfums – fertig komponierte Akkorde bzw. Mini-Parfums, auf deren Grundlage Parfümeur*innen ihre eigenen Kreationen aufbauen konnten. Eine der ersten und später erfolgreichsten dieser Basen war „Ambre 83“. Diese kombinierte Vanillin u.a. mit Labdanum und Benzoeharz. Der klassische Amber-Akkord war geboren – und damit schließt sich auch der Kreis warum wir es heute Amber-Akkord nennen.
Warum de Laire diese Base „Ambre“ genannt hat? Darüber können wir nur spekulieren. Vielleicht wegen der verwendeten Harze und dem warmen, goldenen Dufteindruck, der durchaus an Bernstein erinnern kann.
Der Erfolg der Laire-Basen ließ nicht lange auf sich warten. "Ambre Antique | Coty" war 1905 eines der ersten Parfums, das die Base Ambre 83 nutzte. Es sollten weitere folgen. Der Amberakkord wurde immer beliebter, wurde nachgebaut und weiterentwickelt – und spätestens mit dem 1925 erschienenen
Shalimar Eau de Toilette eroberte er auch die Herzen der Kundschaft. Ein Siegeszug, der bis heute anhält.

3.3 Ambrox, Ambroxan, Ambroxide
Zu guter Letzt kommen wir zu dem, was einem heute im 21. Jahrhundert häufig begegnet: all diese ominösen Duftstoffe, die alle mit Ambrox beginnen. Ist das alles dasselbe? Dröseln wir das mal auf.
Ambroxid bzw. Ambroxide ist die wissenschaftliche Bezeichnung für das Duftmolekül, das maßgeblich für den Geruch von gereiftem Ambra verantwortlich ist. Es entsteht durch die Reaktion von Ambrein – dem Hauptbestandteil der grauen, wachsartigen Substanz von Ambra – unter anderem mit Sauerstoff. Reines Ambrein ist interessanterweise völlig geruchlos.
Ambrox ist eine umgangssprachliche Verkürzung von Ambroxid, meint aber dasselbe, nämlich das Ambra-Molekül.
1950 entwickelte das Unternehmen Firmenich erstmals eine Methode, Ambroxid synthetisch herzustellen und zwar aus Sclareol, einem Stoff, der aus Muskatellersalbei gewonnen wird. Den fertigen Duftstoff nannten sie Ambroxan, das ist also der Handelsname für das künstlich hergestellte Ambroxid.
Bis 1980 hatte Firmenich ein Patent auf die Synthesemethode von Ambroxid. Als dieses auslief und die Daten veröffentlicht wurden, begannen immer mehr Firmen, eigene synthetische Varianten des Duftstoffs zu entwickeln. So entstand eine Vielzahl an Handelsnamen und Riechstoffen.
Nicht alle riechen identisch, je nach Hersteller werden unterschiedliche Mengen weiterer Moleküle ergänzt, um feine Variationen im Duftbild zu erzeugen. Doch allen liegt dasselbe Ambra-Molekül zugrunde: Ambroxid.
Da diese Riechstoffe auf Ambra basieren, ist ihr Duft auch damit vergleichbar und hat wenig mit dem klassischen Amber-Akkord zu tun. Dezent eingesetzt, wirkt Ambroxid für die meisten Menschen wie ein warmer, hautähnlicher Duft, oft mit mineralischen Untertönen, zum Beispiel wie Haut nach dem Schwimmen. In höheren Dosierungen treten für viele zusätzlich holzige Noten hervor. Nicht wenige empfinden den Duft dann als stechend und unangenehm. Die Wahrnehmung ambroxidbasierter Riechstoffe ist sehr individuell.
Da Ambroxid außerdem fixierende Eigenschaften besitzt, wird es heute nicht nur als Duftkomponente eingesetzt, sondern auch zur Verlängerung der Haltbarkeit eines Parfums.

4. Beispieldüfte
Damit bin ich am Ende meiner Erklärungen angekommen. Ich bedanke mich bei allen, die bis hierher gelesen haben, und hoffe, ihr fandet den Artikel hilfreich, interessant und/oder unterhaltsam. Zum Abschluss möchte ich euch noch ein paar Beispieldüfte mit auf den Weg geben.
Allerdings: Diese basieren zum Teil auf meinen eigenen Erfahrungen, zum Teil auf Recherche. Sie sollten im Großen und Ganzen repräsentativ für ihre jeweilige Gruppe sein, doch abweichende individuelle Wahrnehmungen sind bei Parfums natürlich immer möglich.
Amber-Akkord
Shalimar Eau de Parfum - "Ambre Antique | Coty"
Ambre sultan Eau de Parfum
L'Eau d'Ambre
Ambre Précieux
Ambre Fétiche Eau de Parfum
L'Ambre des Merveilles
Amber Absolute
Ambra
Ambroxid
Molecule 02
Sauvage Eau de Toilette
AnOther 13 Eau de Parfum - "Le Gemme - Tygar | Bvlgari"
Cheeky Smile


Ambre Suprême
Atlantic Ambergris
Ambre Bleue
Ganz toll, wirklich!
Schöner Blog, sehr gerne gelesen.
Licht ins Dunkel der Begrifflichkeiten.👍
Tatsächlich spiele ich mit dem Gedanken eine Blogreihe zu verschiedenen Materialien in der Parfumwelt zu machen
Bei Ambre Suprême und Ambre Bleue dürfte Ambra vermutlich synthetisch sein.
Ich hoffe einfach bei beiden, dass es für andere hilfreich ist, wenn das Ziel erreicht ist, hab ich mir die Mühe gerne gemacht =)