Vrabec

Vrabec

Rezensionen
1 - 5 von 70
Taugetränkte Tannenzweige - oder: wo Waldbaden erfunden wurde.
Fragrantarium ist ein weiteres Haus, welche Naturdüfte in den Mittelpunkt stellt. Hier wird ein unglaublich authentisches Bild gezeichnet, wirklich täuschend nah an der Realität.

Dafür haben diese Düfte wenig "parfümiges" an sich, als Träger will man hier bewusst seine Naturnähe unterstreichen. Die meisten würden, behaupte ich mal, eher an einen Raumduft denken. Eine starke Sillage darf man hier natürlich nicht erwarten.

Was man erwarten darf, ist ein Duft, welcher einen sofort an den Ort des Duftnamens morpht.

Ich rieche einen nasse Nadelwald, taugetränktes, knackiges Gestrüpp, der Boden schmatzt leicht beim laufen, hinterlässt nichts modriges sondern Gerüche von frischer mineralischer Erde und einen Hauch von nassem Rindenmulch. Kalte Findlinge liegen flechtenbewachsen am Rand des Pfades. Ein harziger Hauch wabert zwischen den Ästen, die ersten Sonnenstrahlen blinzeln durch die von Tau glänzenden Zweige. Kühle Morgenfrische verspricht einen wundervollen Tag.
Ein Wald zum wohlfühlen, hier lauert keine Gefahr, ein idealer Ort zum Waldbaden und um zu sich zu finden.

Ich nehme diesen Duft als deutlich aufgeräumter wahr, als Alternativen aus dem Hause Noam, Covey oder Pineward.
Auch fehlt hier ein Teil, der auch zur realistischen Darstellung eines Waldes gehört, nämlich modrige, pilzige oder muffige Gerüche.
Das hier gänzlich darauf verzichtet wird, finde ich sehr angenehm.

Auch die restlichen Düfte aus dem Hause finde ich spannend, gut durchdacht und qualitativ auf einem guten Niveau. Dafür ist es sehr schade, dass diese Düfte zu wenig Aufmerksamkeit bekommen.
8 Antworten
Unbefangen in die Fetisch Bar
Einige Düfte von Gualtieri sind einige meiner Lieblingsdüfte. Wirklich gut finde ich fast alle, tragbar für mich viele.
Deshalb war "Sadonaso" Für mich ein Blind Buy, den ich mir erlaubte.
Ich habe diesen Duft auch nicht wie sonst über mehrere Tage gerochen, erlaube mir jedoch trotzdem eine Rezension zu schreiben, weil es vielleicht jemandem bei der Kaufentscheidung hilft.

Mit Fetisch, Sadomaso, BDSM und dem. ganzen Schweinekram (Zwinker), mit dem das Image des Duftes wie auch der Flakon Deckel aufgeladen war, habe ich nicht die geringsten Erfahrungen. Wie es auf einschlägigen Partys riecht, kann ich somit leider nicht vergleichsweise herziehen.
Somit bin ich beim testen recht frei von Vorwissen und stolperte recht unbefangen in die Fetisch Bar.

Für mich haben Gualtieri Düfte keinen wirklichen Verlauf aus Kopf/Herz/Basis Noten, viel mehr handelt es sich um eine dichte Linie, die mit vielen Dufteindrücken gefüllt ist, dabei aber von Start bis Ende recht gleich bleibt. So auch hier.
Schonmal positiv anzumerken ist, dass Gualtieri kein Upcycling alter Düfte betreibt, wie zuletzt öfter. Am ehesten erinnert mich "Sadonaso" an den Stil von "Fantomas" ohne dass mir hier Parallelen in den Dufteindrücken begegen.
So. Was rieche ich?

Ich rieche ein Gemisch aus zitrischer gäriger Milch, synthetischem Leder, jedoch nicht rauchig oder dicht,eher macht das ledrige auf mich einen eher transparenten Eindruck. Generell ist der Duft transparenter als die meisten seiner Vorgänger. Das überascht. Etwas schmierig- vanilliges steht recht deutlich im Vordergrund und ich stoße doch auf einen Eindruck, welches am ehesten an die Keksnote aus Fantomas gepaart mit einem übersüßen Flat White erinnert. An Skurrillität mangelt es hier also nicht, das sollte aber die wenigsten verwundern.
Auch an der erwarteten Animalik lässt Gualtieri es hier nicht fehlen. Etwas ganz dezent kotiges versteckt sich schüchtern hinter den anderen Noten, Liebhaber von Stercus werden hier aber nur müde lächeln. Echte Fäkalik riecht anders. Die ordentliche Portion Moschus riecht für mich allerdings recht angenehm,
sorgt aber mit den synthetischen zuvor genannten Akkorden für einen Eindruck der Extase.

