Die x-te Variante der synthetischen Ellena-Taschenspielertricks - inhaltsleere Sauberkeit, bei der nur der Name glänzt
Eher zufällig stolperte ich über eine "Nil"-Probe, jahrelang hatte ich ihn immer nur in der Damenabteilung der Parfumerien gesehen. Dass er unisex sein soll, fiel mir erst auf der Probenpackung auf.
Was soll ich sagen? Die meisten loben ihn, Catch22 zerpflückt ihn aufs Gröbste - und ich bin tatsächlich letzterem (und damit der Minderheitsmeinung) sehr stark zugeneigt.
Es geht mir wie mit mittlerweile sehr vielen Ellena-Düften: Er ist ein One-Minute-Verführer, ein Trickser und Taschenspieler erster Güte. Zur Erklärung:
In den ersten 2 Minuten fand ich "Un Jardin sur le Nil" zunächst nett. Lebendig, aufmunternd, frisch, frühlingshaft. Das ging mir damals auch bei "Déclaration", "Voyage d´Hermès" und anderen Ellenas so. In die Haarspitzen der Kopfnote integriert der alte Fuchs nämlich immer noch naturnahe, authentische Aromen, die einem ein kurzes "Aaah!" oder "Oooh!" entlocken. Der "Nil" zeigt drahtige Grapefruit, auch exotisch-frische Mango.
Und dann - pardon, ich muss es so nennen - passiert die Scheiße: Keine 5 Minuten sind rum und der "Nil" verwandelt sich in ein hautnahes, leb- und seelenloses Monsterchen aus dem Hause "Ambroxiso-e-super".
Padäng!! Genau das gleiche Aromenlevel und -spektrum wie bei "Voyage.." und "Déclaration", durchaus ellenatypisch und gar nicht mal zu verwechseln mit den ganzen Duschgel-Labor-Düften à la Boss und Davidoff. Das keineswegs. Er hat da schon seine speziellen Duftölmixturen und deren Rezeptur gut weggeschlossen.
Dennoch ist es - abermals - diese unterträglich künstlich reine, antiseptische, den Eindruck von Frische erzeugen wollende Standardaromatik, die 97 % der Zeit bar jeder Entwicklung wirkt, in der der Duft auf der Haut weilt.
Bei mir entsteht auch kein Bild vorm inneren Auge, da bin ich bei den Kritikern unten. Der lange Name täuscht, lullt einen ein. Nil, Garten - hmmm...Ägypten, Wüste, Sand, Oase, Sonnenschein, Entspannung.... Aber es will vor lauter flacher 100 %-Weißschleier-Synthetik keine Stimmung aufkommen, keine Assoziation bei so eindringlich vorgetragener Liebe zur Laborhochzeit.
Ich liebe Ellenas "Rocabar", ich schätze sein "Terre d´Hermès", ich mag sein "Ambre Narguilé". Aber das hier ist der gleiche Totalausfall wie oben genannte Düfte, die alle gleichermaßen fad und lebensfern gestrickt sind und im Grunde nur eine aufgeblasene Zelebration von künstlicher und zugleich aufdringlicher Sauberkeit und Reinlichkeit sind.
In der Tat ein schöner Duft! Wer ih nicht mag, sollte trotzdem eine realistische Bewertung vergeben und keine, die dem Duft eines Toilettendesinfektionsmittels nahe kommt. Aber wenn man genau an solchen Mitteln zu lange gerochen hat, kann man die Schönheit von Düften wie "Un Jardin sur le Nil" vielleicht einfach nicht mehr wahrnehmen.
Solch drastische Worte braucht man für den eigentlich nicht, der tut keinem weh... Ich habe ihn mir, vor einigen Wochen, von "meiner Mitbewohnerin", aus "dem Nachbarbad", ausgeborgt, in mein Regal gestellt ~ und hier ins virtuelle Regal! ;) Mir gefällt er an ihr sehr! An mir weniger. Hautchem**? Egal. "Die Leihgabe" geht zurück, die virtuelle & tatsächliche Sammlung wird verschlankt, hah!
Den empfine ich als himmlisch natürlich grün, ein wunderschöner Duft! Die Geschmäcker und die Wahrnehmungen sind sooo verschieden, immer interessant zu lesen.
Komisch, vor 5 Jahren habe ich schon geschrieben, dass er mir nicht gefällt und wurde dafür gründlich ausgepfiffen. Ob sich die Geschmäcker seither geändert haben sollten? Und wohin mag die Reise gehen?
Bin völlig deiner Meinung. In meinem Leben vor Parfumo habe ich mich immer gefragt, was mich an den Hermes-Düften der jüngeren Generation so störte. Irgendwann kam ich natürlich drauf. Ich bin tatsächlich immer ganz froh, wenn ich keine Ellenas direkt um mich herum habe.
Der "Nil" war der erste Duft, den ich bald nach Kauf wieder verkauft habe. Nach einer traumhaften Kopfnote kamen für meinen Geschmack tomatig-gemüsige Noten, die vielleicht tatsächlich auf den Dachgärten am Nil so vorkommen, mir aber gar nicht zusagten.
Verrisspokal ;)
Ich bin ebenfalls auf die Schwärmereien hier hereingefallen. Und war sehr enttäuscht, wie wässrig-synthetisch der Duft ist. Von Gärten, meinetwegen auch am Nil, weit entfernt.
Habe ihn mehrmals getestet - in der Hoffnung, die allgemeine Begeisterung zu verstehen. Kopfnote: ah, diesmal mag ich ihn! Nach ein paar Minuten: nein, doch nicht. Krautig-synthetisch. Die von Dir erwähnte "Ambroxiso-e-super"-Note hat mir schon viele Hermes-Düfte verdorben.
Hm, interessant, vielleicht wurde der Duft auch verändert? Ich hab noch einen "vintage" Flakon hier, von 2007, und da ist kein Ambrox Iso etc. drin, der riecht wirklich fein. Da ich alles mit Ambroxan /Cashmeran nicht mag, und es tatsächlich in Düften sofort rausrieche, kann es in der alten Version nicht drin sein. Werd demnächst mal im Laden an der neueren Version schnuppern gehen.
Sehr schön ehrlich ge- und beschrieben! Ich finde ihn zwar nicht künstlich, aber es ist wirklich nur eine Sekunden-Liebe(lei), die mich nicht zum "bei mir bleiben" bringt.
Warum drehen hier Leute wie Garcon deshalb so durch?
Krass.
Danke für Deinen Kommentar Fabian.
Verrisspokal ;)