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Meggi
26.02.2016, 15:09 Uhr
8Duft 5Haltbarkeit 6Sillage 8Flakon
Top Rezension 22

Pipi Fumeum

Von Beginn an macht mir Piper Nigrum (nennen wir es vorläufig noch so) viel Spaß. Eine tic-tac-süße Minze kabbelt sich mit Gewürznelke. Herbe Bergamotte versucht womöglich zu schlichten. Nur hat sie selbst einen Kasper gefrühstückt: Sie entwickelt die gleiche Hallenbad-Anmutung wie im Geschwisterduft Uomo. Ich denke, daran ist Rosmarin nicht unbeteiligt, der alsbald auch in persona zu bemerken ist. Lustig. Ich fand es in Uomo bereits verrückt, wie sich der Rosmarin gedanklich in eine Chlor-Pipi-Hallenbad-Richtung drehen ließ.

Petitgrain bindet die Aromen im Untergrund und verhindert, dass sich die Fülle der Zutaten ins Pittoreske verliert. Die „grünen Noten“ speisen sich ebenfalls aus dem Gewürz-Bereich. Ich denke an Basilikum und eventuell Koriander, jeweils in Blattform.

Schon vor dem Ende der Auftakt-Stunde ist eine Nähe zur Weihnachtsbäckerei tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Es geht freilich nie ganz auf diese Schiene, da ist das mediterrane Element vor. Außerdem riecht die harzig-rauchige Note, die sich ab der zweiten Stunde hinzuschleicht, nun wirklich nicht wie angebrannte Plätzchen, allenfalls wie…dazu später, die Kokelei hat ihren großen Auftritt nämlich erst noch.

Wo wir bei Rosmarin sind, ist zumindest in der Küche der Weg zu Rosmarinkartoffeln nicht weit. Et voilà, wie bei Numero Uno von Carthusia darf auch im vorliegenden Fall eine kartoffelig-getreidige Anmutung nicht fehlen. In Numero Uno ist sie jedoch viel stärker ausgeprägt, Herr Villoresi hält Sicherheitsabstand zur Küche.

Rosmarin und Nelke streiten um die Vorherrschaft. Es gewinnt: Der Pfeffer. Still und heimlich erhebt er sich aus dem Gerangel und es dauert eine Weile, bis ich sein Aroma überhaupt bemerke. Obwohl ich ihn als nicht annähernd so stark oder dominant wahrnehme wie gelegentlich berichtet, übernimmt er die Lufthoheit, während direkt auf der Haut die beiden Kollegen ineinander verbissen sind.

Am Ende werden sie beide ausgezählt, denn im Laufe des Vormittags wird es feurig-scharf-würzig. Piper Nigrum? Na, der Piper hier war im Urlaub in Cayenne. Nadelholz, meinetwegen. Aber dann steht es in Flammen. Vielleicht brennt der weihnachtliche Tannenbaum. Daneben kokelnde…Myrrhe? Welch‘ ein Schwenk im Duftcharakter! Eine Rest-Nelke als gewissermaßen Konstante zeigt ihre warmwürzige Seite. Trotzdem ist aus Piper Nigrum ratzfatz ein kräftiger Raucher geworden.

Der rasch einen wiederum abenteuerlichen Schwenk hinlegt: in Richtung Amber. Einschließlich der allzu oft damit gleichsam verheirateten Süße. Erinnert mich jetzt stark an Ambre Sultan von Serge Lutens, man könnte geradezu von einem Phasen-Zwilling sprechen. In Anbetracht der zeitlichen Abfolge hätte sich der Herr Villoresi was abgeschaut…. Zum Beispiel die in der hiesigen Pyramide verschwiegene Vanille. Ich lese zwar, dass Perubalsam nach Vanille riecht, aber wenn da mal nicht das Controlling die Oberhand behalten hat. Ich finde, es riecht nach Vanille. Punkt.