Was mich wirklich überascht ist die Sillage, welche bei Nasomatto/ Orto Parisi als Teil des provokativen Konzepts meistens sehr laut ist. Die dadurch eingesparten Sprühstöße rechtfertigen so für mich durchaus die Preise. Hier ist sie eher durchschnittlich, fast schon dadrunter. Passt für mich nicht ganz in das Konzept des Duftes.

Abschließend muss ich sagen, dass ich Sadomaso deutlich gefälliger finde als erwartet. Wir finden hier keinen Fetisch Club vor, durch den man anschließend den Tatortreiniger schicken müsste. Mir gefällt er tatsächlich recht gut, nur nicht gut genug um ihn zu behalten.
19 Antworten
Das glückseelige Lebensgefühl eines wolkenleeren, geschäftigen Morgens in Haiti.
N•O•A•M Botanical Perfume ist ein recht neues (erste Releases Angang 2022) Indie Label aus der Schweiz.
Aufmerksam wurde ich durch die wirklich besonders Interesse weckenden Statements hier auf Parfumo, sowie Kommentare des Indie- heads Floyd. Dieser bezeichnet NOAM in seinem Kommentar weiter unten als "olfaktorisches Raumzeitreisebüro" und dem kann ich nach dem durchschnüffeln des Sample Sets vollständig zustimmen.
Jeder Duft schickt dich auf eine unglaubliche Duftreise und das ist auch so gewollt. Jeder Duft besitzt ein örtliches & zeitliches Konzept.

Dieser hier in den frühen Morgen des Jahres 1979 nach Bois Verna, Port-au-Prince, Haiti.
Er soll von grünen, üppigen Gärten, Straßenverkäufern die Gingerpunsch reichen, Gerüchen von Lianen, Ylang- Ylang, knorrigen Wurzeln und feuchter Erde, blauem Himmel, sowie der Ernte des für Haiti typischen Vetiver erzählen.

Start: Moosige zitrone, rindenmulchige Grapefruit. Scharfe Ingwerklänge. Dichter Hintergrund von Muskat Kardamon und Ylang Ylang. Alles in dampfigen, ätherischen Gewand, was diesen Duft trotz seiner vielen, eng gepressten Aromen sehr leicht wirken lässt. Von der Konsistenz mit dem Geruch eines Saunaaufgusses zu vergleichen, ohne seine schwere Hitze. Das gefällt mir sehr.

In der Herznote verlässt uns der feuchte, dampfige Eindruck,
trotz der Melange an Würze und Hölzern bleiben die zitrischen Noten wunderbar stabil und deutlich vordergründig. Auch der Ingwer nimmt an Fahrt auf, hebt sich etwas hervor und gibt frische Schärfe hinzu. Fruchtige Töne nehme ich nur punktuell wahr.
Was nun langsam durch den scharf- würzig, holzig- mulchigen Boden hervor quillt sind florale Klänge. Vor allem Milde Weißblüher tun sich, kaum erkennbar auf.
Die Basis gehört dem Vetiver, welcher erst jetzt in Erscheinung tritt. Recht weich, kühl holzig, ein wenig süß wirkt erer und dominiert so nur leicht die nun leiser gewordenen zuvorigen Noten.


Ich war nie auf Haiti, aber ich fühle mich sehr an die Glückseeligkeit und das leichte Lebensgefühl erinnert, welches mich am morgen eines sonnigen Tages im Süden der Welt liegenden (authentischen,abseits des Touristenstroms) Ortes ergreift.
Es ist wirklich krass, auf was für einen Film einen dieser Duft schicken kann, wenn man die Augen schließt.

Noch dazu gibt NOAM an, 100% natürliche Inhaltsstoffe zu verwenden, bei einem Ölanteil von 25%.

Was man hier riecht ist außergewöhnlich und lässt mich gespannt auf mehr hoffen.
12 Antworten
Waldgrünes Dickicht, entfernter Fougère
Prin Lomros ist ein Parfumeur, der Nischenfreunden ein Begriff sein sollte. Gerade Freunden von komplexen, dichten Düften, sowie gekonnt eingearbeiteter Animalik kommen hier auf ihre Kosten.

Häufig, jedenfalls die von mir getesteten, drehen sich die Parfums der Marke Prin & Parfum Prissana (Strangers nehme ich aus, hier ist die DNA deutlich breiter) um ein Waldthema, so gut wie immer mit lauernder, ins Unterholz gewobener Animalik. So auch hier.
Mohragot startet typisch fougère- artig moosig grün, etwas an Rasierschaum erinnernd, aber mehr dunkel als seifig.
Diese Eröffnung bleibt nur kurz bestehen, torfig- holzige Töne, an Rindenmulch erinnernd brechen durch das waldgrüne Dickicht, welche das Gerüst des Duftes bildet, um welche sich das folgende Notengewitter aufbaut.
Dieses Waldgrün kann man sich am ehesten als kompakte Melange aus feuchtem Moos, saftig schweren Blättern, ein Hauch zerstoßener Nadeln und Erde, abgerundet durch ein paar Tropfen Limettensaft vorstellen.

