FvSpeeFvSpees Parfumkommentare

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30.09.2019 14:03 Uhr
43 Auszeichnungen
Es ist eine in diesem Forum immer wieder angesprochene Binsenweisheit, dass ein Duft - jedenfalls wenn wir uns ihm nicht in Form von Blindproben unter Laborbedingungen nähern - nicht nur durch seinen schnöden Geruch definiert wird (das gilt nicht nur für die Bewertung, sondern sogar schon für die Wahrnehmung), sondern auch durch seine Akzidentialia: Die Farbe der Flüssigkeit, die Form des Flakons, das Gesicht der Werbekampagne, die Deklaration als "männlich" oder "weiblich", der Name des Produkts und das Image der Firma. Für diejenigen, die näher hinsehen, kommen der Parfumeur, die angegebene Duftpyramide (die oft genug ganz falsche Fährten legt!) und vielleicht auch die Kommentare der Vor-Rezensenten hinzu.

"Softly" von Jil Sander ist für mich ein Fall, an dem man dies wunderbar studieren kann: 107 Besitzerinnen (darunter viele, die sich niedliche Nicknames wie Flöckchen und Rosawolke gegeben haben, wogegen ich übrigens gar nichts habe, "Flöckchen" mag ich sogar besonders gern) gibt es hier und einen (1) Besitzer. Man kann das verstehen: Der Duft ist als "Damenduft" deklariert, die Pyramide mit Magnolie, Jasmin, Orangenblüte und Vanille könnte fluffiger nicht daherkommen und was durch Farbe und Form noch in der Schwebe gehalten wird (immerhin kein rosa und kein Plüsch), kippt dann durch den Namen des Wässerchens: "Softly"! Welcher Kerl will schon "Softly" tragen! Wenn er nicht gerade bekennender Softie ist. Aber selbst dann würde er wohl höchstens die entsprechenden Taschentücher benutzen.

Ich möchte aber wetten, dass dieser Duft der mit 200 gelisteten Kreationen außerordentlich produktiven Nathalie Lorson (neben einer ausgewachsenen Boucheron-Serie unter anderem ein Amouage, drei Cool-Water-Flanker. zwei Le Labos, einen ganzen Haufen anderer Jil Sanders und, sicher ihre berühmteste Schöpfung: Encre Noir) bei einer anderen Namensgebung und einer Vermarktung als "unisex" einen völlig anders strukturierten Kundenkreis erreichen würde.

"Softly" nehme ich nämlich heute, nach mehreren Tagen Nutzung in Folge (aus einer im Souk erworbenen Abfüllung) genauso wahr, wie vor etwa 2 Jahren, als ich ihn erstmals getestet und ein Statement dazu geschrieben habe: Als weder besonders soft noch ausgesprochen feminin. Zunächst mal geht ihm jede Süße oder Süßlichkeit gänzlich ab, ebenso jede übertriebene Flauschig- oder Fluffigkeit; die Cashmeran-Warnlämpchen bleiben alle komplett dunkel. Trotz Vanille, Orangenblüte, Jasmin und Moschus ist das definitiv kein Zuckerwatteduft.

Dieser Duft startet mit einer ausgesprochen sympathischen zitrischen Frischenote (Schwerpunkt Orange), die von colognig-kristalliner Klarheit ebenso weit entfernt ist wie von Weichspülerschmeichelei. Hinzu kommt eine leicht seifige, insoweit vielleicht durchaus ein wenig an (ein sehr gutes) Waschmittel erinnernde Note. Das ist kein schmuseweich, sondern ein Duft wie orangefrische (auch ein bisschen Richtung Petitgrain oder gar Neroli angehauchte) Baumwolle; wie ein Hemd oder T-Shirt, an dem mal jemand mit einem hochwertigen Cologne-Sprüher vorbeigelaufen ist. Schon nach einer halben Stunde hat sich "Softly" mit der Haut verbunden und ist dann eigentlich kein "Parfüm" mehr (deshalb wundert es mich auch nicht, dass er bei 108 Besitzern keinen hat, der ihn als "Signaturduft" bezeichnet), sondern ein Hautgeruchveredler, ein Ausstrahlungsbooster: Er verleiht eine Aura von Frische, Freundlichkeit und Sauberkeit, vielleicht auch von Ausgeglichenheit und Ruhe - aber keiner pappigen Trägheit, sondern der Art von Ruhe, in der die Kraft liegt. In diesem Modus, wo unsere Mitmenschen uns als "gut riechend" wahrnehmen werden, ohne sich sicher zu sein, ob wir überhaupt etwas aufgetragen haben, hält "Softly" durchaus noch einige Stunden.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass einige Arbeit darin steckt, einen Duft zu schaffen, der so unangestrengt, unauffällig und mühelos wirkt. Sicherlich kein Meilenstein der Parfümeriegeschichte, aber ein mehr als nur grundsolider: ein vollendet ausgewogener, vornehm dezenter Eigenduftaufheller, der für Feuerwehrmänner und Fliesenleger ebenso geeignet ist wie für Federchen und Flöckchen.


