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Les Nombres d'Or - Vétyver von Maison Mona di Orio

Les Nombres d'Or - Vétyver 2011

Meggi
08.05.2016 - 12:37 Uhr
24
Top Rezension
7Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 8Flakon

Verfremdet und gefangen

Ist das Unerwartete, wenn erwartet, unerwartet? Oder erwartet? Egal. Ich jedenfalls erwarte bei Mona di Orio das Unerwartete. Sie macht es mir (uns?) zudem gerne schwer.

Vétyver ist (nach Vanille, Cuir und Eau Absolue) nunmehr mein vierter Test-Kandidat, und alle miteinander scheinen mir dem Thema, oder besser: der Erwartungshaltung zum Thema, völlig fremd. Verfremdet. Zufall? Es wäre gewiss dämlich, da an einen Zufall zu glauben.

Wie bereits die drei übrigen ist auch Vétyver von einer Ernsthaftigkeit, die das Pessimistische wenigstens streift. Gegenüber den beiden, die sich im Namen auf eine Zutat berufen, geht er gar noch einen Schritt weiter. Ich hätte ihn nämlich nicht einmal als Vetiver-Duft bezeichnet. Doch zunächst seien einige Eindrücke geschildert. Das darf im Galopp geschehen, denn wichtiger als das, was ich konkret rieche, scheint mir zu sein, was ich nicht rieche. Außerdem bleibt ohnehin vieles vage und ich bin mir kaum einer Sache wirklich sicher.

Für den Auftakt genannt werden Grapefruit und Ingwer. Wie bitte? Ich denke an Spiritus, Scheuermilch, Heftpflaster und die Calendula-Salbe von Weleda. Nichts davon ganz richtig, aber von allem etwas. Nach ein paar Minuten unterschreibe ich zumindest das „Grape-“. Von „fruit“ kann keine Rede sein, sie ist entschlossen sämtlicher fruchtig-spritziger Aspekte beraubt.

Dann fordert mich via Muskatellersalbei angedrecktes Labdanum-Balsam mit einer Spur staubiger Süße, mal mehr, mal weniger nahe der Haut gehalten. Später bildet sich daneben eine seifige Note. Der Duft wird dadurch auf eine seltsam saubere Art schmutzig. Bis über die Mittagszeit hinaus bietet Vétyver ein Changieren zwischen süßlich-dreckig und seifig-sauber. Als sein ein grundsätzlich reinlicher Mensch unvermeidlicherweise schmutzig geworden.

Erst im Laufe des Nachmittags kommt allmählich ein typischerer Vetiver-Dreh durch, hier frisch-grün und erdig gleichermaßen. Beherrschend wird er freilich nicht. Als halte ihn die unterschwellig sauber-dreckige Balsam-Note gefangen. Selbst am Abend hätte ich mangels einer treffenderen Idee stattdessen Labdanum und eine wächsern-amberhafte Vanille hervorgehoben, dazu cremiges Holz. Abzuhakende Angaben sind das allerdings nicht.

Warum heißt der Duft „Vétyver“? Das Gras ist meines Erachtens fernab einer Protagonisten-Rolle. Jedenfalls in der Form, in der wir es sonst kennen. Es scheint, als habe Frau di Orio abermals im Sinn gehabt, zu verfremden oder Zutaten sogar direkt radikal wider ihr Image einzusetzen und damit einen Gegen-Entwurf zum Herkömmlichen zu schaffen. Ob das nun in einem künstlerischen Sinne großartig, womöglich avantgardistisch ist oder ob es einem auf Dauer eher zwanghaft vorkommt, sei dahingestellt.

Wie auch immer: Leicht zu tragen ist Vétyver nicht.

Ich bedanke mich bei Ergoproxy für die Probe.
17 Antworten
SoapSoap vor 6 Jahren
Sehr schön beschrieben; seifig-dreckig - erlebe ich genauso :-) Gut schwer ist der Duft, nicht einfach, aber auch nicht kantig oder melancholisch.. Liebe auf den zweiten Blick für mich.
GaukeleyaGaukeleya vor 9 Jahren
Ich schliesse mich Ormeli an ;-) Allerdings möchte *ich* trotzdem nicht so riechen ^^
OrmeliOrmeli vor 9 Jahren
Ist zwar nur ein Nebenschauplatz, aber den Geruch der Calendula-Salbe habe ich stets als sehr angenehm empfunden ;-)
PlutoPluto vor 9 Jahren
Ja, ja Ergo hat spezielle Proben :o)
PaloneraPalonera vor 9 Jahren
Grape ohne fruit und schmutzige Sauberkeit - klingt sehr spannend und sicher auch etwas schräg, in jedem Falle sehr nach Frau Mona...
CravacheCravache vor 9 Jahren
Interessanter Ansatz - leider gefällt mir bei eigentlich all ihren Düften die Umsetzung nicht so richtig.
FittleworthFittleworth vor 9 Jahren
Spannender Kommentar! Jefällt, jefällt sehr!
KleopatraKleopatra vor 9 Jahren
Kommentar wie immer lesenswert, Duft dürfte mich wohl nicht begeistern... ;)
FloraFlora vor 9 Jahren
Interessante Gedanken zu den Mona-di-Orio-Düften von dir, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Trotz der durchaus spannenden Umsetzung hat mir keiner bisher so richtig gefallen.
Zauber600Zauber600 vor 9 Jahren
Die mir bekannnten MdO-Düfte empfinde ich als zwanghaft-depressiv .. den Vetiver kenne ich nicht aber der Wunsch danach keimt auch nicht auf, danke Meggi .. Pokälsche wie immer :-))
MarWicMarWic vor 9 Jahren
Dein Kommi lässt eine Frage offen..... ist es wirklich ein Uni-Sex -Duft ?
YataganYatagan vor 9 Jahren
Stimmt. Leicht zu tragen ist er nicht. Habe ihn gerade noch mal nachgetestet, würde ihn gerne lieber mögen und besser beurteilen, aber über 7.0 kommt er derzeit auch bei mir nicht raus.
RoninRonin vor 9 Jahren
Die schönste Nase von allen kann das übrigens mit der Ernsthaftigkeit nicht so nachvollziehen. Aber jetzt kann ich ja Deinen Kommentar als Argument mit einbringen *g* Auch dafür Danke, zum Kommentar im Allgemeinen sowieso.
ErgoproxyErgoproxy vor 9 Jahren
Ich fand den ganz gut, würde ihn aber nicht tragen wollen.
DOCBEDOCBE vor 9 Jahren
Für mich als Vetiver-Freund sicherlich ein Testkandidat - jetzt mit gedämpfter Erwartung.
RoninRonin vor 9 Jahren
Ja, Ernsthaftigkeit! Das ist auch mein Eindruck der Mona di Orios. Man muss mit ihnen ringen, um sie zu erobern, und selbst dann bleibt: die Düfte lächeln nicht. Trotzdem finde ich fast alle sehr beeindruckend.
TaurusTaurus vor 9 Jahren
Tja - mit Vetiver ist das so eine altbekannte Sache. Zu dem Thema werde ich ihn naher Zukunft auch noch mal was schreiben ...