Stulle

Stulle

Rezensionen
11 - 15 von 28
Stulle vor 2 Jahren 32 28
8
Sillage
8
Haltbarkeit
8.5
Duft
Wer sowas trägt, der gendert nicht!
Die Überschrift ist natürlich nur als Spaß gemeint, man verzeih’ mir :)
JULES ist ein absolut ungebremst eichenmoosiger Holzhammer, komplex und spannend. Mir ist er eine ganze Nummer zu brutal-maskulin. Ich finde ihn gut und weiß zugleich, dass ich ihn niemals tragen würde (außer gleich beim Joggen - hoffentlich treffe ich keine Bekannten).

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So, obiges schrieb ich gestern morgen vor meiner Joggingrunde. Und wie immer hält das Leben eines Parfum@s jede Menge Überraschungen parat. Das Running-Shirt hängt bereits getrocknet über’m Stuhl und wartet auf den beherzten Wurf in den Wäschekorb. Ich muss euch jetzt etwas gestehen: bevor ich Shirts und Hemden in die Wäsche gebe, schnuppere ich aus Gewohnheit immer nochmal daran. Ihr wisst schon, wenn möglich Wasser und Waschpulver sparen :)

Beim Joggen fand ihn Jules noch sehr heftig und mir wirklich eine Nummer zu derbe, mit meinem Körpergeruch gemischt (an mir wird fast jeder Duft vanillig) muss ich meine offensichtlich vorschnell getroffene Meinung jedoch revidieren.
Ledriges Eichenmoos ist immer noch die vorherrschende Duftnote, zu Beginn von Lavendel und grün-krautigen Tönen ergänzt, die sich im Verlauf wiederum mit einem ganz zarten, dunklen Blütenodeur äußerst vorteilhaft mischt. Vermutlich Jasmin sorgt für einen leicht indolisch-animalischen Akzent, aber wirklich nur zurückhaltend.

Die Basis wird ergänzt durch sandelholzige Noten, die ja im besten Falle - so wie hier - ein unerreicht weiches Element einfügen, das trotzdem niemals süß wird. Eine hauchzarte Vanillenote würde ich der Tonkabohne (oder mir selber *hust*) zuschreiben, Moschus steckt wahrscheinlich wie fast überall drin.

Ich stufe die Punktzahl von anfänglich etwas schnauzbärtigen 7,5 Punkten auf nunmehr 8,5 herauf. Toller Stoff, das muss man schon sagen. Es gibt Düfte, die einfach ausgiebiges und vor allem auch wiederholtes Testen wert sind. Wenn sich die Wahrnehmung schon innerhalb eines Tages dergestalt ändern kann, sollte man mit weiteren Überraschungen im Laufe eines längeren Zeitraumes rechnen.

So, jetzt ab in die Wäsch’ mit dem Fetzen Stoff. Und gegendert werden darf auch jederzeit, wenn’s gefällt
28 Antworten
Stulle vor 3 Jahren 35 47
8
Sillage
8
Haltbarkeit
9
Duft
Und ich wollte doch nur noch Statements schreiben...
Ich lese oder schreibe in der Regel keine Kommentare, aber ARAMIS 900 hat so viele Nuancen, da reicht mir ein Statement einfach nicht mehr aus.

Kurz umrissen: ARAMIS 900 ist ein großes, mächtiges Chypregewitter.

Wie üblich in dem Genre, ist das - in diesem Falle animalisch liebevoll versaute - Eichenmoos die allumfassende Duftnote - Anfang und Ende, und zwischendurch mit vielerlei schillernden Farben verziert.
Ich führe einfach auf, was ich zu erkennen glaube: Koriandergrün, Gehölz, Nelke, Rosengeranie, Jasmin in dunkler & schwerer Fülle, richtig viel Patchouly, und dazu noch ein rosiges Element. Ich vermute hier Palisander (engl. Rosewood), das ja ein rosenähnliches Odeur hat.
In der Basis erscheint außerdem noch feines Sandelholz, und das sogar ziemlich natürlich. Obwohl es mir total wurscht ist, ob's nun synthetisch oder natürlich ist - gut duften soll es am Ende! Das im Duft allgegenwärtige Katzensekret muss man mögen; ich finde, es begleitet (naja, oder besser: dominiert) die Komposition genauso markant wie hervorragend.

