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You Para | Diso von ICK Amsterdam

You Para | Diso 2010

Meggi
15.01.2016 - 14:53 Uhr
25
Top Rezension
7.5Duft 9Haltbarkeit 8Sillage 10Flakon

Gualtieris „1812”?

Selbst wenn ich keine Ahnung gehabt hätte, wer hinter You Para | Diso steht, hätte ich auf Gualtieri getippt. Der Duft erinnert vom Start weg sofort derart frappierend an Black Afgano, dass es dafür keiner ausgefuchsten Expertise bedarf. Und trotz einiger Unterschiede im Verlauf bleiben wir auf vertrautem Terrain.

Das soll ein Duft sein, der ein Ballett spiegelt (https://vimeo.com/13001093)? Ein Kracher vom Kaliber des schwarzen Afghanen? Eine solche Aufführung muss doch eher aussehen, wie sich der plumpe Elefanten-Tanz aus dem Karneval der Tiere anhört (https://www.youtube.com/watch?v=IsUQk-HcP6s), als dass es Leichtigkeit à la Waslaw Nischinskij (zu erahnen in: https://www.youtube.com/watch?v=pZ1g7VAt-Nk) unterstreicht, so die Befürchtung. Abwarten. Beginnen wir das Gualtieri-Duftnoten-Rätselraten:

Abgesehen von der bereits pauschal benannten Black-Afgano-Ähnlichkeit (in Kürze: dunkel-warmes Holz aus der Guajak-Sandel-Ecke, finster-süßliches Harz, geradezu verflüssigter Rauch – die meisten werden den Duft kennen) nehme ich zum Auftakt von You Para | Diso eine Art marzipaniges Bittermandel-Aroma wahr. Beim zweiten Test fühle ich mich indes mehr an eine Schuh-Creme erinnert; es gab es vor vielen Jahren mal eine, die einen entsprechenden Geruch verströmte. Eine Kindheits-Erinnerung.

Ein Kurz-Auftritt, der binnen Sekunden einer rauen Anmutung weicht. Deren Ursprung mag zum einen Patchouli sein, welches allerdings nicht in Richtung Erde, sondern in Richtung (nur in Richtung!) Leder gedreht wäre. Zum anderen und in erster Linie lässt jedoch – soooo eine Überraschung! – Duro grüßen: Wir schleifen und lackieren Holz. In der zweiten Stunde hake ich zudem Kaffee ab, der in eine gesättigte Zucker-Lösung verwandelt wurde. Dazu bis ins Greifbare eingedickter Weihrauch. Zur heftig umstrittenen Cannabis-Note aus Black Afgano kann ich nichts Sachkundiges beitragen.

Aber im Laufe des Vormittags hebt sich der Schleier… ach was: Schleier. Unfug. Es hebt sich die dicke Brokat-Decke an und gerät allmählich – für ihre Verhältnisse - ins Schweben. Der Weihrauch ist nicht allein dunkel, auch eine hellere und eher holzige Variante ist nun beteiligt. Wo wir wiederum bei Holz sind: Als neuerliche Duro-Reminiszenz erscheint helles Holz mit dem typisch süßlichen Kunstholz-Einschlag. Gefällt mir im vorliegenden Fall freilich besser als anderswo, weil es sich gut in das ohnehin süße Umfeld einfügt. Insgesamt umgibt und unterlegt inzwischen eine Aura von hellholziger Luftigkeit den kräftig-malzigen Kern.

Der Duft hat sich mithin entfernt von der wuchtigen Penetranz, die Black Afgano vorgeworfen werden mag. Die holzige Sägemehl-Note des Untergrunds…äh… Sägemehl? Sägespäne? Wie im Zirkus? Halt mal! Werden bei Ballett-Aufführungen ebenfalls Sägespäne verstreut? Allenfalls wohl bei jenen des erwähnten Elefanten. Lassen wir das. Als Duft-Eindruck passt es dennoch. Just dieses Holz setzt sich nachmittags allmählich stärker durch. Die luftig-helle Holznote ruckelt sich frei und verweist ein letztes Mal auf Duro. Zwar steigert sich dabei ein Stück weit die zuvor vermiedene Synthetik-Aufdringlichkeit, sie hält allerdings rechtzeitig inne, und tanzt (um im Marketing-Bild zu bleiben) zu keiner Zeit aus der Reihe. Sandelholz, denke ich, schiebt sich mühsam unter der Süße hervor.

Das langsame (sehr langsame) Ableben des Duftes ab der achten, neunten Stunde bis tief in den Abend hinein mag für Gualtieri-Verhältnisse früh einsetzen, Anlass zu Klagen bietet es zweifellos nicht. Eine Idee Moschus bilde ich mir als Rausschmeißer ein. Ist doch alles in Ordnung.

