Carnal Flower Editions de Parfums Frédéric Malle 2005 Eau de Parfum
25
Top Rezension
Die Würde bewahrt
Ein Schwall Grün eröffnet: frisch, grasig, strauchig. Schnell denke ich gar an das Blattgrün der Schwarzen Johannisbeere mit seinen Benzin-Ambitionen. Die Tuberose begnügt sich zunächst mit der zweiten Reihe. Doch binnen Minuten übernimmt die Blüterei die Hauptrolle und zeigt eine nahezu medizinische Seite; der gesamte Rachenraum wird bepelzt und fühlt sich an, als wolle er nach dem Setzen der lokalen Betäubung durch den Zahnarzt nun allmählich ertauben.
Und trotzdem ist der Duft absolut tragbar – in angemessener Dosierung. Bei mir waren es anderthalb Sprüher mit etwas Sicherheitsabstand und lieber bloß auf die Hand, und damit habe ich meinen (zugegebenermaßen eher duft-phlegmatischen) Kollegen im Büro offenbar nicht wehgetan – entgegen meinen eigenen Erwartungen. In der Tat präsentiert sich Carnal Flower mir schon nach einer guten Stunde vergleichsweise(!) ruhig und cremig. Die ergänzenden Duftnoten-Angaben lassen sich zumeist gut nachvollziehen, obwohl ich die wenigsten davon selbst erkannt hätte.
Eine winzige, kaum bemerkbare Spur Süße mildert im Laufe des Vormittags. Die Tuberose setzt auf Aromen-Vielfalt statt auf Lautstärke. Sie hat sich mittlerweile ins Glied eingereiht und cremt einträchtig gemeinsam mit dem Moschus. Von der Art her könnte das in seiner geradlinig-seriösen Cremigkeit und insbesondere wegen der verantwortungsbewusst-einend agierenden Tuberose sozusagen ein Damen-Pendant (keineswegs Zwilling!) zu Barutis Voyance sein. Denn erfreulicherweise findet die relative tuberosale Zurückhaltung ihren Ausdruck nicht in jener seltsamen Larifari-Bonbon-Richtung, die gelegentlich die charaktervolle Stinkerin zwar unleugbar zähmt, sie allerdings zugleich ihrer… na ja, „Eier“ passt jetzt nicht recht, sagen wir: jeglicher Würde und Grandezza beraubt. Das ist hier besser gelungen - wunderbar stilvolle, cremig-wächserne Floralität. Wie sie halt rein vom Auftritt her auch den Baruti auszeichnet.
Apropos Eier: Da geht plötzlich noch was - metaphorisch, versteht sich. Am Nachmittag entwickelt die Dame eine verblüffend animalische Anmutung, vor allem direkt auf der Haut, angeriechts derer ich für den behutsamen Auftrag am Morgen rückblickend sehr dankbar bin. Die Begleiter legen an Strenge zu, die ohnehin nur angedeutete Süße weicht. Überdies bilde ich mir einen irgendwie näher am Holz befindlichen Aspekt ein. Es bleibt jedenfalls selbstbewusst! Meine Lieblings-Kollegin, erklärte und anspruchsvolle Tuberosen-Liebhaberin, war außerordentlich angetan. Das will was heißen.
Ich sehe Carnal Flower im Habitus nahe an Une Fleur de Cassie aus demselben Hause, wohl kaum zufälligerweise ebenfalls aus der Hand Dominique Ropions. Zwar darf ich wahrlich nicht als Experte für altehrwürdige Damendüfte gelten und bitte die Leute mit mehr Erfahrung ggf. um Widerspruch - aber mir scheint, dass Herr Ropion womöglich ein Händchen dafür hat, üppige Floralität alter Schule ins Heute zu transponieren. Und so empfinde ich beide Kreationen als wuchtig-floral einerseits und doch transparent-modern andererseits.
Ich bedanke mich bei MisterE für die Probe.
Und trotzdem ist der Duft absolut tragbar – in angemessener Dosierung. Bei mir waren es anderthalb Sprüher mit etwas Sicherheitsabstand und lieber bloß auf die Hand, und damit habe ich meinen (zugegebenermaßen eher duft-phlegmatischen) Kollegen im Büro offenbar nicht wehgetan – entgegen meinen eigenen Erwartungen. In der Tat präsentiert sich Carnal Flower mir schon nach einer guten Stunde vergleichsweise(!) ruhig und cremig. Die ergänzenden Duftnoten-Angaben lassen sich zumeist gut nachvollziehen, obwohl ich die wenigsten davon selbst erkannt hätte.
Eine winzige, kaum bemerkbare Spur Süße mildert im Laufe des Vormittags. Die Tuberose setzt auf Aromen-Vielfalt statt auf Lautstärke. Sie hat sich mittlerweile ins Glied eingereiht und cremt einträchtig gemeinsam mit dem Moschus. Von der Art her könnte das in seiner geradlinig-seriösen Cremigkeit und insbesondere wegen der verantwortungsbewusst-einend agierenden Tuberose sozusagen ein Damen-Pendant (keineswegs Zwilling!) zu Barutis Voyance sein. Denn erfreulicherweise findet die relative tuberosale Zurückhaltung ihren Ausdruck nicht in jener seltsamen Larifari-Bonbon-Richtung, die gelegentlich die charaktervolle Stinkerin zwar unleugbar zähmt, sie allerdings zugleich ihrer… na ja, „Eier“ passt jetzt nicht recht, sagen wir: jeglicher Würde und Grandezza beraubt. Das ist hier besser gelungen - wunderbar stilvolle, cremig-wächserne Floralität. Wie sie halt rein vom Auftritt her auch den Baruti auszeichnet.
