FvSpeeFvSpees Parfumkommentare

1 - 10 von 157

15.01.2020 12:14 Uhr
26 Auszeichnungen
Louis Dupré, Referatsleiter Deutschland II, Quai d'Orsay

Das Jahr ist endlich um. Morgen früh geht es mit Robert ins Silvesterwochenende. Ich werde mein neues Parfum auflegen, Vol de Nuit. Meine Sammlung ist in die Jahre gekommen: Mitsouko, Crèpe de Chine, Shalimar. Der Orient ist nicht mehr modern. Vol de Nuit ist vollkommen anders: von all meinen Düften ähnelt ihm am ehesten das Tosca, das mir der Kleine aus der deutschen Botschaft geschenkt hat. Bergamotte und Zitrone in der Kopfnote; Aldehyde, Narzisse, Vanille: Viele Gemeinsamkeiten, fast ein Briand-Stresemann-Pakt in Parfumform... Aber das neue ist doch völlig anders: Galbanum und Eichenmoos bis es quietscht, das gibt eine grüne und dunkle Tiefe; da ist Tosca viel konventioneller und durch die Blumen viel femininer. Ich sollte mich im Ministerium mit meinen Parfums sowieso etwas zusammennehmen. Der Nachtflug ist jedenfalls irritierend zweideutig, das gefällt mir. Fast ist etwas von einem Herrenduft darin.

Politisch war es ein schreckliches Jahr. Fünf Premierminister, das dürfte Rekord sein. Boncour hat das ganze Jahr als Minister durchgehalten. Meine Denkschrift „Sechs Monate Hitler“ hat ihn nie erreicht, der Abteilungsleiter hat sie angehalten. Zu pessimistisch. Seither bin ich „Loulou la Cassandra“. „Dupré, was wollen Sie, wir beobachten ihn genau und tun, was nötig, aber wirklich gefährlich wird er uns nicht. Seine Armee ist ein Witz, das Rheinland ist demilitarisiert, die Maginot-Linie fast fertig.“ Man macht sich das zu einfach, unterschätzt seine Energie und Bosheit. Italien ist verloren, Spanien steht auf der Kippe und England ist müde. Ich übrigens auch. Morgen ist auch noch ein Tag, und zwar einer mit Robert!

Ingrid Eide, Sekretärin Abteilung Völkerrecht, Außenministerium Oslo

Mein erstes volles Jahr ist um, und wie farbig es war! Als ich im Herbst 1932 eingestellt wurde, hieß es, der Prozess im Haag würde sich noch hinziehen, und wenn wir ihn gewonnen hätten, würden Idealisten zum Ausbau unserer Verwaltung in Ostgrönland gebraucht. Ich hatte damit geliebäugelt – Papa und Mama waren wenig erbaut. Nun hat es sich zerschlagen. Das Urteil des Ständigen Internationalen Gerichtshofs kam schon im April, und Dänemark hat mit Fanfaren gewonnen. Ganz Norwegen trägt Trauer, aber wir beugen uns und ziehen aus Grönland ab. Aber was für eine Zeit für mich! Die ganze Abteilung war ständig unterwegs: zum Haag, nach Genf zum Völkerbund und wohin nicht noch. Weil ich die beste Stenografin bin und auch etwas vom Recht verstehe, war ich überall dabei. Und meist mit dem Flugzeug! Was für eine aufregende Welt! Die Schönheit der schimmernden Maschinen mit ihren sirrenden Rotorblättern! Und wie ein Vogel auf diese kleine Welt schauen zu können, mit ihren wimmelnden Menschen, die sich so wichtig fühlen. Noch nie hat etwas mein Leben so verändert. Es soll auch Frauen geben, die Pilot geworden sind! Und es heißt, nächstes Jahr werde es eine eigene norwegische Fluglinie geben. Ob ich...

Im Oktober waren Wahlen; großer Sieg der Sozialdemokraten. Ich weiß nicht, ob ich sie mag. Aber ich weiß, dass ich diese gemeinen Nationalen aus ganzem Herzen hasse, die in Europa ihr Geschrei erheben. Es ist, als ob sie hervorgekrochen kommen wie der Fenriswolf und die Midgardschlage aus unseren alten Sagen, um die Menschen zu verschlingen. Zum Glück bleibt Norwegen verschont; den hässlichen Vidkun haben nicht mehr als zwei Prozent gewählt. Und den Krieg werden uns Italien und Deutschland schon nicht erklären.

In Genf habe ich mir ein richtiges Parfüm aus Paris ausgesucht, kein langweiliges Kölnischwasser mit Maiglöckchen, wie es die Osloer Damen für den Gipfel der Eleganz halten. Und natürlich musste es „Nachtflug“ sein. Ein Fliegerparfüm! Der Duft ist verwirrend schön. Auch dunkel und bedrohlich. Ein bisschen, als ob ein Tier in dem Flakon schliefe. Aber ein Nachtflug ist ja auch kein Frühlingsspaziergang. Ich glaube, Trygve hat etwas Angst vor mir, wenn ich Vol de Nuit auflege. Er ist eben nur die Maiglöckchen gewohnt… Nun aber geht es ins Silvester-Wochenende. Nicht mit dem Flugzeug, aber immerhin mit dem Automobil!

Toma Girdauskaite, Kulturreferentin, Außenministerium Kaunas

Das Jahr geht zu Ende und ich bin bedrückt, fast verzweifelt. Die fünf Jahre als Kulturattaché in Paris scheinen schon ein Traum zu sein. Ich erkenne Litauen nicht wieder. Ich verabscheue die Roten, ich bin von ganzem Herzen Patriotin, und ja: in diesen Zeiten braucht das Land eine starke Hand. Polen und Russland würden uns sonst zerquetschen. Dass Smetona Schluss mit dem Parteiengezänk gemacht hat: wohlgetan! Ich bleibe dabei! Aber es war doch leichter, als umschwärmte Dichterin mit Diplomatenpass auf den Soiréen in Paris unsere Politik zu verteidigen, als hier ihre Ergebnisse erleben zu müssen. Die Aufbruchstimmung von einst ist vorbei. Die Kameraden aus der Nationalbewegung, die vom Aufbau des unabhängigen, blühenden Litauens sangen, raunen jetzt mit verkniffenen Gesichtern von der „jüdischen Gefahr“. Wie uninspiriert, wie abgeschmackt. Und Frau die ich bin, jung und ledig, gebe ich ich in den Gängen des Ministeriums den Mann im Mond. Die Aufgaben, die man mir überträgt, sind so lächerlich unbedeutend, dass es kränkt. Den neuen Pariser Duft, den beim Abschiedsempfang alle so hinreißend an mir fanden („er passt so wundervoll zu Ihrer slawischen Schönheit“; ein etwas ungebildetes Kompliment), kann ich hier nicht tragen, er wirkt wie eine schrille Verkleidung. Vielleicht sollte ich zurück an die Akademie gehen. Aber wer weiß, ob es da besser ist.