Näheres Hinriechen indes relativiert den spontanen Eindruck der Lutens-Ähnlichkeit und enthüllt, dass Herr Villoresi seine Kreation doch erwachsener gestaltet hat. Während Herr Lutens – um es boshaft auszudrücken – einen durchaus anspruchsvollen Würzstart-Amber mit ordentlich Vanille bekippt hat, möglicherweise, um per angedeutetem Nachtisch-Charme die Vermarktungschancen zu verbessern, bleibt Herr Villoresi diesseits der Süßspeisen-Demarkationslinie. Wie ein Keil ragt zunächst anis-gestählter Oregano und im Fortgang ein regelrecht bitterer Schwarz-Pfeffer-Rest in die Süße hinein und verleiht ihr just jenen würzig-ätherischen Dreh, der im Vergleich wohltuend…nun ja…“sachlich“ bleibt. Oder eben erwachsen. Allerdings wird es knapp. In der vierten, fünften Stunde sogar verdammt knapp. Was Piper Nigrum angesichts dessen tut, könnte als weise bezeichnet werden: Er schwindet. Nach kaum sechs Stunden ist praktisch Schluss.

Das ging dann plötzlich derart schnell, dass wir uns mit dem neuen Titel „Pipi Fumeum“ also auf eine Kurz-Zusammenfassung der ersten Hälfte des Duftverlaufs beschränken: Vom Hallenbad-Chlor-Pipi zum Rauchigen.

Fazit: Es fällt mir angeriechts der gebotenen Achterbahnfahrt schwer, den Duft einzuordnen oder eine an bestimmten Vorlieben orientierte Empfehlung auszusprechen. Nichtsdestoweniger bereitet mir der Duft Vergnügen.

Ich bedanke mich bei MisterE für die Gelegenheit zum Test.
14 Antworten
WoodpeckerWoodpecker vor 9 Jahren
Ras el-Hanout ?
RickthedogRickthedog vor 10 Jahren
Hahaha...Pipi-Rauch. Da krieg ich ja Augenpipi. Wie immer sind deine Kommis hochinteressant = Pocalum Chlorum!
ErgreifendErgreifend vor 10 Jahren
Eine Achterbahn eingebaut in einem Duft? Klingt doch sehr vielversprechend. Pokal
DuftJunkieDuftJunkie vor 10 Jahren
Bei vielen anderen Marken kann man froh sein, wenn man einen Duft wie einen Hafen abbekommt. Bei Villoresi bucht man oft gleich eine ganze Kreuzfahrt :-).
GaukeleyaGaukeleya vor 10 Jahren
In letzter Zeit scheinst Du an auffallend viele Kunterbunthinundherdüfte zu geraten, scheint mir... ^^ Der hier klingt mir auch zu krautig/küchig, als dass ich einen Testwunsch nicht easy unterdrücken könnte.
PlutoPluto vor 10 Jahren
Na wenigstens bringt der Duft Abwechslung ins Leben. Und Vergnügen :o)
PaloneraPalonera vor 10 Jahren
Oh, hat Lorenzo den Rummelplatz entdeckt? Das wäre in der Tat vergnüglich und ich sollte mich wirklich einmal auf die Suche nach meiner Abfüllung begeben.
TaurusTaurus vor 10 Jahren
Ui - in dem Duft passiert ja so einiges ... langweilig ist es mit ihm bestimmt nicht ;-)
MarWicMarWic vor 10 Jahren
Die Villoresi`s haben alle einen besonderen "Dreh"-meine letzte Entdeckung ist der Ambra--sehr spannend und ungewöhnlich.....
MisterEMisterE vor 10 Jahren
Typische Villoresi Handschrift m.E.. In meiner Wahrnehmung war dieses pfeffrige tatsächlich etwas mehr als bei dir erkennbar. Trotzdem war ich sicher, der wäre einer nach deinem Geschmack..... Ich persönlich mag die Italiener generell ja recht gerne!
GerdiGerdi vor 10 Jahren
Uihh...immer diese Fäkalien! Ich vermisse den deutlichen Dill in Deiner Schilderung... Die kurze Laufzeit des Duftes ist ideal: 'Essen machen-Verspeisen- Kaffee- Abwasch- Fertig'! Dann kommen wir zu den schönen Seiten des Lebens mit einem Gourmand!
YataganYatagan vor 10 Jahren
Kann das nachvollziehen, dass man dem 8.0 gibt, obwohl ich ihn nicht ganz so gut bewertet habe. Vergnügen ist, glaube ich, das richtige Wort bei diesem Dufterlebnis.
ErgoproxyErgoproxy vor 10 Jahren
Ich fand den richtig schauerlich. Entweder lag es an der damaligen Probe, oder aber, das Konzept ist nix für meine Nase.
CravacheCravache vor 10 Jahren
Bei Piper Nigrum bin ich immer noch unschlüssig, ob "Geil!!!" oder nicht. Bei Deinem Kommi nicht: tolle Duftanalyse, boah ey!