07.09.2019 18:16 Uhr
33 Auszeichnungen
Amberdüfte stellen mich vor drei Probleme:

1. Meine Frau hasst Amberdüfte;
2. ich muss von Amberdüften niesen;
3. meine Lieblingskollegin hasst Amberdüfte und muss davon niesen.

Dass ich trotzdem beschlossen habe, mir jetzt endlich mal einen Amberduft zu kaufen, zeigt, wie sehr mich diese Duftrichtung fasziniert. Dieses harzig-balsamische, auf so besondere Weise frische, oft ins Süße, praktisch immer ins würzige Spielende, das ist ein wirklich besonderes Dufterlebnis, das man nirgends sonst als in Amberland geboten bekommt.

Also beschloss ich, einen beschränkten Wettbewerb abzuhalten, um zu ermitteln, welcher Amber in meinen Duftschrank einziehen darf. Nicht eingeladen wurde meine erste Amberliebe, Ambre 114 von Histoire des Parfums. Ich war seinerzeit total von den Socken von diesem Duft und hatte ihm 9,5 Punkte und einen enthusiastischen Kommentar gewidmet, aber an sich schon damals erkannt, dass dieser barock-ausschweifende Monstre-Amber für einen nach 1780 geborenen Menschen praktisch gesehen eher nicht tragbar ist.

Wettbewerbsteilnehmer waren zwei MPG-Düfte, nämlich Ambre Précieux, der mir in meiner Brüsseler Lieblingsparfümerie mal außerordentlich gefallen hatte und sein mir bis dato unbekannter schwereres Geschwister Ambre Doré; ferner zwei Düfte, die als Proben zu mir gekommen waren, nämlich Ambre Orient aus der Armani-Privé-Reihe (mir bis dahin unbekannt) und Bel Ambre von Jacques Fath (vor etwa einem Jahr mal getestet und mit 8,0 und einem Statement gewürdigt), sowie zuletzt dieser hier, Ambre Fétiche; nach Ambre 114 meine zweite Amberliebe.

Zuerst mal ließ ich die beiden Düfte vom Parfumeur-und-Handschuhmacher gegeneinander antreten, den Précieux und den Doré. Dabei flog der Doré ziemlich schnell raus, (auch) der war mir zu überladen und schwülstig sowie vor allem zu stinkig (so eine markante Oud-Vetiver-Drecknote, die mir nicht passte). Der Précieux, der mir wie schon damals in Brüssel feiner und ziselierter erschien, blieb im Spiel und trat am Folgetag gegen diesen hier an.

Ich hielt das eigentlich für das vorgezogene Endspiel. Vor allem war ich aber zuerst mal irritiert, da Ambre Précieux diesmal ganz anders rüberkam als am Vortag; eher unelegant mit einer etwas rüpeligen Dissonanz startend und erst nach etwa einer Stunde seine elegante, helle Mitte findend, und dann in eine wunderbar zartwürzige, feste, balsamische, andauernde Basis (die ich gar nicht richtig beschreiben kann, die aber einzigartig ist) ausklingend. Ambre Fétiche dagegen ganz anders. Unter dem Amberdüften sticht Ambre Fétiche durch seine starken Weihrauchnoten hervor, mit ihm kauft man sozusagen Two-in-One, er ist im Vergleich zum "Encense Flamboyant" von Goutal sogar der (noch) schönere Weihrauchduft, finde ich. Für mich ist das kein Nachteil, da ich Weihrauchnoten mag. Im Aufakt, der sich über die ersten ein bis zwei Stunden hinzieht, steht dieser Weihrauch vielleicht sogar im Vordergrund, hier imponiert Ambre Fétiche als hellgrauer, tief pulvriger, feinsilbrig perlender, staubtrockener, fast aschenhafter weihrauchwürziger Duft, hohe Töne in Dur, eher ungewöhnlich (mir fällt kein Vergleich ein), der dann nach und nach in eine (sich nicht mehr groß veränderte) perfekt austarierte 10-Punkte-Basis übergleitet. Hier dann Gold statt Silber, Moll statt Dur, tiefe statt hohe Töne, aber mindestens ebenso schön. Das wirklich schöne ist hier - ich glaube das haben auch Vor-Rezensenten schon angemerkt - dass wir hier zwar das volle tiefe, satte, orientalisch-würzige, fast schon gourmandige Kuschelprogramm inklusive Vanille und Patschuli haben, dass dieses aber nie, nie, niemals nicht ins Plüschige oder überzogen Süße abgleitet. Das bleibt immer schön zentriert und erwachsen, wozu sicher auch die ja von Natur aus eher ernste Iris gehörig beiträgt. Mich überzeugte das noch mehr, und so blieb Ambre Fétiche auf dem Platz.

Eingeschoben sei hier, dass Amberdüfte bei mir anscheinend in der Wahrnehmung etwas instabil sind; die Perzeption des Précieux an einem Tag so und am anderen so scheint da kein Einzelfall zu sein. Möglicherweise neigt Amber generell etwas zum Irrlichtern, mir ist aufgefallen, dass gerade bei Amberdüften die Rezensionen hier oft sehr auseinandergehen, weniger in der Berwertung als in der Deskription: Der eine findet einen Duft wunderbar warm, der andere enorm kühl, der eine kuschelig, der andere hart usw.

