FvSpeeFvSpees Parfumkommentare

1 - 5 von 231
FvSpee vor 4 Tagen 28
8.5
Duft
6
Haltbarkeit
4
Sillage

Neukölln 6: The British-Portuguese Friendship Perfume
Douro ist nicht etwa wie Duro (von Nasomatto), dem Duft für harte Männer, nach dem italienischen und spanischen Wort für "hart" benannt, sondern nach einem Fluss im Norden der spanischen Halbinsel. Er heißt auf spanisch Duero und auf portugiesisch Douro und bildet auf einem Stück seines Laufes auch die Grenze zwischen beiden Staaten. Im Mittelalter markierte er für Jahrhunderte (auf fast seiner gesamten Länge) die Grenze zwischen dem islamischen Al-Andalus im Süden und den christlichen Königreichen, Asturien vor allem, im Norden.

Douro ist ein Eau de Portugal (so steht es auch auf dem Etikett), und das ist, wie mir ein Mit-Parfumo erklärt hat, eine besondere Form des Eau de Cologne mit starkem Anteil an Orangen (oder Mandarinen). Portugal von 4711 ist auch so eins, und viele englische Duftfirmen führen oder führten solche Eaux. Dass die Penhaligonen sich beim Rebranding entschieden haben, "Lords" in "Douro" umzubenennen, ist insoweit sehr passend und feinsinnig.

Denn traditionell verbindet vieles England und Portugal, so zum Beispiel die englische Waffenhilfe für Portugal gegen Napoleon und die portugiesische Waffenhilfe für England gegen Kaiser Wilhelm. Aber wahrscheinlich verbindet nichts die beiden Nationen so sehr wie der Portwein, eine Art Nationalgetränk der Engländer, das in Portugal gekellert wird und dessen Trauben ausschließlich im oberen Dourotal, der Weinbauregion Alto Douro (angeblich der ältesten konkret umgrenzten und mit Namen versehenen Weinbauregion der Welt) angebaut werden dürfen. Angeblich gehen die englischen Portweintraditionen bis aufs 14. Jahrhundert zurück, als es den Namen Portwein und auch die Weinbauregion noch gar nicht gab.

In einem anderen Sinne ist der Name (und ist auch die Bezeichnung als Eau de Portugal) vielleicht nicht ganz so passend. Denn dieser sehr schöne Duft hat nur relativ wenig mit einem orangenlastigen Kölnischwasser, also einem klassischen "EdPo" zu tun. Er steht somit ein wenig am Rande dieser Serie, aber er hat in ihr durchaus seine Berechtigung.

Douro startet - insoweit durchaus colognetypisch - mit einer feinen Zitrusmelange, in der die Mandarine gar nicht so dominant ist. Dass sie hier gleichrangig neben Limette, Zitrone und Bergamotte aufgeführt wird, ist plausibel, wir haben hier eine schöne Allgemeinzitrik im besten Sinne des Wortes, einen Blend sozusagen. Noch viel dominanter ist aus meiner Sicht aber, gerade zu Beginn, der Lavendel, sozusagen der Große Wagen am Sternenhimmel über dem Douro.

Da diese Lavendel-Hesperiden-Melange auch noch schön passend mit ein paar würzigen Noten abgeschmeckt wird, entsteht hier das Bild einer hellgrauen, fein-frischen, etwas understateten Finesse, die viel eher britisch als iberisch anmutet. Das ist eher ein Gentleman auf südlichen Reisen als ein nativer Lusitanier.

Bei fortdauernder Lavendelei wird der Duft dann als nächstes weich, fast schon schmelzend weich, blühend-blütig. Das ist nicht dandyhaft oder effeminiert, aber es hat etwas schmeichelndes und zartes, als ob der Gentleman die steife Oberlippe für eine Weile vergisst und in der Schönheit südlicher Gefilde seinen soft spot entdeckt. Der Duft wird in dieser Phase auch noch einmal orangiger, sodass ich Maiglöckchen und Neroli für diese Phase (wir sind hier etwa in Minute 30 bis 60) absolut plausibel finde.

Danach beginnt, vom Zeitablauf durchaus cologne-typisch, ein sehr hautnah noch etliche Stunden verweilender, wunderschöner, edler, fein-frischer Ausklang, den ich gar nicht mehr als zitrisch empfinde. In ihm mischt sich eine ordentliche Dosis Eichenmoos (oder Eichenmoosoxan oder was man halt heute so nimmt) mit Holz (ich hätte eher Zeder als Sandelholz vermutet) und dem aus der Kopfnote noch in die Basis sickernden Lavendel.

