Die Wahrheit über die Wirkung von Gourmands
Süße Düfte erfreuen sich neuerdings großer Beliebtheit und selbst Parfümix-Oberhaupt Nod, an sich kein Fan von Hypes, hat Gefallen daran gefunden. Das liegt aber daran, dass er es zur Weihnachtszeit ganz klassisch mag: seine Parfums sollen jetzt lecker riechen - oder nach Tanne. Und so hat er sich - man gönnt sich ja sonst nichts - zum Nikolaus eine kleine Abfüllung eines sogenannten Gourmands bestellt, die am 5. Dezember bei ihm eintrifft. Das ist aber ungünstig, findet Nod. Streng genommen darf er die Duftpost erst am nächsten Morgen öffnen, aber er ist schon so neugierig... Mit äußerster Willenskraft und Bergen an Arbeit gelingt es ihm, bis zum frühen Nachmittag standhaft zu bleiben. Dann jedoch gibt es kein Halten mehr! Voller Vorfreude reißt er den Umschlag auf, liest lächelnd ein paar nette Begleitworte und sprüht sich nebenbei schon mal ordentlich ein. Wie das duftet! So, nun rasch noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen und dann hat er für den Rest des Tages frei.
Mit einem fröhlichen "Lasst uns froh und munter sein" auf den Lippen öffnet Nod seine Wohnungstür und wird im Hausflur direkt von seinem Nachbarn Herrn O. angesprochen. Was denn da so köstlich dufte? Nod habe wohl Plätzchen gebacken? Davon hätte er dann gerne eine gute Portion in seinen Nikolausstiefel. Mit einem geheimnisvollen Lächeln zieht Nod seiner Wege, amüsiert sich über die Wirkung seines neuen Parfums jedoch insgeheim prächtig. Vergnügt erledigt er seine Besorgungen und tritt in bester Laune den Rückweg an, als ihm auf einmal ein beunruhigender Gedanke kommt: könnte Herr O. seinen Wunsch am Ende ernst gemeint haben? Möglich wäre es, grübelt Nod. Er meint sich dunkel zu erinnern, vor längerer Zeit irgendetwas von "Wichteln" gehört oder gelesen zu haben, kann sich aber beim besten Willen nicht an die Details erinnern. Was, wenn er nun aufgefordert wurde Herrn O. zu bewichteln und folgerichtig für die Befüllung des nachbarschaftlichen Stiefels zuständig ist? In Grübeleien versunken betritt Nod das Treppenhaus und stolpert fast über die Stiefeletten von Frau C.. Was stellt sie die auch vor ihre Wohnungstür? Ach so, sie macht wohl auch mit bei dem Nachbarschaftswichteln. Allerdings sind ihre Schuhe ganz schön schmutzig, findet Nod. Ein bisschen putzen könnte sie die für so einen Anlass schon mal---
Wie auch immer, Nod muss sich jetzt erstmal um sein Wichtelkind Herrn O. kümmern, der ja wohl hoffentlich gut geputzte und ausgelüftete Stiefel vor sie Tür stellen wird. Noch immer fröhlich, wenn auch nicht mehr ganz so munter macht Nod sich erneut auf den Weg zum Supermarkt um Backzutaten zu besorgen. Wieder zuhause will er sich umgehend ans Werk machen als er sich plötzlich fragt, ob denn auch wirklich Herr O. sein Wichtelkind ist. Da er sich nach wie vor nicht recht an Einzelheiten erinnern kann, könnten doch auch seine Nachbarinnen Frau C. oder Frau K. ...? Das hat man jetzt davon in einem Mehrparteienhaus zu wohnen, ärgert sich Nod. In einem Doppelhaus wäre das einfacher. Aber da hilft nun alles nichts: damit niemand leer ausgeht bekommen nun alle etwas von ihm. Erneut zieht Nod los und kommt beladen mit Einkaufstaschen voller Eier, Milch und Mehl zurück. Dabei fällt ihm auf, dass außer Frau C. noch niemand seine Stiefel vor die Tür gestellt hat. Das fehlte ja wohl noch, dass er sich solche Mühe gibt und die anderen das Nachbarschaftswichtel einfach vergessen! Das wird er schleunigst ändern, beschließt Nod. Statt zu backen bastelt er also erst einmal einen großen Aushang mit der Aufforderung, die geputzten! Stiefel bis 19.00 Uhr vor die Tür zu stellen und eine kleine Gabe für den Esel nicht zu vergessen. Schön weihnachtlich verziert wird er gut sichtbar im Treppenhaus platziert. Zur Sicherheit schreibt Nod noch Handzettel, die er zur Einstimmung mit dem neuen Gourmand beduftet und in die Briefkästen steckt. Dann legt er los.