Aber ich wollte ja nun mal irgendwann fertig werden und auch ohne monatelange unentschlossene Dauertests einen Amber auf meine Einkaufsliste kriegen. Der Ambre Orient von Armai Privé schied schuldlos aus dem Wettberwerb aus. Ich hatte nur eine ganz kleine Probe, trug diese abends auf und schlief kurz darauf weit vor meiner normalen Zeit ein (vielleicht war er auch mit einem über die Haut wirkenden Schlafmittel vermischt). Ich bekam also nur die ersten fünf Minuten und am nächsten Morgen den Aushauch mit; gut, dann eben nicht. Ich mag die Armani-Privé-Reihe sowieso nicht besonders.

Blieb noch Bel Ambre von Jacques Fath, den ich erneut direkt gegen Ambre Fétiche antreten ließ. Diesmal gefiel er mir noch viel, viel besser als damals beim ersten Testen, und ich war angetan vom starken Kontrast zu Ambre Fétiche im Direktvergleich. Bel Ambre ist von all den getesteten Düften der Linearste und der Alltagstauglichste: Er erschlägt weder mit allzu markanten Ambernoten (die ja nicht nur in meiner Umgebung oft etwas kontrovers wahrgenommen werden) noch mit Weihrauch oder anderen "Noten, an denen sich die Geister scheiden". Er ist ein sehr wertiger, differenzierter, aber doch auch ziemlich einheitlich rüberkommender, ruhiger, glatter, runder, offener, etwas dunkler, eher schwer-fester, aber aber doch auch dezenter Duft (wohl weil die Projektion gedämpft ist und exzentrische Noten fehlen). Ich nehme da eine bestimmte Note wahr (ich nenne sie mal "eigentümlich fruchtig", besser kann ich es nicht sagen), die mich stark an Opium Pour Homme von YSL erinnert (den mag ich sehr und werde ihn heute Abend zur Feier des Tages mal wieder tragen).

Ergebnis: Ich renne noch nicht in die nächste Parfümerie, setze Ambre Fétiche aber auf die Wunschliste. Die beiden MPGs kommen in die Tausch- und Verschenkkiste, wobei diese Entscheidung beim "Ambre Précieux" nur ganz knapp ausfällt. Die Restprobe "Bel Ambre" kommt zu den Pröbchen für die künftige Verwendung. Sollte ich jemals zwei Amber besitzen wollen, wäre er für Ambre Fétiche der perfekte Kontrastduft.


01.09.2019 13:47 Uhr
23 Auszeichnungen
Ganz am Anfang meiner Parfumo-Zeit ist mir, wahrscheinlich als kostenlose Beigabe zu meiner allerersten Souk-Bestellung (Souk passt hier ja), ein winziges Pröbchen "Black Oudh" von Al Haramain unter die Nase gekommen und hat mich so umgehauen, dass der Duft seitdem als Ausdruck einer Art uneingelöste Sehnsucht auf meiner Wunschliste steht. Kommentare oder Statements zu schreiben habe ich mich seinerzeit wohl noch nicht getraut, jedenfalls hab ich nichts Schriftliches dazu hinterlassen. Dass ich mir den Wunsch nie erfüllt habe, liegt vielleicht auch etwas an einer gewissen Furcht, ob dieser wuchtige Duft nicht doch etwas zu heftig für den Alltagsgebrauch ist, für mich selbst und vor allem auch für meine nicht unbedingt oud-affine nähere Umgebung.

Wenn mir meine Erinnerung keinen Streich spielt, was natürlich möglich ist, weil die Black-Oudh-Dufterfahrung schon weit über zwei Jahre her ist und weil beide von kostengünstigen arabischen Anbietern stammen, sodass man denken könnte, die "müssen" ja etwas gemeinsam haben, dann ist Lattafas "Ameer Al Oudh" ein Duft, der dem Al-Aramain sehr nahe kommt, der sich allerdings etwas gezähmter und wohlausgewogener präsentiert; ein Herrscher, kein Dschinn. Dass er trotzdem dem Näschen an meiner Seite nicht behagen mag, ist eine andere Frage.

Sei es aufgrund meiner frühen Oud-Initiation durch "Black Oudh", sei es aus anderen Gründen, dieser Duft-Typus, Black Oudh in der hemmungsloseren und dieser hier in der beherrschteren Variante, ist für mich der wahre, echte, authentische, klassische Oud-Parfüm-Typus, den ich sehr schätze, sozusagen der Referenztypus I. Ebenso sehr mag ich den - für den gemeinen mitteleuropäischen Büromenschen sehr viel alltagstauglicheren - Typus des feinen, urban geschliffenen und ziemlich stinkfreien "Berliner Ouds", repräsentiert durch Lehmanns "Oud" und Urban Scents "Singular Oud", aber dieser Referenztypus II ist heute nicht das Thema.