Zu dosieren ist Douro großzügig, wie ein Cologne, gerne auch gesplasht. Zu dezent aufgetragen, verpufft er allzu schnell und entfaltet seine Wirkung nicht.

Alles in allem: Das ist Komplexität und Raffinesse, die nur scheinbar einfach und schlicht ist, weshalb dieses Wässerchen über die Grenzen eines klassischen Kölnischwassers deutlich hinausragt. Um dies zu honorieren, war ich geneigt, 9 Punkte zu geben (was alles andere als abwegig wäre!), aber da der Duft bei aller Schönheit bei mir nicht die mit einer 9 schon verbundenen Verliebtheitsgefühle auslöst, bleibt er irgendwo bei 8,74 hängen.

Trotzdem ein super Duft!

Wie übrigens Duro auch.
23 Antworten

FvSpee vor 5 Tagen 24
5
Duft
3
Haltbarkeit
5
Sillage

Neukölln 5: Zitronatpampelmuse an merkwürdiger Myrte
Eine Marke, die "Freigeist Louison - Taktlose Technik" heißt, riecht schon danach, als ob sie sich womöglich mehr Mühe gibt, angestrengt hipstermäßig originell zu sein als solide Duftqualität zu liefern. Dies umso mehr, wenn man bedenkt, dass "Louison" auch ein Spitzname der Guillotine sein kann und man die Marke folglich auch als "Freigeist Fallbeil - Taktlose Technik" lesen kann.

Der Internetauftritt der Marke präsentiert neben minimalistisch schicken T-Shirts, Gesichtsmasken und ähnlichem Krempel eine Serie Raumduftkerzen und mehrere Duftserien, darunter eine Serie Eau de Colognes. Dazu gehört Cédrat 672 (keine Ahnung, wofür die Zahl steht). Eine große Geschichte wird zu dem Duft nicht erzählt, nur, dass der Duft vom jüdischen Laubhüttenfest inspiriert sei, wo man neben der Zitronatzitrone, die ein Zeichen von Schönheit und Vollkommenheit sei, auch Weiden, Palmzweige und Myrten in der Hand halten müsse. Klingt nett, allerdings enthält die mitgeteilte Duftpyramide keine Weiden oder Palmen, sondern:

K: Bergamotte, Petitgrain
H: Zitronatzitrone
B: Moschusakkord, holzige Akkorde, Myrte.

Wie bereits Yatagan und andere vor mir angemerkt haben, riecht der Duft aber nicht nach Zitronatzitrone (und auch nicht nach Petitgrain), sondern nach Grapefruit, und das leider weder schön noch nachhaltig.

672 beginnt mit einer sehr, sehr hellen, fast spitzen Zitronik, die schon nach kürzester Zeit in Grapefruit umschlägt. Die Grapefruit wird in relativ kurzer Zeit ziemlich fruchtig-fleischig und fast echt (aber nur fast, es bleibt auch ein neonlichtmäßig-synthetischer Hauch), wird allerdings begleitet von einer dezidiert unschönen starkblumig-gummiartig-schweißig-animalischen Fremdnote, die man allerdings nicht lange aushalten muss, weil dieses Cologne nach 20 Minuten hautnah und nach einer Stunde perdu ist.

Wer für 50 Milliliter dieses Erlebnisses 48 Euro bezahlen möchte, kann dies in einem freien Land wie diesem tun. Empfehlen würde ich es aber nicht unbedingt.

Nachzutragen wäre, dass ich mich gefragt habe, ob die Skunk-Funktion vielleicht daher kommt, dass ich irgendwie nicht mit Myrte kann. Das scheint aber nicht der Fall zu sein, wie die klasse Duftnoten-Recherchefunktion bei Parfumo enthüllt. Es gibt eine Menge Düfte mit Myrte, die ich hochspannend (aber letztlich nicht 100% überzeugend) finde (wie Grain de Plaisir, Aramis, Superuomo, Ambre Précieux, Ambre Sultan und Etrog von L'Arquiste), aber es gibt auch Patchouli Ancien von Les Ecuadors, das ich wirklich liebe, und Mirto von Tuttotondo, in dem Myrte sogar die Leit-Note ist und dem ich regelrecht verfallen bin.

