
Unterholz
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Unterholz
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Der freudlose Teufel & Angelica
Angenommen, eine blödsinnige Verschiebung der Realität oder was auch immer, würde in die absurde Situation münden, wo der Was-wäre-wenn-Teufel an meine Tür klopfte und mich vor die Wahl stellte, ihm entweder meine Seele zu überlassen oder aber selbige zu behalten und aus allen möglichen Düften nur einen einzigen auszuwählen, um lediglich diesen einen bis ans Lebensende zu benutzen – dann würde ich mich ohne Zögern für Angelica entscheiden. Und ich würde meinerseits dem Beelzebub ins hässliche Gesicht lachen und ihm entgegnen, er könne gar die ganze Komposition unter Lärm und Gestank von Pech und Schwefel mit zur Hölle fahren lassen, wenn er mir nur eine einzelne Duftnote beliesse: Nämlich der in der Tat engelhafte Geruch der angelica archangelica L.
Lyn Harris' Angelica ist - ohne diese Komposition und die Leistung der Parfümeurin schmälern zu wollen - grundsätzlich nicht wahnsinnig viel mehr als eine tiefe Verbeugung vor diesem fantastischen Riechstoff mit dem unverkennbaren Aroma nach saftstrotzender Grünheit, nach sich reckenden Trieben, distinguiert, erdig, pfeffrig-terpentinig, leicht bitter, herb und doch gleichzeitig auch von einer bitteren Süsse, einer ätherischen spröden Lieblichkeit, die ihresgleichen sucht – nennen wir es einfach den Atem eingefangenen Lichts.
Die Essenz (Öl) der Angelika wird in erster Linie aus der getrockneten Pfahlwurzel gewonnen, es ist eine dem Menschen seit dem Altertum bekannte Arzneipflanze, die gegen Appetitlosigkeit, Magenbeschwerden und sogar für Abtreibungen verwendet worden sein soll. Die in der Wurzel enthaltenen Bitterstoffe wirken schwach toxisch (wohl in grösseren Mengen) und sind auch beliebte Zutaten für Digestifs, Kräuterliköre oder auch Gin oder Absinth. Klar wurden der Pflanze mannigfaltige esoterische und magische Kräfte zugesprochen, die hier aber nicht thematisiert werden sollen.
Angelica ist ein ganz schlankes, puritanisches Parfum – eigentlich nicht mal ein Parfum, eher bloss ein skulpturales Duft- und Luftgebilde, die Manifestation einer vorbeiziehenden Wolkenlandschaft, ein Zitat der Natur selbst, nicht mal ein Gedicht, sondern nur ein Phrase, ein Melodiefetzen, den der Wind heranträgt, wie jemand der an einem windigen Herbsttag einen Spaziergang macht und aus einem Haus ein paar Akkorde Klaviermusik aufschnappt, die der Wind sogleich wieder mit sich fortreisst. Nicht ohne bei mir eine leise unbestimmte Sehnsucht zu hinterlassen – ja, diese Angelica hat nichts Heiteres, es ist pure Melancholie.
Ich bin – wie ihr sicher bemerkt habt – begeistert von diesem Duft und ich könnte stundenlang daran riechen. Die strahlend solierende Angelika erhält leise Unterstützung von einem Hauch Zitrus (aber wirklich nur ein Hauch, Grapefruit, eventuell Hedione?), von kölnisch-artiger Blumigkeit (Neroli und/oder Jasmin, auch etwas herber Lavendel scheint plausibel) und dezenten Wiesenkräutern im saftgrünen Habitus. Ich gehe von einer grosszügigen Verwendung moderater grüner Chemicals wie minziger Stemone und Hexenyl oder Hexenol (grasig-blumige Noten mit Zitrusanklängen) aus. Zeder oder holzige Noten nehme ich nicht bewusst wahr, aber da bin ich wahrscheinlich etwas „blind“, weil gerade Zeder (insbesondere die leicht „schwitzige“ Texaszeder) zu meinen Lieblingsduftstoffen zählt, so dass ich diese oft nicht mehr wirklich prominent herausrieche.
