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Habit Rouge Rouge Privé von Guerlain

Habit Rouge Rouge Privé 2023

Axiomatic
27.04.2023 - 12:52 Uhr
39
Top Rezension
6Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 10Flakon 6Preis

Eine Traumsequenz

Die rote Reiterjacke bekommt heuer zum 58. Geburtstag ein recht strenges Geschenk.
Limitiert ist diese Auflage, wohlwissend, dass ihre Machart durchaus anecken wird.
Bewahrheitet es sich etwa, dass es darauf ankommt, auf welcher Seite der Peitsche man steht?

Zisch!

Die sogenannte Guerlinade zeugt ja von hochwertigen Ausgangsstoffen und einem für das Haus typischen Hintergrundakkord.
In der Kopfnote begrüßt mich eine sehr markante Bergamotte, qualitativ einwandfrei gewiss, aber etwas gewöhnungsbedürftig.
Frisch gepflückt wird diese bittere Zitrusfrucht alsbald gerieben, ihrer Schale entweichen noch stärkere Aromen. Monothematisch.
Dazu gesellen sich wesentlich später und sehr bescheiden die typischen Begleiter in Form von Ethylvanillin und dieses Mal nur geisterhafter Iris - das sonst so vertraute Pudrige ist hier nicht mehr vorhanden, zumindest nicht direkt riechbar.

Die Vorgabe wurde also erfüllt, die Guerlinade umhüllt mich.
Aber ich habe es mit einer äußerst spartanischen Guerlinade zu tun, welche hauptsächlich Bergamotte offeriert.
Als Anhänger guter Zitrusdüfte sollte mich diese Dufteröffnung eigentlich begeistern. Mir jagt aber ein sonderbarer, kalter Schauder den Rücken runter. Einer dermaßen strengen und egozentrischen Bergamotte bin ich selten wenn überhaupt begegnet.
Sie wird den größten Teil des Duftverlaufs begleiten und ihren Wesenskern nicht ändern.
Ihr Geruch verletzt sehr subtil meine Nasenschleimhaut.

Doch meine Abrichtung läßt sich Zeit, die Session hat gerade begonnen und man tastet die physischen Grenzen behutsam ab.

Ab hier empfehle ich von Clock DVA das Stück The Sonology of Sex 1.

Irgendetwas Dunkles wabert im Hintergrund. Ebenfalls streng betrachtet es das Präludium.
Doch ich spüre bisher nun den kühlen Hauch der Bergamotte.
Sonderbare Kerzen lodern grünlich, ihre Flammen paradox kühl.
Man hat vom Schloss des Marquis in Lacoste nur noch die Ruinen übrig gelassen, die Einrichtung aber global einsetzbar gerettet.
Elegant schwarzgebeizte (Patchouli) Louis XV Fauteuils sind mit Leder bezogen.
Gebieterisch setzt sich die Bergamotte auf den erhabensten dieser Sessel und überlässt nun dem dunklen Meister das Feld. Sie wird aber stets alles im Blick behalten.
Alles verläuft sehr ruhig und gemächlich ab. Man hat es nicht eilig, Zeit soll keine Rolle spielen.

Ich rieche die Ledermontur des stillen Beobachters. Schwarz, gut gegerbt, etwas rau und weich zugleich - wieder ein Widerspruch. Kein zusätzlicher Duftstoff wird mir den Verarbeitungsprozess des Leders verstellen.
Hier holte man sich Inspirationen des Hauses Memo in Paris. Deren Leder riecht meist sehr ähnlich.
Mir kommen Bilder traditioneller Gerbereien in den Sinn. Die Häute werden mit verschiedenen Substanzen, darunter auch Fischöle, behandelt. Nicht stechend, aber unverkennbar markant. (Kleiner Hinweis: es riecht NICHT nach Fischöl, sondern nach Gerberei.)
Das, was ich unter die Nase bekomme, wurde noch nicht verkaufsfertig gelagert. Es verströmt noch den restlichen Gerbvorgang. Wildleder riecht ähnlich.

Das Safeword wird Vanille sein.
Es hält den drohenden Peitschenhieb an.

Ich bin inmitten eines Spannungsdreiecks im Kreis gefangen.
Bergamotte, Leder und Vanille beäugen sich misstrauisch, wollen keinen Deut ihrer Macht abgeben.
Ihr Akkord ist fordernd, etwas unverständlich und starr.
Einzig das Patchouli versucht hier zu vermitteln und sucht die jeweiligen Eckpunkte auf.

Und nun empfehle Clock DVA The Sonology of Sex 2.

Patchouli umtänzelt mich, färbt die Bergamotte bitterer, das Leder bestimmender, die Vanille ambrierter.
Dieser Viererakkord braucht seine Zeit, um begriffen zu werden. Seine Gegensätze wollen sich nicht fügen.

Und dennoch erschließt sich mir hier ein Machtspiel.
Rebellieren und Strafen.
Zuckerbrot und Peitsche.

