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Floyd
30.07.2019 - 20:52 Uhr
23
Top Rezension
7.5Duft 9Haltbarkeit 8Sillage 7Flakon

Der Duft des Film Noir

Eine Aufblende führt den Zuschauer in eine Privatdetektei in einem Sandsteinhochhaus im pulsierenden Los Angeles der 1930er Jahre, gefilmt in nebligen Schwarz-Weiß-Tönen. Das Kameraauge wandert von einem schweren alten Deckenventilator abwärts zu einem ebenso wuchtigen und verschlissenen Schreibtisch, hinter welchem Philip Marlowe (Humphrey Bogart) die Los Angeles Times liest, in einen dunkelgrauen Anzug gekleidet mit weißem Hemd und dunkler Krawatte. Zunächst ist nur das leise monotone Quietschen des Ventilators zu hören, ehe sich Schritte der Tür des kleinen Büros nähern. Marlowes Blick geht zur Tür, durch deren Milchglasfenster der Schatten eines Kopfes zu sehen ist. Kurz darauf tritt eine mysteriöse junge Dame (Lauren Bacall) ein. Sie trägt einen langen weißen Mantel und einen breitkrempigen Hut, wodurch ihr Gesicht zunächst von Schatten verdeckt bleibt. Sie verharrt neben der Tür vor einer Wand, auf welcher sich schräg von oben nach unten verlaufend die parallelen Schatten der Fensterjalousien abzeichnen. Als sich ihre Blicke treffen, entfaltet sich explosionsartig der zunächst atem(be)raubende Duft des Film Noir.
Wild tosend wirbelt der Deckenventilator animalisch opulente, leicht scharfe, sehr würzige und zugleich kühle Noten der alten Schule durch den Raum, wie der olfaktorische Ausdruck der emotionalen Entfesselung in der räumlichen Distanz der Protagonisten. Diese Kameraeinstellung dauert etwa eine halbe Stunde an, treibt das retardierende Moment auf die Spitze.
Dann schließlich durchschreitet die mysteriöse Dame den Raum und setzt sich Marlowe gegenüber, der seinen Blick dem Fenster zuwendet. So wie sich die Blicke trennen, beginnen sich auch die Noten zu differenzieren, der tosende Wirbel sich zu legen, hautnaher auf die Darsteller zurückzuziehen. Marlowe bevorzugt offenbar seifig-moosige sowie leicht frische grüne Nuancen, zündet sich eine Zigarette an, die er jedoch in der immer wieder wahrnehmbaren Erde einer Topfpflanze gleich wieder erstickt. Die junge Dame duftet nach minimal süßlich rotem und zugleich blumigem Ambra. Die Kamera umkreist gute zweieinhalb Stunden in dieser Einstellung die Protagonisten, scheint dabei abwechselnd seinem und ihrem Charakter näher zu kommen, ihren sanften und weichen, ihren rauen und kantigen, ihren zivilisierten, ihren schmutzigen Seiten, bevor die Abendsonne die Ambra warm harzig umnebelt, die moosig-grün-seifigen Nuancen schon fast fougèrehaft färbt (manchmal glaubt man in dem Schleier auch Lavendel wahrnehmen zu können) und der Ventilator aufhört zu rotieren. Es beginnt eine mehrstündig andauernde Abblende.
Ein Klassiker der alten Schule, vielschichtig, leidenschaftlich und mysteriös, dialoglastig, langatmig und irgendwie nur was für bestimmte Abende. Anspruchsvolle Old-Schooler erfordern Aufmerksamkeit, können anstrengen und wollen wohl dosiert sein.

(Mit Dank an Stanze, die mir einen Flakon davon geschenkt hat)
Aktualisiert am 30.07.2019 - 21:35 Uhr
15 Antworten
MarieposaMarieposa vor 2 Jahren
Go ahead, Marlowe. I like the way you work!
DelightfulDelightful vor 4 Jahren
Sehr schön, der Duft klingt wirklich Noir :)
SeejungfrauSeejungfrau vor 5 Jahren
Tolle Vorstellung - Applaus - Marlowes Seife hängt gerade an meinem Testarm.
YataganYatagan vor 6 Jahren
Ich seh's vor mir !
PistazieneisPistazieneis vor 6 Jahren
"Schau mir in die Augen, Kleiner" - denn ich muss dir sagen, dass du mich bestens unterhalten hast und ich dazu noch einen aussagefähigen Eindruck des Dufts erhalten habe. :-)
IrisNobileIrisNobile vor 6 Jahren
So wie sich Humphrey und Lauren im richtigen Leben ergänzt haben, tun‘s die Protagonisten im Parfum wohl auch. Bei Lehmann kann man sich die Ingredienzen leider nur zu erschnuppern ‚versuchen’ - u. die Parfums sind alle iwie aus der Zeit gefallen ... Schön ist auch Verité .....
ein spannender Film - mit toller Kameraführung ;))
RosaviolaRosaviola vor 6 Jahren
Ein schöner "schwarzer" Kommentar! Film noir mag ich sehr gerne und der Duft dürfte mir auch gefallen.
Helena1411Helena1411 vor 6 Jahren
„Spiel‘ noch einmal, Sam!“ .... ach nee, das war ja was anderes ;)
Sehr filmreifer Kommentar Noir! Humphrey würde zustimmend nicken.
FabistinktFabistinkt vor 6 Jahren
Toll geschrieben, danke für den Kommentar! Ab auf die Merkliste damit.
FvSpeeFvSpee vor 6 Jahren
Fantastische Annäherung an den Duft. Filmreif sozusagen. Stimme deiner Charakterisierung voll zu.
GschpusiGschpusi vor 6 Jahren
Mal durch Deinen Kommi wirbel.... huiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii
schön!
SonnenwendeSonnenwende vor 6 Jahren
Nur ungern erhebe ich mich aus der roten Plüschpolsterung und verlasse dieses Theater. Ganz großes Duftkino! Grandios!!!
Can777Can777 vor 6 Jahren
Einen Oscar(Pokal) für die Regie!.. ;)
MörderbieneMörderbiene vor 6 Jahren
2
Großes Kino, beim nächsten Filmeabend wär ich gern dabei!
PureNeugierPureNeugier vor 6 Jahren
Man taucht ganz automatisch Wort für Wort immer tiefer in die von Dir beschriebene Szenerie ein und bemerkt erst mit einer Sekunde Verzögerung, dass sich der Duft dabei längst in die Nase geschlichen hat.
DAS nenn ich Duftkino! Chapeau!