Lobenswert ist, dass die Parfümeurin nicht der Versuchung erliegt, die Angelika dick in Szene zu setzen oder gar die ätherische Frische mit Vanille oder Amberkomplexen schrill geschminkt auf ein pompöses (und unnötiges) Podest zu stellen. Angelica ist nicht vergleichbar etwa mit Guerlains (ebenfalls fantastischer) „Angélique noire“, welche ich auch zu meinen absoluten Lieblingen zähle, die aber doch eher Parfüm-Qualität hat im eigentlichen Sinn einer Komposition. Frédéric Malles „Angeliques sous la pluie“ ist da näher dran oder auch der/die „French Lover“ aus dem gleichen Haus. Harris' wässerige Collage ist dabei noch intimer, noch zurückgedimmter und privater als es beispielsweise Jean-Claude Ellena gemacht hätte.
Die Projektion ist bei diesem, wie es scheint, mehrheitlich aus natürlichen und naturnahen Bausteinen erzeugten Duft, sehr moderat. Es ist, wie viele Parfums der in Grasse geschulten Britin, ein sehr intimer, zurückhaltender Duft, der gar nicht anderen gefallen, sondern nur mit seinem Träger, seiner Trägerin verschmelzen will. Klingt fast wie irgendein zu oft bemühtes Marketinggarn? In der Tat bin ich eigentlich allergisch auf solche Floskeln der Duft-Homöopathie, aber bei vielen von Lyn Harris' Kreationen trifft das einfach zu. Auf ihrer Website (Perfumerh.com) erhält man einen Einblick in diese fast private Home-Office-Labor-Atmosphäre, die ihre Arbeitsweise und diese Interpretation stützt.
Wer findet, der Preis für ein solch zurückhaltendes Parfum sei etwas hoch angesetzt, kann vielleicht noch einen Schritt weiter gehen und kauft sich bei einem guten Rohstoffhändler (Achtung, nochmals etwas Werbung: Edenbotanicals.com) ein paar mL des puren ätherischen Angelika-Öls und erfreut sich ganz ohne Dünkel an diesem puristischen himmlischen Odeur.
Der Teufel aber wird dabei nichts zu lachen haben.
Lyn Harris' Angelica ist - ohne diese Komposition und die Leistung der Parfümeurin schmälern zu wollen - grundsätzlich nicht wahnsinnig viel mehr als eine tiefe Verbeugung vor diesem fantastischen Riechstoff mit dem unverkennbaren Aroma nach saftstrotzender Grünheit, nach sich reckenden Trieben, distinguiert, erdig, pfeffrig-terpentinig, leicht bitter, herb und doch gleichzeitig auch von einer bitteren Süsse, einer ätherischen spröden Lieblichkeit, die ihresgleichen sucht – nennen wir es einfach den Atem eingefangenen Lichts.
Die Essenz (Öl) der Angelika wird in erster Linie aus der getrockneten Pfahlwurzel gewonnen, es ist eine dem Menschen seit dem Altertum bekannte Arzneipflanze, die gegen Appetitlosigkeit, Magenbeschwerden und sogar für Abtreibungen verwendet worden sein soll. Die in der Wurzel enthaltenen Bitterstoffe wirken schwach toxisch (wohl in grösseren Mengen) und sind auch beliebte Zutaten für Digestifs, Kräuterliköre oder auch Gin oder Absinth. Klar wurden der Pflanze mannigfaltige esoterische und magische Kräfte zugesprochen, die hier aber nicht thematisiert werden sollen.
Angelica ist ein ganz schlankes, puritanisches Parfum – eigentlich nicht mal ein Parfum, eher bloss ein skulpturales Duft- und Luftgebilde, die Manifestation einer vorbeiziehenden Wolkenlandschaft, ein Zitat der Natur selbst, nicht mal ein Gedicht, sondern nur ein Phrase, ein Melodiefetzen, den der Wind heranträgt, wie jemand der an einem windigen Herbsttag einen Spaziergang macht und aus einem Haus ein paar Akkorde Klaviermusik aufschnappt, die der Wind sogleich wieder mit sich fortreisst. Nicht ohne bei mir eine leise unbestimmte Sehnsucht zu hinterlassen – ja, diese Angelica hat nichts Heiteres, es ist pure Melancholie.
