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FioreMarina
02.04.2022 - 11:04 Uhr
51
Top Rezension
8.5Duft 7Haltbarkeit 7Sillage 7Flakon 9Preis

Phoenix oder: Der Sieg der Rose

Vorbemerkung: Liebe Alle, die Ihr Euch fragt, ob Ihr das Folgende lesen sollt: es ist wahrscheinlich keine gewöhnliche Rezension. Aber es sind auch keine gewöhnlichen Zeiten. Wer sich vor allem eine sachliche Analyse des Dufts wünscht, wird vielleicht enttäuscht sein und ist besser bei den wunderbaren Rezensionen meiner Vorgänger und Vorgängerinnen aufgehoben. Aber ich möchte mit jedem, der mag, diesen sehr persönlichen Zugang zu „Moonlight Patchouli“ teilen; wenn Ihr wollt, hört beim Lesen „The Light behind your Eyes“ von My Chemical Romance, so wie ich beim Schreiben. Es passt zum Text und es ist ein schöner Gedanke, mich Euch auf diese Weise verbunden zu fühlen.
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Ich tue mich gerade schwer mit dieser Seite hier. Mit Düften im Allgemeinen. Vielleicht einfach mit dieser Zeit. Es ist, als hätte das Schöne keinen Platz mehr in meinem Jetzt. Es ist banal geworden, unpassend irgendwie. Ich denke mir: wenn ein alter Mann nationalesoterische Allmachtsphantasien in sein aufgeblähtes Ego sickern lässt, bis es ein Loch in die Mitte Europas sprengt, in die Mitte all der Dinge, die ich für gegeben gehalten habe, in unsere Mitte, und niemand, niemand hält ihn auf, dann riecht das einfach nicht nach Rosen. Sondern nach Eisen, Schweiß, Dreck und Tod. Darf man in so einer Zeit über Duftverläufe nachdenken? Darf man Texte über Parfums schreiben? Darf man das?
Ich bin nicht sicher, nicht mal jetzt, während ich schreibe. Seit Wochen war ich nicht auf Parfumo. Ich sitze vorm Fernsehen, aber die Nachrichten gleichen sich. Ich lese Zeitung, kluge Menschen, die mit Worten Bilder ihrer Ratlosigkeit malen. Ich stehe vor meinem Parfum-Schränkchen, Kirschholz, Biedermeier. Der Gedanke hat mir früher gefallen: ein kostbares altes Möbelstück als Gefäß für meine Sammlung. Jetzt finde ich das dekadent. Während ich durch die geöffneten Glastürchen auf die Schachteln und Flakons starre, spüre ich Widerwillen. Was soll das denn? Ich will nicht riechen, nach gar nichts. Und dann, während ich schon im Begriff bin, die Türen wieder zu schließen, fällt mein Blick auf einen glatten, schwarzen Flakon, „Moonlight Patchouli“, und ich denke: Schwarz, passt irgendwie, und überhaupt, es ist doch gleich, ein paar Spritzer auf die Handgelenke und hinter die Ohrläppchen.
Die nächste Tagesschau, der nächste Brennpunkt. Ich denke mir: Nicht Mariupol, bitte nicht Mariupol, ich kann die Bilder nicht ertragen. Aber natürlich kommt Mariupol. Die Kamera schwenkt über Ruinen, über Berge von Schutt. Wenn sie auf die Toten hält, werden die Bilder verpixelt, man will uns das nicht zumuten. Dann die Trecks der Geflüchteten, sie zeigen eine junge Frau, die blass und vor Müdigkeit schwankend ein Kind auf dem Arm hält, während sie in die Kamera spricht, dass sie sich für unsere Unterstützung bedankt. Erst sehe ich es nicht, aber dann bemerke ich, dass auch das Kind etwas in seinen Armen hält: ein kleines Kätzchen.
An diesem Punkt vergrabe ich das Gesicht in den Händen: Keine Bilder mehr. Es wird dunkel. Und es riecht nach Dreck. Nach schwarzer, feuchter Erde, nach Vergänglichkeit. Wenn Dunkelheit riechen kann, dann riecht sie wohl so. Ich erinnere mich, dass ich vorher Moonlight Patchouli aufgetragen hatte und jetzt ist es mir recht. Mit geschlossenen Augen atme ich ein: Patchouli also, na klar. Patchouli riecht nach Dunkel und das Dunkel riecht nach Patchouli und es passt zu all dem hier.