ARAMIS 900 ist faszinierend, üppig, fordernd, aufregend, äußerst selbstbewußt und alles andere als easy zu tragen.
"Outdated" bezeichnet diesen Duft nur bedingt; dieses EdT ist vielmehr das Abbild einer ganz anderen Zeit, und das in aller und unnachgiebiger Konsequenz. Ein wirklicher Traum, wenn man sich denn mit der nicht ganz unkomplizierten Moos-, Gewürz- und Katzengesellschaft anfreunden kann.
Wenn man sich aber einmal auf die Duftreise einlässt, wird man viel Freude erleben. Denn da passiert richtig etwas im Verlauf, so wie man das bei einem guten, durchkomponierten Parfum auch erwarten kann. Man bekommt eine unsagbar opulente und reichhaltige Vielfalt an Details geboten - ein wahres Riecherlebnis!

Rhetorische Frage: warum eigentlich einen Tausender für z.B. Roja DHIAGILEV ausgeben, wenn ich hier etwas auf Augenhöhe bekomme? Food for thought.

Um das allerletzte Pünktchen zu geben, würde ich ja gerne noch den Rosengeruch nachverhandeln, aber ich glaube dazu ist es im Jahre 2022 nun definitiv zu spät :)
In der Aktualität werden gerade jüngere Parfum@s diesen Duft wohl furchtbar finden; andere, vermutlich gereiftere, sich ihm wiederum völlig hingeben können. Für Interessierte, die nicht nur schnelle Komplimente suchen, sondern gerne ihre Kenntnisse erweitern wollen, besteht absolute Testpflicht.

Wer sich traut, bekommt einen Riesenspaß. Für Zwergengeld. Fröhliche Weihnachten!
47 Antworten
Stulle vor 3 Jahren 48 28
9
Sillage
9
Haltbarkeit
8.5
Duft
Ein echter Charakterduft
Machen wir uns nichts vor: GREY FLANNEL ist nicht modern. Ganz und gar nicht. Kein bisschen. Absolut null. In keinster Weise - und gerade deswegen übt er eine immense Faszination auf mich aus.

Beim ersten Sprüher überkommt mich ein seltsames Gefühl - das Gefühl von Unnahbarkeit, Humorlosigkeit, nüchternem Ernst und Vergangenheit. Galbanum - hier offensiv - ist wirklich nicht jedermanns Sache, wie man hier bestimmt schon bemerkt hat.

Jedoch direkt nach diesem fast schon schroffen Beginn öffnet sich der Duft: eine helle Klarheit von zitrischen Noten und Neroli-Klängen entfaltet sich. Wie eine dichte & tiefhängende Wolkendecke, die nach dunklen und verregneten Novembertagen plötzlich ganz unerwartet aufreisst und blauer Himmel wieder Hoffnung gibt. Mut. Lebenskraft.

Ein bisschen auch wie: verschmitzter Humor, der auf einmal inmitten einer hanseatischen Ernsthaftigkeit aufblitzt und ein gutes, freundliches Wesen zeigt. Aber auch bloß nicht zu viel: „Na, dann wollen wir mal nich’ übermütig werden, junger Mann, näch?!“ (durch die Nase lachend).

In der Herznote gelangen wir zu einer Blumigkeit, die mit süßen Damendüften absolut nichts gemein hat. Also keine netten, kleinen Blümchen, die liebreizende Enkeltöchter im deutschen Heimatfilm der Fünfziger Jahre der knuffigen Großmutter von der grünen Wiese mitbringen.
Die Narzisse ist für mich die herausragende Blüte, die in ihrer Klarheit GREY FLANNEL als blumig-trockenen Herrenduft definiert. Ebenso vermeine ich einen Hauch Hyazinthe zu verorten, die für mich immer etwas herb-metallisch duftet und dabei an Klassiker wie z.B. Chanel Cristalle erinnert.
Neben einer Spur trocken-pudriger Iris glaube ich, Salbei in homöopathischer Dosis zu erkennen. Ich habe aber gerade eine Tasse Tee mit Salbei aus Mutters Garten getrunken, vielleicht hat das dem Kraut in die Karten gespielt.
Die Basis ist üppig eichenmoosig, jedoch ohne jegliche fruchtige Süsse, die ich oft in eichenmooshaltigen Damendüften wahrnehme (und auch sehr mag). Möglich, dass eine Spur Tonkabohne die Komposition abrundet, aber genau identifizieren kann ich sie nicht.

