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Cravache (Eau de Toilette) von Robert Piguet

Cravache 1963 Eau de Toilette

Meggi
06.02.2015 - 14:57 Uhr
29
Top Rezension
6Duft 7.5Haltbarkeit 5Sillage 7.5Flakon

Heterologisch und autologisch

Eine elegantere Eröffnung als die von Cravache ist kaum vorstellbar. Gemacht für den Gentleman, der nicht einmal allein im Badezimmer ein Mikroschwein rauslässt. Eine gestrenge Bitterorange wacht, na ja, sicherlich nicht mit der Reitpeitsche, aber doch mit erhobenem Finger (Zeige-, versteht sich) darüber, dass die Zitrus-Kollegen nicht auf verwegene Gedanken kommen.

Der nachfolgende Lavendel funktioniert sehr gut, das ist bei mir leider nicht immer der Fall, häufig erlebe ich ihn muffig. Und er bietet hier richtig was: Er zeigt sein ganzes duftig-ätherisch-blütiges Können, das hatte ich in dieser Art noch nicht oft. Der kundige Herr Yatagan etwa hat sogar Minze gewittert; ich bleibe allerdings beim Lavendel, der kann sowas Ähnliches schließlich auch, wenn er in Form ist. Unterstützung erhält er vom Salbei; das „Muskateller-“ ist für meinen Geruchseindruck nicht erforderlich. Völlig unverkennbar in seiner Deutlichkeit. Die beiden Darsteller passen gut zusammen, der Salbei verhindert überdies, dass das Ätherische des Lavendels süßlich und aufdringlich wird. Das ist sehr gut und sehr edel gemacht. Muskat ohne den -ellersalbei nehme ich lediglich mit ein wenig Phantasie wahr.

Ins leicht Pflanzensaftig-Säuerliche des Salbeis fügt sich gegen Mittag schleichend und nahtlos das Vetiver hinein. Das ist alles weiterhin so frisch, so erfrischend, dass man meinen könnte, im Hintergrund sei kühlende Iris mit an Bord; konkret wahrzunehmen ist derlei indes nicht. Ein dezent-herber Einschlag stützt von unten ab, der passende Begriff dafür fehlt mir, krautig oder gar moosig klingt viel zu hart. Vielleicht nicht mehr allzu junger, bereits leicht verholzter, soeben zerriebener Lavendel. Erst zum Ende des Duftverlaufs, ungefähr ab der siebenten Stunde, nehme ich allmählich eine staubige Patchouli-Note wahr, die fortan einen vortrefflich passenden, unaufdringlichen Abschluss mit guter Haltbarkeit begleitet.

Hm. Und jetzt? In der Oberstufe hatte ich einen Philosophie-Lehrer, der normalerweise Uni-Dozent war. Das war ziemlich spannend mit dem, und wir beknieten ihn (erfolgreich), ein Jahr Schule dranzuhängen, weil der gesamte Kurs im 13. Jahrgang freiwillig weiterphilosophieren wollte. In einer Stunde erörterte er mit uns eine seltsame Idee von sogenannten heterologischen und autologischen Wörtern. Beim Nachlesen in der Wikipedia habe ich nun zwar festgestellt, dass meine Erinnerung lückenhaft ist, denn dermaßen trivial, wie der folgende Absatz es suggeriert, ist es tatsächlich nicht und wir haben seinerzeit gewiss tiefschürfend diskutiert. Ich schildere die Sache - mit gutem Grund - trotzdem, wie sie mir im Gedächtnis geblieben ist und bitte um Nachsicht:

Es gebe autologische und heterologische Wörter. Heterologisch seien jene, die – platt gesagt – etwas anderes meinten als sie selbst sind. „Baum“ beispielsweise sei ein Wort und meine einen Baum. Schweigen. Zaghaft erhob sich eine Hand (leider nicht meine): „Aber…ist dann nicht ‚autologisch‘ das einzige autologische Wort?“.