Nur bleibt es nicht dabei: etwas in diesem Dunkel leuchtet, so zart, dass man es nicht gleich bemerkt, und doch konturiert, deutlich, präsent und unnachgiebig: eine Rose, nein nicht einfach nur irgendeine. Für mich ist es eine der schönsten Rosen, die es je gelungen ist, in einem Duft einzufangen. Immer wenn ich sie rieche, erstrahlt sie in meiner Vorstellung in einem tiefen, leuchtenden Rot und ja, es ist Iris dabei, die ich gleichfalls liebe, hier ist sie nicht mehr als ein bläulichweißes Strahlen, wie ein Glorienschein, nur dazu da, die Schönheit der Rose noch zu unterstreichen. Es gibt auch Pfeffer. Er stört mich ein bisschen, aber nur zum Anfang. Wie feine Nadelstiche in diesem Bild aus Dunkel und Licht.
Mir fällt ein, dass Blumen überall wachsen. Und immer aus dem Dunkel. Sie machen nicht viel Aufhebens darum, aber sie gewinnen immer. Selbst auf einem Trümmerfeld. Ich muss plötzlich an das Bild von vorhin denken: die Mutter, das Kind, das Kätzchen. Sie hatten, wie sich gegenseitig umfangende Blütenblätter, etwas von dieser Rose: das Zarte, das das immer noch Zartere schützt. Das aus dem Dunkel kommt, buchstäblich aus dem Dreck. Aber da ist und lebt. Und gewonnen hat. Und da plötzlich kann ich lächeln.
Seltsam, wohin uns Düfte bringen: dieser hier zu einer Ahnung, ja, auch zu einer Hoffnung. Und deshalb glaube ich, wir dürfen Düfte tragen. Und sogar jetzt, manchmal: vor allem jetzt, sollen wir auch darüber schreiben.
20 Antworten
Lilith105Lilith105 vor 3 Jahren
1
Wunderbar geschrieben.
Doch, ja, gerade jetzt dürfen wir mit Düften träumen, träumen von einer heilen Welt, die es, solange es Menschen gibt, wohl nicht geben wird.
Darum lass uns träumen!
OvHorvathOvHorvath vor 3 Jahren
Ein sehr schöner Text in einer unwirtlichen Zeit. Danke.
ParfümleinParfümlein vor 3 Jahren
Mir geht es seit Wochen ähnlich wie Dir. Ich habe einen asiatischen Parfumschrank und finde den Inhalt immer lächerlich, versuche zu verkaufen, scheue mich aber, weil ich dann hierher muss. Nun habe ich einmal nach dem Status Quo geschaut und Dich entdeckt, ich wusste, das würde mir gut tun, von Dir zu lesen. Kann man Gedichte nach Auschwitz schreiben?, hat Adorno sich gefragt, und die Welt hat gezeigt: Man kann Gedichte schreiben. Und man kann Düfte beschreiben. Was wäre ohne Hoffnung gewonnen?
CosmicLoveCosmicLove vor 3 Jahren
1
Danke. Einfach Danke…
EmblaEmbla vor 3 Jahren
Jeder braucht etwas Licht in seinem Leben, gerade in diesen Zeiten.... Auch wenn in diesem Fall das Licht eine duftende Dunkelheit ist.
FlaconesseFlaconesse vor 3 Jahren
1
Dein Kommentar ist sehr ergreifend! Und ja, ich denke man darf weiterhin Parfüms testen und drüber berichten und wenn es nur einen Menschen von schlimmen Nachriten abgelenkt hat, war es das Ganze wert. Aber ich weiß leider was Du meinst, letztes Jahr ging es meiner Mutter über lange Zeit sehr schlecht. In der Zeit hörte ich auch Rezensionen zu schreiben, Videos zu drehen, Parfüms zu testen, es fühlte sich alles so falsch an und jetzt ein Dreivierteljahr später, habe ich mein Hobby neu entdeckt.