Alexandru Rosetti, Leiter Abteilung Grundsatzfragen, Außenministerium Bukarest

Viel kommt dieses Jahr nicht mehr. Wie ich mich auf Silvester und die Stunden mit Luminita, dem Star des Abends im Athenäum, freue. Ich habe ihr aus Paris einen neuen Duft von Guerlain mitgebracht: Vol de Nuit! Der Gedanke, ihn auf ihrer Haut zu riechen, erregt mich schon jetzt.

Ein gutes Jahr! Titulescu ist als Außenminister genau der richtige, auch wenn er in der falschen Partei ist. Höhepunkt des Frühjahrs war sein Auftritt in Jugoslawien bei der Reform der Kleinen Entente. Unser Bündnis mit Jugoslawien und der Tschechoslowakei hat einen Ständigen Rat bekommen, und die Franzosen sind glücklich. Aus den Turbulenzen des zweiten Halbjahrs hat er sich klug herausgehalten, sodass er Minister geblieben ist, als wir Nationalliberalen ans Ruder kamen. Ich konnte unser Glück nicht fassen, und niemand versteht bis heute, warum König Carol unseren Mann Duca zum Premier ernannt hat, obwohl wir Carols schärfste Kritiker sind. Und Duca hat innerhalb weniger Wochen aufgeräumt, die Faschisten von der „Legion“ sind zu Hunderten und Tausenden verhaftet. Und am 20. Dezember Neuwahlen. Zack: 51% für uns.

Geschrei auf dem Korridor, der Bürodiener ruft alle Leiter zur Krisenbesprechung…

Titulescu hat uns gerade unterrichtet, dass Duca nach der Audienz beim König auf dem Bahnhof von Sinaia erschossen wurde. Drei Legionäre wurden verhaftet, die etwas vom Kampf gegen die jüdisch-freimaurerische Verschwörung faselten. Beim Hinausgehen raunte Titulescu mir zu: „Seien Sie auf der Hut, Rosetti, man munkelt, der König habe bei der Nachricht vom Attentat gelächelt. Und gestern soll Ducas Leibwache auf einen Mann verringert worden sein.“ Bei der Rückkehr ins Büro schrecklicher Schwindel. Habe den Flakon mit dem Parfüm zerbrochen. Dieser Geruch im ganzen Zimmer... Ich muss mich übergeben. Mein Gott, mein Gott, wohin führt das?


14.01.2020 16:09 Uhr
24 Auszeichnungen
Harry Lehmanns Fougère ist ein wunderbarer Duft. Es macht wirklich traurig, von ihm Abschied nehmen zu müssen.

Dieser Duft ist schrecklich altmodisch, aber nicht in der Weise wie ein Handy von vor vier Jahren, sondern so wie ein perfekt gearbeitetes Bakelit-Telefon mit einem von Hand mit Stoff umwickelten Stromkabel und einer Mechanik, die so belastbar ist wie eine Flugzeugtragfläche. Und es hängt dran, jedenfalls als Gedanke, das Fräulein vom Amt und die ganze wundersam-geheimnisvolle, geräuschlos-effiziente Organisation des preußischen Fernmeldewesens mit seinen Beamtenscharen.

Fougère ist so trocken, dass es staubt, und so holzig, dass man im Sommer einen Feuerlöscher in der Nähe haben muss. Seine Akkorde sind so hart, als ob sie gespielt wären auf bis zum Zerreißen gespannten Saiten. Grün ist er auf eigentümliche Weise. Und Lavendel hat er sicher, Eukalyptus wahrscheinlich, aber beides so besonders, dass es bestimmt anders riecht, als ihr jetzt denkt.

Wenn ich nur zwei Düfte haben dürfte, dann wären es vielleicht dieser hier und sein Chypre-Bruder "Russisch Juchten" aus demselben Hause. Beide wunderbar komplex, beide wunderbar männlich. Einer so markant wie der andere. Beide halten sie durch von Freitagabend bis Montagmorgen, gleich, womit man diese Zeit verbringt, und beide halten sie dich in dieser ganzen Zeitspanne auch ohne Koks und Energy-Drinks wach, wie Riechsalz vielleicht, weil sie vor Energie vibrieren. Beide sind wohl noch aus der Vorkriegszeit, und beide gibt - oder gab - es zu Vorkriegspreisen. Und beide sind - oder waren -, weil regional und nachhaltig zum Wiederbefüllen, wieder ganz modern.

Wenn ihr genauer wissen wollt, was das für ein Duft ist, dann lest zuerst den Kommentar von Apicius aus der Frühzeit von Parfumo, und dann den 10-Punkte-Kommentar des Friseursalons Korianke a.k.a. Fittleworth (der anscheinend auch Abschied von Parfumo genommen hat, was mich ebenfalls traurig macht), denn schöner als er kann ich das auch nicht sagen: Das ist kein Duft für Notkonfirmanden, sondern für gestandene, selbstsichere Männer mit gutem Schuhwerk. Harzig und knarzig, aber nicht opahaft.

Es heißt, dass Fougère schon mal reformuliert werden musste und dass in der letzten Version nur noch ein Bruchteil des ursprünglichen Eichenmoos-Anteils gewesen ist. Wenn das stimmt, dann hat man sicher bei der Ur-Version sofort nach dem Aufsprühen einen Moosbesatz am Hals bekommen. Jedenfalls ist nun auch diese wahrlich noch immer imposante Fassung in Ungnade gefallen. Eichenmoos soll in Düften nicht mal mehr in Spuren enthalten sein dürfen, und die schönen Fixative, die für den Wochenend-Effekt sorgten, gelten auch nicht mehr als koscher. Eichenmoos & Co scheinen die schlimmsten Umweltprobleme zu sein, die diesen Planeten plagen. Eine weitere Reformulierung war nicht mehr möglich, sodass der Duft eingestellt wurde und ausverkauft ist. Und ich habe nur noch 7 ml.

Also bist du jetzt ein Auslaufmodell, altes Haus, bald bist du vergessen. Da geht's dir ja nicht anders als uns allen hier. Wir müssen ja alle irgendwann mal Platz machen für Neues. Mach's gut, Fougère, da im Parfümhimmel!


13.01.2020 13:02 Uhr
24 Auszeichnungen
Irgendwo in Europas Südosten scheint eine Auswanderungsagentur zu sein, die Werbung damit macht: "Kommt nach Down Under und macht was mit Düften! Da könnt ihr reich werden!": "Aesop" sind Griechen, die nach Australien gegangen sind und von dort aus, wie einst Alexander der Große, die Welt mit ihren Seifen und Düften erobert haben. "Fort & Manlé" ist eigentlich Fort, nämlich Herr Rasei Fort, der sowohl Alleinparfumeur als auch Alleineigentümer der Marke ist, was natürlich die Frage aufwirft, wer oder was zum Teufel "Manlé" ist. Vielleicht weiß das jemand von euch. Sachdienliche Hinweise nimmt Commissario Odorato entgegen. Um aber zum Thema zurückzukommen, Herr Fort ist Australier türkischer Abkunft und sieht ein bisschen aus wie ein gemütliches Bärchen mit Hipsterhosenträgern. Wahrscheinlich gibt es auch schon Nischenparfüms von australischen Firmen armenischer und nordmazedonischer Provenienz und ich weiß nur noch nichts davon.

