IceMachine
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Doch ich häng', wenn Ihr auch lacht, heut' noch an Berlin
Mein verstorbener Vater stammte aus Berlin. Mitten hineingeboren in die dunkelste Zeit des letzten Jahrhunderts musste er als Kind den Zweiten Weltkrieg miterleben. Wenige Jahre danach, als er gerade alt genug war, verließ er Berlin, landete in einer anderen Großstadt mehrere hundert Kilometer entfernt und baute sich dort ein Leben auf. Berlin sah er nur selten wieder und so spielte es auch in meinem Leben keine große Rolle. Trotzdem spüre ich schon immer eine besondere Verbindung zu unserer spannenden Hauptstadt und so testete ich mich vor allem aufgrund des Markennamens durch die Düfte aus dem Hause Schwarzlose Berlin.
Neben dem authentisch-lindenblütigen
1A-33 (2012) und dem verruchten
Rausch hat es mit vor allem
Treffpunkt 8 Uhr angetan: unsüß, grün, leicht fruchtig. Modern mit einem Hauch Nostalgie.
Ich sehe meinen Vater als sehr jungen Mann vor mir, wie er voller Vorfreude mit dem Rad durch einen lauen Sommerabend fährt. Er hat sich schick gemacht und ist extra früh losgefahren, um nicht zu spät zu seiner Verabredung zu kommen. Der Wind ist warm, die Abendsonne zaubert Lichtreflexe auf den Asphalt. Die Luft riecht nach Sommer, nach Freiheit, nach Unbeschwertheit; eine Unbeschwertheit, die ich meinem Vater gewünscht hätte, aber die ihm der Krieg genommen hat und die er leider auch später im Leben viel zu selten zulassen konnte.
Treffpunkt 8 Uhr schwankt für mich zwischen Leichtigkeit und Schwermut, denn trotz seiner Frische ist er für mich kein allzu fröhlicher Duft, auch wenn Ingwer und Mango in der Kopfnote durchaus ein bisschen Lebensfreude durchblitzen lassen. Der Duft ist frisch, herb, leicht würzig und der Vetiver darin ist wunderbar leicht und hell. Überhaupt ist es ein heller Duft, angenehm, nicht zu stark. Und doch melancholisch, eine helle Melancholie, die einen auf die Vergangenheit blicken lässt und doch immer wieder in die Gegenwart zurückzieht.
Mein Vater und ich hatten es nicht immer leicht miteinander. Dass er vom Alter her mein Großvater hätte sein können, sah man ihm äußerlich kaum an, und doch lag manchmal zu viel Zeit zwischen uns. Doch neben all der Strenge und Verbohrtheit, die mir manchmal das Leben schwer machten, war er auch ein Genussmensch, und so bin ich mir sicher, dass ich ihn mit meiner Parfümbegeisterung hätte anstecken können. Vielleicht hätten wir uns gemeinsam durch die unterschiedlichsten Duftproben getestet. Und
Treffpunkt 8 Uhr hätte ihm sicher genauso gut gefallen wie mir.
Neben dem authentisch-lindenblütigen
1A-33 (2012) und dem verruchten
Rausch hat es mit vor allem
Treffpunkt 8 Uhr angetan: unsüß, grün, leicht fruchtig. Modern mit einem Hauch Nostalgie. Ich sehe meinen Vater als sehr jungen Mann vor mir, wie er voller Vorfreude mit dem Rad durch einen lauen Sommerabend fährt. Er hat sich schick gemacht und ist extra früh losgefahren, um nicht zu spät zu seiner Verabredung zu kommen. Der Wind ist warm, die Abendsonne zaubert Lichtreflexe auf den Asphalt. Die Luft riecht nach Sommer, nach Freiheit, nach Unbeschwertheit; eine Unbeschwertheit, die ich meinem Vater gewünscht hätte, aber die ihm der Krieg genommen hat und die er leider auch später im Leben viel zu selten zulassen konnte.