AmberfreakAmberfreak vor 3 Jahren
Ich danke Dir. Du sprichst mir aus der Seele und dabei ist die Beschreibung ABSOLUT gelungen. Mit Bildern des putinschen Grauens stehe ich auch ratlos vor meiner Parfumsammlung und meist bleibe unbeduftet...
Greenfan1701Greenfan1701 vor 3 Jahren
Ja, wenn wir alles Schlimme, was auf der Welt passiert, zum Besseren wenden könnten, was wäre es dann für eine wundervolle Welt.
Danke für Deine ergreifenden Worte, die mich sehr berühren.
FloydFloyd vor 3 Jahren
Auch das tun Düfte, sie docken da an, wo wir fühlen, sie verstärken, spenden Trost oder bieten eine kleine Flucht, wie die Kunst, die Musik, die Literatur und so vieles mehr.
GandixGandix vor 3 Jahren
Natürlich dürfen wir Düfte tragen, testen, darüber schreiben. Weil es uns gut tut. Eine kleine Auszeit. Nur wenn es uns gut geht, können wir anderen helfen.
PonticusPonticus vor 3 Jahren
1
Sehr überzeugend wie Du Deine Stimme und Meinung einbringst und sehr charmant mit der Rezension zu Moonlight Patchouli verbindest! Natürlich sollte man noch Parfüm benutzen und auch möglichst alles andere tun, was man auch sonst getan hätte. Das Leben geht weiter, hier und dort, immer und überall, so oder so!
MörderbieneMörderbiene vor 3 Jahren
Auf mich wartet nach meinem Urlaub ein Flakon von Moonlight Patchouli, und nach Deinen rührenden Worten freue ich mich noch viel mehr darauf.
BastianBastian vor 3 Jahren
Respekt....eine tolle Rezension...
Ein Duft der dir Trost spendet...
Passende Worte zur aktuellen Situation zu finden ist schwierig. Gibt es überhaupt noch passende Worte????
MimaraMimara vor 3 Jahren
Mir geht es auch grad so, dass mir die Beschäftigung mit Parfum banal und fehl am Platz vorkommt. Danke für deine berührende Rezension und für die Hoffnung, von der sie erzählt!
TablaTabla vor 3 Jahren
Danke für diesen Kommentar.
Ja, man darf, man muss sogar über Parfums schreiben, ganz besonders in diesen Zeiten, die allerdings für die Betroffen am furchtbarsten sind. Wenn man es nicht tut, hätte der kleine EGO Mann gewonnen. Ich bin mir sicher, seit Beginn schon, dass er nicht gewinnen wird.
MonsieurTestMonsieurTest vor 3 Jahren
2
Besser, treffender als du hier kann man die Lage derzeit wohl kaum beschreiben. Klügeres und schöneres zum Duft kaum sagen.
Danke!
KovexKovex vor 3 Jahren
1
Der Duft ist eine Schönheit und auch die gibt es in diesen dunklen Zeiten. Und am Ende wissen wir doch alle, dass Düfte auch Trost spenden können. Davon brauchen wir wohl alle zur Zeit etwas mehr als sonst. Ich habe Deine Gedanken sehr gerne gelesen und finde: ja, man darf auch solche Rezensionen schreiben, denn die Realität auszublenden ist auch nicht richtig.
AltitudeAltitude vor 3 Jahren
1
Oh wow! Noch nie (!) habe ich eine so subjektiv-gute Rezension gelesen. Und natürlich darfst Du Dich auch aktuell an Düften erfreuen. Das kann parallel passieren. Du kannst Dir Sorgen machen und trotzdem gut riechen.
Vielleicht nimmt auf der Strasse jemand Deinen Geruch wahr und ist für einen Moment von dem ganzen Wahnsinn abgelenkt.
Ich trage gerade Moonlight Patchouli und fühle jedes Wort. Danke, dass Du darüber geschrieben hast.
PollitaPollita vor 3 Jahren
Das hoffe ich auch, dass das hier so stehenbleiben kann, Du Liebe. Wie schön es doch ist, dass Düfte auch tröstend sein können in diesen schweren Zeiten.
Medusa00Medusa00 vor 3 Jahren
1
Ich bin da völlig bei Dir und hoffe Deine Rezension kann so stehen bleiben.