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Das Fallbeil fällt, und alle Fragen offen.
18 Antworten

FvSpee vor 7 Tagen 30
9
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
6
Flakon

Tulpe ist das neue Leder
Über den Unterschied moderner Lederdüfte von denen alten Stils ist in diesem Forum viel geschrieben worden, auch von mir. Vielleicht nicht am wissenschaftlich exaktesten, aber jedenfalls unschlagbar bildhaft hat das Konsalik in seinem (erstaunlich unterpokalierten) Kommentar zu Leather Blend von Davidoff getan: Bevor die Duftindustrie Leder wirklich nachbilden konnte, rief sie die angrenzenden und umgebenden Dufteindrücke hervor, sodass sich im Kopf des Wahrnehmenden die Lücke wie von selbst mit Leder schloss. Heute wird einem das Leder einfach vor den Latz geknallt. So wie bei den zwei Methoden, ein erotisches Bild zu konzipieren: Man kann einen auf den Boden gefallenen Seidenstrumpf zeigen oder einen grell ausgeleuchteten nackten Körper.

Die radikalere Herausforderung ist in dieser Hinsicht der Tulpenduft. Denn Tulpen riechen nicht. Jedenfalls nicht, wenn man keine Biene ist. Es bleibt hier also von vornherein nur die indirekte Herangehensweise. Lehmann ist es bei diesem Duft vortrefflich gelungen (ähnlich wie Byredo mit La Tulipe, die beiden Düfte wären eine Parallelrezension wert), mit ganz einfachen Mitteln dasjenige sinnlich einzufangen, was die Tulpe geistig umgibt und was ich auch nicht treffender ausdrücken kann als Ttfortwo (deren glänzenden Kommentar ich sehr empfehle, und zur Ergänzung vielleicht noch die von Gelis und Asphodel), weshalb ich es von ihr übernehme: Frühling und Frühsommer, Frische, unkomplizierte Schönheit, Morgenfeuchtigkeit und Blumigkeit ohne Duft- und Bedeutungsschwere.

Für die Lehmannsche Tulpe wurde ein Dreieck aufgespannt aus einer deutlichen, womöglich sogar im Vordergrund stehenden, herb-samtigen Zitrik, einer wirklich ungewöhnlich schönen, aber sehr unaufdringlichen und recht unspezifischen floralen Note, die ich dem Veilchen stimmig zuschreibe, und einem starken grünen Element, das an Wiesen und Sträucher im Morgentau erinnert und von Tulpenblättern herrühren könnte. Und in der Mitte des Dreiecks erblüht dann: Die Tulpe.

Was den an zweiter Stelle genannten floralen Pol angeht, hielte ich übrigens auch einen Anklang von Geißblatt und, mehr noch, von Freesie, für plausibel. Die oben in der Duftnotenbeschreibung (die nicht vom Hersteller kommen dürfte, da HL nie Noten angibt) genannte Rosengeranie kann ich nicht wahrnehmen und verbürge mich dafür, dass der Duft jedenfalls nicht promiment nach dieser auch von mir gelegentlich als schwierig empfundenen Blume riecht. Vielleicht ist nur ein wönziges Schlöckchen davon drin, um den leichten Duft mit mehr Substanz zu versehen.

Der Duft in seiner Gesamtkomposition ist von klassizistischer, wohlausgewogener Schönheit. Es gibt da keine Überhänge, nichts Exzentrisches und Anstößiges. Die Zitrik sticht nicht aggressiv hervor (Tulpe ist, obwohl ein Sommerduft mit Zitrik, unendlich weit entfernt von einem Cologne), die Blumen werden niemals dominant schwerblütig-schwermütig und der Grünton kippt nie ins grünlich-gemüsige (wie etwa bei Sisleys Eau de Campagne, das ich durchaus sehr mag). Letztlich brenne ich meist doch für solche im perfekten Gleichgewicht stehenden Düfte, ich bin eben im Herzen Apolliniker.