Treffpunkt 8 Uhr schwankt für mich zwischen Leichtigkeit und Schwermut, denn trotz seiner Frische ist er für mich kein allzu fröhlicher Duft, auch wenn Ingwer und Mango in der Kopfnote durchaus ein bisschen Lebensfreude durchblitzen lassen. Der Duft ist frisch, herb, leicht würzig und der Vetiver darin ist wunderbar leicht und hell. Überhaupt ist es ein heller Duft, angenehm, nicht zu stark. Und doch melancholisch, eine helle Melancholie, die einen auf die Vergangenheit blicken lässt und doch immer wieder in die Gegenwart zurückzieht.Mein Vater und ich hatten es nicht immer leicht miteinander. Dass er vom Alter her mein Großvater hätte sein können, sah man ihm äußerlich kaum an, und doch lag manchmal zu viel Zeit zwischen uns. Doch neben all der Strenge und Verbohrtheit, die mir manchmal das Leben schwer machten, war er auch ein Genussmensch, und so bin ich mir sicher, dass ich ihn mit meiner Parfümbegeisterung hätte anstecken können. Vielleicht hätten wir uns gemeinsam durch die unterschiedlichsten Duftproben getestet. Und
Treffpunkt 8 Uhr hätte ihm sicher genauso gut gefallen wie mir.
7 Antworten
Above us, only sky
Meine bessere Hälfte und ich machen gerne Urlaub abseits vom Trubel und von allzu vielen Menschen. Vor einiger Zeit verschlug es uns dabei an die holländische Nordseeküste, in ein kleines ehemaliges Wächterhäuschen in einem Fort. Nun war dies kein mittelalterliches Fort, sondern eines aus napoleonischen Zeiten, ergänzt durch neuere Nachbesserungen aus Beton, so dass es einen eher rauen Charme versprühte. Der besonderen Ruhe, die dieser Ort vor allem nachts ausstrahlte, tat dies jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil. Das Fort lag relativ einsam am Rande eines Dorfes mit Blick auf die stürmische Nordsee und einen langen Strand.
Mein Mann und ich mieteten uns also für einige Tage ein und erhielten neben dem Schlüssel für unser Wächterhäuschen auch die Schlüssel für die gesamten Außenanlagen des Forts inklusive Aussichtsplattform. Tagsüber waren das Gelände und das dazugehörige Museum für einige Stunden für die wenigen Besuchenden geöffnet, die sich während der kalten Nebensaison noch dorthin verirrten. Den Rest des Tages und auch nachts hatten wir das ganze Fort für uns. Wir schlenderten in der Dämmerung über das Gelände, beobachteten Möwen und Sonnenuntergänge und saßen spätabends dick eingepackt mit einer Thermoskanne voll Tee auf der Aussichtsplattform, schauten in die Sterne und lauschten dem Meer, das in der Schwärze der Nacht nur zu erahnen war. Außer dem Rauschen des Meeres umgab uns nur Stille und Wind.
Genau diese Stimmung fängt
L'Ombre des Merveilles für mich ein. Er riecht nach einsamer, sternenklarer Nacht, nach Meer, nach kühler Herbstluft, gleichzeitig aber auch nach Wärme, Ruhe, Geborgenheit. Für mich ist es vor allem ein Teeduft, da der Schwarze Tee sehr deutlich hervorsticht, und ich erschnuppere auch eine leichte Zitrik. Den in den Duftnoten angegebenen Weihrauch, der mich lange davon abgehalten hat, dem Duft eine Chance zu geben, rieche ich zwar deutlich, aber sanft heraus, und zusammen mit einer leichten Süße (wohl durch die Tonkabohne) gefällt mir das erstaunlich gut.