Ameer (das ist wahrscheinlich dasselbe Wort wie "Emir", nicht wahr?) startet mit einer sehr kräftigen, aber nicht mörderischen Fanfare aus sehr markant holzig-oudigen Noten mit mindestens ebenso markantem harzig-frisch-balsamischen Kontrapunkt. Er hat dadurch etwas golden Strahlendes und kommt sehr klassisch daher, mächtig, aber aufgeräumt und nicht gewalttätig. Die Oud-Note ist bei aller Deutlichkeit und Stärke nicht übermäßig stinkig ausgeprägt. Das ist ja hier bei den Vor-Rezensionen einer der Hauptstreitpunkte; ich schlage mich auf die Seite derer, die wenig Animalik wahrnehmen, ich würde sagen zwei bis drei auf der von null bis zehn reichenden Kuhstallskala. Und überhaupt, wenn schon Animalik, dann bei einem königlichen Duft natürlich Raubvogelkacke und nicht Kuhstall. Besonderes in dieser Phase, aber im Grunde bis zum Schluss für mich ein sehr männlicher Duft, meine Phantasie reicht kaum so weit, ihn mir "mit Erfolg" an einer Dame oder jungen Frau vorzustellen. Aber wer weiß, meine Phantasie ist ja nicht das Maß aller Dinge.

Im weiteren Verlauf treten - bei Fortbestand des starken holzig-oudigen Grundtons - die balsamisch-frischen Noten etwas zurück, ihr Platz wird partiell dann durch moderat honigsüße und gewürz-würzige Noten, bisweilen sogar mit einer Art fruchtigem Anhauch, eingenommen. Dabei wird der Duft aber nie kuschelsüß oder gar klebrig (das ist ein anderer Streitpunkt hier unter den geschätzten Kollegen; ich positioniere mich eindeutig auf der Kein-Zuckeralarm-Seite) und läuft vor allem nie aus dem Ruder, sondern behält seine feste Mitte.

Für mich ein durch und durch sympathischer Oud, dessen "herrscherliches" Namensattribut ich im Sinne der mittelalterlichen Fürstenspiegel verstehe, für die es gewiss auch im arabisch-islamischen Kulturraum Äquivalente gab: Dieser Ameer strahlt Kraft und Macht aus, wahrt dabei aber stets die Beherrschung, behält seine Mitte, bleibt geradlinig und zieht Bewunderung durch seine wohl aufeinander abgestimmten Tugenden auf sich.

Wenn es (vorerst, weitere Tests sind vorbehalten) bei "nur" 8,5 Punkten bleibt (wenn man das als ein Defizit ansehen möchte), dann deshalb, weil dieser Lattafa bei mir zunächst großes Wohlgefallen und Respekt hervorruft, aber momentan noch keine Fürstenliebe; der Funke springt (noch?) nicht ganz über. Vielleicht bin ich dazu auch zu sehr Republikaner.


28.08.2019 18:33 Uhr
25 Auszeichnungen
Ausnahmen (bisher eine: Mandarino di Amalfi) bestätigen die Regel: Tom-Ford-Düfte packen mich nicht. Vielleicht ungerecht, vielleicht mag ich die einfach nicht und riech mit einer zu kritischen Grundeinstellung daran rum, vielleicht würden Blindtests ein anderes Ergebnis bringen, keine Ahnung. Jedenfalls gehörte dieser Oud Wood hier zur Kategorie "Regel", nicht zu "Ausnahme".

Für mich ein technisch ordentlich gemachter, netter und gut tragbarer Duft mit wenig Begeisterungspotenzial. Daher fällt auch mein Kommentar entsprechend nüchtern aus, darf ja vielleicht auch mal sein:

Oud Wood scheint mir ein ziemlich linearer Duft zu sein, der zwischen drei Polen aufgespannt ist:

Das erste ist eine sehr frische, ein bisschen die Schleimhäute freiputzende Note, die definitiv den gesamten Duftbogen lang anhält. Von den angegebenen Noten passt hierzu Kardamom und Amber, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass da noch mehr vorhanden ist, mir kommt da auch Zitrik, Pfeffer und Eukalyptus in den Sinn. Also so eine Art generische Universal-Multifrische.

Die zweite Ecke des Dreiecks wird markiert von einer recht trockenen holzig-herben (aber nicht würzigen) Note, die durch Rosen- und Sandelholz sowie durch Vetiver in der Zutatenliste absolut plausibel abgebildet wird, und natürlich gehört auch das Oud hierher. Ich schließe mich allerdings denjenigen Vor-Rezensenten an, die angemerkt haben, dass "Oud Wood" nicht besonders oudig riecht. Eher allgemeinholzig, würde ich in aller Demut meinen. Es gibt ja kein Gesetz, dass wenn "Oud" draufsteht, auch Oud drin sein muss. Ist ja kein Orangensaft.

Und drittens haben wir da eine kuschelweiche fluffige Ecke, die so flauschig ist, dass sie eigentlich nicht "Ecke" genannt werden kann. Also eher ein Zweieck, bei dem der dritte Ausläufer irgendwie aus einem runden Flokatiteppich besteht. Hierzu würden Tonka und Amber passen.

So lange diese drei Pole einigermaßen im Gleichgewicht bleiben, funktioniert das sehr ordentlich, für meinen Geschmack allerdings breitet sich der Flausch mit der Zeit aus und unterjocht seine beiden Kumpels, so nach dem Motto: "Wir sind die Borg, sie werden assimiliert!". Obwohl das Frische und das Holzige schon noch erkennbar bleibt, dominieren dann irgendwann allzusehr weichgezeichneter Moschus, süßliche Schoko-Gourmand-Anwandlungen und eine irgendwie anstrengend wirkende, verdächtige dichte und dicke Luft, bei der ich, wenn ich beim Bundesamt für Verdunstungsschutz arbeiten würde, den Cashmeran-Verdachtsfall ausrufen würde.

