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Palonera
31.12.2013 - 12:43 Uhr
27
Sehr hilfreiche Rezension
9Duft 10Haltbarkeit 10Sillage

"Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren!"

Mehr als fünfzehn Jahre ist es her, seit ich ihr begegnet bin.
Ich betreute PIANO, ein in Nishny Nowgorod beheimatetes Tanztheater gehörloser und hörender Kinder, das eine Woche lang in Essen gastierte.
Sie hatten sie kennenlernen wollen, sie, deren Ruf längst bis nach Rußland gedrungen war, die keine Worte brauchte, um Geschichten zu erzählen, nur den Körper, nur die Hände, nur die Augen, die mit einem Schritt, einer Beugung des Rumpfes die Seele gen Himmel schicken und einen Wimpernschlag später am Boden zerschmettern konnte.
Die die Unscheinbarkeit ihres Äußeren trug wie eine Maske, sich verbarg hinter nachlässig übergeworfenen Kleidern, dem streng zurückgekämmten Pferdeschwanz, einem Gesicht, das nicht einmal Mascara trug und fernab der Bühne jeden Ausdruck zu scheuen schien.
"Nein" hatte sie gesagt, wieder und wieder, Wochen und Monate lang, hatte arbeiten und tanzen und denken wollen mit ihrer Kompanie, mit ihren Männern und Frauen, die groß waren und klein, jung und weniger jung, rank und nicht ganz so schlank, die in Straßenkleidern tanzten und in Fetzen flanierten und lebende Bilder schufen, die faszinierten und verwirrten, betörten und verstörten, die niemand verstand und denen sich doch niemand entziehen konnte.
Bis wir ihr einen Film schickten, den Film der leisen Töne und lauten Bilder, den Film der Kinder, in deren Seelen sie ihre eigene gespiegelt fand.
Und bis zuletzt rechnete ich mit einer Absage, mit einer Unpäßlichkeit, mit einem gebrochenen Knöchel, auch noch, als sie uns entgegenkam, schmal und zerbrechlich scheinbar und ganz in Schwarz, sanft blickende Augen in einem ernsten, fast hageren Gesicht, ein unvorstellbar schüchternes Lächeln und in der Hand die obligatorische Zigarette.
Pina Bausch, eine der größten und einflußreichsten Tänzerinnen und Choreographinnen des 20. Jahrhunderts.

An sie, an die Begegnung mit ihr muß ich denken, als mir die ersten Takte von "Ballets Rouges" in die Nase steigen.
Inmitten wirbelnder Schleier aus herben, grünen, kühlen, silbrig bis anthrazitgrau facettierenden Akzenten erhebt sich eine tiefdunkle, nahezu schwarze Rose, die samtigen, nicht von einem einzigen Tropfen benetzten Blütenblätter weit geöffnet, majestätisch, stolz, erhaben, doch nicht kalt, nicht streng, nicht hochmütig.
Still steht sie da, ruhig, reglos, teilnahmslos fast gegenüber dem Wirbel um sie herum, wartend, abwartend, daß er sich legen möge wie der Trommelwirbel, wie die Fanfare, die einem großen Auftritt vorausgehen, die sie ankündigen, die Primadonna, die Primaballerina, jene eine, auf die sich alle Blicke richten.
Und während sich die Wogen glätten, der Auftakt unmerklich leiser wird, zurückweicht in den Hintergrund, mit der Haut verschmilzt, beginnt sich die Rose zu drehen, zu winden, zerschneiden Pirouetten und Sprünge die Luft, verströmt sie ihren fulminanten, fast narkotisierenden Duft, füllt sie den Raum, lange dunkelrote Schleier hinter sich her ziehend, die Sinne verwirrend, stark und schön und übermächtig, den Atem nehmend und in die Knie zwingend.
"Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren!"

Es ist schwer, "Ballets Rouges" in Worte zu kleiden, sehr schwer.
Dieser Duft ist anders als jeder, den ich bisher von Ellen Covey unter der Nase hatte – er versetzt mich an keinen Ort, nimmt mich mit auf keine Reise, erschreckt und brüskiert nicht, verlangt keine Mutprobe.
Und doch ist er alles andere als gefällig, alles andere als alltäglich, wird auch dieser Duft, so meine Prognose, nicht viele Freundschaften schließen.
Dafür ist sein Anspruch an den Träger zu hoch, verlangt er Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung, Fingerspitzengefühl und eine starke Persönlichkeit.