Da ich keine Animalik verspüre, wird die rote Reiterjacke sich mit der Reitpeitsche wohl nicht in den Stallungen ein aufmüpfiges Gegenüber aussuchen, nein, das Spiel wird in wohliger Umgebung ausgetragen. Eine vertraut verkehrte Eleganz besitzt der Duft ja.

Unheimlich? Etwas.
Fordernd? Gewiss.
Überzeugend? Im Nachhinein ja, aber kein Muss.

Das Tragen des Duftes erzeugt bei mir das Gefühl einer gespannten Saite. Man läuft Gefahr der Überspannung und folgerichtig des Reißens.
Doch der Duft behält gerade noch diese Balance.
Der resultierende Ton gleicht fast dem eines mit Wasser gefülltem Glases.
Man ahnt das Zerbrechliche bei einer zu starken Drehung des Fingers um den angefeuchteten Rand, das Glas könnte die Schwingungen nicht aushalten und einen Riss bekommen.

Gegen Ende wird der Duft versöhnlicher, die Basis streichelt mit ambriertem Patchouli. Und dennoch kann man einen synthetischen Beigeschmack ausmachen. Das Wort mit X hat hier auch Einzug gehalten, aber es ist perfekt verbaut und überhaupt nicht störend.

Die Flakonfarbe passt prima zum Duft. Dieses dunkle Rot verströmt eine Aura des Verborgenen, eines Gemütszustands.
Gediegen unheilvoll.
Und erhaben machtvoll.

Vielleicht hat sich Delphine Jelk, die Schöpferin dieser Habit Rouge Variante, von einer Filmszene inspirieren lassen.

Das ursprüngliche Habit Rouge wurde 1965 eingeführt. Zwei Jahre später, 1967, kam der Film Belle de Jour von Luis Buñuel in die Kinos.
Die surrealistische innere Reise einer wohlhabenden und gelangweilten Séverine (Catherine Deneuve) bringt uns Einblicke in ihr Verlangen, welches alle Regeln der gesitteten bourgeoisen Übereinkunft bricht.

In einer Traumsequenz erlebt sie eine Züchtigung sondergleichen. Sie trägt ein rotes Kleid, während sie von zwei Kutschern in dunklen Reiterjacken ausgepeitscht wird.

Eine treffliche Inspirationsquelle meine ich.

Ich bin mir sicher, dass Habit Rouge Rouge Privé ein Nasenrümpfen bei den Anhängern des Originals auslösen wird.
Hier hat man völlig auf Gartennelke, Rose, Hölzer und subtileren Noten verzichtet.
Recht minimalistisch und fast schon karg wird hier ein Spannungsakkord geschaffen, welcher sicherlich für Gesprächsstoff sorgen wird.