Wenn ich sehe, dass Oud Wood hier trotz seines ziemlich ausgeprägten Preises fast 900 Besitzer hat, bin ich etwas baff, da es meiner Meinung nach sehr viele schönere Oud-Düfte gibt. Aber natürlich ist bei unserem Hobby (fast) alles subjektiv, und schlecht finde ich diesen Holztom ja auch nicht. Aber Nummer 301 auf der Merkliste wird jemand anders als ich.


26.08.2019 18:56 Uhr
17 Auszeichnungen
Lawall

Lawall - Mawa

8.0
Ein polizeilicher Abschlussbericht unterscheidet sich im Grunde nicht sehr von einem historischen Fachbeitrag, dachte Odorato. Wir haben einen Fall (ein Thema), sammeln dazu Beweismittel (Quellen), hören, soweit vorhanden, Zeugen (Zeitzeugen) und dann formt sich in uns ein Bild von dem, was da war. Und das schreiben wir nieder. Und wenn wir etwas literarischen Ehrgeiz haben, wird daraus eine schöne kriminalistische Prosa, die den Staatsanwalt und den Richter (oder das historische Publikum) gleich packt: "Ja, nur so kann es gewesen sein!"

Dumm nur, wenn sich eben kein klares Bild ergibt. Und ganz besonders dumm, wenn das deshalb so ist, weil es zwar (theoretisch) noch möglich wäre, den Sachverhalt, den wir spannend finden, weiter aufzuklären, es aber (praktisch) nicht geht, weil kein Schwanz sich dafür interessiert. "Prozessökonomische Ermittlungsweise, Odorato, das wissen Sie doch! Wollen Sie für dieses lä-cher-li-che 'Lawall' eine Querschnittsbefragung von zehntausend ostdeutschen Haushalten lostreten oder das Etikett des Flakons einem papieranalytischen Gutachten nach der Carbon-14-Methode unterziehen? Ja, da könnten Sie ja auch bei jedem Ladendiebstahl eine DNA-Reihenuntersuchung vornehmen, hahaha!"

Es war ja richtig. Wie in der Geschichtsforschung. Wenn ich glaubhaft mache, dass ich da neue Erkenntnisse zur Schlacht von Waterloo finde, dann kriege ich auch eine Forschungsreise zum Bezirksarchiv von Ulan-Bataar Süd finanziert. Wenn ich die Chancen zum sozialen Aufstieg der Hintersassen am Lago di Pergusa zwischen 1724 und 1753 untersuchen will, eher nicht.

Und so war es auch hier, so spannend er diese curiosità tedesca auch fand, er konnte der verzwickten Sache nicht auf den tiefsten Grund gehen. Er musste es bei seiner Spürnase und ein paar Recherchen in allgemein zugänglichen Quellen belassen. Und im polizeilichen Schlussbericht dann entweder vieles offen lassen, oder die Lücken mit seiner Fantasie füllen, einen historischen Roman statt eines Fachartikels schreiben.

Soviel konnte als gesichert gelten: MAWA wurde 1946 als Familienunternehmen gegründet, ausgerechnet in Leinefeld, Thüringen. Die Amerikaner hatten sich im Juli 1945 zurückgezogen, die Russen hatten Thüringen übernommen, alleine das schon eine verrückte Sache, in dieser Zeit ein neues Privatunternehmen hochzuziehen. Im Zuge der großen Verstaatlichungswelle der frühen 70-er wurde das Unternehmen in ein Kombinat eingegliedert, die ehemaligen Eigentümer durften aber im Betrieb weiterarbeiten. Nach 1990 übernahmen diese Alteigentümer wieder die Regie; was für ein seltener Fall von Kontinuität.

Arg gezaust ist das Unternehmen aber. Wer sich heute seine Internetseite ansieht, wird von Mitleid erfasst über so viel hausbackenen Auftritt, mit laienhaften Fotos, Schreibfehlern in den Texten und Ramschpreisen, die keinen hohen Gewinn zulassen. Und die heutigen Chefs sind entweder nicht auf die Idee gekommen, bei den Stadtvätern von Zeulenroda-Triebes die Umbenennung der Ernst-Thälmann-Straße, wo sich der Firmensitz befindet, in "Tüff-Allee" zu beantragen, oder sie sind damit abgeblitzt.

Aus dem einst recht stolzen Sortiment aus DDR-Tagen hat sich, was die Düfte angeht, nur ein Teil des TÜFF-Spektrums erhalten. Für 3,05 Euro (ein Preis, der Odorato fast ein bisschen an die Auszeichnungen des Stils "3,07 M EVP" von seinen Besuchen in der DDR erinnerte), kann man auch heute noch zwei (ihm unbekannte, aber von Kennern vielgerühmte) After-Shaves und ein Rasiervorbereitungswasser erwerben, daneben ein Haarwasser und einige Produkte aus einer Beinpflegeserie. Nicht viel geblieben also, aber immerhin.