Ich bin wirklich froh darüber, dass dieser Duft durch einen Tausch mit einer lieben Parfuma seinen Weg zu mir gefunden hat! Er bringt mich nun jederzeit zu den stillen, friedlichen Momenten auf der Aussichtsplattform dieses Forts zurück, das ja ursprünglich gar nicht für friedliche Zeiten gedacht worden war, was dem Ganzen neben einer gewissen Ironie auch ein wenig Hoffnung verleiht.
Ich wünsche euch allen eine solche Aussichtsplattform, gerade jetzt in diesen Zeiten.
Vergesst nicht, zu den Sternen zu schauen!
Schöne Feiertage und ein glückliches neues Jahr 2025!
Mein Mann und ich mieteten uns also für einige Tage ein und erhielten neben dem Schlüssel für unser Wächterhäuschen auch die Schlüssel für die gesamten Außenanlagen des Forts inklusive Aussichtsplattform. Tagsüber waren das Gelände und das dazugehörige Museum für einige Stunden für die wenigen Besuchenden geöffnet, die sich während der kalten Nebensaison noch dorthin verirrten. Den Rest des Tages und auch nachts hatten wir das ganze Fort für uns. Wir schlenderten in der Dämmerung über das Gelände, beobachteten Möwen und Sonnenuntergänge und saßen spätabends dick eingepackt mit einer Thermoskanne voll Tee auf der Aussichtsplattform, schauten in die Sterne und lauschten dem Meer, das in der Schwärze der Nacht nur zu erahnen war. Außer dem Rauschen des Meeres umgab uns nur Stille und Wind.
Genau diese Stimmung fängt
L'Ombre des Merveilles für mich ein. Er riecht nach einsamer, sternenklarer Nacht, nach Meer, nach kühler Herbstluft, gleichzeitig aber auch nach Wärme, Ruhe, Geborgenheit. Für mich ist es vor allem ein Teeduft, da der Schwarze Tee sehr deutlich hervorsticht, und ich erschnuppere auch eine leichte Zitrik. Den in den Duftnoten angegebenen Weihrauch, der mich lange davon abgehalten hat, dem Duft eine Chance zu geben, rieche ich zwar deutlich, aber sanft heraus, und zusammen mit einer leichten Süße (wohl durch die Tonkabohne) gefällt mir das erstaunlich gut. Ich bin wirklich froh darüber, dass dieser Duft durch einen Tausch mit einer lieben Parfuma seinen Weg zu mir gefunden hat! Er bringt mich nun jederzeit zu den stillen, friedlichen Momenten auf der Aussichtsplattform dieses Forts zurück, das ja ursprünglich gar nicht für friedliche Zeiten gedacht worden war, was dem Ganzen neben einer gewissen Ironie auch ein wenig Hoffnung verleiht.
Ich wünsche euch allen eine solche Aussichtsplattform, gerade jetzt in diesen Zeiten.
Vergesst nicht, zu den Sternen zu schauen!
Schöne Feiertage und ein glückliches neues Jahr 2025!
3 Antworten
You know you‘re always welcome to stay
Ich war noch nie in Island. Überhaupt ist mir das Reisen nicht unbedingt in die Wiege gelegt worden. Als Kind und Jugendliche verreiste ich fast nie. Es war kaum Geld dafür da und aufgrund der Schwerbehinderung meiner Schwester lagen die Prioritäten in unserer Familie verständlicherweise woanders. Als Studentin scheiterte es auch wieder am Geld und heute, längst dem Studentinnenalter entwachsen, gehöre ich noch immer nicht zu den Menschen, die mehrmals im Jahr mit dem Flieger um die Welt „jetten“. Einerseits liegt das daran, dass ich aufgrund des Klimaschutzes nicht allzu oft fliegen möchte, andererseits fehlt mir auch die Leichtigkeit, mit der andere Menschen einfach losreisen. Ich habe es einfach nicht im Blut. Trotzdem habe ich in meinem bisherigen Leben einige schöne Orte in Europa besuchen dürfen, manchmal mit dem Flugzeug, oft mit dem Zug, vor allem in den Nachbarländern Deutschlands. Und in Spanien und Finnland und Irland und Großbritannien. Ich studierte einige Zeit in England. Und vor einigen Jahren bin ich sogar bis nach Kanada gekommen.
