Folge I dieser Serie war noch einem Duft gewidmet, der nur "Russische" hieß. Ob damit das gleichnamige Leder gemeint war oder nicht, blieb offen, auch nach dem Schnuppern.
Bei diesem Duft nun wird es es deutlicher. Juchten. Alias Juchtenleder, Juften, Russischleder, Russisch Juchten, Cuir de Russie, Russian Leather und und und. Es lässt sich also kaum vermeiden, ein paar Worte dazu zu verlieren, was Juchtenleder ist oder jedenfalls im ursprünglichen Sprachgebrauch war, auch wenn ich da nicht der erste bin, der sich in diesem Forum dazu äußert. Nämlich ein pflanzlich (mit Birken- oder Weidenrinde) gegerbtes feines Rindsleder, das durch Einreiben mit Birkenteeröl wasserdicht imprägniert wurde. Das Haupt-Herstellungsland war früher Russland, daher der Name. Aus den verschiedenen Arten Juchten wurden vornehmlich Stiefel, Pferdegeschirr und Brieftaschen hergestellt. Der typische Geruch, angeblich "wie geräucherter Speck", kommt primär vom Birkenteeröl, nicht vom Leder. Das alles wusste schon 1888 Meyers Conversations-Lexikon, und seither zitieren alle, bis hin zu Wikipedia, daraus.
Von dieser Duftrichtung (und dem Namen in all seinen Spielarten) haben sich zahllose große Düfte inspirieren lassen. Und einige kleine auch, wie dieser. Wenn ich recht nachdenke, kenne ich bisher nur einen, nämlich Russisch Juchten von Harry Lehmann, der ein Lieblingsduft von mir ist und den ich als krachend maskulinen Chypre bezeichnen würde. Er hat mit diesem Bernoth-Juchten hier olfaktorisch nichts zu tun. Mit knusprigem Bacon und Ei haben beide eher wenig gemeinsam. Vielleicht ist mit "geräucherter Speck" aber auch so ein von der Scheunendecke hängendes, un-gebratenes 50-Kilo-Teil mit glänzender Schwarte gemeint; aber da liegen meine Dufterinnerungen schon zu lange zurück. Birkenteeröl habe ich auch noch nie (bewusst) pur gerochen. Ich bin also ratlos und muss mir erst noch erarbeiten, was das Gemeinsame all dieser Russenleder ist.
Juchten ist für ein Cologne recht kräftig und haltbar. Es ist ein etwas grob zusammengezimmerter Duft ohne allzu feine Übergänge, aber durchaus von einiger Komplexität. Am Anfang nehme ich einen bunten Strauß eher überraschenden Noten wahr, insbesondere eine speickseifige, eine blütig-warme (nicht mit warmblütige zu verwechseln) und eine pfefferminzige. Hinzu kommt leider wieder (ähnlich wie schon im Wasch-Cologne derselben Marke) eine merkwürdig-muffige Fremdnote, die zwischen feuchter Tabak, nasser Hund und, ja, doch, es muss wieder raus: Fleischwurst (aber diesmal ohne Majoran) changiert. Hier wollte ich diesen Duft an sich schon komplett verreißen.
Nach etwa zwanzig Minuten stabilisiert sich Juchten allerdings auf der Haut, als ob die einzelnen etwas disparaten Noten sich sortiert hätten. Dann ist er deutlich gefälliger. Jetzt lässt sich eine schöne würzig-warme Nelkennote ausmachen, und aus der Fleischwurst ist tatsächlich so etwas wie Leder geworden. Das ganze ist mit einer Frische unterlegt, die am Cologne-Charakter kein Fragezeichen übrig lässt. Trotzdem für mich - entgegen der Statements von Fabistinkt und Rasierwasser - kein Duft, der mir unterm Strich wirklich gefällt. Die 6,5 Punkte sind dabei noch eher großzügig. Schade, denn ich hätte dieses aufs Jahr 1930 zurückgehende und trotzdem bis heute unkommentierte Cologne gerne gemocht.
