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Top Rezension
Seifige Rebellion
Antonietta hatte die Ausbildungsstelle zur Seifensiederin erhalten. Natürlich. Als hätte sie eine Wahl gehabt, schliesslich war es ja der eigene Familienbetrieb und sie sollte ihn später übernehmen. Von ihrer Mutter. Die hatte ihn von ihrer Grossmutter übernommen. Und die Mutter ihrer Grossmutter, also ihre Urgrossmutter, von deren Mutter. Seit 300 Jahren hatten die Frauen ihrer Familie die Seifensiederei geführt und würden es wohl auch immer tun. Das war Tradition – e basta!
Antonietta fügte sich ihrem beruflichen Schicksal eigentlich nicht ungern, schliesslich war sie in das Familienhandwerk hineingeboren und hatte früh gelernt, eine gut gemachte Seife von einer schlecht gemachten zu unterscheiden – „in unseren Adern fliesst Seife“ war das Familiencredo, und irgendwas musste wohl dran sein.
Aber warum musste es nur ausschliesslich die immergleiche Moschus-Kernseife sein, nach dem seit 300 Jahren unveränderten italienischen Familienrezept? Das war so langweilig! Bewährt zwar, aber langweilig.
Ihre Freizeit verbrachte Antonietta gerne in der Natur. Dort roch sie an Blüten und Beeren und malte sich aus, wie köstlich sich deren Geruch mit der Seife verbinden würde. Dann eilte sie zurück in die Siederei:
„Bitte, Mama, lass uns doch mal eine Himbeere dazugeben, nur eine klitzekleine, oder ein Rosenblatt. Bitteeeeee!“
„Nix Lampone! Nur Muschia! Abe mir scho imma so gemackt, macke mir au weiter so, is Tradizione – e basta!“
20 Jahre musste Antonietta warten, bis sie die Seifensiederei von ihrer Mutter übernahm. Am Tag nach der grossen Übergabefeier, zu dem das ganze Dorf eingeladen worden war (das war Tradition), gab sie allen Angestellten frei und schloss den Betrieb für einen Tag, was ein Skandal war und bei ihrer Grossmutter für einen Ohnmachtsanfall sorgte. Aber Antonietta kannte diese gespielten „Ohnmachtsanfälle“ als Zeichen des Unmuts schon. Nun war sie die Chefin – e basta!
Sie wollte endlich die Kreation, die sie seit Jahren im Kopf hatte, in die Tat umsetzen. Sie machte es sich bei Kerzenschein gemütlich und setzte eine kleinen Kessel mit der bewährten Moschus-Seifenlauge auf. Als die Seife köchelte, gab sie Rosenblätter, Himbeeren, Safran, Pfeffer und einiges mehr dazu. Kurz waberten die Zutaten an der Oberfläche und verströmten einen intensiven süsslichen Geruch, als sie erwärmt wurden. Dann versanken sie in der heissen, flüssigen Seife, hauchten ihren Atem aus und verschmolzen mit ihr. Antonietta goss die heisse Seife in die Formen und liess sie erkalten.
Das Ergebnis trieb ihr Tränen der Rührung in die Augen: die Blüten und Früchte rochen zart, lieblich und sehr natürlich. Der Pfeffer bot dem stechenden Kernseifengeruch des Moschus die Stirn und verwandelte ihn in eine angenehme Schärfe. Sie hatte es geschafft: sie hatte nichts Neues erfunden, das war auch nicht ihr Plan gewesen, die Seife roch immernoch nach Seife. Aber sie hatte die Seife verbessert, hatte das Saubere erhalten und das Stechende abgemildert.
Natürlich schlugen ihre weiblichen Verwandten laut wehklagend die Hände über dem Kopf zusammen und beteten zur heiligen Mutter Maria für das geistige Wohl von Antonietta, als diese verkündete, dass die Seife ab sofort nach dem neuen Rezept hergestellt würde. Das mochte ja alles ganz nett riechen, aber Tradition war nunmal Tradition! Und bisher konnte man doch ganz ordentlich davon leben. Aber als die neue Seifenkreation eine grosse, schicke Familienresidenz mit drei Bädern, Swimmingpool und Personal in der Toskana erwirtschaftete, verstummten auch die letzten kritischen Stimmen.
Ich habe in letzter Zeit einige herbe Moschusdüfte kennengelernt, zB Tuscia von Sigilli oder Signature Platinum von Tova (vielleicht habe ich deshalb die Assoziationen mit Italien). Und immer habe ich gedacht: Das ist schön, dieses Kernseifenthema, sehr sauber und geistig ordnend, aber irgendwie fehlt da was, da müsste doch noch mehr gehen. Bei Eau Suave ist dies endlich geglückt! Der schönste Moment ist der Auftakt, wenn die Zutaten auf der brodelnden Seifenlauge ihr Aroma unmittelbar verströmen. Himbeere und Rose kann man dann ganz toll herausriechen, alles bleibt sehr natürlich. In der Herznote wird mir persönlich der Pfeffer ein bisschen zu stark und ich würde mir mehr der anfänglichen Süsse wünschen (die kommt aber in der Basis zurück). Aber ich möchte Antonietta da nicht reinreden, immerhin ist sie die Chefin – e basta!