In all diesen Jahren stand Island immer ganz oben auf meiner Wunschliste. Trotzdem war ich noch nie dort, immer kam irgendetwas dazwischen, Familie, neue Jobs, Pandemien. Wie es in Island riecht, kann ich also nicht sagen. Vor einigen Wochen jedoch fanden einige Duftproben des isländischen Labels Fischersund den Weg zu mir. Düfte, entwickelt und gestaltet von Jón Þór Birgisson (seines Zeichens Sänger und Gitarrist der isländischen Postrockband Sigur Rós); Düfte, die also zwei meiner liebsten Themen - Musik und Parfum - verbinden. Natürlich war ich sofort fasziniert davon und als ich bei Duft N°8 und dessen Rhabarbernote ankam, war es um mich geschehen. Der Rhabarber steht dabei für mich im Vordergrund, aber auf eine sehr weiche Art, begleitet von sanfter Zitrik und untermalt von einer leicht herben, grünen Note. Das beworbene Motoröl rieche ich nicht direkt heraus; lediglich eine zarte, leicht kaugummiartige und gleichzeitig etwas bittere Note zeigt sich mit der Zeit.
Der Duft erinnert mich an Kindheit, an die 80er Jahre, an einen warmen Sommertag. Die Sonne flirrt über dem Asphalt, irgendwo weiter weg tönt ein Synthesizer aus einem Radio. Ich werfe Geld in einen Kaugummiautomaten, drehe an dem metallischen Griff und bekomme eine kleine rote Kaugummikugel. Sie schmeckt fruchtig und säuerlich und meine Hände riechen nun danach, gemischt mit dem metallischen Geruch des Automatengriffs. Ein leichter Sommerwind weht mir den Duft der Gräser und Bäume des nahegelegenen Wäldchens um die Nase. Es sind Ferien und ich habe noch Zeit, bis ich zum Abendessen zu Hause sein muss. Das Leben ist leicht und frei und unbeschwert. Ob sich Kindheit in Island ähnlich anfühlt? Ich denke schon. Wahrscheinlich unterscheiden sich tatsächlich nur die Landschaften, auf die man blickt.
Im Sommer 2026 werde ich mit einigen meiner Liebsten nach Island fahren. Wir werden uns die wunderschöne Natur ansehen und die Sonnenfinsternis, die dann dort stattfinden wird. Und in Reykjavik werde ich die kleine Fischersund-Parfümerie besuchen. Wenn alles klappt. Wenn die Welt dann noch steht. Vor meinem inneren Auge blicke ich auf die raue isländische Landschaft, die Sonne scheint, der Wind ist kühl und die Luft klar. Kein einziger Baum weit und breit! Wie es dort wohl riecht? Fängt Fischersunds N°8 tatsächlich den Duft des isländischen Sommers ein?
Ich weiß es noch nicht.
Aber ich werde berichten!
You know you‘re always welcome to stay
You, you know at the end of, of the day
We all, we all die anyway
(Sigur Rós - Gold)
In all diesen Jahren stand Island immer ganz oben auf meiner Wunschliste. Trotzdem war ich noch nie dort, immer kam irgendetwas dazwischen, Familie, neue Jobs, Pandemien. Wie es in Island riecht, kann ich also nicht sagen. Vor einigen Wochen jedoch fanden einige Duftproben des isländischen Labels Fischersund den Weg zu mir. Düfte, entwickelt und gestaltet von Jón Þór Birgisson (seines Zeichens Sänger und Gitarrist der isländischen Postrockband Sigur Rós); Düfte, die also zwei meiner liebsten Themen - Musik und Parfum - verbinden. Natürlich war ich sofort fasziniert davon und als ich bei Duft N°8 und dessen Rhabarbernote ankam, war es um mich geschehen. Der Rhabarber steht dabei für mich im Vordergrund, aber auf eine sehr weiche Art, begleitet von sanfter Zitrik und untermalt von einer leicht herben, grünen Note. Das beworbene Motoröl rieche ich nicht direkt heraus; lediglich eine zarte, leicht kaugummiartige und gleichzeitig etwas bittere Note zeigt sich mit der Zeit.