GREY FLANNEL ist nun beim besten Willen kein harmlos-unauffälliger Mainstream-Duft, der problemlos und stromlinienförmig in die Duftlandschaft der Zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts passt. Nein, es ist ein äußerst markanter und galbanumfrischer Narzissenduft mit einer maskulin-herben Basis, geprägt von einer wahren Fülle interessanter Duftnoten und einer höchst spannenden Entwicklung. Aus der Zeit gefallen? Unbedingt! Jedoch nicht zwangsläufig im negativen Sinne.

An jungen Männer kann ich mir den nur schwerlich vorstellen; ich vermute, dass man dafür schon einen gewissen Reifegrad benötigt. Andererseits - vielleicht sollte man es gerade deshalb mal wagen? Denn aus der süßlich-frisch und nett riechenden Masse herausragen wird man damit garantiert.
Was die Tragbarkeit für Damen angeht, würden mich Erfahrungen diesbezüglich interessieren; ich konnte leider kein weibliches Wesen meiner Umgebung zum Test überreden ;)

Mit Sicherheit ist GREY FLANNEL ein Charakterduft, den man als Meilenstein der Parfumgeschichte betrachten muss und auf jeden Fall gerochen haben sollte. Parfumneulinge, traut Euch - vielleicht findet Ihr ihn (noch) furchterregend, aber ich garantiere: Ihr werdet Euch an diesen Duft erinnern.
28 Antworten
Stulle vor 4 Jahren 12 9
5
Sillage
5
Haltbarkeit
7.5
Duft
Na? Mal wieder ein Weihnachtsgeschenk vergessen?
Zitrisch-orangig-frischer Beginn mit reichlich Lavendel, und zwar dem guten, krautigen. Keine süßliche Absolue und auch nicht die klassische Caron-Vanille-Note. Dem folgt ein warmer und holziger Körper, weder sägespänig noch vintage-eichenmoosig. Definitiv kein Chypre-Style.

Rund, weich und dank unaufdringlicher Rosengeranie schön maskulin konturiert.
Die Basis besteht immer noch aus Lavendel und Holztönen, aber auch einer sehr zurückhaltenden Süsse, die man fast garnicht so nennen mag.

Irgendwie verlangt dieses After Shave einfach danach, ohne begleitende Geschichte vorgestellt zu werden. Unprätentiös und sehr angenehm duftend, dabei auch noch ziemlich pflegend nach einer gründlichen Naßrasur. Was will der praktisch orientierte Mann denn mehr?

Ein wirklich guter Geschenketipp für Heiligabend, wenn man mal wieder viel zu spät dran ist und nur noch ein Supermarkt auf hat. Ich spreche aus Erfahrung :)
9 Antworten
Stulle vor 4 Jahren 38 17
8
Sillage
8
Haltbarkeit
9.5
Duft
Shyce drauf - Malle gibt’s nur einmal im Jahr
Eigentlich wollte ich hier nur mal eine kleine Geschichte von den Balearen loswerden.

Nachdem ich mich aus Gründen des Fremdschämens mein ganzes Leben lang erfolgreich weigerte, diese Inseln zu besuchen, habe ich mich vor ein paar Jahren von vehement insistierenden spanischen Freunden dann schließlich doch überreden lassen, ein paar Tage in ihrem Häuschen in einem kleinen und ruhigen Dorf auf Mallorca zu verbringen.

Was soll ich sagen: tiefster, kalter und dunkler Winter in Deutschland, aber Frühling auf Malle - ein Traum. Ich erspare Euch weitere Details in diesen etwas reisebeschränkten Zeiten, obwohl ja schon der großartige Joseph Hader wusste: „Die Phantasie wächst mit der Begrenzung der Möglichkeiten“ (oder so ähnlich).

Die verlassenen Touristenhochburgen nur einmal schnell durchfahrend um zu wissen, wie es da aussieht, verbrachten wir die meiste Zeit in der Natur. Hinter unserem Dörfchen ging es gleich in die Berge, und unsere ausgedehnten Spaziergänge führten uns an einem alten Palacio vorbei, in dessen Nähe Felder mit Unmengen von Orangenbäumen standen. Da wurde natürlich vom Baum gepflückt, gegessen und eingepackt, was nur so ging, denn diese Gärten wurden ganz offensichtlich seit Jahren nicht mehr bewirtschaftet.