Tulpe wird hier vornehmlich als Damenduft empfunden. Das ist nicht völlig abwegig. Der Duft ist gewiss ausgesprochen kleidsam für die Damenwelt. Er ist da für alle Altersklassen von der Seniorenresidenz bis zur gymnasialen Mittelstufe uneingeschränkt freigegeben. Ich sehe ihn eher in Büro und Werkstatt sowie in der Freizeit und beim Sport (wenn man denn dort Düfte trägt) als bei mondänen Unternehmungen (obwohl er auch gut zu einer sommerlichen Theater-Freiluftaufführung passen würde). Ich behaupte, er setzt seiner Trägerin ein Glanzlicht an Anziehungskraft aus, wobei er eher eine vitaminreiche, sportliche und gut gewaschene Lätta-Sexiness (oder alternativ eine gelassene Empirekleid-Schönheit) als komplizierte Verruchtheit ausstrahlt.

Die Sicht auf Tuple als Damenduft könnte aber auch davon beeinflusst sein, dass Soliflore (wobei das hier ja nur ein Nominal-Soliflor ist) eher als nicht so männlich gelten. Man(n) kann Tulpe allerdings auch mindestens genauso gut als zitrisch-grünen Sommerfrischeduft im Stil von Creeds Original Vetiver betrachten, und dann wird er uneingeschränkt herrentauglich. Ich benutze Tulpe regelmäßig und bin davon noch immer so angetan wie zu Beginn. Meine Punktwertung, die ich spätestens zu dem Zeitpunkt festgelegt habe, als ich das Statement verfasste, habe ich aus gutem Grund nie geändert, Tulpe ist und bleibt eine 9 für mich. Worüber ich mich heute nur etwas wundere, sind die 9 Haltbarkeitspunkte. Möglicherweise hat (ich habe inzwischen nachgekauft) der Hersteller unter dem Einfluss irgendwelcher Richtlinien die Fixative abschwächen müssen (er hat mal sowas angedeutet, aber nicht spezifisch zu diesem Duft).

Nicht enthalten ist "Tulpe" in dem von mir initiierten aktuellen Wanderduftpäckchen (mein erstes...), für das noch ein paar Plätze frei sind. Wer sich interessiert: Im Forum nachsehen.
27 Antworten

FvSpee vor 12 Tagen 34
7
Duft
5
Haltbarkeit
5
Sillage

Neukölln 4: Hellgrüne Flöckchen
Es gibt hier in diesem Forum immer mal wieder Düfte, bei denen ich vom Stuhl falle, wenn ich sehe, wie verbreitet sie sind. Da denkt man, mit Muglers Cologne einen exotischen Vertreter seiner Gattung zu entdecken und vielleicht den ersten Kommentar zu schreiben, und dann: 686 Besitzer. Das ist besonders abgefahren, wenn man dagegenstellt, dass 4711 Echt Kölnisch Wasser nur 606 hat.

In solchen Situationen packt mich immer der dunkle Drang, meine Lebenszeit mit der sinnlosen Beschäftigung zu vergeuden, diese telefonbuchartigen Besitzerlisten mal durchzublättern. Man stößt darin immer auf sehr lustige Usernamen, die man sonst nie liest, hier z.B. bei den Damen "Grossmutter" (offenbar eine Schweizer Kollegin, wegen des Doppel-S, Grüezi!) und "Oppossum" (das Tier schreibt sich zwar nur mit einem P, aber nahe liegt, dass ein oppositionelles Opossumweibchen gemeint ist) und bei den Herren z.B. "Vollbart" (nicht interessiert an Rasierwasser-Rezensionen) und "Waffeleisen" (ein geradezu zen-mäßiger Name, wie "drei Pfund Flachs!").

Gut, also jedenfalls 686 Besitzer. Der Hammer. Mugler ist das wahre Volksköln. Trotz des zehnfachen Preises im Vergleich zu 4711. Wer hätte es gedacht? Ich nicht. Ist diese Popularität gerechtfertigt? Ich würde auch eher sagen, nicht. Obwohl das kein schlechter Duft ist.

Mit Bergamotte und Neroli weist der Mugler die zwei vielleicht charakteristischsten, wichtigsten Bestandteile des klassischen Farina-Kölnischwasser-Klangbilds auf, und deshalb denkt man auch im ersten Moment an 4711. Interessanter ist aber, was fehlt, nämlich Rosmarin und Lavendel, die für eine gewisse herbe und dunkelgrüne Körperlichkeit verantwortlich sind (dadurch wirkt der Mugler ein bisschen wie entgrätet, nur das weiche Filet, kein Gerüst) und die Zitrone, die Säure und Schärfe, Härte und Helligkeit einbringt (hell ist der Mugler schon, aber nicht weiß-gelb hell, sondern zartgrün hell).