Ich hatte damals spontan das Gefühl, eine Idee vorgestellt zu bekommen, die faszinierend einfach, unwiderlegbar richtig und völlig nutzlos ist. Ungefähr wie heutzutage eine Auskunft vom Microsoft-Support.

Analog geht es mir mit dem Duft. Er ist über-perfekt. Transparent und nachvollziehbar gestaltet, an ausnahmslos jeder Person zu absolut jedem Anlass und in jeder Stimmung vorstellbar. Und damit für mich bedauerlicherweise völlig nutzlos. Ich meine ausdrücklich nicht „schlecht“, überhaupt nicht. Cravache scheint mir ideal für jemanden, der einen einzelnen, fein-dezenten Universalduft sucht. Ich hingegen werde ihn mir nicht zulegen.

Weder hetero- noch auto- sondern bloß logisch ist, dass Angelliese gleichwohl mein Dank für das Pröbchen gebührt.
17 Antworten
FittleworthFittleworth vor 8 Jahren
Hihi, toller Kommentar! Mikroschwein-Pokal!
PlutoPluto vor 10 Jahren
Gefunkt hat es nicht zwischen Euch, muss ja auch nicht.
PaloneraPalonera vor 10 Jahren
Sag mir, hast Du den Vintage oder die neuere Version getestet? In meinem Besitz befindet sich dankenswerterweise ein Vintage, der deutlich mehr Persönlichkeit hat und beileibe nicht (nur) nett ist. Oder ist nur mein Eindruck so sehr anders...?
GaukeleyaGaukeleya vor 10 Jahren
Also ein Duft für Chamäleonschweine quasi..? ^^ Liest sich aber dennoch nicht unschön. Ich glaube, ich würde ihn mögen.
KleopatraKleopatra vor 10 Jahren
Die Sache mit dem Mikroschwein lässt mich jetzt auch nicht mehr los... :)
OrmeliOrmeli vor 10 Jahren
Höchstinteressant ! Sehr fundiert und schön geschrieben ;-) Und wenn ich nicht schon neugierig gewesen wäre – der gut funktionierenden Lavendel hat sein übriges getan …. :-)
DobbsDobbs vor 10 Jahren
Ich wäre ja schon froh, wenn das eine oder andere Macroschwein mal so nett duften würde ;o)
DuftJunkieDuftJunkie vor 10 Jahren
Der passende Begriff, der Dir fehlt, könnte Cistrose sein. Ich zumindest habe diese Assoziation. Ansonsten ein sehr heterologischer Kommentar; zumindest aus autologischer Sicht :-).
HexanaHexana vor 10 Jahren
Ich fand den Cravache nicht herausragend, sondern irgenwie banal, was ja zu deiner Feststellung passt, dass er an jeder Person scheinbar tragbar sei.
SeeroseSeerose vor 10 Jahren
Ist für mich, ganz platt gesagt, ein stinknormaler Herrenduft, den ich auch nicht an einem Mann mögen würde. Pokal+
MarWicMarWic vor 10 Jahren
Also doch der Mittelfinger,wenn auch elegant und mit poliertem Nagel ,schmunzel...
YataganYatagan vor 10 Jahren
Danke für die Referenz! Mag ihn immer noch sehr.
SusaSusa vor 10 Jahren
Sprachlich und inhaltlich unübertroffen virtuoser Kommentar!!! Chapeau! Ich würde jetzt gerne den Duft aufsprühen, nur um im Duftverlauf die von dir erläuterte philosoph. These nachvollziehen zu können.
0815abc0815abc vor 10 Jahren
Freiheitfürmikroschweinepokal!
OhdeberlinOhdeberlin vor 10 Jahren
ein Zitrus-Kollegen-von-verwegenen-Gedanken-fernhalt-Pokal für den guten Kommentar
TurandotTurandot vor 10 Jahren
Bei diesem Duft steht in meinen Notizen ganz banal: "nett" und damit auch für mich nutzlos;)
TooSmell27TooSmell27 vor 10 Jahren
In jedem, auch Mann, steckt ein Microschwein. Deshalb!