Ich bin glücklich in den Besitz einer Pröbchenkollektion dieser Marke gekommen und dies ist der vierte Duft, den ich teste und zugleich der erste, der kein Gourmand ist. Herr Fort (Stichwort Bärchen) scheint Schokolade und solche Dinge zu mögen, und zwar nicht nur zum Essen, sondern auch zum Riechen. Das finde ich nicht so gut für mich, weil ich Gourmand-Düfte meist nicht so mag, aber ich bin ja nicht das Maß aller Dinge. Außerdem mag Herr Fort Namen wie "Der lila Hut des Herr Bojnokopff" und "Bekenntnisse eines Gartenzwergs" für seine Parfüms, was ich bescheuert finde. Aber nach mir geht es ja nicht. Ganz schrecklich finde ich auch das Design der Flakons (für das möglicherweise Herr oder Frau Manlé verantwortlich ist, wer weiß). Aber ich würde deshalb nie ein Vorurteil gegen die Düfte haben, obwohl inzwischen ganz schön viel zusammen gekommen ist, wo mir die ganze Richtung nicht passt. Dass die (glücklicherweise wenigstens nicht so genannte) Firmen-"Philosophie", die auf der Internetseite der Firma präsentiert wird, wie bei etlichen anderen Nobelmarken den sinngemäßen Spruch enthält: "Der exorbitante Preis der von uns verwendeten ultra-erlesenen Zutaten ist uns Jacke wie Hose" (ergänze: "Weil wir ihn an die Kunden weitergeben, denen das ebenfalls schnurz ist, denn wir verkaufen nicht an die Plebs") finde ich etwas unnötig großkotzig, aber auch das mag man anders sehen.

Da ich bis hart an die Grenze der Heiligsprechung fair und objektiv bin, gebe ich diesem Duft dennoch eine Chance. Ich finde in wirklich gar nicht übel. Im Kern ist das nämlich ein Maiglöckchenduft, und ich mag Maiglöckchen. Meine Frau mag Maiglöckchen sogar noch mehr. Maiglöckchen ist so etwas wie ihre Signaturblume. Das finde ich prima. Ich nehme an, von der starken Maiglöckchennote in diesem Duft kommen die vielen eher abwinkenden, um nicht zu sagen abwertenden Statements hier, die den Duft eher im Muttertagsgeschenk- und Langweilerbereich verorten. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Maiglöckchen hat derzeit ein schlechtes Image. Aber wie jeder türkisch-australische Hipster, mit oder ohne Hosenträger, weiß: Heute Oma, morgen angesagt! Das war auch vor 50 Jahren mit Kreuzberg so, dann mit Prenzlauer Berg, dann mit Friedrichshain, derzeit mit Neukölln, am Horizont ist Wedding im Anmarsch, und in 10-15 Jahren ist wahrscheinlich Tempelhof UNGLAUBLICH hip. Und dort wird man, wenn man auch nur im entferntesten dazugehören will, Maiglöckchen, ach was, dicke, fette Maiglocken, tragen.

Ich neige mal wieder zum Ausufern. Also, das Maiglöckchenherz ist durch ein kongeniales Veilchen aufgewuschelt, die Rose merkt man kaum, Mango kann sein, gibt dem Ganzen vielleicht einen süßen Touch wie Agavendicksaft, das Bärchen kann das Gourmandige doch nicht ganz lassen. Also das ist eine ganz feine runde, etwas grünliche Sache da, im Blumenherz des Duftes. Bisschen tulpig riecht es vielleicht auch.

Das Ganze wird nach oben flankiert von einer schönen, fein abgestimmten Zitruswolke, bisschen herb und frisch (die Assoziation an Minze kann ich 100% nachvollziehen, kommt ja auch hin, die Frische von Yuzu und Bergamotte und die Schärfe vom Pfeffer), aber insgesamt schön leicht, damit es mit den Blumen harmoniert. Zur Basis hin rieche ich nicht mehr so viel, vielleicht weil der Duft sich schon verflüchtigt hat, bevor er so richtig in der Basis angekommen ist.

Also insgesamt ein schöner, grün-frischer, zitrisch durchwehter, ein ganz klein bisschen süß-fruchtiger fröhlicher Maiglöckchenduft, den auch Herren durchaus tragen können. Witzig ist, dass er meiner Frau gar nicht gefällt. Verrückte Sache.

Nachzutragen ist noch, dass "Bekenntnisse eines Gartenzwergs" als 50-ml-Flakon für 230 australische Dollar verkauft wird, was 142 Euro entspricht. Knapp 300 Ocken für 100 ml sind etwas mehr als die 3 Euro für 100 ml meines geliebten tschechischen "Konvalinka", aber der Duft hier ist auch deutlich vielschichtiger, wie ich gerne zugebe. Und von Australien ist es auch ein weiterer Weg als von Tschechien. Nach der Internetseite des Unternehmens gibt es aber sowieso keine Einzelhändler in Deutschland, die ihn verkaufen. In duftmäßig so unbedeutenden Ländern wie Frankreich oder Italien auch nicht. Feilgeboten wird en detail nur in Australien, den USA, Mexiko, der Schweiz, den Niederlanden, Polen, Ungarn, Zypern, Rumänien, Spanien und mehreren arabischen Staaten. Dort weiß man Maiglöckchen möglicherweise auch mehr zu schätzen, wer weiß!


10.01.2020 12:01 Uhr
28 Auszeichnungen
Die Farbe des Parfüms und die Form des Flakons passen genau: Ein heller, leuchtender Duft. Kompromisslos hart, glatt, kantig (und das trotz Lavendel-Pudrigkeit).

100% klassisch und 100% modern und überraschend. Ich mag solche Gegensätze.

Ein Duft, aus dem man jede einzelne der angegebenen Noten (mit Ausnahme von Eichenmoos und Vanille vielleicht) exakt herausspüren kann, jedenfalls dann, wenn man es weiß. Riecht nach Zitrone wie eine Zitrone, nach Lavendel wie ein Duftsäckchen, nach Kamille wie ein Teebeutel, und und und.

Die Aufteilung in Kopf-, Herz- und Basisnoten ist Willkür. Wie auch immer die das hinbekommen, die viehische Drüsen-Trilogie (Moschus-Zibetgeil) aus der Basis springt mich schon in den ersten Minuten, ach was, Sekunden an (und sogar vorrangig da) und den Lavendel aus der Herznote nehme ich am deutlichsten im wunderbaren (vielleicht das Schönste am Duft) Drydown dar, der noch nach 8 Stunden skinny, aber extrem deutlich, wie eine zweite Haut aus animalischem Lavendellatex, ausharrt.