Zum Glück habe ich alles nur geträumt.
Aktualisiert am 29.04.2023 - 06:20 Uhr
28 Antworten
GoldGold vor 2 Jahren
Habe den erst gestern testen können und finde ihn nicht übel, aber zu süß... (bin ohnehin kein wahrer Fan von Habit Rouge, noch nie gewesen). Gerade die Bergamotte rettet hier für mich den Duft sogar noch.
IntersportIntersport vor 2 Jahren
Belle de Jour und Habit Rouge, wie treffend... dabei muss ich sagen, ich finde diese reduziert intensivierte Variante schon ziemlich gut...
ExUserExUser vor 2 Jahren
Ich kenne den Duft zwar nicht, aber du beschreibst ihn so toll, das man sich den Geruch sehr gut vorstellen kann.
Feine Sektion!
Medusa00Medusa00 vor 2 Jahren
Gerne gelesen, Duft unbekannt.
NuiWhakakoreNuiWhakakore vor 2 Jahren
Habit Rouge kenne ich ja leider nur als Extrait und das gefällt schon sehr gut. Mit dieser Version könnte ich sicher auch, wobei mich diese Limitierung schon wieder nervt - und ich hätte mir ein anders Safeword gewünscht...
Ropanski2020Ropanski2020 vor 2 Jahren
1
Wenn das wie Memo-Leder riecht, dann bin ich tendenziell eher raus. Andererseits ist es Guerlain, und da macht man eigentlich nur selten was falsch. Das gilt zumindest für die älteren Sachen. Gern gelesen!
BenderBender vor 2 Jahren
Du wärst überrascht, wie viel in diesem seltenen Fall schiefgelaufen ist.
SiebenkäsSiebenkäs vor 2 Jahren
1
Spannender Bericht auf jeden Fall, ich denk ich bin doch dem Klassiker zu sehr verfallen um derartige Herrschaftspossen und Bergamotte-Sperenzchen akzeptierten zu können… Fürs sehr trefflich-bildreiche Beschreiben einen diskreten Pokal der Bourgeoisie!
KovexKovex vor 2 Jahren
1
Bei mir erzeugte er kein Nasenrümpfen, auch wenn ich das Original sehr mag. Der ist einfach moderner und etwas markant-männlicher wie ich finde. Aber wie immer bei Dir: fein auseinander genommen!
GandixGandix vor 2 Jahren
1
Und ich hab jetzt Striemen am Rücken, so mittendrin war ich in dem Film, den du und da auf die Leinwand geschrieben hast.
PuderperlePuderperle vor 2 Jahren
1
„Bitte nicht peitsch… ääh Vanille Vanille VANILLEEE!!“
Ich hoffe ich konnte mich retten;-)
Was für eine Rezension. Du bist Meister der Worte, das ist der Wahnsinn. Beeindruckend. Du hast die Worte, mir fehlen sie gerade.
ScentwolfScentwolf vor 2 Jahren
1
Vertraut verkehrte Eleganz…
Gediegen unheilvoll….
Den Duft brauch ich nicht, aber deine Rezension ist erstklassig!!
SchatzSucherSchatzSucher vor 2 Jahren
1
Ach herrje, Belle de Jour... den Film fand ich ja sowas von blöd.
Ob der Duft traumhaft oder alptraumhaft für mich wird, das wird sich dann zeigen. Die Züchtigung würde dann in einer Beschreibung erfolgen :-D
MarieposaMarieposa vor 2 Jahren
1
Huch, was ist denn bei Guerlain los ;)
Can777Can777 vor 2 Jahren
1
Zumindest schon mal traumhaft ist die Rezension. Hier wurde mit liebe zum Detail gearbeitet. Sehr spannend zu lesen. Ich bin gespannt wie ich ihn empfinden werde..!
AndrulaAndrula vor 2 Jahren
1
.. gediegen unheilvoll ... erhaben machtvoll .. Spannung im Duft und vortrefflich von Dir beschrieben .... in Gedanken , Worten und Träumen ..... sehr stark !
YataganYatagan vor 2 Jahren
2
Ich sehe es genauso und bleibe beim HR normalo.
XecutXecut vor 2 Jahren
1
Von der ganzen Palette von Flanker um Habit Rouge mochte ich HR Dress Code. Rouge Privé klingt auch gut, ist aber kein Muss, wie Du auch schreibst.. Wudnerbar detailiert und mit der richtigen Portion Chance beschrieben :) Sehr gern gelesen!
ChrisG86ChrisG86 vor 2 Jahren
1
Vortreffliche Beschreibung und tolle Analyse. Die Musik ist irgendwie verstörend. Passt daher zum Prive. 😄 Die Bergamotte empfinde ich auch als verletzend. Das Machtspiel nehme ich hier ebenfalls zwischen Bergamotte, Leder und synthetischen Elementen wahr. Pudriges fehlt mir gänzlich. Musikalisch denke ich beim Duft an „The Viewing Suite“ von Daniel Lopatin. Eine Berg- und Talfahrt.
PonticusPonticus vor 2 Jahren
1
Eine sehr überzeugende Analyse des Habit Rouge Rouge Privé von Dir! An manchen Stellen hast Du den Duft regelrecht seziert und Deine Schlüsse gezogen und gut begründet! Großen Respekt dafür, auch wenn ich nicht jeden Weg mitgehen möchte! Aber vielleicht lebe ich auch in einem Traum!?
ExUserExUser vor 2 Jahren
Da vermute ich mal, dass man einen animalisch und betont erotischen Duft kreieren wollte.. alles gut soweit.. dann finde ich aber, dass die Namensgebung eine neue sein dürfte.. eben gar nichts mehr mit "Habit Rouge" gemein hat, da der 1965er für mich Inbegriff männlicher Eleganz, Klasse und Stärke ist.
(bei Nasenschleimhautverletzungen, auch prophylaktisch, empfehle ich die Nasensalbe Rüedi Spirig HC) 🙊
Sehr aussagekräftige Rezension.
Auf DIE Punkte gebracht.
EndorphineEndorphine vor 2 Jahren
1
Ein meisterlich inszeniertes Kopfkino, an dem auch David Lynch seine Freude hätte!
FrauKirscheFrauKirsche vor 2 Jahren
1
Da sind so viele Lockworte in deinem Text, dass ich die Gerberei völlig überlese :-)
FloydFloyd vor 2 Jahren
1
Es ist immer eine Frage der Perspektive, auf welcher Seite der gegerbten Peitsche man steht ;-)
PollitaPollita vor 2 Jahren
1
Fischöle? Hilfe! Das macht mir Angst.
AxiomaticAxiomatic vor 2 Jahren
Nee, die Öle geben nur einen Grad des Gerbens wieder. Kein Fischöl hier!
ExUserExUser vor 2 Jahren
2
Sehr spannende Assoziationen. Ich empfinde ihn lange nicht so streng … teilweise sogar ganz gemütlich 😅 Was auch immer das über mich sagen mag 🤷🏽‍♂️😉
Wahrscheinlich einfach, dass ich eher dem modernen Leder in Düften zugetan bin …
ErgoproxyErgoproxy vor 2 Jahren
1
Clock DVA und Catherine Deneuve übereinander zu bringen kann auch nur Dir einfallen. Die Ohrfeigen-Szene des Films ist bei uns ein gewisser Running-Gag. Ich sag nur Strich..... 😂