Sensoria - ein Besuch im duftenden Holzminden
Düfte, Aromen, Sinneseindrücke – das ist es, was uns hier zusammenbringt und worüber wir uns austauschen. So wie mich vor einer Woche die Community auf die Neueröffnung des „Sensoria – Haus der Düfte und Sinne“ aufmerksam machte und mich das glückliche Zusammenspiel aus dem Besuch eines Freundes in Verbindung mit einem Regentag in die Ausstellung trieb, möchte ich nun alle Interessierten gerne an diesem Erlebnis teilhaben lassen:
Wir treten durch einen Vorhang und finden uns zwischen leuchtend grünem Wald, lodernden Flammen und blühenden Feldern wieder. Eine 270°-Projektion eröffnet den olfaktorischen Rundgang und lässt uns in entspannter Geschwindigkeit in verschiedene Welten eintauchen.
Wie kamen duftende Gewürze nach Europa? Wie roch es in der Stadt Holzminden vor 150 Jahren? Und wie gut ist eigentlich unsere menschliche Nase? (Um es vorwegzunehmen: mit ihren 25 Millionen Riechzellen nicht besonders gut, im Vergleich zu Elefanten mit rund 500 Millionen Riechzellen, die selbst Wasser über mehrere Kilometer Entfernung wahrnehmen können.) All diese Fragen werden natürlich nicht nur mit Lesematerial beantwortet, sondern immer auch mit der Möglichkeit, die dazu passende, beduftete Luft riechen zu können. Oder damit, auch die eigene Nase interaktiv herauszufordern.

Dass ausgerechnet in einer unauffälligen Kleinstadt wie Holzminden Sensoria eröffnet, verdankt sie natürlich ihrer Geschichte. Wo heute Symrise steht – der viertgrößte Hersteller für Duft- und Aromastoffe der Welt – begann alles Ende des 19. Jahrhunderts mit der Entdeckung und Produktion des Stoffes Vanillin. Und wer bisher dachte, synthetische Riechstoffe seien eine neuheitliche Erfindung, wird auch gleich eines Besseren belehrt. Neben Coumarin, Ethylvanillin, Aldehyden und Hedion, welche die Parfümerie mit Düften wie Fougére Royale, Shalimar, N°5 und Eau Sauvage schon seit 1882 prägten, steht sogar der Riechstoff Iso-E-Super schon seit 1973 zur Verfügung.
Auch wenn sich das Haus nicht in der Hauptsache mit der Feinparfümerie beschäftigt, dürfte es doch alle Parfumfans begeistern, dass sich entlang einer Wandseite der Ausstellung verschiedene natürliche Duftrohstoffe riechen lassen. Neben Oud und Vetiver hat hier besonders Walambra und echter Hirschmoschus einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Gerade auch, weil sie so in der marktrelevanten Parfümerie keine Verwendung mehr finden.

Ebenso informativ wie interessant ist es, dass seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in immer größer werdendem Stil Aromen für Lebensmittel hergestellt werden und die Beduftung von Wasch- und Pflegeprodukten eine riesige Bedeutung erlangt. Damit sind wir im zweiten Teil der Ausstellung angekommen, welcher uns zeigt, dass Glutamat nicht erst mit der asiatischen Küche, sondern mit Maggi bereits seit 1886 in Deutschland angekommen ist. Und auch, wie Duft eben Mode ist, sich so beispielsweise der Geruch von Persil im Laufe der Jahrzehnte verändert hat (und auch in den 90ern vor der „grünen Apfel-Welle“ nicht davon kam).
Ein kritischer Blick darauf, wie sich Duft- und Aromastoffe auf unsere Umwelt und Gesundheit auswirken können und wie wenig nachhaltig und korrupt die Beschaffung einiger natürlicher Materialien war und immer noch ist, wird zwar teilweise gezeigt, erfährt aber sicher nicht genügend Beachtung.

Das Ende des Rundgangs bildet die zweite Etage mit einer riesigen Parfumorgel. Hunderte feinsäuberlich beschrifteter Apothekergläser stehen in Reihen, und endlich hoffe ich, alle Synthetika riechen zu können... Ich greife als Erstes nach den Zibetonen – leider sind sie alle nur Deko. Aber immerhin gibt es die Möglichkeit, sich nach Beantwortung einiger Fragen selbst ein Parfum erstellen zu können und es auch als beduftete Luft zu riechen (man könnte es am Ende sogar abfüllen und beschriften lassen). Ebenso findet sich auf der Dachterrasse ein Duftgarten, der gerade für die Besucher im Sommer eine entspannende Ergänzung darstellen dürfte.

Was wir mitnehmen, sind – neben Wissen – hauptsächlich Erinnerungen und Sinneseindrücke. Und die Melancholie, dass parfümierte Luft sich eben nicht fixieren lässt und ich euch allen deshalb nur Worte und Bilder bieten kann. Damit einhergehend aber auch die Aufforderung, den Moment des bewussten Erlebens zu genießen und die Erkenntnis, dass unser Geruchsinn wohl der subtilste und am wenigsten greifbare von allen ist.


NikEy
Ja, das hat Spaß gemacht! Viel Wissenswertes, viele Duftproben, cool gemacht mit den Barcodescannern, und ich geb dir recht: der skeptisch-kritische Aspekt auf Umwelt und "Gewinnung" kam mir auch viel zu kurz!
Insgesamt lohnt sich das aber total!