Indem Ihro weiche, flöckchenhaft hellgrüne Lieblichkeit dann noch Orangenblüte und Moschus aufgepüstert wird, wird mir persönlich das Ganze dann (obwohl durchaus stimmig komponiert) ein bisschen zu wuschi.

Das wäre eigentlich so das Wesentliche, was mir zu dem Muglercologne einfällt, und damit ist auch zugleich gesagt, dass mir der Duft ziemlich feminin vorkommt. Interessant auch hier die Besitzerverteilung: Yin und Yang sind zwar insoweit im Gleichgewicht, als sowohl Sonnenfee als auch Mondenkind zu den Nutzern zählen; die mehr als 80 Prozent User von der männlichen Feldpostnummer stellen für mich aber schon eine Überraschung dar.

Nachzutragen wäre noch, dass der Duft eine mittlere Projektion hat und eine nicht allzu üppige Haltbarkeit. Drei, vier Stunden sind es schon, aber bis auf die erste Stunde sehr hautnah. Für einen Duft, auf dem Cologne drauftsteht, ist das auch ok, würde ich meinen. In der hautnahen Nachhallphase ist dann durchaus auch nochmal was los, was für einen (das meine ich ehrlich) gekonnten Einsatz des Chemiebaukastens spricht. Da blitzen sowohl ganz spaßige aquatische Noten auf, als auch, noch stärker, so eine interessante, oldschoolige, aber modernisierte (und etwas effeminierte) Würzseifigkeit. Quasi ein schönes grünes Stück "Irischer Frühling" aus den achtziger Jahren, aber in der Variante für Elfen und Feen.

Bevor es mir jemand um die Ohren haut, dass das kein richtiges Cologne ist, sondern ein Eau de Toilette: Ja, ich geb's zu. Es ist so ein Nominal- oder Titularcologne, das "Cologne" bloß im Namen führt (wie "Suday Cologne" von Byredo, das sogar ein Eau de Parfum ist). Ich habe den Duft trotzdem in meine Cologne-Serie aufgenommen, weil es faktisch auch nicht viel haltbarer ist als ein Kölnischwasser, und weil es offenkundig bewusst an die Farina-Tradition angelehnt ist und in - gar nicht schlechter, aber mir persönlich nicht so konvenierender Weise - mit ihr spielt.

Tiefe und aufrichtige Verneigung vor allen verehrten Duftbrüdern und Duftschwestern, deren geschätzte Nicknames ich mir erlaubt habe, in diesem Kommentar (ungefragt) zu verwenden.
30 Antworten

FvSpee vor 15 Tagen 29
8
Duft
8
Haltbarkeit
6
Sillage
7
Flakon

Colonialwaren V: The Bugged Barber
Etwa hundert Jahre nach dem sehr schönen von mir bereits anderweitig gewürdigten "gelben" Cologne von Alvarez Gomez hat das traditionsreiche spanische Dufthaus sich entschieden, auch eine (schon dem Etikett nach) braune Variante auf den Markt zu bringen. Diese stellt allerdings keinen Flanker, sondern einen Duft eigener Art dar.

Die hier gelegentlich ins Spiel gebrachten Reminiszenzen an Erfrischungsstäbchen (die ich übrigens sehr mag, wenn sie gut gekühlt sind, hmmmm) kann ich nicht so nachvollziehen. Denn dieser Barbier ist für mich nicht nur überhaupt nicht süß, sondern auch erstaunlich wenig zitrisch, und wenn schon, dann eher auf den Kopf gestellt orangig. Aber der Reihe nach und systematisch:

Bei "Barberia" (spanisch für Herrenfriseur, Barbiergeschäft - aber vielleicht auch ein kleines Wortspiel mit ruibarbo für Rhabarber) muss ich eine Doppelverdutzung überwinden.

Zunächst: Ich sprühe den Duft sehr, sehr großzügig (und damit meine ich durchaus so zwanzig Sprühstöße, also im Sinne eines Splashsurrogatsprühens) auf - und spüre nach einer ganz, ganz kurzen scharfwürzigen, an Gewürznelke und Kardamom erinnernden Zitrik erst einmal - nichts (weshalb ich auch immer noch mehr nachsprühe). Das ist sehr merkwürdig und mir so bei noch keinem anderen Duft passiert. Erst nach einigen Minuten taucht der Duft dann aus der Tiefe des Raumes auf, und zwar immer stärker werdend. Es ist, als ob er erst einmal von der Haut komplett aufgesogen worden wäre, um sich dann im Körperinnern erst zu konfigurieren und nach der dort erfahrenen Finissage, ordentlich gekämmt und gebürstet, wieder an die Oberfläche zu kommen.