Nur: Wann war dann dieses LAWALL verloren gegangen, von dem ein Landsmann Odorato eine neutral verpackte und säuberlich beschriftete Probe übersandt hatte? Und wann war es ins Sortiment aufgenommen worden? War es vielleicht nur ein Kurzzeitprodukt? Eine Rarität, eine blaue Duftmauritius? Vom Fall der Mauer bis zur freien Volkskammerwahl erhältlich?

Der Name bot keinen Anhaltspunkt, sondern war vollkommen grotesk. Was sollte das, "LAWALL"? Sollte das französisch wirken? "Laval" verballhornt? Wie "Chantall"? Doch wohl kaum. Nach einer oberflächlichen Internetrecherche ist "Lawall" ein deutscher Familienname mit Schwerpunkt in der Pfalz. Besonders in der Gegend von Alzey-Worms. So kommt man nicht weiter.

Bleibt das Flakon-Design, wie man es auf Abbildungen sieht. Man könnte eines typografischen Sachverständigen.... Jaja, die Prozessökonomie, ich weiß, Signor Chestore! Nach seiner eigenen Einschätzung handelte es sich um sozialistische Spätblüte, Zeit der Nikolaiviertel-Rekonstruktion im Plattenbaustil, oder unmittelbare Nachwendezeit. Zwischen 1985 und 1992, soweit würde er sich festlegen. Immerhin genauer als der Gerichtsmediziner, wenn es um Todeszeitpunkte ging.

Das wichtigste war natürlich der Duft selbst, das würde er im Abschlussbericht an den Anfang rücken müssen. Ein feiner, feiner Stoff, das hätte man denen kaum zugetraut, eher ein feiner Grappa als eine Wilthener Goldkrone sozusagen! Zitrisch, grün, moosig, minimal männerblumig vielleicht. Genug Substanz und Körper, um noch als holzig, würzig und eindeutig männertypisch, ja rasierwasserartig, zu bestehen, aber dabei sehr, sehr leicht, licht, heiter, schwebend.... Na, vielleicht wollen wir nicht zu sehr ins Schwärmen kommen, aber mehr als ein bisschen mediterrane Lebenskunst war da schon dabei. Nicht Sizilien vielleicht, aber ein guter Schuss Emilia Romagna, eher als Bitterfeld jedenfalls. Aber noch etwas war da, eine Signalnote, die er sofort wiedererkannte! Diese hochspezifische seifige Note aus dem tschechoslowakischen "Diplomat Classic", die ihn schon immer fasziniert hatte. Nur hier in einer aufgelockerten, hellgrünen Tönung. Obwohl Odorato kein Anhänger des Staatssozialismus war, nicht einmal in Gestalt von Bürgermeister Peppone, ging ihm ein vielgehörter Satz durch den Kopf: "Non è stato tutto male - Es war nicht alles schlecht..."
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Nachtrag 28. August 2019: Eine unerschütterliche Kollegin aus Deutschland hat Hausermittlungen in der Firma MAWA angestellt. Dort erfolgte Befragungen haben ergeben, dass die Produktion des Duftes Mitte und der Verkauf Ende der 80-er Jahre eingestellt worden sei. Also lag Odorato nicht so falsch...


25.08.2019 08:41 Uhr
25 Auszeichnungen
Schwer zu glauben, aber der Dreiklang aus

einer (natürlich tonangebenden) fast aggressiven Kerlekrautigkeit der 80-er Jahre,
einer tabakartig-eichenholzbraunen, blümelig umspielten Wiener k.u.k.-Barbershop-Sanftheit und
einer kaum fassbaren, zeitlosen bis hypermodernen, kühl-androgynen Glätte

ist ein harmonischer.

Dazu legen wir die Mensch-Maschine auf (Vinyl natürlich) und hören den vier Männern zu:

Neonlicht, schimmerndes Neonlicht
Und wenn die Nacht anbricht
Ist diese Stadt aus Licht.


11.08.2019 18:08 Uhr
21 Auszeichnungen
Die 8-oder-10-ml-Pullette dieses Dufts, die gerade vor mir steht, habe ich am Rande einer After-Show-Party der diesjährigen Berliner Fashion Week, mich zwischen Models und It-Girls durchquetschend, als Giveaway abgestaubt. Meiner Lebenswelt liegt eigentlich nichts ferner, aber eine alte Schulfreundin, in einer anderen Ecke Deutschlands lebend, die an der Schnittstelle von Journalismus und Mode/Design/Kultur tätig ist, war kürzlich in Berlin - und da nutzten wie diese Veranstaltung als Treffpunkt für ein Wiedersehen.

Voller Zweifel habe ich das Flaköngschen gerade gegen die Abbildung hier am Bildschirm gehalten um den Farbton des Duftes zu prüfen, und ja, zweifellos, es ist genau dasselbe Apricot. Meine Vermutung war nämlich eigentlich, dass Frau Toni, vielleicht im Zuge der Vorbereitungen auf die Veranstaltung etwas nervös und überarbeitet, die Vorratstanks verwechselt hat.