Ich finde ihn sexy. Das Näschen an meiner Seite allerdings örgs. Schade.


09.01.2020 10:26 Uhr
29 Auszeichnungen
Gestern hatte ich meinen dritten Parfumo-Geburtstag, fett in Leuchtfarben hier angezeigt. Und keiner von euch da draußen hat mir gratuliert! Ihr seid mal Freunde! Also hab ich gestern Abend beschlossen, mit mir selbst anzustoßen; und zwar zünftig durch das erste testmäßige Anknabbern eines riesigen Parfümprobenberges, der seit wenigen Tagen bei mir zuhause steht. Ich habe hier nämlich mit einem geschätzten Mitparfumo getauscht, er hat von mir im Wesentlichen eine halbvolle Flasche eines von ihm sehr geliebten und nicht mehr hergestellten Duftes bekommen und hat sich dafür mit mehreren Fantastilliarden handverlesener Abfüllungen und Proben, einschließlich einer stattlichen Anzahl kompletter Hersteller-Probensets von Marken, von denen ich noch nie gehört hatte, bedankt.

Als erstes kam also "Niral" von "Neela Vermeire Creations" dran. Auch diese Marke kannte ich noch nicht. Nach ersten Recherchen handelt es sich um ein franko-indisches oder indo-französisches Dings. Es steht zwar "Neela Vermeire Creations" drauf, aber Frau Vermeire scheint eher als die Dame im Hintergrund zu wirken, die eigentlichen Kreationen sind alle von Herrn Duchaufour, aber ok, "Betrand Duchaufour Creations" würde jetzt weniger aufregend klingen.

Ich dachte so bei mir, na, drei Jahre nach der Anmeldung hier bei Parfumo kann ich ja mal testen, ob ich inzwischen duftanalytisch was drauf hab und hab geschnüffelt und versucht die Inhaltsstoffe zu erkennen, ohne irgendwas vorher zu linsen. Ich kam auf so etwas wie "Orange mit Holz und Gewürzen: Muskat und Kümmel, also eine typische holzig-frischwürzige Herrenmischung andererseits. Das ganze aber irgendwie sanft-feminin weichgezeichnet" (na gut, meine allerersten Eindrücke waren noch basaler, aber das muss ich ja hier nicht verraten).

Frage an Radio Eriwan (das versteht jetzt wahrscheinlich niemand, der nach 1970 geboren ist): "Ist diese Einschätzung zutreffend?" Antwort: "Im Prinzip ja. Allerdings ist Muskat und Kümmel eigentlich Pfeffer und Kardamom und die Orange ist eine Orangenblüte. Diese ist aber auch keine Orangenblüte, sondern Jasmin."

So fulminant und allumfassend ich also bei den Details danebenlag; was die groben Richtungen betrifft, bleibe ich bei meiner Erst-Einschätzung. Wir haben hier einen sehr fein verwobenen, heftig changierenden und damit gewissermaßen ebenso anspruchs- wie geheimnisvollen Duft; ungewöhnlich, aber durchaus nicht allzu abgespaced, sondern noch hinreichend schön auch für konventionellere Geschmäcker wie meinen.

Herauszuspüren sind tatsächlich Elemente eines traditionelles holzig-(ledrig)-würzig-(frischen) Herrenduftes, da kommt mir z.B. (mal wieder) der gute Bel Ami von Hermès in den Sinn. Untrennbar damit verwoben ist damit aber eine unglaublich weiche, sanfte, zarte, pudrige Duftwelt, von der ich nicht einmal ansatzweise einzelne Elemente ausmachen kann (ich nehme hier nur einen hochkomplexem "Gazeschleier" wahr), der aber von der Iris (jawohl, ich gebe es zu, ich habe die Iris nicht erkannt, weder vorher, noch, nachdem ich wusste, dass welche drin ist!) sowie von dem Rosen-Jasmin-Magnolienblumenstrauß herrühren dürfte.

Als Duft mit so einer harten und einer zarten Seite, die untrennbar ineinander verfließen, kommt mir noch "Dior Homme" in den Sinn (allerdings kann ich zwischen den beiden Düften konkret, trotz der gemeinsamen Iris, keine Verwandtschaft ausmachen). Während "Dior Homme" dann allerdings doch eher auf die maskuline Seite ausschlägt, handelt es sich bei dem als Unisex deklarierten "Niral" für meinen Begriff dann doch eher - und das nicht nur wegen der sehr, sehr wenig männlichen Pulle - um einen Damenduft.

Da ich gestern "Sminta" getragen habe und heute eigentlich "Dioressence" auflegen wollte (das hab ich aus komplexen Gründen auf morgen verschoben) stehe ich nicht im Verdacht, Vorurteile gegen Damendüfte an mir zu haben; also wird es wohl andere Gründe dafür geben, dass es zwischen "Niral" und mir nicht so richtig funkt (womit ich nicht ganz auf der Linie der fast durchweg ekstatisch verzückten Kommentare und Statements hier bin). Ein sehr gut gemachter, feiner und spannender und damit testenswerter Duft ist das aber allemal.


17.12.2019 14:17 Uhr
21 Auszeichnungen
Schon seit meiner Kindheit habe ich eine Zuneigung zum Fechtsport; mir gefällt seine Eleganz und seine explosive und doch regelgebändigte vorwärtsdrängende Energie. Mit sechzehn oder siebzehn, also im Grunde deutlich zu spät, habe ich tatsächlich selbst damit angefangen - trotz meines seit jeher gestörten Verhältnisses zum Vereinssport. Ich schlug mich ganz wacker, doch dann kam das Abitur dazwischen, ich ging zur Bundewehr und hing Maske und Florett an den Nagel, bevor ich richtig in den Turnierbetrieb einstieg. Schade eigentlich; ich denke gerne an das Training (in meiner Schulturnhalle, die der Sportclub angemietet hatte) zurück. Und natürlich an den etwa in die gleiche Zeit fallenden Dreifachsieg der deutschen Florett-Damen bei den Sommerspielen in Seoul; die Drittplatzierte Zita Funkenhauser hab ich seinerzeit angehimmelt wie andere einen weiblichen Popstar (wenn ich mir heute ihre Bilder von damals ansehe, würde ich sagen, ich hatte schon damals einen guten Geschmack, denn sie war wirklich ein Kracher!).

