Stulle

Stulle

Rezensionen
1 - 5 von 28
Stulle vor 27 Tagen 23 41
9
Sillage
9
Haltbarkeit
10
Duft
Mein Leben der 80er Jahre...
@Parfumaholic, was hast Du mir nur angetan? Du katapultierst mich mit diesem Duft gnadenlos zurück in die Vergangenheit.

Sie war 17, ich unwesentlich älter. Mein karger Lehrlingslohn wurde hemmungslos in diesen Duft umgetauscht (der erste für sie war Byzance), und ich muss sagen: ich habe später im Leben noch viele durchaus schlechtere Käufe für wesentlich mehr Geld getätigt.

***
- geschnürte Lederhose in schwarz und rot, Cowboyboots, Jeansweste
- ein uralter Opel Kadett C mit Tapedeck: Metallica, Queensrÿche, Whitesnake usw.
- Twix = Raider; Raucher in der Kneipe; Deutschland mit Mauer; der Kanzler aß am liebsten Saumagen
- Polarlichter in eiskalten Januarnächten
- im Sommerurlaub durch Italien und Südfrankreich gurken, ganz ohne Navi, aber im ollen Daimler, dessen Benzinverbrauch mich fast ruiniert hat - davon habe ich mich bis heute nicht richtig erholt ;)
*

Die Achtziger Jahre in wunderbarster Ausprägung, ohne jedoch übermäßig chypresk oder blumig zu werden; FENDI bietet eine herrlich ausufernde Palette an Duftnoten und Details, die mehr als beeindruckend ist und in Erinnerung bleibt.

Den Beginn erfahre ich eher als grün denn zitrisch, hell, weich und holzig-trocken zugleich. Die standesgemäßen Herznoten Nelke, Rose, Jasmin, Ylang Ylang glaube ich zu erkennen; dabei sind sie alle jedoch sehr fein verblendet, so dass für mich nichts dominiert. Also nur keine Nelkenangst!

Im weiteren Verlauf schließlich ist sie da, die ganz außergewöhnliche ledrige und zugleich doch weich-anschmiegsame Basis: Sandelholz, zarte Vanille, Eichenmoos und eine präsente Würze, die nicht ausschließlich Patchouli sein kann, sondern eher ein Potpourri an markanter und zugleich doch sanfter Fülle. Allerspätestens da würde ich den Duft nicht mehr nur als Lederchypre betrachten. Moschus ist nicht überpräsent, verbindet jedoch alle Elemente mit seiner Wärme.

FENDI ist übrigens einer der ganz wenigen Düfte, denen ich das Palisander (=Rosewood) abnehme. Ich kenne es als pures Holz und glaube, es gelegentlich in Parfums identifizieren zu können - selten genug, ihr kleinen Parfumeurs-Schlingel und _innen!

Danke @Parfumaholic für diese aufregende und auch bewegende Reise!

Außer ein paar Düften möchte ich nichts mehr aus der Vergangenheit zurückhaben. Fast nichts.
41 Antworten
Stulle vor 1 Monat 15 26
10
Sillage
10
Haltbarkeit
8.5
Duft
Habt ein bisschen Mut!
Teerig-ledriges Oud, wo immer das auch herstammen mag. Hellfrische Obertöne, ganz leicht zitronig, garnieren den schönen Kardamom. Blumig-liebliches und weiches Blumenbukett im Mittelteil, das jedoch auf Textil ziemlich hintergründig bleibt.

Irgendwann im Verlauf vermählen sich die zitrischen Noten mit den rauchig-medizinisch-animalischen Tönen; alles gepaart mit einer kräftigen und fast erdigen Würze. Das ist irgendwie genial und auch in gewissem Maße fordernd. Ich glaube, dass Freunde kräftigen Ouds hier echt ihren Spaß mit haben werden.

MGO-Düfte scheinen mir generell nicht für jeden Parfum@ gemacht, und erst recht nicht für den schnellen, gedankenlosen Gebrauch ("Immergeher", "No Brainer", "Daily Driver").
Hier erfordert es Aufmerksamkeit, tiefergehendes Interesse, Lust an einer olfaktorischen Entdeckungsreise und manchmal auch etwas Mut.
Die Düfte - und Arabian Oudh mal wieder ganz besonders - danken es mit einem wahrlich großen und spannenden Dufterlebnis.
Dem Spender kann ich nur danken für diese wirklich tollen Erfahrungen!
26 Antworten
Stulle vor 4 Monaten 21 34
9
Sillage
10
Haltbarkeit
8.5
Duft
Nur ein viel zu langes Statement...
Maskuline Tiefgründigkeit und Wärme: umfangreich begrünt mit Lavendel und einem Hauch Petitgrain, gepaart mit fichtig-harziger Patchouliwürze. Muskat, Gewürznelken und Piment sind schnell präsent.
Dann zedrig und holzig, zugleich moosweich, fast etwas saftig, und trotzdem von Vetiver und Galbanum im Lot gehalten. Auch Rosengeranie schafft einen zusätzlichen grünen Akzent. Und dann noch etwas Trockenbittergrünes: Lorbeer? Oder alleine der aufgeführte Oregano?
Auf Textil prägt pfeffrige Frische den Dufteindruck, auf meiner Haut weniger.