Denn dieser Duft riecht weder abenteuerlich, noch bekomme ich ihn im Geringsten mit den angegebenen Duftnoten Pfeffer, Vetiver, Zedernholz, Ambra und Patschuli zusammen. Das ist wie das Bild einer Blümchenwiese mit der Bildunterschrift "Die Durchquerung der Sahara". Ich nehme hier einen sehr hellgrünen, frischen, markant blumig-leichten (Maiglöckchen, Veilchen, Tulpe, so die Richtung) Duft wahr, vielleicht auch mit süß-fruchtigen Noten (Richtung Aprikose, süße Pflaume), mit einer erst bei sehr genauem Hinriechen spürbaren würzig-holzig-vetiverigen Unterlage und einer leichten (nicht unangenehmen, aber doch irgendwie spürbaren) synthetischen Begleitmusik.

Das ist für mich absolut kein schlechter Duft, eher im Gegenteil. Aber doch a) außerordentlich (mir zu sehr) gegen den Strich der geweckten Erwartung gebürstet; b) in ganz klein wenig zu harmlos und gefällig und c) für diese Leistung mit etwa 150 Euro pro 100 ml ein ganz klein wenig überteuert um mehr als 7,0 von mir zu bekommen.

Nach meiner ziemlich sicheren Kenntnis ist Aventure, anders als die Mehrzahl der Toni-Düfte, kein umverpackter Harry Lehmann. Von welchem Hersteller der Duft ist, ist mir nicht bekannt. Zu einer etwaigen Verwandtschaft mit Terre d'Hermès kann ich wenig sagen, da ich den nur einmal (vor ca. 2 Jahren) getestet habe, damals hat er mich nicht sonderlich überzeugt und ich habe ihn ganz anders in Erinnerung als diesen hier, kann mich aber irren.

Haltbarkeit und Sillage nicht berauschend, aber noch akzeptabel; Zielgruppe aus meiner Sicht tendenziell feminin.

P.S.: Das war mein letzter Kommentar heute...

Nachtrag: Na gut, wenn ich mich anstrenge und insbesondere in der Mittel- und Spätphase des Duftes ihn mir immer wieder mal bewusst an die Nase führe, dann gelingt es mir irgendwie, über den Sund, der zwischen Wahrnehmung und Zutatenangaben fließt, hinüberzukommen.


11.08.2019 17:38 Uhr
19 Auszeichnungen
Wenn Terra, Couchlock, Torfdoen und Goodsmeller diesen "Billigduft", von dem ich übrigens nicht weiß, wie und wo man ihn beziehen kann, positiv bewerten, dann spricht einiges dafür, dass er auch gut ist (oder sagen wir subjektiver: dass er auch mir gefällt), und so ist es denn auch - wobei ich betonen muss, dass mir der Duft spontan gefallen hat, noch bevor ich auf die Vor-Rezensionen und die Duftpyramide geschaut habe.

Vetiver, ich habe es gerade in einem anderen Kommentar erwähnt, ist bei mir immer ein Zitterkandidat. Etwa 2/3 aller Düfte mit starkem V-Anteil finde ich unangenehm stinkig, sodass bei einem Duft, der das V sogar im Namen trägt und zur Verstärkung des Stinkalarms auch noch Koriander (a.k.a. Wanzenkraut) in der Zutatenliste führt, für mich eigentlich alle Warnsignale leuchten müssten.

Das wäre hier aber unnötig: Durch die fröhliche, satt strahlende, runde, grüne Frische (die weniger vordergründig "zitrisch" daherkommt, als es das Full-Citrus-Paket Mandarine, Zitrone, Bergamotte, Neroli vermuten lassen und die viel wertiger, differenzierter, natürlicher und feiner elaboriert imponiert als man bei einem Budget-Duftes vermutet) scheinen die holzigen und vetiverigen Elemente nur so viel durch, um dem Ganzen genau die richtige Struktur und Tiefenschärfe zu geben.

Das ergibt einen ganz wunderbaren, sehr, sehr klassischen und ebenso edel wirkenden Herrenduft für alle Jahreszeiten außer dem Winter, den man uneingeschränkt allen Altersklassen empfehlen kann.

Dank Cappellusmans großzügiger Spende konnte ich das Rasierwasser und das EdT probieren. Die angegebenen Duftnoten sind identisch und ich vermag auch beim Duft keinen großen Unterschied feststellen. Da der Flakon beim Rasierwasser (den Bildern nach) noch trashig-kultig-billiger daherkommt und das Rasierwasser auch einen Tick frisch-fröhlicher erscheint (vielleicht ist das auch nur wegen der grünen Farbe so), würde ich mich im Zweifel vielleicht sogar für das Eau de Rasage entscheiden. Dafür spricht auch, dass die Haltbarkeit beim EdT so hoch auch nicht ist, sodass von der Seite her kein großer Unterschied besteht.


11.08.2019 15:42 Uhr
16 Auszeichnungen
"Agua Brava" ist in etwa die spanische Übersetzung von "Eau Sauvage", und da dieser spanische Klassiker zwei Jahre nach dem Diorschen-Ur-Wildwasser erschienen ist, liegt der Gedanke an ein kleines Namensplagiat nicht fern. Die Düfte weisen nur eine entfernte Verwandtschaft auf, obwohl sie beide schön sind.