Bei dieser Vorgeschichte ist es wenig verwunderlich, dass ich die Augen immer auch nach Düften offen halte, die sich auf das Fechten beziehen. Bisher kannte ich nur einen, nämlich "Escrimeur" (frz: "der Fechter"). Da ich jedoch eine sehr holprige Beziehung zu dem in diesem Franzosen sehr prominent verbauten Vetiver habe, konnte der Detaille nie in meine Sammlung einziehen. Nun, Italien ist - wie Frankreich - eine ebenso große Fecht- wie Duftnation, und für diese kleinen, hübschen, schön designten und oft preislich ganz unprätentiösen italienischen Label wie Erbolario oder eben Tuttotondo, die fast so etwas wie eine Mischung aus "Drogerie" und "Nische" darstellen, habe ich seit langem große Sympathie. Nachdem ich also dieses "Scherma" (sprich "Skerma"; ital.: "Fechtsport") aus der Herrenlinie von Tuttotondo entdeckt hatte und nachdem meine Versuche, in italienischen Parfümerien an das Zeug zu kommen, gescheitert waren, konnte es nicht lange dauern, bis ich es über das Internet bestellte. Zusammen übrigens mit einer Flasche des "Mirto" aus der Unisex-Linie, das ich schon kannte und dem ich rettungslos verfallen bin.

Wie riecht "Scherma"? Ich würde sagen, sehr maskulin und sehr (hell- bis mittel-) braun. Die Flakonfarbe trifft die Duftfarbe hier ausgezeichnet. Ohne dass ich einzelne Duftnoten sauber isolieren könnte, ist das für mich eine Gesamtkunstwerk in Ocker, Chamois und Siena. Da könnte Leder sein und Hölzer, aber auch Kognak und Whisky und ein Gewürzspektrum von Kreuzkümmel über Muskat bis Kardamom. Es besteht - ungeachtet erheblicher Unterschiede im "objektiven" Geruch und in der Zutatenliste - eine gefühlte Verwandtschaft zu anderen von mir geliebten "braunen" Düften aus meiner Sammlung, wie "Bel Ami", "Habit Rouge" und "Sensual Blend" (von Urban Scents). Nicht jedoch zum viel weicheren und fließenderen, eher honigfarbenen, nicht maskulinen "25 Indochine" von Pierre Guillaume. "Scherma" weist keinen ausgeprägten Verlauf auf, marschiert aber auch nicht durch wie ein olfaktorischer Panzerkeil im Flachland, sondern spielt und changiert schön; mal steht eine wärmere, süßlichere Bräune im Vordergrund, mal sind harte Gewürze und Hölzer oben.

Man kann durchaus, wenn man will, das eine oder andere an "Scherma" bekritteln. Als suboptimal empfinde ich den Auftakt (etwa die ersten 10 Minuten). Dieser Duft muss sich, bevor er gefällig wird, erst einmal setzen. Die Technik, den gefälligen, schmeichelnden Noten einen herausfordernden, quasi "hässlichen" Gegenpart beizugeben, der für die nötige Spannung sorgt ist altbekannt und z.B. in Habit Rouge (oder Kouros) bis zur Grenze getrieben. Bei "Scherma" konzentriert sich dieses Aufdringlich-Gewaltsame, von dem man nicht genau sagen kann, ob es organisch (Korianderkraut?) oder chemisch (irgendwas Alkoholisches oder Benzoliges aus dem Labor?) ist, sehr auf den Start und wirkt in dieser Phase irritierend: Ein wirklich fulminanter Auftakt dieses Gefechts! Sodann könnte man die insgesamt eher zurückhaltende Persistenz des Parfüms bedauern; diese Partie ist nach drei, vier Stunden einigermaßen ausgefochten. Als drittes mag man bemängeln (ich möchte es aber eher nur konstatieren), dass "Scherma" zwar gewiss kein "billig" wirkender Duft ist, wertig riecht das schon, aber dass er durchaus eine moderne, straighte, klare und mainstreamige Anmutung hat. Dieser Duft wirkt so, als habe sich der Parfumeur (mit Augenmaß und Verstand) auch im breiten Spektrum der Möglichkeiten der Duftstoffindustrie bedient, um ein schönes, aber auch breitenverwertbares und bezahlbares Duftergebnis zu erzielen. Der Duft riecht mit anderen Worten nicht so, als ob für ihn nur burundische (oder auch burgundische) mit Demeter-Teff gefütterte Berg-Schnöselkäfer verwendet wurden, die im Februar (gerechnet nach dem Mondkalender) bei Frost unter Rezitation ritueller Gesänge um freiwillige Absonderung von einem Nanoliter ihres Drüsensekrets gebeten worden wären.

Mich stört das aber alles wenig. Für mich ist das ein höchst alltagstauglicher, vorwiegend für Büro und Freizeit geeigneter, männlicher, würziger, kaum süßer Duft, der nicht "unerhört" ist, aber meiner Sammlung doch etwas qualitativ Neues hinzufügt. Es gibt, seitdem er bei mir eingetroffen ist, wohl keinen Duft, den ich öfter trage.

Riecht "Scherma" er nach Fechten? Ich glaube, Fechten hat keinen besonderen Geruch. Unter der Maske und der Schutzkleidung schwitzt man zwar ziemlich extrem, aber Schweiß riecht ja eigentlich nur dann streng, wenn er alt wird, und das sollte man auch als Fechter vermeiden. Und den Duft der schönen Zita Funkenhauser - die, wie das Internet mir verraten hat, heute eine noch immer schöne Zahnärztin irgendwo im Schwäbischen ist - stelle ich mir auch anders vor. Aber dass Tuttotondo in seiner Herrenserie, in der alle Düfte nach einem Sport benannt sind, gerade diesen hier dem Fechtsport gewidmet hat, ist schon eine gute Wahl. Man kann vielleicht an die Planchen (Fechtbahnen) aus Holz denken, die traditionellen Schutzwämse aus Leder (unser ägyptischer Trainer hat auch so einen getragen, und Emil Beck ist ikonisch damit; normalerweise wird Kevlar, ggf. mit Elektroweste für die Trefferanzeige getragen) und als Würze und Kontrapunkt so mancherlei ruppige Gerüche in den Turnhallen, wie Spuren von Rost auf den Waffen oder eben doch den rinnenden Schweiß (der dann vielleicht doch riecht, zumal wenn es gegen einen Angstgegner geht oder man vorher Zwiebeln gegessen hat).

Wenn man sich das dicke Trainergenie Emil Beck mit seinem Lederwams und seiner Bierwirtsphysiognomie in einer attraktiveren italienischen Variante vorstellt, schlanker und kerniger, aber schon ein bisschen vierschrötig, dann trifft das "Scherma" vielleicht ganz ausgezeichnet. Ein "Emilio Beck" sozusagen.

En Garde, Allez und - Frohe Weihnachten!


30.09.2019 14:03 Uhr
48 Auszeichnungen
Es ist eine in diesem Forum immer wieder angesprochene Binsenweisheit, dass ein Duft - jedenfalls wenn wir uns ihm nicht in Form von Blindproben unter Laborbedingungen nähern - nicht nur durch seinen schnöden Geruch definiert wird (das gilt nicht nur für die Bewertung, sondern sogar schon für die Wahrnehmung), sondern auch durch seine Akzidentialia: Die Farbe der Flüssigkeit, die Form des Flakons, das Gesicht der Werbekampagne, die Deklaration als "männlich" oder "weiblich", der Name des Produkts und das Image der Firma. Für diejenigen, die näher hinsehen, kommen der Parfumeur, die angegebene Duftpyramide (die oft genug ganz falsche Fährten legt!) und vielleicht auch die Kommentare der Vor-Rezensenten hinzu.

