Les Nombres d'Or - Vanille von Maison Mona di Orio

Les Nombres d'Or - Vanille 2011

Meggi
26.02.2015 - 13:46 Uhr
26
Top Rezension
7Duft 7.5Haltbarkeit 7.5Sillage 7.5Flakon

Schmerzhaft köstlich

Wer angesichts des Namens und der Zutaten eine Farb-Assoziation zu Gelb hatte, lernt die dunkelst-denkbare Form davon kennen. Dagegen sind die Zähne von Helmut Schmidt perlweiße Alle-Photonen-Wiederabprallen-Lasser. Und das Dunkelgelb gilt in jeder Hinsicht. Fangen wir vorne an:

Der Rum zum Auftakt ist bei mir schneller verschwunden als der Anteil Neptuns beim „Besanschot an!“ (der wird ins Wasser gekippt), vielleicht abgesehen von einer gewissen Restsüße. Eine Idee von Guajak schimmert kurz auf, als solle irreführenderweise ein Weg ins Sanft-Liebliche vorgetäuscht werden. Aber dann.

Hesperidien finsterster Art, wie aus einem Brutalo-Chypre. Eine pelzige Bergamotte wird von einem bis fast zur Pulvrigkeit konzentrierten, charakterlich regelrecht grün-unreifen Bitterorangenöl abgelöst. Ich dachte, stumpfer als in Numero Uno von Carthusia (dort wird immerhin ergänzend Getreide ins Feld geführt) geht nicht. Falsch gedacht.

Trotz dieser ostentativen Nicht-Gefälligkeit wird der Duft innerhalb von ein, zwei Stunden durchaus schmackhaft, wenngleich auf sehr eigenwillige, komplett ungourmandige und ziemlich schmerzvolle Vanillebrot-und-Peitsche-Weise. Die Haupt-Zutat wird nämlich von der Gewürznelke mit vorgehaltener Eugenol-Sprühpistole in Schach gehalten. Oder sogar direkt teil-anästhesiert - Eugenol wirkt betäubend, daher Gewürznelken-Kauen als altes Hausmittel gegen Zahnschmerzen. Wer das bereits einmal gemacht hat (eine typische Kinder-Weltwissen-Erfahrung), kennt das komische, scharf-taube Gefühl dabei sicherlich. Könnte vom Stil her auch Muskat sein, welches ebenfalls Eugenol beherbergt.

Eieiei. Meist ist bei Vanille doch wenigstens eine Andeutung von Nettigkeit oder gar Lieblichkeit unvermeidlich, hier wird derlei indes auf das Allerallernotwendigste beschränkt (mehr „aller“ geht nicht, sonst springen die automatischen Alarmposten der NSA an). Stattdessen schrammt die Vanille lieber sicherheitshalber ergänzend so dicht an der Räucherkate vorbei, wie es überhaupt nur vertretbar erscheint für etwas, das kein Schinken werden soll.

Der Mittelteil rührt viehische Ambra, raues Leder und womöglich zusätzlich zur Räucher-Note eine Art Rosengeranie (die ich oft als ge(b)raucht-tabakmäßig bitter wahrnehme) in die Vanille. Zudem bleibt ein Rest spitziger Säure mit von der Partie. Als bestünde irgendeine Form von Klarstellungsbedarf, dass man es wirklich nicht mit einem Geruchs-Nachtisch à la Comptoir Sud Pacifique zu tun hat. Ich hatte keinen derartigen Gedanken. Und dennoch bleibt es obenauf süß. Das ist in absurder Weise köstlich wie leicht abstoßend zugleich, in jedem Fall faszinierend. Dieser Mittelteil läuft und läuft und läuft. Den ganzen Tag. Denn erst nach acht Stunden entwickelt die Vanille allmählich ein Benehmen, wie man es üblicherweise aus einer Basis kennt. Das finde ich völlig in Ordnung, schließlich war das insgesamt doch mal echt tiefschürfend.

Fazit: Wenn es schon eine Mega-Packung Vanille sein muss, dann so. Selbst für Vanillo-Phobiker ein Test-Tipp; geradezu perfekt als Auftakt einer Desensibilisierungs-Aktion.

Vielen Dank an MisterE!
16 Antworten
SkjomiSkjomi vor 10 Jahren
Immer wieder eine Lesefreude! Die Desensibilisierungs-Vanille, die gerade nochmal dem Räucherschinken-Dasein entronnen ist, wenn es möglich wäre, würde ich mehrere Pokale dalassen... :-)
LapislazuliLapislazuli vor 10 Jahren
Genau! Vanille in der Kuschel-Variante langweilt mich. Und deshalb liebe ich den so!
IngerInger vor 10 Jahren
Diese Marke entdecke ich gerade - also ab auf die Merkliste mit dem!!
YataganYatagan vor 10 Jahren
Denn kenne ich zwar nicht, aber die Mona di Orio fand ich alle - im Gegensatz zu den meisten Parfumos - nur anstrengend und fast ein bisschen ekelig. Ich wünsche dir, dass dieser hier harmonischer war. ;))
0815abc0815abc vor 10 Jahren
Echt?Ich hab schnarchlangweilige 60% vergeben.Ulkig.Linear,völlig unspektakulär, pfft eben.
Soschönrundistdieweltpokal!
KleopatraKleopatra vor 10 Jahren
Es war eben die Gewürznelke, die mich seinerzeit ins Koma befördert hat. Hach, was hatte ich mir da einen Rum gewünscht!
PlutoPluto vor 10 Jahren
Hm, ich glaub, den muss ich nicht probieren.
GerdiGerdi vor 10 Jahren
Perfekte Schilderung eines verstöhrenden Duftes! Enttäuscht habe ich die Probe weitergereicht. Ich hab's dann doch lieber etwas artiger...
GaukeleyaGaukeleya vor 10 Jahren
Spannend! Ich fand schon den Musc aus der Reihe überraschend anders als eigentlich zu erwarten war (jedenfalls für mich).
MisterEMisterE vor 10 Jahren
Meine Herren, den hast Du aber zerlegt. Feines Düftchen, feiner Kommi. Bei mir immer noch die Referenz bei Vanille. Dunkel gelber Pokal..... !
PaloneraPalonera vor 10 Jahren
Jaja, die Mona... Es ist und bleibt ein Drama, daß die junge Dame sich so früh verabschieden mußte, nicht nur ihrer sehr eigenen Interpretation von Vanille wegen.
MarWicMarWic vor 10 Jahren
Was für ein wilder ,schmerz-köstlicher Ritt -sagenhafte Beschreibung eines Duftes !!!
DobbsDobbs vor 10 Jahren
Brutalo-Chypre, pelzige Bergamotten... jetzt fürchte ich mich! Vanille habe ich wohl doch lieber in der harmloseren Variante. Aber deine Wortschöpfungen - herrlich :o)
DuftJunkieDuftJunkie vor 10 Jahren
Egal ob es das gelbste Gelb aller gelben Gelb ist, oder die Zähne von Helmut Schmidt; ich stehe mit Vanille zur Zeit irgendwie auf Kriegsfuß :).
ErgoproxyErgoproxy vor 10 Jahren
Jepp!
SkjomiSkjomi vor 10 Jahren
Besser kann man diesen Duft nicht beschreiben, ich packe meine Notizen wieder ein.. Eine bittere und doch unglaubliche Erfahrung, die ihresgleichen sucht! Pokal!