Ob dieser Bernoth-Juchten nicht so ganz gelungen ist, oder ob mir ganz einfach diese Duftrichtung nicht liegt, werden spätere Tests von ähnlich konzipierten Düften anderer Hersteller zeigen. Für den äußerst niedrigpreisigen, aber für mich trotzdem seinen Preis nicht werten, 200-ml-Flakon werde ich eine Zweitverwendung finden. Was das mittelständische Duftunternehmen Schmitt angeht, bleibt festzuhalten, dass das erste von mir getestete Produkt des Hauses, das Maravilla-Cologne, der einzige Höhepunkt blieb. Danach kamen nur noch ganze (Bernoth Wasch-Cologne, Elasco Aftershave) und halbe (Bernoth Lavendel Cologne und dieser Duft hier) Enttäuschungen.
Но Россия большая, и серия продолжается!
Nachtrag: Wie beim Lavendelbrüderchen dieses Duftes dürfte die Klassifizierung als "Damenduft" ein Versehen der Parfumo-Redaktion sein. Der Duft wird nicht als dezidiert feminin beworben, und meines Erachtens ist er es auch nicht.
Hm... Fleischwurst, danach wollte ich schon immer riechen! Gleich nach Eau De Döner und Eau De Leberkäse! Yummy. Nein, Scherz :) Wie immer fantastisch recherchiert, getestet und geschrieben! Pokal
Spannend zu lesen, ich finde "russische" Themen immer spannend in Düften. Bei "Russisch Leder" gibt es wohl zwei Ansatzpunkte. Der erste wäre, der Duft, der das Leder übertüncht, bzw. schönfärbt. Der zweite ist ein Abbild des Gesamtprodukts, also inkl. Leder-Speckschwarte ;-)
Nur Theorie von mir...
Wieder mal sehr spannend! Einige Juchten-Düfte habe ich schon gerochen und diese Düfte mit Räuchernote sind ja in der postmodernen Parfümerie geradezu wieder modern geworden (allerdings z.T. in sehr extremem Form: s. Beaufort). Ich glaube dir sofort, dass das kein Damenduft ist. Wenn es eine Richtung gibt, die so gar nicht zu Damendüften passt, dann diese. ;)
Interessant, wie man immer ein wenig mit sich ringt, bevor man seine olfaktorischen Idiosynkrasien auf's virtuelle Papier bringt. Aber wenn's doch kurzzeitig nach Fleischwurst riecht, da hast du Recht, dann muss es raus! Halbenttäuschendes-Sattelleder-Pokal!
Parfümlederdüfte mag ich grundsätzlich nicht, auch nicht die feinsten kann ich an mir ertragen. Aber Birkenteer habe ich als Kind gerochen in der Riedbinderei, wo die Sisalbänder mit Birkenteer imprägniert wurden: Trockenes Ried, Sisal +Birkenteer, Sommerhitze flirrend über Heide+Wacholder , hmmmm...wie oft habe ich an dem Birkenteer "geschnüffelt, was bestimmt nicht gesund war:-D. Denn es war mir untersagt worden. Das hat nichts mit allen Rauch- und Lederdüften in Parfüms zu tun.
Der Duft ist sehr anschaulich und aufwendig erklärt. Insofern ist für mich auch klar, den sicherlich nicht testen zu wollen. Danke hierfür und einen Pokal zum juchzen...;-)
Bei ledrigen Düften bin ich ja immer eher anti eingestellt, auch wenn mir Ledernoten in älteren Düften besser gefallen. Aber dieser Duft mutet mir doch etwas schräg an, nasser Hund, Fleischwurst, Räucherspeck. Dennoch erkenne ich deine wieder einmal sehr gelungene Auseinandersetzung mit dem Duft an. Du hast ihm eine faire Chance gegeben.
Nur Theorie von mir...
Und endlich mal ein Cologne, das ich nicht gleich testen oder haben will...