"Softly" von Jil Sander ist für mich ein Fall, an dem man dies wunderbar studieren kann: 107 Besitzerinnen (darunter viele, die sich niedliche Nicknames wie Flöckchen und Rosawolke gegeben haben, wogegen ich übrigens gar nichts habe, "Flöckchen" mag ich sogar besonders gern) gibt es hier und einen (1) Besitzer. Man kann das verstehen: Der Duft ist als "Damenduft" deklariert, die Pyramide mit Magnolie, Jasmin, Orangenblüte und Vanille könnte fluffiger nicht daherkommen und was durch Farbe und Form noch in der Schwebe gehalten wird (immerhin kein rosa und kein Plüsch), kippt dann durch den Namen des Wässerchens: "Softly"! Welcher Kerl will schon "Softly" tragen! Wenn er nicht gerade bekennender Softie ist. Aber selbst dann würde er wohl höchstens die entsprechenden Taschentücher benutzen.

Ich möchte aber wetten, dass dieser Duft der mit 200 gelisteten Kreationen außerordentlich produktiven Nathalie Lorson (neben einer ausgewachsenen Boucheron-Serie unter anderem ein Amouage, drei Cool-Water-Flanker. zwei Le Labos, einen ganzen Haufen anderer Jil Sanders und, sicher ihre berühmteste Schöpfung: Encre Noir) bei einer anderen Namensgebung und einer Vermarktung als "unisex" einen völlig anders strukturierten Kundenkreis erreichen würde.

"Softly" nehme ich nämlich heute, nach mehreren Tagen Nutzung in Folge (aus einer im Souk erworbenen Abfüllung) genauso wahr, wie vor etwa 2 Jahren, als ich ihn erstmals getestet und ein Statement dazu geschrieben habe: Als weder besonders soft noch ausgesprochen feminin. Zunächst mal geht ihm jede Süße oder Süßlichkeit gänzlich ab, ebenso jede übertriebene Flauschig- oder Fluffigkeit; die Cashmeran-Warnlämpchen bleiben alle komplett dunkel. Trotz Vanille, Orangenblüte, Jasmin und Moschus ist das definitiv kein Zuckerwatteduft.

Dieser Duft startet mit einer ausgesprochen sympathischen zitrischen Frischenote (Schwerpunkt Orange), die von colognig-kristalliner Klarheit ebenso weit entfernt ist wie von Weichspülerschmeichelei. Hinzu kommt eine leicht seifige, insoweit vielleicht durchaus ein wenig an (ein sehr gutes) Waschmittel erinnernde Note. Das ist kein schmuseweich, sondern ein Duft wie orangefrische (auch ein bisschen Richtung Petitgrain oder gar Neroli angehauchte) Baumwolle; wie ein Hemd oder T-Shirt, an dem mal jemand mit einem hochwertigen Cologne-Sprüher vorbeigelaufen ist. Schon nach einer halben Stunde hat sich "Softly" mit der Haut verbunden und ist dann eigentlich kein "Parfüm" mehr (deshalb wundert es mich auch nicht, dass er bei 108 Besitzern keinen hat, der ihn als "Signaturduft" bezeichnet), sondern ein Hautgeruchveredler, ein Ausstrahlungsbooster: Er verleiht eine Aura von Frische, Freundlichkeit und Sauberkeit, vielleicht auch von Ausgeglichenheit und Ruhe - aber keiner pappigen Trägheit, sondern der Art von Ruhe, in der die Kraft liegt. In diesem Modus, wo unsere Mitmenschen uns als "gut riechend" wahrnehmen werden, ohne sich sicher zu sein, ob wir überhaupt etwas aufgetragen haben, hält "Softly" durchaus noch einige Stunden.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass einige Arbeit darin steckt, einen Duft zu schaffen, der so unangestrengt, unauffällig und mühelos wirkt. Sicherlich kein Meilenstein der Parfümeriegeschichte, aber ein mehr als nur grundsolider: ein vollendet ausgewogener, vornehm dezenter Eigenduftaufheller, der für Feuerwehrmänner und Fliesenleger ebenso geeignet ist wie für Federchen und Flöckchen.


07.09.2019 18:16 Uhr
34 Auszeichnungen
Amberdüfte stellen mich vor drei Probleme:

1. Meine Frau hasst Amberdüfte;
2. ich muss von Amberdüften niesen;
3. meine Lieblingskollegin hasst Amberdüfte und muss davon niesen.

Dass ich trotzdem beschlossen habe, mir jetzt endlich mal einen Amberduft zu kaufen, zeigt, wie sehr mich diese Duftrichtung fasziniert. Dieses harzig-balsamische, auf so besondere Weise frische, oft ins Süße, praktisch immer ins würzige Spielende, das ist ein wirklich besonderes Dufterlebnis, das man nirgends sonst als in Amberland geboten bekommt.

Also beschloss ich, einen beschränkten Wettbewerb abzuhalten, um zu ermitteln, welcher Amber in meinen Duftschrank einziehen darf. Nicht eingeladen wurde meine erste Amberliebe, Ambre 114 von Histoire des Parfums. Ich war seinerzeit total von den Socken von diesem Duft und hatte ihm 9,5 Punkte und einen enthusiastischen Kommentar gewidmet, aber an sich schon damals erkannt, dass dieser barock-ausschweifende Monstre-Amber für einen nach 1780 geborenen Menschen praktisch gesehen eher nicht tragbar ist.

Wettbewerbsteilnehmer waren zwei MPG-Düfte, nämlich Ambre Précieux, der mir in meiner Brüsseler Lieblingsparfümerie mal außerordentlich gefallen hatte und sein mir bis dato unbekannter schwereres Geschwister Ambre Doré; ferner zwei Düfte, die als Proben zu mir gekommen waren, nämlich Ambre Orient aus der Armani-Privé-Reihe (mir bis dahin unbekannt) und Bel Ambre von Jacques Fath (vor etwa einem Jahr mal getestet und mit 8,0 und einem Statement gewürdigt), sowie zuletzt dieser hier, Ambre Fétiche; nach Ambre 114 meine zweite Amberliebe.

Zuerst mal ließ ich die beiden Düfte vom Parfumeur-und-Handschuhmacher gegeneinander antreten, den Précieux und den Doré. Dabei flog der Doré ziemlich schnell raus, (auch) der war mir zu überladen und schwülstig sowie vor allem zu stinkig (so eine markante Oud-Vetiver-Drecknote, die mir nicht passte). Der Précieux, der mir wie schon damals in Brüssel feiner und ziselierter erschien, blieb im Spiel und trat am Folgetag gegen diesen hier an.