Durch diese Masse blitzen immer wieder zueinander abgegrenzt Nelke (gering dosiert, wie ich sie gut ertragen kann), Weihrauch, aber auch salziges, Oud durch, welches eine Hitze ausstrahlt, welche, eher unpassend zum Gesamteindruck von Mohragot, einen spannenden Twist erzeugt.

Was mich aber besonders beeindruckt, ist dass ich parallel zu den schweren, holzigen genau so klar florale Klänge, angeführt von Jasmin wahrnehmen kann.
Arbeitet man sich durch diese Noten durch, findet man in der Basis fein eingewobene Animalik, welche keinesfalls auffällig wirkt, für mich dem Duft eher einen intimen Hauch verleiht.

Ich finde diesen Duft wirklich sehr stimmig. Trotz seiner Dichtheit wirkt nichts chaotisch, einzelne Dufteindrücke sind wunderbar zueinander abgegrenzt, nichts wirkt überzogen. Auch der geringe Einsatz von Moos macht Mohragot zu einem meiner Lieblings- Prins.

Nun, wann tragen?
Primär ein Wohlfühlduft, den man für sich beim Buch oder Waldspaziergang tragen sollte.
Und doch bleibt er im entfernten Sinne ein Fougeré, also warum nicht im Alltag, auf der Arbeit? Ich finde nicht, dass er besonders herausfordernd wirkt.
10 Antworten
Kein Tom, aber eine gebrochene Lanze für Georg
Nach fast 1000 getestetn Düften passiert es immer seltener das neue Parfums zu einem echten Erlebnis werden, neue Faszination entfachen und einen sprachlos zurück lassen. Indie- Marken tun das inzwischen am häufigsten, da sie öfter mit noch "nischigeren" Gerüchen spielen als Nischenmarken es schon tun. Hier rieche ich häufig echt Kunst, aber dass das Ergebnis ausgewogen und für mich tragbar ist, erlebe ich seltener.

Bei MGO Duftanker erlebe ich beides, undzwar so gut wie bei jedem Duft dieser Marke, den ich testen durfte.
Umso mehr wundere ich mich, warum die Marke hier nicht so große Aufmerksamkeit erhält, sie hätte mehr verdient.
Der Parfumeur, Hans Georg Staudt, macht höchst eigenständige Düfte, produziert unabhängig in Deutschland, die Qualität ist mit das beste was ich riechen durfte. Und dafür sind die Preise echt in Ordnung, vor allem wenn man mit anderen Indie Labels vergleicht, die ähnlich hochwertige Zutaten benutzen.
Die Flakons sind keine Augenweide, aber erfüllen ihren Zweck. So treiben sie wenigstens nicht den Preis nach oben. Mir gefällt das.
Oud Wood hat mich besonders fasziniert, weshalb ich über ihn schreiben möchte.
Dieses Parfum hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem Namensvetter von Tom Ford, der die Oud Faszination maßgeblich mit losgetreten hat.
Hier passt der Name trotzdem sehr gut, denn dieser Duft ist vor allem holzig, aber schwer holzig, leicht beißend holzig. Staubttrocken in der Grundstimmung, ist es ein Duft der, wie viele MGO's , wahnsinnig arbeitet, sich umschichtet und neue Akzente zu Tage fördert.
Unter dem Holz tauchen Oud- typische Nuancen auf, wobei keine dabei den Duft an sich reißt.
Rauchig- teerige Noten wechseln sich mit tannenharzigen, oder auch golden- stalligen Noten ab. Fäkalisch ist hier nichts, dafür ist er zu trocken. Auch Animalik empfinde ich hier nicht, höchstens das Atmen von warmen Fell, wobei dies sicher nicht der Schwerpunkt des Duftes ist.
Gedanklich wechselt der Duft zwischen der Ahnung einer schmierigen Räucher- Pattina und zwischen Händen zerbröselnden Tabakblättern.

Als Fazit würde ich Oud Wood als höchst ausgewogenen und tragbaren Oud Duft sehen, der zwar kein bisschen in die süße Richtung von Designer- Oud Düften geht, aber trotzdem dem Umfeld gefallen sollte.
Und wie gesagt, trotz der Ausgewogenheit hat Oud Wood eine höchst eigenständige DNA.

MGO hat meine Oud Faszination wieder erweckt, eigentlich hatte ich mich von diesem Thema etwas abgewendet.
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