Am frühen Abend beim Kamin des alten, gemütlichen Bauernhäuschens sitzend, wurde dann erzählt, gelacht, das Abendessen geplant und von den frisch gesammelten Orangen gegessen.

Das Problem meiner Spanischkenntnisse ist, dass ich wohl zu gut spreche, um noch großartig Rücksichtnahme zu erfahren, aber zu schlecht, um jegliches seitwärts aus dem Mundwinkel dahingeworfene Detail mitzubekommen.
Die maßgebliche Information, die ich in dieser Runde verpasste, war: „Esst soviele Orangen wie ihr wollt, aber nicht DIESE EINE da, das ist eine ungeniessbare Bitterorange.“

[START SLOWMOTION]

….in der ich in Zeitlupe eben diese Bitterorange schäle, genüßlich sabbernd betrachte und dann mit größter Wonne hineinbeisse….

[STOP SLOWMOTION]

Es folgte ein unfassbar starkes körperliches Erlebnis, vermutlich in seiner Intensität nur mit wenigen legalen Dingen vergleichbar. Nein, nein, es war kein Rausch, aber: diese schlichtweg unfassbare Bitterkeit, die meinen Körper ergriff, war dermassen krass, dass sich JEDES einzelne Haar meines Leibes aufrecht stellte.

Meine nur mittelprächtig üppige Frise stand steil in die Luft. Die Bitterkeit erfasste mich mit massiver Wucht, jeden Millimeter Haut - und es war so dermassen unglaublich, dass ich den legendärsten, tränenreichsten Lachanfall meines Lebens bekam. Sprechen aufgrund des Lachflashes war fünf unendlich lange Minuten absolut unmöglich.

Aufgrund meiner gestörten Artikulationsfähigkeit konnte ich natürlich keinem erklären, was passiert war, und als ich dann wieder halbwegs Luft bekam, deutete ich lachend, schniefend und schneuzend auf die Orangenreste. Und dann ging es nochmal los, denn alle verstanden plötzlich, was geschehen war und lagen grölend am Boden. Klar, jeder Iberer weiß natürlich, dass man diese Dinger NICHT essen kann.

Naja, jedenfalls war der Abend für mich fortan in orangefarbenes Licht getaucht und mein Mallorcaaufenthalt hatte ein weiteres, wenn nicht sogar DAS Highlight gefunden.


¿Aber wie riecht denn nun CHINOTTO DI LIGURIA?

Bitterorange mit einer herben und saftigen Fruchtigkeit allenthalben, jedoch keine Orangensaftnote (wie z.B. bei Orange Sanguine von AC), die mich oftmals kalt lässt. Sogleich kommt auch die dunkelflorale und aromatische Fülle der Jasminblüten ins Spiel, die mich ein bisschen an die Wärme von AZZARO pH erinnert.
Der roch wahrscheinlich völlig anders als ich ihn in Erinnerung habe, aber ich verband mit ihm immer eine ergreifende und warme Körperlichkeit, die von CHINOTTO DI LIGURIA ebenfalls zitiert wird.

Weiches Moschus rundet den Duft nach unten ab, nimmt ihm aber zu keiner Zeit die Prise Männlichkeit mit seiner deutlichen, aber nicht übermächtigen Patchoulinote. Das ist auch der Part des Duftes, der ihn für mich nicht mehr so richtig damenkompatibel erscheinen lässt, aber das entscheidet ja jede Nase ganz subjektiv für sich alleine.
Das Patchouli bemerke ich übrigens nur wirklich, wenn ich den Duft ausnahmweise auf der Haut trage. Ansonsten präferiere ich das Tragen auf Textil; zum einen um Körper & die Haut zu schonen, zum anderen behält der Duft dann bei weitem länger die Frische und Säure der wunderbaren Kopfnoten.

AdP hat einige schöne Düfte am Start, neben BERGAMOTO DI CALABRIA (den Frau Stulle sich unter die Nägel gerissen hat) ist CHINOTTO DI LIGURIA auf jeden Fall bislang mein Favorit.
17 Antworten
11 - 15 von 28