Gleichwohl stellt You Para | Diso – das lässt sich beim besten Willen nicht leugnen – eine Variation bzw. Verblendung bekannten Gualtieri-Stils dar. Und das bringt mich jetzt zum Titel des Kommentars. Die Ouverture solennelle „1812“ ist eine Komposition von Pjotr Iljitsch Tschaikowskij, die den Sieg Russlands über Napoleons Grande Armée vertont. Es handelte sich um ein Auftragswerk und Tschaikowskij selbst schrieb seiner langjährigen Gönnerin Nadjeschda von Meck, die Ouvertüre hätte, „da ich sie ohne Liebe geschrieben habe, keinen künstlerischen Wert.“

Ganz so weit werde ich sicherlich nicht gehen. Weder dort, noch hier - welche Expertise würde ich mir anmaßen! Nur liegt es nahe, dass der Künstler, dessen Inspiration ungelenkt fließen darf, zu Höherem gelangen mag als derjenige, der sich in von anderen vorgezeichneten Bahnen bewegen oder zu von anderen gewählten Anlässen (Duft)-Noten setzen soll. Womöglich hat Alessandro Gualtieri, wie damals Tschaikowskij, unter Einsatz seiner bewährten kompositorischen Mittel routiniert und gekonnt einen Auftrag erledigt.

Und wie Tschaikowskij mit „1812“ eine wirkungsvolle, und deshalb völlig zu Recht beliebte Komposition gelungen ist, hat Gualtieri nicht minder professionell abgeliefert. Für die, denen Black Afgano oder - mit Einschränkungen - Duro jeweils auf seine Weise schlichtweg zu viel des Guten (oder wovon auch immer) war, ist You Para | Diso nämlich ein echter, wenngleich leider eingestellter Tipp. Und außerdem gewissermaßen ein Original und kein Klon aus fremder Hand.

Ich sollte Black Afgano nochmal testen – vielleicht einen halben Sprüher.

Vielen Dank an Gerdi für die Probe und für manche ergänzende Information!
16 Antworten
SeejungfrauSeejungfrau vor 10 Jahren
Wieder ein Duft der mir gefallen könnte.Eine gedimmte BA Version ist nicht zu verachten.Tolle Info und Kommi.
DobbsDobbs vor 10 Jahren
Ich denke, ich werde es verschmerzen können, wenn dieser Duft meinen Weg nicht kreuzt ;o)
PlutoPluto vor 10 Jahren
Asche auf mein Haupt, Black Afgano kenn ich immer noch nicht...
GaukeleyaGaukeleya vor 10 Jahren
Sind alle nicht ganz my cup of tea, jedenfalls nicht an mir (obwohl - Duro finde ich minimal dosiert so übel nicht).
AchillesAchilles vor 10 Jahren
Eher Stercus mit ein wenig Frucht, BA riecht für mich fast nur nach Cannabis der You|para diso ist eine eindeutige Gualtieri Kreation
ErgreifendErgreifend vor 10 Jahren
Stercus oder BA? Das frage ich mich .. Danke für die Beschreibung.
MezzanineMezzanine vor 10 Jahren
Wahnsinn, so viele Nasen riechen BA in diesem Duft. Für meine Nase ist You Para / Diso eine weiche Sonntags-Version von "Stercus". Und viele sagen Stercus riecht wie BA. Ich rieche da 0 Ähnlichkeiten, aber ist doch witzig. Die Nasen :-)
SarungalSarungal vor 10 Jahren
Beinahe interessant - wenn ich den Schwarzen Afghanen denn mögen würde. Dessen Ingredienzien lesen sich allerdings leider besser als er duftet :-)! Pokal
MarWicMarWic vor 10 Jahren
Der Test machte dir sichtlich Freude.....Genau dein Ding !
OrmeliOrmeli vor 10 Jahren
Finde, das auch bei schwarzer Schuh-Creme, gewisse olfaktorische Mindeststandards eingehalten werden sollten :-)
PaloneraPalonera vor 10 Jahren
Vielleicht hat man ja das gemeint: http://www.ballet-revolucion.de/ *denk*...
YataganYatagan vor 10 Jahren
Nein Danke, die Gualtieri-Düfte schwingen mir alle zu sehr die große Keule. Ich glaube fast, dass ich den nicht auch noch testen muss. Wie immer fein beschrieben!!
DOCBEDOCBE vor 10 Jahren
Bildungsbürger-Pokal iVm Lob für Einblicke und Erkenntnisse :)
TaurusTaurus vor 10 Jahren
Interessant, wie sich doch einige Parfumeure immer ganz gut bei sich selbst bedienen :D
GerdiGerdi vor 10 Jahren
Tjä,- man kann seine Handschrift zwar verstellen, aber Experten erkennen dennoch die Herkunft! Und warte mal den Boccanera ab, da wird's dann noch verwirrender...
ErgoproxyErgoproxy vor 10 Jahren
Nun, den Afghanen kenne ich, den Tschaikowskij dafür nicht.