Die Entwicklung geht sehr langsam vonstatten, und im Laufe der nächsten Stunde entdecke ich immer neue Facetten am Duft; mittendrin fühle ich mich ansatzweise sogar ganz leicht an Agua Brava Eau de Cologne erinnert (den muss ich auch mal wieder auf die Merkliste nehmen), der aber aus meiner Erinnerung heraus nicht mit dieser Wärme und Fülle mithalten kann.

Was wirklich erst nach einer guten Stunde für mich wahrnehmbar ist, ist die schöne warme Rauchnote - wie Zigarettenrauch in der angenehmsten Form (sogar für einen Nichtraucher wie mich).
Schließlich geht das Parfum mit ganz wunderbarem Eichenmoos und der hier schon mehrfach erwähnten warmen und angesandelten Zimtnote in den Endspurt.
Der Pimenteindruck zieht sich durch den ganzen Verlauf, und was bleibt, ist eine erstaunlich kräftige, fast schon massive, ambratische Süße - der Bezug des Parfumeurs zu orientalischen Düften wird hier klar. Diese Art von Basis sollte man mögen; weniger davon wäre nach meinem Gusto besser gewesen, und so verliert der Duft auf den letzten Metern leider noch ein halbes Pünktchen.

Trotzdem: MGO POUR HOMME Duft beeindruckt durch Komplexität, Fülle, Dreidimensionalität und niemals langweilende Entwicklung. Alleine den kräftigen Drydown unterschätzt man - es ist sinnvoll, die Düfte des Labels generell sparsam zu dosieren. Zwei Sprüher reichen mir dicke, aber das ist ja bei Xerjöffen oder anderen aktuellen Gassenhauern auch nicht anders.

Ich bedanke mich höchst angetan beim Probenspender für die Entdeckung dieses formidablen Duftes!
34 Antworten
Stulle vor 9 Monaten 28 37
7
Sillage
7
Haltbarkeit
7
Duft
Was hat er nur, was hat er nur?!
Das frug ich mich jedenfalls die letzten drei Wochen lang. Ein hier eher ungeliebtes Eau de Toilette, das wahlweise als reiner Büro-Duft oder gar "Duft für Anfänger im Parfum-Game" gesehen wird. Halbwegs respektiert, aber eher ein bisschen mitleidig von oben herab belächelt.

Jedenfalls wollte ich einem nicht sonderlich parfumaffinen Freund (einem ewigen Invictus-Dupe-Träger) etwas Gutes tun. Jener Freund bedurfte eines wohlmeinenden Parfumos wie mich *hust*, um etwas aus der "Kiek ma Atze, dit is'n jeiler Duft - wie det Orijinaaal, nur viiieeeel billja! Also für DIT Geld issa vieeeeel bessa, oda?!" - Nummer herauszukommen.

Da nicht jeder Mensch finanziell so gut ausgestattet ist wie manch fortgeschrittener Jungkäufer, dachte ich an einen mittelklassigen und -preisigen Duft, der nicht polarisiert, einem Fremdling unserer Materie/Sucht zumindest ein kleines "Oho! Die Marke kennick, die is juut, wa?" abgewinnen könnte und im Falle des Gefallens von ihm nachkaufbar wäre.

Und (fast) selbstlos, wie ich halt so bin, schritt ich meinem Freunde todesmutig voraus, erwarb eine so gut wie neue Buddel dieses BOSS-Duftes im Souk (besten Dank an den netten Verkäufer) und probierte ihn dann selber furchtlos und ohne Vorbehalte aus. Etwas länger sogar, denn ich bemerke immer wieder Wahrnehmungsänderungen auf der Mittelstrecke und komme somit zu neuen Detailerkenntnissen.

Damit meine ich - und ganz ehrlich: wer kennt das nicht - daß auch manch spektakulärer Luxus-Nischenheimer für heftig viel Geld nach ein paar Tagen anfängt, ein bisschen (oder auch etwas mehr) zu nerven, einem selber sogar bei zwanghafter Selbstüberzeugung nicht gefallen will oder ganz einfach nicht zu einem passt.
Wenn dann die Eltern ins Kinderzimmer kommen oder gar Kolleg_Innen ins Büro, im Antlitz zartgrün werden und freundlich maulen: "Boah, wie riecht's denn hier? Sag mal, was MACHST du hier eigentlich die ganze Zeit?" - dann, liebe Freunde, naht der Moment, über die vielleicht schon ausufernde und hunderte von Euro teure Parfumsammlung grundsätzlich nachzudenken.

Das jedenfalls ist dann der große Moment von (*Fanfaren*): BOSS - THE SCENT!