Der Duft erinnert mich an Kindheit, an die 80er Jahre, an einen warmen Sommertag. Die Sonne flirrt über dem Asphalt, irgendwo weiter weg tönt ein Synthesizer aus einem Radio. Ich werfe Geld in einen Kaugummiautomaten, drehe an dem metallischen Griff und bekomme eine kleine rote Kaugummikugel. Sie schmeckt fruchtig und säuerlich und meine Hände riechen nun danach, gemischt mit dem metallischen Geruch des Automatengriffs. Ein leichter Sommerwind weht mir den Duft der Gräser und Bäume des nahegelegenen Wäldchens um die Nase. Es sind Ferien und ich habe noch Zeit, bis ich zum Abendessen zu Hause sein muss. Das Leben ist leicht und frei und unbeschwert. Ob sich Kindheit in Island ähnlich anfühlt? Ich denke schon. Wahrscheinlich unterscheiden sich tatsächlich nur die Landschaften, auf die man blickt.
Im Sommer 2026 werde ich mit einigen meiner Liebsten nach Island fahren. Wir werden uns die wunderschöne Natur ansehen und die Sonnenfinsternis, die dann dort stattfinden wird. Und in Reykjavik werde ich die kleine Fischersund-Parfümerie besuchen. Wenn alles klappt. Wenn die Welt dann noch steht. Vor meinem inneren Auge blicke ich auf die raue isländische Landschaft, die Sonne scheint, der Wind ist kühl und die Luft klar. Kein einziger Baum weit und breit! Wie es dort wohl riecht? Fängt Fischersunds N°8 tatsächlich den Duft des isländischen Sommers ein?
Ich weiß es noch nicht.
Aber ich werde berichten!
You know you‘re always welcome to stay
You, you know at the end of, of the day
We all, we all die anyway
(Sigur Rós - Gold)
8 Antworten
Lay back, it's all been done before
Anfang der 2000er zog ich direkt nach dem Abitur in meine erste eigene Wohnung. Sie war klein und weit außerhalb, so dass ich gefühlte Ewigkeiten in der Straßenbahn saß, um in die Innenstadt zur Uni zu kommen. Die Böden waren schief und knarrten bei jedem Schritt und die kleine Einbauküche war noch aus den 70ern und in schon damals fragwürdigen Vintage-Brauntönen gehalten. Geheizt wurde mit in die Jahre gekommenen Gasöfen und bis diese endlich ansprangen, musste man besonders am Anfang der kalten Jahreszeit dutzende Male den kleinen Knopf unter der Abdeckung drücken. Um es kurz zu machen: Diese kleine Wohnung war perfekt. Ich richtete sie ein mit einer Mischung aus den günstigsten Ikea-Möbeln, alten Möbeln meiner Eltern und aus meinem Kinderzimmer und Sachen vom Flohmarkt. Ich kaufte einen kleinen Röhrenfernseher (das sind die, die tiefer sind als breit ;-)) und ließ oft fast den ganzen Tag MTV laufen. Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht: MTV, seines Zeichens Musikfernsehsender, spielte damals, lange vor der Zeit von YouTube und ständig verfügbarem Highspeed-Internet, tatsächlich fast den ganzen Tag Musikvideos. (Und erinnert sich noch jemand an VIVA Zwei?) Ich saß also in dieser kleinen Wohnung mit dem alten, leicht krummen Lindenbaum vor dem einen Fenster und dem hässlichen kleinen 70er-Jahre-Hochhaus - es gibt in der Tat kleine Hochhäuser - vor dem anderen Fenster und wälzte mich leicht überfordert und gleichzeitig fasziniert durch meine Uni-Ordner des ersten Semesters. Im Fernsehen lief MTV, vielleicht Linkin Park oder Avril Lavigne oder eine Folge South Park. Und das Zimmer roch nach "Hugo Deep Red", vanillig und beerig und süß. Das Leben fühlte sich ewig an, im positiven Sinn, schließlich lag alles noch vor mir und die Zukunft war offen und frei.