Ganz nach dem Motto "Backen macht Freude" rührt und wirbelt Nod in seiner Küche. Er beginnt mit alten Familienrezepten, wird im Laufe des Abends aber immer kreativer. Zum Beispiel gibt es schokoladenfreie Schokoladenkekse, was daran liegt, dass er sich während der Arbeit mit Blockschokolade stärken musste. Das hat er sich aber auch verdient, denn erst spät in der Nacht ist er endlich fertig. Leise schleicht er durchs Treppenhaus und befüllt die blitzblanken Schuhe seiner Nachbarn. Die Gaben für den Esel - eine Möhre, eine Scheibe Brot und einen Müsliriegel - sammelt er dabei ein. Erschöpft aber glücklich kehrt Nod in seine Wohnung zurück, die herrlich duftet, und fällt in sein Bett. Ein anstrengender, aber schöner Tag, denkt er beim Einschlafen.
Am nächsten Morgen öffnet Nod als erstes seine Wohnungstür und stellt fest, dass seine Schuhe nicht befüllt wurden. Das ist ja merkwürdig, wundert sich Nod. Außerdem hat er trotz seiner diversen Supermarktbesuche vergessen, ein Brot zu kaufen. Naja, er hat ja noch die Scheibe Brot, die er gestern eingesammelt hat. Ein wenig enttäuscht ist er aber. Warum geht er leer aus? Liegt es daran, dass er in Ermangelung geputzter Stiefel seine Gummistiefel herausgestellt hat? Nachdenklich knabbert er an der Mohrrübe.
Nach dem etwas dürftigen Frühstück beschließt Nod, den Tag zu nutzen statt sich zu ärgern. Er bricht zu einem langen Spaziergang auf und plötzlich fällt es ihm wieder ein: gewichtelt wird nicht in der Nachbarschaft, sondern auf Parfümix. Wie so oft wollte er eigentlich mitmachen, hat es dann aber wieder vergessen. Es liegt also weder an seinen Gummistiefeln noch an seinen Nachbarn, dass er nichts bekommen hat. Macht nichts, findet Nod. Immerhin hat er jetzt einen guten Vorrat an Weihnachtsplätzchen und aus den übrig gebliebenen Zutaten kann er sich später ein Brot backen. Außerdem hat er sich ja selbst einen schönen Duft geschenkt. Zufrieden isst er seinen Müsliriegel und macht sich dann auf den Rückweg, wobei er leider durch ein paar Pfützen laufen muss. Gut, dass er die Stiefel gestern nicht geputzt, findet Nod. Sie sind jetzt so schmutzig, dass er nicht einmal seine Wohnung damit betreten mag und sie erstmal vor der Tür stehen lassen muss. Putzen wird er sie morgen.
Am Sonntag will Nod sich nach einem späten und ausgiebigen Frühstück endlich um seine dreckigen Stiefel kümmern. Als er die Wohnungstür öffnet, funkelt und glitzert es zu seiner großen Überraschung daraus! Neugierig inspiziert er ihren Inhalt: es gibt Mandarinen und Süßigkeiten von Frau K., eine Abfüllung
Fille en aiguilles von Herrn O. und Frau C. hat ein Früchtebrot beigesteuert. Obendrein sind seine Stiefel bereits geputzt. Am späten Nachmittag wollen sie einen Umtrunk im Treppenhaus veranstalten, zu dem er herzlich eingeladen ist.
Das ist ja toll, freut sich Nod. Und alles nur, weil er sich einmal an einen Gourmand gewagt hat... Den sollte er wohl öfter mal tragen. Und vielleicht, überlegt Nod, zieht zu Weihnachten sogar ein Flakon ein.


Shamis
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Wieder einmal toll und sehr amüsant geschrieben. Ich hoffe, dass du heute morgen auch einen prall gefüllten Stiefel vor deiner Tür hattest!