Ich hielt das eigentlich für das vorgezogene Endspiel. Vor allem war ich aber zuerst mal irritiert, da Ambre Précieux diesmal ganz anders rüberkam als am Vortag; eher unelegant mit einer etwas rüpeligen Dissonanz startend und erst nach etwa einer Stunde seine elegante, helle Mitte findend, und dann in eine wunderbar zartwürzige, feste, balsamische, andauernde Basis (die ich gar nicht richtig beschreiben kann, die aber einzigartig ist) ausklingend. Ambre Fétiche dagegen ganz anders. Unter dem Amberdüften sticht Ambre Fétiche durch seine starken Weihrauchnoten hervor, mit ihm kauft man sozusagen Two-in-One, er ist im Vergleich zum "Encense Flamboyant" von Goutal sogar der (noch) schönere Weihrauchduft, finde ich. Für mich ist das kein Nachteil, da ich Weihrauchnoten mag. Im Aufakt, der sich über die ersten ein bis zwei Stunden hinzieht, steht dieser Weihrauch vielleicht sogar im Vordergrund, hier imponiert Ambre Fétiche als hellgrauer, tief pulvriger, feinsilbrig perlender, staubtrockener, fast aschenhafter weihrauchwürziger Duft, hohe Töne in Dur, eher ungewöhnlich (mir fällt kein Vergleich ein), der dann nach und nach in eine (sich nicht mehr groß veränderte) perfekt austarierte 10-Punkte-Basis übergleitet. Hier dann Gold statt Silber, Moll statt Dur, tiefe statt hohe Töne, aber mindestens ebenso schön. Das wirklich schöne ist hier - ich glaube das haben auch Vor-Rezensenten schon angemerkt - dass wir hier zwar das volle tiefe, satte, orientalisch-würzige, fast schon gourmandige Kuschelprogramm inklusive Vanille und Patschuli haben, dass dieses aber nie, nie, niemals nicht ins Plüschige oder überzogen Süße abgleitet. Das bleibt immer schön zentriert und erwachsen, wozu sicher auch die ja von Natur aus eher ernste Iris gehörig beiträgt. Mich überzeugte das noch mehr, und so blieb Ambre Fétiche auf dem Platz.

Eingeschoben sei hier, dass Amberdüfte bei mir anscheinend in der Wahrnehmung etwas instabil sind; die Perzeption des Précieux an einem Tag so und am anderen so scheint da kein Einzelfall zu sein. Möglicherweise neigt Amber generell etwas zum Irrlichtern, mir ist aufgefallen, dass gerade bei Amberdüften die Rezensionen hier oft sehr auseinandergehen, weniger in der Berwertung als in der Deskription: Der eine findet einen Duft wunderbar warm, der andere enorm kühl, der eine kuschelig, der andere hart usw.

Aber ich wollte ja nun mal irgendwann fertig werden und auch ohne monatelange unentschlossene Dauertests einen Amber auf meine Einkaufsliste kriegen. Der Ambre Orient von Armai Privé schied schuldlos aus dem Wettberwerb aus. Ich hatte nur eine ganz kleine Probe, trug diese abends auf und schlief kurz darauf weit vor meiner normalen Zeit ein (vielleicht war er auch mit einem über die Haut wirkenden Schlafmittel vermischt). Ich bekam also nur die ersten fünf Minuten und am nächsten Morgen den Aushauch mit; gut, dann eben nicht. Ich mag die Armani-Privé-Reihe sowieso nicht besonders.

Blieb noch Bel Ambre von Jacques Fath, den ich erneut direkt gegen Ambre Fétiche antreten ließ. Diesmal gefiel er mir noch viel, viel besser als damals beim ersten Testen, und ich war angetan vom starken Kontrast zu Ambre Fétiche im Direktvergleich. Bel Ambre ist von all den getesteten Düften der Linearste und der Alltagstauglichste: Er erschlägt weder mit allzu markanten Ambernoten (die ja nicht nur in meiner Umgebung oft etwas kontrovers wahrgenommen werden) noch mit Weihrauch oder anderen "Noten, an denen sich die Geister scheiden". Er ist ein sehr wertiger, differenzierter, aber doch auch ziemlich einheitlich rüberkommender, ruhiger, glatter, runder, offener, etwas dunkler, eher schwer-fester, aber aber doch auch dezenter Duft (wohl weil die Projektion gedämpft ist und exzentrische Noten fehlen). Ich nehme da eine bestimmte Note wahr (ich nenne sie mal "eigentümlich fruchtig", besser kann ich es nicht sagen), die mich stark an Opium Pour Homme von YSL erinnert (den mag ich sehr und werde ihn heute Abend zur Feier des Tages mal wieder tragen).

Ergebnis: Ich renne noch nicht in die nächste Parfümerie, setze Ambre Fétiche aber auf die Wunschliste. Die beiden MPGs kommen in die Tausch- und Verschenkkiste, wobei diese Entscheidung beim "Ambre Précieux" nur ganz knapp ausfällt. Die Restprobe "Bel Ambre" kommt zu den Pröbchen für die künftige Verwendung. Sollte ich jemals zwei Amber besitzen wollen, wäre er für Ambre Fétiche der perfekte Kontrastduft.


01.09.2019 13:47 Uhr
23 Auszeichnungen
Ganz am Anfang meiner Parfumo-Zeit ist mir, wahrscheinlich als kostenlose Beigabe zu meiner allerersten Souk-Bestellung (Souk passt hier ja), ein winziges Pröbchen "Black Oudh" von Al Haramain unter die Nase gekommen und hat mich so umgehauen, dass der Duft seitdem als Ausdruck einer Art uneingelöste Sehnsucht auf meiner Wunschliste steht. Kommentare oder Statements zu schreiben habe ich mich seinerzeit wohl noch nicht getraut, jedenfalls hab ich nichts Schriftliches dazu hinterlassen. Dass ich mir den Wunsch nie erfüllt habe, liegt vielleicht auch etwas an einer gewissen Furcht, ob dieser wuchtige Duft nicht doch etwas zu heftig für den Alltagsgebrauch ist, für mich selbst und vor allem auch für meine nicht unbedingt oud-affine nähere Umgebung.

Wenn mir meine Erinnerung keinen Streich spielt, was natürlich möglich ist, weil die Black-Oudh-Dufterfahrung schon weit über zwei Jahre her ist und weil beide von kostengünstigen arabischen Anbietern stammen, sodass man denken könnte, die "müssen" ja etwas gemeinsam haben, dann ist Lattafas "Ameer Al Oudh" ein Duft, der dem Al-Aramain sehr nahe kommt, der sich allerdings etwas gezähmter und wohlausgewogener präsentiert; ein Herrscher, kein Dschinn. Dass er trotzdem dem Näschen an meiner Seite nicht behagen mag, ist eine andere Frage.