Apropos Eier: Da geht plötzlich noch was - metaphorisch, versteht sich. Am Nachmittag entwickelt die Dame eine verblüffend animalische Anmutung, vor allem direkt auf der Haut, angeriechts derer ich für den behutsamen Auftrag am Morgen rückblickend sehr dankbar bin. Die Begleiter legen an Strenge zu, die ohnehin nur angedeutete Süße weicht. Überdies bilde ich mir einen irgendwie näher am Holz befindlichen Aspekt ein. Es bleibt jedenfalls selbstbewusst! Meine Lieblings-Kollegin, erklärte und anspruchsvolle Tuberosen-Liebhaberin, war außerordentlich angetan. Das will was heißen.
Ich sehe Carnal Flower im Habitus nahe an Une Fleur de Cassie aus demselben Hause, wohl kaum zufälligerweise ebenfalls aus der Hand Dominique Ropions. Zwar darf ich wahrlich nicht als Experte für altehrwürdige Damendüfte gelten und bitte die Leute mit mehr Erfahrung ggf. um Widerspruch - aber mir scheint, dass Herr Ropion womöglich ein Händchen dafür hat, üppige Floralität alter Schule ins Heute zu transponieren. Und so empfinde ich beide Kreationen als wuchtig-floral einerseits und doch transparent-modern andererseits.
Ich bedanke mich bei MisterE für die Probe.
16 Antworten
Hyazinthe vor 7 Jahren
1
Wenn ich mich einem Duft annähere, lese ich gerne hier nach, und auch immer mit Freuden deine Kommis. Bis vor nicht langer Zeit schlug mich diese üppige Blume in die Flucht, aber nun stelle ich mit Erstaunen fest, dass sich mein Sinn wandelt. Erfreulich, aber hat sicher mit der sehr hohen Qualität dieses Duftes zu tun, der trotz seiner Schwere noch schwebt und diese schöne Durchsichtigkeit hat und nicht im süßer Soße ertrinkt.
Palonera vor 8 Jahren
Hu, hu - meine Angstgegnerinnen Tuberose und Ylang-Ylang im Duett... Andererseits wird als Zwilling Heeleys "Ophélia" angegeben - und dieser so gar nicht blutleere Duft hat mich alles andere als kalt gelassen...
Sweetsmell75 vor 8 Jahren
ich glaub der wäre trotzdem nicht meins ... ich hatte ihn ungetestet weitergereicht ;)
Gerdi vor 8 Jahren
Für den Duft würde ich alle meine anderen Tuberosen hergeben, da er deren sämtliche Facetten in sich trägt! Ich bedanke mich bei Herrn Meggi für die Probe!
Ergoproxy vor 8 Jahren
Den mochte ich, ist aber nix für mich.
Jumi vor 8 Jahren
Fein zerpflückt, wie immer in Meggi's Qualität! Ich mag sie auch, diese Tuberose hier. Bei mir ne 8.0 mit Raum nach oben.
Zauber600 vor 8 Jahren
Den muß ich mal testen .. als Tuberosenfan .. aber momentan bin ich noch mit "Nuit de Bakélite" beschäftigt .. grün-schräg-Granatenduft! Pokälsche!
MarWic vor 8 Jahren
Nicht mein Ding,aber toll beschrieben !
Pluto vor 8 Jahren
Wie du den Bogen von "Eier" zu "animalischer Anmutung" spannst.. Reschpekt.... :o)
MisterE vor 8 Jahren
Deiner Einschätzung kann ich absolut zustimmen. Der schlägt eine tolle Brücke zwischen der Generation der altehrwürdigen Parfüms und Heute. Tuberose muss man natürlich mögen, dann dürfte man hiermit viel Freude haben.....
Seerose vor 8 Jahren
Alles was Du schreibst, stimmt irgendwie. Und doch konnte er mich nicht erobern. Aber hier, die Pyramide, da habe ich in meinen Notizen von vor Jahren etwas anderes stehen. Ich muss sie mal raussuchen.
Yatagan vor 8 Jahren
Der ist schon ein Schöner!
Etamher vor 8 Jahren
wie gewohnt von Dir - ein feiner und informativer kommentar. danke schön ! schon immer mal wollte ich meiner verwunderung ob der grenzenlos erscheinenden toleranz Deiner kollegen ausdruck verleihen. Deine tagestests verlangen denen schon einiges ab, nicht wahr ? deshalb auch mal ein "dankeschön" an sie !
Taurus vor 8 Jahren
Mit einem eher duft-phlegmatischen Kollegen im Büro hast Du mein Mitleid ;-)
Esther19 vor 8 Jahren
Danke für die Beschreibung: Damit, dass CF trotz aller Opulenz eine moderne Interpretation der Tuberose ist - das finde ich auch.
0815abc vor 8 Jahren
Mich erinnert er in seiner Pracht an das alte Boudoir.Wundervoll.