"Hugo Deep Red" ist kein ausgefallener Duft. Das war er nie und wollte es wohl auch nie sein. Er duftet gefällig nach Vanille und roten Beeren und ein bisschen erinnert er mich an rote Grütze mit Vanillesoße. Früher fand ich ihn sehr süß, aber verglichen mit der Süße manch moderner Parfums ist er das nicht. Mittlerweile wohnt ihm das Besondere eines Duftes inne, den man eben nicht mehr so oft riecht und der den aktuellen Trends nicht mehr entspricht. Heute wirkt er für mich etwas aus der Zeit gefallen, aber nicht im negativen Sinn, nicht altbacken, eher retro (und ein ganz klein wenig sexy), und absolut noch tragbar, auch für junge Menschen.
Das Haus mit meiner kleinen ersten Wohnung wurde mittlerweile abgerissen und durch ein neues, schickeres Wohnhaus ersetzt mit großen Balkonen und bodentiefen Fenstern. Und auch das hässliche kleine Hochhaus gegenüber hat einen neuen Anstrich bekommen. Aber der alte Lindenbaum steht noch, krumm wie eh und je, und trotzt den Jahren, die an ihm vorüberziehen. Und als ich kürzlich meine alte Straße entlang lief, hätte ich schwören können, die Luft roch nach "Hugo Deep Red".
"Hugo Deep Red" ist kein ausgefallener Duft. Das war er nie und wollte es wohl auch nie sein. Er duftet gefällig nach Vanille und roten Beeren und ein bisschen erinnert er mich an rote Grütze mit Vanillesoße. Früher fand ich ihn sehr süß, aber verglichen mit der Süße manch moderner Parfums ist er das nicht. Mittlerweile wohnt ihm das Besondere eines Duftes inne, den man eben nicht mehr so oft riecht und der den aktuellen Trends nicht mehr entspricht. Heute wirkt er für mich etwas aus der Zeit gefallen, aber nicht im negativen Sinn, nicht altbacken, eher retro (und ein ganz klein wenig sexy), und absolut noch tragbar, auch für junge Menschen.
Das Haus mit meiner kleinen ersten Wohnung wurde mittlerweile abgerissen und durch ein neues, schickeres Wohnhaus ersetzt mit großen Balkonen und bodentiefen Fenstern. Und auch das hässliche kleine Hochhaus gegenüber hat einen neuen Anstrich bekommen. Aber der alte Lindenbaum steht noch, krumm wie eh und je, und trotzt den Jahren, die an ihm vorüberziehen. Und als ich kürzlich meine alte Straße entlang lief, hätte ich schwören können, die Luft roch nach "Hugo Deep Red".