Sei es aufgrund meiner frühen Oud-Initiation durch "Black Oudh", sei es aus anderen Gründen, dieser Duft-Typus, Black Oudh in der hemmungsloseren und dieser hier in der beherrschteren Variante, ist für mich der wahre, echte, authentische, klassische Oud-Parfüm-Typus, den ich sehr schätze, sozusagen der Referenztypus I. Ebenso sehr mag ich den - für den gemeinen mitteleuropäischen Büromenschen sehr viel alltagstauglicheren - Typus des feinen, urban geschliffenen und ziemlich stinkfreien "Berliner Ouds", repräsentiert durch Lehmanns "Oud" und Urban Scents "Singular Oud", aber dieser Referenztypus II ist heute nicht das Thema.

Ameer (das ist wahrscheinlich dasselbe Wort wie "Emir", nicht wahr?) startet mit einer sehr kräftigen, aber nicht mörderischen Fanfare aus sehr markant holzig-oudigen Noten mit mindestens ebenso markantem harzig-frisch-balsamischen Kontrapunkt. Er hat dadurch etwas golden Strahlendes und kommt sehr klassisch daher, mächtig, aber aufgeräumt und nicht gewalttätig. Die Oud-Note ist bei aller Deutlichkeit und Stärke nicht übermäßig stinkig ausgeprägt. Das ist ja hier bei den Vor-Rezensionen einer der Hauptstreitpunkte; ich schlage mich auf die Seite derer, die wenig Animalik wahrnehmen, ich würde sagen zwei bis drei auf der von null bis zehn reichenden Kuhstallskala. Und überhaupt, wenn schon Animalik, dann bei einem königlichen Duft natürlich Raubvogelkacke und nicht Kuhstall. Besonderes in dieser Phase, aber im Grunde bis zum Schluss für mich ein sehr männlicher Duft, meine Phantasie reicht kaum so weit, ihn mir "mit Erfolg" an einer Dame oder jungen Frau vorzustellen. Aber wer weiß, meine Phantasie ist ja nicht das Maß aller Dinge.

Im weiteren Verlauf treten - bei Fortbestand des starken holzig-oudigen Grundtons - die balsamisch-frischen Noten etwas zurück, ihr Platz wird partiell dann durch moderat honigsüße und gewürz-würzige Noten, bisweilen sogar mit einer Art fruchtigem Anhauch, eingenommen. Dabei wird der Duft aber nie kuschelsüß oder gar klebrig (das ist ein anderer Streitpunkt hier unter den geschätzten Kollegen; ich positioniere mich eindeutig auf der Kein-Zuckeralarm-Seite) und läuft vor allem nie aus dem Ruder, sondern behält seine feste Mitte.

Für mich ein durch und durch sympathischer Oud, dessen "herrscherliches" Namensattribut ich im Sinne der mittelalterlichen Fürstenspiegel verstehe, für die es gewiss auch im arabisch-islamischen Kulturraum Äquivalente gab: Dieser Ameer strahlt Kraft und Macht aus, wahrt dabei aber stets die Beherrschung, behält seine Mitte, bleibt geradlinig und zieht Bewunderung durch seine wohl aufeinander abgestimmten Tugenden auf sich.

Wenn es (vorerst, weitere Tests sind vorbehalten) bei "nur" 8,5 Punkten bleibt (wenn man das als ein Defizit ansehen möchte), dann deshalb, weil dieser Lattafa bei mir zunächst großes Wohlgefallen und Respekt hervorruft, aber momentan noch keine Fürstenliebe; der Funke springt (noch?) nicht ganz über. Vielleicht bin ich dazu auch zu sehr Republikaner.


28.08.2019 18:33 Uhr
26 Auszeichnungen
Ausnahmen (bisher eine: Mandarino di Amalfi) bestätigen die Regel: Tom-Ford-Düfte packen mich nicht. Vielleicht ungerecht, vielleicht mag ich die einfach nicht und riech mit einer zu kritischen Grundeinstellung daran rum, vielleicht würden Blindtests ein anderes Ergebnis bringen, keine Ahnung. Jedenfalls gehörte dieser Oud Wood hier zur Kategorie "Regel", nicht zu "Ausnahme".

Für mich ein technisch ordentlich gemachter, netter und gut tragbarer Duft mit wenig Begeisterungspotenzial. Daher fällt auch mein Kommentar entsprechend nüchtern aus, darf ja vielleicht auch mal sein:

Oud Wood scheint mir ein ziemlich linearer Duft zu sein, der zwischen drei Polen aufgespannt ist:

Das erste ist eine sehr frische, ein bisschen die Schleimhäute freiputzende Note, die definitiv den gesamten Duftbogen lang anhält. Von den angegebenen Noten passt hierzu Kardamom und Amber, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass da noch mehr vorhanden ist, mir kommt da auch Zitrik, Pfeffer und Eukalyptus in den Sinn. Also so eine Art generische Universal-Multifrische.

Die zweite Ecke des Dreiecks wird markiert von einer recht trockenen holzig-herben (aber nicht würzigen) Note, die durch Rosen- und Sandelholz sowie durch Vetiver in der Zutatenliste absolut plausibel abgebildet wird, und natürlich gehört auch das Oud hierher. Ich schließe mich allerdings denjenigen Vor-Rezensenten an, die angemerkt haben, dass "Oud Wood" nicht besonders oudig riecht. Eher allgemeinholzig, würde ich in aller Demut meinen. Es gibt ja kein Gesetz, dass wenn "Oud" draufsteht, auch Oud drin sein muss. Ist ja kein Orangensaft.

Und drittens haben wir da eine kuschelweiche fluffige Ecke, die so flauschig ist, dass sie eigentlich nicht "Ecke" genannt werden kann. Also eher ein Zweieck, bei dem der dritte Ausläufer irgendwie aus einem runden Flokatiteppich besteht. Hierzu würden Tonka und Amber passen.

So lange diese drei Pole einigermaßen im Gleichgewicht bleiben, funktioniert das sehr ordentlich, für meinen Geschmack allerdings breitet sich der Flausch mit der Zeit aus und unterjocht seine beiden Kumpels, so nach dem Motto: "Wir sind die Borg, sie werden assimiliert!". Obwohl das Frische und das Holzige schon noch erkennbar bleibt, dominieren dann irgendwann allzusehr weichgezeichneter Moschus, süßliche Schoko-Gourmand-Anwandlungen und eine irgendwie anstrengend wirkende, verdächtige dichte und dicke Luft, bei der ich, wenn ich beim Bundesamt für Verdunstungsschutz arbeiten würde, den Cashmeran-Verdachtsfall ausrufen würde.

Wenn ich sehe, dass Oud Wood hier trotz seines ziemlich ausgeprägten Preises fast 900 Besitzer hat, bin ich etwas baff, da es meiner Meinung nach sehr viele schönere Oud-Düfte gibt. Aber natürlich ist bei unserem Hobby (fast) alles subjektiv, und schlecht finde ich diesen Holztom ja auch nicht. Aber Nummer 301 auf der Merkliste wird jemand anders als ich.


1 - 10 von 157