Zu Beginn duftet es irgendwie fruchtig - ich weiß immer noch nicht, wie die sagenumwobene Maninkafrucht riecht, glaube allerdings mal der Boss-Marketingabteilung, dass es halbwegs so sein wird wie in diesem Parfum.
Ingwerähnliche Noten schaffen etwas Struktur: es wird nicht klebrig, sondern eher ein bisschen frisch angesüsst. Im weiteren Verlauf hat es noch eine feine Krautigkeit, die ebenso wie der Ingwer die Süsse gut im Zaum hält. Laut DuPy ist das Lavendel, und das mag dann meinetwegen so sein.
Eine sehr leichte ledrige Note im Drydown macht den Duft durchaus maskulin, ohne auch nur ansatzweise Leder im Stile von z.B. Knize 10 oder auch Tuscan Leather zu imitieren.

Nun kann man sagen, dass das alles ja wenig aufregend sei: ja, genauso ist das nämlich, und es soll wohl auch so sein!
Eben DAS macht THE SCENT so angenehm - nichts wirkt dröhnend, plakativ, unrund, überanspruchsvoll, mühsam, egozentrisch, knarzig, lautsprecherisch, aufdringlich, nischig-quälend, gewollt und nicht gekonnt, sondern alles bleibt in das Gesamtkonzept eines allgemein gefälligen Duftes eingebettet.

Ist das nun große Duftkunst? Nö, vermutlich nicht. Da gibt es doch viel aufregenderes Zeug am Markt, wie wir alle wissen, und wer etwas höchst individuelles und spezielles möchte, muss dieses EdT nicht testen.
Aber THE SCENT nervt einfach nie, und wenn er im Vorbeigehen wahrgenommen wird, gibt es immer nette und positive Kommentare. Zu mir hat jedenfalls noch niemand gesagt: "Alta, dit riescht schon janz okeeeh, aba n bissjen ostphilippinisches Ylang-Ylang, hinterkambodschanisches Oud und botswanisches Hyraceum hätt' dem Dufte oooch juuut jetan, wa?!"

Jedenfalls: ich habe ein Problem. Ich würde den Duft nach diesen Testwochen gerne behalten, denn er macht mir einfach bodenständige Freude. Keine kratzigen Aromachemicals, kein Nervpotential, sondern im Gegenteil: unaufdringlich fruchtige Noten mit maskuliner Basis - mir gefällt sowas und nun fürchte ich, dass mein Atze ohne Duft ausgehen könnte. Das kann ich ihm eigentlich nicht antun, der Junge muss endlich mal vernünftig riechen!

Vielleicht gewinnt ja doch noch mein Altruismus die Oberhand (bzw. mein Egoismus, weil ich ihn ja ab und zu treffe und das Zeug gefälligst schnuppern will. Höhö.) und ich geb's ihm.
Ai'll kiep juu informt. Schönen zweiten Advent noch jewünscht.
37 Antworten
Stulle vor 2 Jahren 23 32
8
Sillage
10
Haltbarkeit
8
Duft
DUNKELWÜRZLAVENDELIXIR
- Ohne jede Einleitung -

Eine Art Zitrizität in der Kopfnote nehme ich wahr; sie ist weder klar von Zitrusfrüchten stammend, noch ist eine andere Frucht eindeutig erkennbar. Am ehesten würde ich diese hohe Frequenz noch dem Kardamom zuschreiben - ich habe gerade ein Korn zerkaut und finde, das geht schon in diese Richtung.
Muskat ist eher dezent verbaut. Dunkler und würziger Lavendel ist jedenfalls der Protagonist; er duftet weder frisch noch krautig, und das irritiert eventuell einen eher klassisch orientierten Lavendelfan. Es ist halt eine etwas andere Variante dieser Duftnote.

Vetiver sorgt wie so oft für Struktur innerhalb der Komposition, und weiches Cumarin steuert dann in Richtung Fougère - das muss man mögen und ich behaupte mal, diesem Cumarin im Zusammenspiel mit dem etwas ungewöhnlichen Lavendel sind auch die Old-School-Barbershopvergleiche geschuldet.

Ich mag sowas, habe ich ja so ganz langsam das Alter dafür; ich kann jedoch auch ein gewisses Unbehagen bei jüngeren Riechkolben und -kölbinnen nachvollziehen. Lavendel hat man halt sehr oft als Seife oder Duftsäckchen gegen Schlafzimmerschrankmuff und die gar garstig' Kleidermott' benutzt!
Lakritze kann ich übrigens nicht wahrnehmen, und ich habe gerade vor kurzem erst wieder auf einem Stückchen Süßholz herumgekaut. Kleiner Reminder für die älteren Parfum@s unter uns: das soll ja den Blutdruck hochtreiben. Schadet also nix, wenn's fehlt ;)

Der Unterschied zum Eau de Toilette (das ich wirklich mag) ist doch erstaunlich groß. Für mich ist das Elixir so etwas wie ein Sauvage mit hohem Gewicht. In sich rund, ausgewogen und vermutlich - die Werbewelle reitend - diese Weihnachten unter diversen Tannenbäumlein zu finden. Nur noch fünf Wochen - Geschenke am besten jetzt schon besorgen, gell?!
32 Antworten
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