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C‘est comme une gaieté, comme un sourire
Ich bin am Rande einer großen Stadt aufgewachsen, in einer kleinen Mietwohnung in einem Wohnblock inmitten weiterer Wohnblocks in einem typischen Arbeiterviertel, in dem die Menschen nicht viel Geld hatten. Trotzdem war unser Viertel gepflegt, die Balkone waren voller bunter Sonnenschirme und in den Blumenkästen an den Balkongeländern wuchsen Geranien. Da wir uns kaum Urlaub leisten konnten, hatten meine Eltern günstig einen kleinen Schrebergarten am Rand unseres Viertels angemietet. Ein krummer Kirschbaum stand darauf und ein Gartenhäuschen mit einer Veranda aus dunklem Holz. Meine Eltern stellten eine Schaukel auf für meine Schwester und mich und mein Papa pflanzte im hinteren Teil des Gärtchens Gemüse an und im vorderen einige Johannisbeer- und Stachelbeersträucher. In den Sommermonaten saßen wir an den Wochenenden und in den Ferien alle im Gärtchen beisammen, mein Papa sonnte sich, meine Mama blätterte durch Zeitschriften, meine Schwester puzzelte und ich verschlang haufenweise Kinderbücher aus der Stadtbücherei, malte, schaukelte oder stibitzte Beeren. Die Luft roch nach Sommer und Gras und grünen Sträuchern und ein bisschen auch nach der nahen Stadt mit all ihrem von der Sonne aufgeheizten Beton.
„Dance Amongst The Lace“ fängt für mich diesen Geruch ein. Der Duft riecht nach einem Garten am Rande einer Stadt, nach Gräsern, Kräutern, nach Beerensträuchern, holzig und säuerlich. Er riecht minzig, zitrisch, aber ich rieche auch das dunkle Holz des Gartenhäuschens im Schrebergarten meiner Eltern. Der Duft ist dabei herb, frisch, kühl (aber nicht kalt) und trotzdem irgendwie sommerlich und ganz wunderbar zeitlos. Ein bisschen riecht er auch so, wie meine Kinderhände rochen, nachdem ich die Johannisbeeren vom Strauch gerupft hatte; ein bisschen nach dem Holz und den Blättern des Strauchs, vermischt mit dem säuerlichen Aroma der kleinen dunkelroten Beeren.
Mein Papa lebt leider nicht mehr und das Schrebergärtchen musste schon vor Jahren weiteren Wohnblocks weichen. Ich lebe in einer anderen Stadt in einem Wohnviertel, wo die Sonnenschirme an den Balkonen nicht bunt sind, sondern in modernen Grau- und Beigetönen gehalten werden und die meisten Menschen genug Geld für ihren Urlaub haben. Aber wenn ich „Dance Amongst The Lace“ rieche, bin ich wieder sieben Jahre alt, stibitze Johannisbeeren von unseren Sträuchern, mein Papa schnarcht in seinem Liegestuhl in der Sonne und im Radio läuft „Ella, elle l‘a“ von France Gall. Und ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen.
„Dance Amongst The Lace“ fängt für mich diesen Geruch ein. Der Duft riecht nach einem Garten am Rande einer Stadt, nach Gräsern, Kräutern, nach Beerensträuchern, holzig und säuerlich. Er riecht minzig, zitrisch, aber ich rieche auch das dunkle Holz des Gartenhäuschens im Schrebergarten meiner Eltern. Der Duft ist dabei herb, frisch, kühl (aber nicht kalt) und trotzdem irgendwie sommerlich und ganz wunderbar zeitlos. Ein bisschen riecht er auch so, wie meine Kinderhände rochen, nachdem ich die Johannisbeeren vom Strauch gerupft hatte; ein bisschen nach dem Holz und den Blättern des Strauchs, vermischt mit dem säuerlichen Aroma der kleinen dunkelroten Beeren.
Mein Papa lebt leider nicht mehr und das Schrebergärtchen musste schon vor Jahren weiteren Wohnblocks weichen. Ich lebe in einer anderen Stadt in einem Wohnviertel, wo die Sonnenschirme an den Balkonen nicht bunt sind, sondern in modernen Grau- und Beigetönen gehalten werden und die meisten Menschen genug Geld für ihren Urlaub haben. Aber wenn ich „Dance Amongst The Lace“ rieche, bin ich wieder sieben Jahre alt, stibitze Johannisbeeren von unseren Sträuchern, mein Papa schnarcht in seinem Liegestuhl in der Sonne und im Radio läuft „Ella, elle l‘a“ von France Gall. Und ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen.
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