Antonietta fügte sich ihrem beruflichen Schicksal eigentlich nicht ungern, schliesslich war sie in das Familienhandwerk hineingeboren und hatte früh gelernt, eine gut gemachte Seife von einer schlecht gemachten zu unterscheiden – „in unseren Adern fliesst Seife“ war das Familiencredo, und irgendwas musste wohl dran sein.
Aber warum musste es nur ausschliesslich die immergleiche Moschus-Kernseife sein, nach dem seit 300 Jahren unveränderten italienischen Familienrezept? Das war so langweilig! Bewährt zwar, aber langweilig.
Ihre Freizeit verbrachte Antonietta gerne in der Natur. Dort roch sie an Blüten und Beeren und malte sich aus, wie köstlich sich deren Geruch mit der Seife verbinden würde. Dann eilte sie zurück in die Siederei:
„Bitte, Mama, lass uns doch mal eine Himbeere dazugeben, nur eine klitzekleine, oder ein Rosenblatt. Bitteeeeee!“
„Nix Lampone! Nur Muschia! Abe mir scho imma so gemackt, macke mir au weiter so, is Tradizione – e basta!“
20 Jahre musste Antonietta warten, bis sie die Seifensiederei von ihrer Mutter übernahm. Am Tag nach der grossen Übergabefeier, zu dem das ganze Dorf eingeladen worden war (das war Tradition), gab sie allen Angestellten frei und schloss den Betrieb für einen Tag, was ein Skandal war und bei ihrer Grossmutter für einen Ohnmachtsanfall sorgte. Aber Antonietta kannte diese gespielten „Ohnmachtsanfälle“ als Zeichen des Unmuts schon. Nun war sie die Chefin – e basta!
Sie wollte endlich die Kreation, die sie seit Jahren im Kopf hatte, in die Tat umsetzen. Sie machte es sich bei Kerzenschein gemütlich und setzte eine kleinen Kessel mit der bewährten Moschus-Seifenlauge auf. Als die Seife köchelte, gab sie Rosenblätter, Himbeeren, Safran, Pfeffer und einiges mehr dazu. Kurz waberten die Zutaten an der Oberfläche und verströmten einen intensiven süsslichen Geruch, als sie erwärmt wurden. Dann versanken sie in der heissen, flüssigen Seife, hauchten ihren Atem aus und verschmolzen mit ihr. Antonietta goss die heisse Seife in die Formen und liess sie erkalten.
Das Ergebnis trieb ihr Tränen der Rührung in die Augen: die Blüten und Früchte rochen zart, lieblich und sehr natürlich. Der Pfeffer bot dem stechenden Kernseifengeruch des Moschus die Stirn und verwandelte ihn in eine angenehme Schärfe. Sie hatte es geschafft: sie hatte nichts Neues erfunden, das war auch nicht ihr Plan gewesen, die Seife roch immernoch nach Seife. Aber sie hatte die Seife verbessert, hatte das Saubere erhalten und das Stechende abgemildert.
Natürlich schlugen ihre weiblichen Verwandten laut wehklagend die Hände über dem Kopf zusammen und beteten zur heiligen Mutter Maria für das geistige Wohl von Antonietta, als diese verkündete, dass die Seife ab sofort nach dem neuen Rezept hergestellt würde. Das mochte ja alles ganz nett riechen, aber Tradition war nunmal Tradition! Und bisher konnte man doch ganz ordentlich davon leben. Aber als die neue Seifenkreation eine grosse, schicke Familienresidenz mit drei Bädern, Swimmingpool und Personal in der Toskana erwirtschaftete, verstummten auch die letzten kritischen Stimmen.
Ich habe in letzter Zeit einige herbe Moschusdüfte kennengelernt, zB Tuscia von Sigilli oder Signature Platinum von Tova (vielleicht habe ich deshalb die Assoziationen mit Italien). Und immer habe ich gedacht: Das ist schön, dieses Kernseifenthema, sehr sauber und geistig ordnend, aber irgendwie fehlt da was, da müsste doch noch mehr gehen. Bei Eau Suave ist dies endlich geglückt! Der schönste Moment ist der Auftakt, wenn die Zutaten auf der brodelnden Seifenlauge ihr Aroma unmittelbar verströmen. Himbeere und Rose kann man dann ganz toll herausriechen, alles bleibt sehr natürlich. In der Herznote wird mir persönlich der Pfeffer ein bisschen zu stark und ich würde mir mehr der anfänglichen Süsse wünschen (die kommt aber in der Basis zurück). Aber ich möchte Antonietta da nicht reinreden, immerhin ist sie die Chefin – e basta!
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Grüsse aus der Schweiz in die Schweiz :)