Ich bin – wie ihr sicher bemerkt habt – begeistert von diesem Duft und ich könnte stundenlang daran riechen. Die strahlend solierende Angelika erhält leise Unterstützung von einem Hauch Zitrus (aber wirklich nur ein Hauch, Grapefruit, eventuell Hedione?), von kölnisch-artiger Blumigkeit (Neroli und/oder Jasmin, auch etwas herber Lavendel scheint plausibel) und dezenten Wiesenkräutern im saftgrünen Habitus. Ich gehe von einer grosszügigen Verwendung moderater grüner Chemicals wie minziger Stemone und Hexenyl oder Hexenol (grasig-blumige Noten mit Zitrusanklängen) aus. Zeder oder holzige Noten nehme ich nicht bewusst wahr, aber da bin ich wahrscheinlich etwas „blind“, weil gerade Zeder (insbesondere die leicht „schwitzige“ Texaszeder) zu meinen Lieblingsduftstoffen zählt, so dass ich diese oft nicht mehr wirklich prominent herausrieche.
Lobenswert ist, dass die Parfümeurin nicht der Versuchung erliegt, die Angelika dick in Szene zu setzen oder gar die ätherische Frische mit Vanille oder Amberkomplexen schrill geschminkt auf ein pompöses (und unnötiges) Podest zu stellen. Angelica ist nicht vergleichbar etwa mit Guerlains (ebenfalls fantastischer) „Angélique noire“, welche ich auch zu meinen absoluten Lieblingen zähle, die aber doch eher Parfüm-Qualität hat im eigentlichen Sinn einer Komposition. Frédéric Malles „Angeliques sous la pluie“ ist da näher dran oder auch der/die „French Lover“ aus dem gleichen Haus. Harris' wässerige Collage ist dabei noch intimer, noch zurückgedimmter und privater als es beispielsweise Jean-Claude Ellena gemacht hätte.
Die Projektion ist bei diesem, wie es scheint, mehrheitlich aus natürlichen und naturnahen Bausteinen erzeugten Duft, sehr moderat. Es ist, wie viele Parfums der in Grasse geschulten Britin, ein sehr intimer, zurückhaltender Duft, der gar nicht anderen gefallen, sondern nur mit seinem Träger, seiner Trägerin verschmelzen will. Klingt fast wie irgendein zu oft bemühtes Marketinggarn? In der Tat bin ich eigentlich allergisch auf solche Floskeln der Duft-Homöopathie, aber bei vielen von Lyn Harris' Kreationen trifft das einfach zu. Auf ihrer Website (Perfumerh.com) erhält man einen Einblick in diese fast private Home-Office-Labor-Atmosphäre, die ihre Arbeitsweise und diese Interpretation stützt.
Wer findet, der Preis für ein solch zurückhaltendes Parfum sei etwas hoch angesetzt, kann vielleicht noch einen Schritt weiter gehen und kauft sich bei einem guten Rohstoffhändler (Achtung, nochmals etwas Werbung: Edenbotanicals.com) ein paar mL des puren ätherischen Angelika-Öls und erfreut sich ganz ohne Dünkel an diesem puristischen himmlischen Odeur.
Der Teufel aber wird dabei nichts zu lachen haben.
17 Antworten



grüne Noten
Angelikawurzel
Grapefruit
Ambrettesamen
Bitterorange
persisches Elemiharz
Rosmarin
Schopf-Lavendel
schwarzer Pfeffer
Texaszeder
Floyd
ElAttarine
Licorice
Eggi37
Gandix



