Dann gilt es eine ziemlich schwierige Phase zu überwinden. Es ist so, als ob statt der kopfnotentypischen Hesperidik erst einmal ein scharfer Ingwer, vor allem aber ein säuerlicher Rhabarber und ein, nun, sagen wir mal, strenger Koriander regiert. Der Rhabarber entströmt dabei möglicherweise dem Rhabarberkuchen von Trudchen Korianke. Ihr Ehegemahl schätzt - wie Fittleworths Kommentar belegt - diesen Duft ja sehr und hält ihn in seinem Friseurgeschäft vorrätig. Süß ist der Kuchen aber nicht, sondern maximal säuerlich-frisch. Koriander tritt hier nicht als das kuchengewürzartige, aus den Samen bzw. Früchten gewonnene Korianderpulver auf, sondern als das von vielen (auch von mir) als sehr schwierig empfundene Korianderkraut, das u.a. in der südamerikanischen, asiatischen, aber teils auch iberischen Küche als Würzkraut verwendet wird. Es wird nicht umsonst ob seines Geruchs auch "Wanzenkraut" genannt.

In dieser Phase, in der ich noch gewisse - in der Pyramide nicht verzeichnete - florale Überhänge wahrzunehmen meine, ist Barberia auf jeden Fall mal ein klares Statement. Das ist kein Weichei-Wässerchen. Wer sich hier beschwert, bekommt, wie weiland bei Wanda, ein Büschel Wanzenkraut als Knebel verpasst und je eine Rhabarberstange in die Nasenlöcher gesteckt.

Etwa nach einer guten halben Stunde dreht Barberia dann und wird für die restlichen 6 bis 7 (sehr hautnah sogar 15) Stunden viel ruhiger und stabiler und nimmt einen ganz anderen Charakter an. Die Agrumen, die komischerweise erst jetzt wie Zieten aus dem Busch kommen, gehen in Richtung viskoses, herbdunkles Pomeranzenöl; flüchtige Bergatronik nehme ich gar nicht wahr. Hinzu kommt eine Eins-A-Behandlung des Trägers mit einer erstklassigen Rasierseife aus einem wunderbaren Holztiegel. Die Seifennote dürfte dabei im Übrigen ebenfalls vom Koriander herrühren, dessen Aldehyde, wenn sie nicht gerade einen auf Wanze machen, gerne mal Seife spielen (putzige Schelme, die!). Hier und erst hier kommt (für mich) dann auch eine gewisse (aber sehr sämige und mitnichten naschwerkhafte) Süße ins Spiel.

Sind die Turbulenzen der ersten Stunde überlebt, ist Barberia für mich ein wirklich sehr gelungenes, besonderes und auch sehr maskulines, dabei rundes, massives und in sich ruhendes, glattpoliertes, fast ein wenig samtiges, orange-dunkelbraunes Cologne. Es steht schon ganz am Rande der Duftgattung und könnte fast ebenso als klassisch-modernes, herb-weiches Eau de Toilette angesprochen werden. Eine Kollegin von mir, die sich synästhetischer Fertigkeiten berühmt, fand Barberia nicht nur sehr gelungen, sondern auf meine Bitte um nähere Beschreibung des Dufteindrucks dann auch "schoko- bis rehbraun".

Normalerweise lehne ich Düfte ab, bei denen ich durch eine unschöne Phase gehen muss, weil ich denke, dass es genügend gibt, die in all ihren Phasen schön sind. Hier halte ich es anders und dieses feine Geschenk eines sehr geschätzten Mitparfumos in Ehren. Denn die Rhabarberphase ist nicht wirklich schlecht, sondern nur, äh, anspruchsvoll. Und außerdem weiß man ja nie, ob man im Leben mal Gaukeleya begegnet, und dann hat man den Flakon besser dabei, wir man nach der Lektüre ihres Kommentars, der allen (volljährigen) Lesern ebenfalls sehr empfohlen sei, versteht.
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