Ellen Covey stellt "Ballets Rouges" als Chypre vor – so sehr ich diese Klassifikation vor dem Hintergrund herb-grüner Eröffnungsakkorde nachvollziehen kann, so sehr reizt sie mich doch angesichts der weiteren Entwicklung zum Widerspruch, erlebe ich die Rose als so voll und dunkel, lasziv ohne jede vordergründige Erotik und zugleich als distanziert, sich in trockenen Rauch und Hölzer hüllend und im nächsten Augenblick auf dunkelroten Samt bettend, neben sich eine Schale gewürzter Früchte, daß ich nicht umhin komme, in florientalische Richtungen zu denken.

"Ballets Rouges" verbirgt mehr, als enthüllt wird, lenkt den Blick in abgründige Tiefen, in dornig-dichtes Strauchwerk, zieht an und stößt zurück, die Hand an der Kehle ansetzend zum Pas de deux, sich drehend, wirbelnd, kreisend, stampfend, bis mir trotz minimaler Zwei-Tropfen-Dosierung neben dem Hören auch fast das Sehen, das Riechen vergeht.
Sehr anstrengend ist das, sehr fordernd – und doch auch betörend, verstörend wie eine Choreographie von Pina Bausch.
Ob Ellen Covey ihr jemals begegnet ist?
15 Antworten
GschpusiGschpusi vor 7 Jahren
Puh.... da bin ich fast geneigt, den trotz Aldehydiges auf die Merkliste zu setzen.
FlorblancaFlorblanca vor 12 Jahren
Eine wunderbare Hommage an Pina Bausch und an EP's Lieblings-Olympic. Dennoch habe ich diesem Duft einen anderen vorgezogen. Vielleicht sollte ich ihn doch nochmal probieren. Ungewöhnliche Rosen sind ja normalerweise ganz mein Fall...
MarronMarron vor 12 Jahren
Ich habe sie leider nie live gesehen, aber ich liebe den Film über Pina Bauschs Truppe sehr. Wunderbar geschrieben!
KleopatraKleopatra vor 12 Jahren
*verneigundschwarzeroseüberreich*
ErgoproxyErgoproxy vor 12 Jahren
Flor fand den ja eher zurückhaltend.:) Ja, der Duft ist schon etwas Besonderes und, wie ich finde, bisher der beste Duft von Ellen Covey. Toller Kommentar!
ChypienneChypienne vor 12 Jahren
Eines solchen Kommentars fähig - respektvolle Bewunderung!
IngerInger vor 12 Jahren
Den Duft kenne ich nicht - Dein Kommentar ist aber wunderschön!
ZoraZora vor 12 Jahren
Ein wundervoller Kommi.
DobbsDobbs vor 12 Jahren
Es ist immer wieder eine Freude, deine Duftbilder zu lesen!
AuraAura vor 12 Jahren
Ich wünsche Dir, dass Du auch mal Ellen Covey begegnest, ich glaube, ihr zwei hättet viel miteinander zu bereden...
SeeroseSeerose vor 12 Jahren
DAS ist ein Duft, wenn er Bilder, Begegnungen, Bewegungen wieder hervorruft! Hach ja...Balettschuh+
TurandotTurandot vor 12 Jahren
Ich verneige mich in Ehrfurcht!
PlutoPluto vor 12 Jahren
Hm, Yatagan hat schon geschrieben, was ich auch bemerken wollte ! Und Respekt vor Deinem Kommi !
YataganYatagan vor 12 Jahren
Mit Pina Bausch gearbeitet? Respekt!!!
ParfumAholicParfumAholic vor 12 Jahren
Ambivalenz ist eine tolle Eigenschaft, die mich fast immer reizt und sehr interessant sein kann! Beeindruckende Beschreibung einer Ausnahme-Tänzerin und eines Ausnahme-Dufts! Vielen Dank!!