Agua Brava erinnert mich von den beiden weniger an das Thema "gluckernder Wildbach"; das hier ist eher ein tiefer, dunkler Wald; die Reminiszenzen als Pino Silvestre, die in einigen der Vorkommentare aufscheinen, kommen nicht von ungefähr. In der langen Anfangsphase empfinde ich den Agua Brava jedoch ganz prominent herrengewürzig (dabei darf man durchaus an "Herrengedeck" denke), die an Wacholderschnaps bzw. Genever erinnernde Wacholdernote (die ich neulich etwa auch in Ginepro Nero genießen konnte) ist hier für mich prominent vertreten, und darum gruppieren sich noch mehr Kräuter und Gewürze, die im Gewürzschrank für die streng-herben Noten veranwortlich sind und die Kinder meist nicht mögen, weil sie zu bitter und irgendwie zu ungefällig sind: Lorbeerblatt vor allem, und auch Salbei, Lavendel und die Gartennelke, die ich eher als Gewürznelke rieche, passen hier hinein. Das dreht aber nie in eine irgendwie "orientalische" oder "gourmandige" Richtung, dafür ist alles zu klar, frisch, unsüß und trocken.

Wie bei einer auf den Kopf gestellten Duftpyramide dringen zu mir die zitrischen und waldig-ätherischen (kiefernöligen) Noten später durch, und am Ende staubt es dann etwas weniger, wenn die eher weich-holzigen und hellgrünen Klänge mehr in den Vordergrund treten. Patschuli und Vetiver, zwei Burschen, die bei mir immer gefährlich sind (mag ich sehr oft gar nicht), halten sich im Hintergrund, plärren nicht rum, sondern checken nur cool die Lage.

Die Haltbarkeit und Sillage sind für ein Cologne beachtlich.

Ein sehr, sehr angenehmer, ausgesprochen maskuliner, origineller, auf den ersten Schnüff grundsympathischer, old-schooliger Sommer-und-Herbst-Duft. Für Damen und junge Männer dann geeignet, wenn sie zum Experimentieren außerhalb der Komfortzone bereit sind.

Nachträge:

Zu Rosendo Mateu habe ich bei Wikipedia & Co nichts gefunden. Angesichts dessen, dass er mindestens noch 2015, also über 45 Jahre nach diesem von ihm offenbar mit-kreierten Duft, neue Parfüms auf den Markt geworfen hat (ich hab mal einen Kommentar zu einem von ihm unter Eigenlabel herausgegebenen Oud geschrieben, erinnere ich mich), muss Agua Brava - wenn er kein Methusalem ist - für ihn eine Art Etüde oder allenfalls Gesellenstück gewesen sein.

Bei den Kommentaren und Statements gibt es einige, denen ich ganz und gar zustimmen kann, u.a. Naimie45, Azahar, Yatagan, FabianO und Cappellusman; an letzteren Dank für die Probe!


28.07.2019 19:10 Uhr
31 Auszeichnungen
Es gibt Düfte, die gar nichts von Grandezza haben, die schlicht und vermeintlich unbedeutend sind. Von dem, der nur achtlos vorübergeht (oder dem, der zwar genauer hinsieht, dessen Herz aber nicht für sie vorgeprägt ist) werden sie als bloß nett und artig, aber keiner näheren Beachtung wert befunden. Für den aber, der ihnen den Blick leiht, der ihnen wirklich gebührt, dessen Seele für sie bereitet ist, dem zeigen sie die ganze Welt ihrer lauteren, guten Schönheit. Misia von Chanel ist ein solcher Duft, von cremeweißem Charakter, und Mirto von Tuttotondo, ein schneeweißer, ist ein ebensolcher.

Auf einen schöneren Namen als "Mirto" hätte man diesen Duft kaum taufen können; zu bedauern wäre allenfalls, dass die Myrte im Italienischen nicht weiblichen Geschlechts ist, was ihrer Anmut womöglich noch gerechter würde. Vom Duft der Myrte heißt es, er sei dem Eukalyptus und Kampfer ähnlich, sei frisch und würzig.

Das findet sich hier; doch entscheidender sind Farbe und Symbolik. Schneeweiß blüht die Myrte, so wie dieser Duft riecht. Und das Myrtenweiß, das bräutliche Weiß, ist treu und echt, fein und aufrecht, tugendhaft und rechtschaffen. Ecco Mirto. Überflüssig hinzuzufügen, dass das sittsame, ja keusche Weiß nichts weniger ist als prüde oder brav (letzteres allenfalls in seiner im Englischen noch lebenden Bedeutung von wacker). Es hat seine eigene Anziehung: Das Liebe und Liebenswürdige grenzt an das Liebreizende, und die weiße Flamme brennt stets heißer als die rote.

Mirto eröffnet mit Schnee. Ein Schneefeld im Gebirge, das Weite, Klarheit, Wachheit, Frische und Reinheit zeigt. Und Feinheit, Zartheit. Dann, nach einer Nacht vielleicht, in der ein Mond weißsilbrig scheint, blüht es schneeglöckchenweiß, krokusweiß; belebt von hellem Blattgrün, zartherb und zartsüß zugleich. Am Ende löst sich das Bild auf in Anmut und Leben und in eine Heiterkeit, die zu tätig ist um Behaglichkeit zu sein.


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