Freak out!
Besonders aufregend waren die jährlichen Messetage an der SIHH in Genf. Naja, die Erinnerung betreibt da vielleicht ein bisschen Schönfärberei, eigentlich erinnere ich mich auch sehr gut an die Fussschmerzen vom stundenlangen Rumstehen am Messestand. Und abends, im Shuttlebus auf dem Weg zurück ins Hotel, mussten wir uns manchmal gegenseitig sagen: „Wir haben Feierabend. Du kannst jetzt aufhören zu lächeln!“ Man hat’s gar nicht mehr gemerkt...
Also jedenfalls hatte ich viel Zeit, das Messevolk, sprich die Zielgruppe, die Connaisseurs, die „Uhrenbekloppten“, zu studieren. Wie manche gehetzt, schwitzend und – schon voll beladen – von Stand zu Stand jagten, um NOCH ein Give-away-Tütchen zu erbeuten, sich in eine Filmvorführung der neusten Modelle zu drängen oder am Stand ihrer Lieblingsfirma, mit hochgekrempeltem Sakkoärmel ihre wertvolle Uhr präsentierend, lautstark zu fachsimpeln.
Ich habe in dieser Zeit zwar verstanden, warum man so eine Begeisterung für dieses filigrane Handwerk entwickeln kann (der Moment, wenn ein Uhrwerk anfängt zu ticken, ist wirklich ergreifend), aber diesen hektischen, übereifrigen Fantismus einiger Männer doch ein wenig spöttisch belächelt.
Aber nicht nur bei Uhren – Oldtimer, Lokomotiven, High-Tech-Kameras, Flugzeuge – all diese (Status-)Objekte haben ihre fanatische Anhängergemeinschaft. Da zittert der Finger auf dem Fotoauslöser im Dauerabschuss, für das perfekte Bild legen sich die Herren sogar auf den Boden, kriegen rührungsfeuchte Augen und Schweissperlen auf der Stirn. Schön, wenn jemand sich so begeistern kann – aber bitte! Ist doch schon ein wenig sehr freakig und lächerlich, oder?
Ich war heute Mittag mal wieder in meiner Stammparfümerie (die verteufelt nochmal genau gegenüber von meinem Büro liegt) und habe mir die neusten Winterdüfte zeigen lassen. Vaara von Penhaligon’s zum Beispiel, wow! Als neue Marke haben sie nun auch Olfaktive Studio ins Sortiment aufgenommen (iiiks!). Und während die Verkäuferin mir drei Pröbchen raussucht und abfüllt, sehe ich mich im Laden um und entdecke plötzlich einen Weihnachts-Candy-Stand. In einer Parfümerie?? Ich gehe näher ran und studiere die Etiketten und da steht auf dem Honigtöpfchen Amouage und auf dem Schokololli Floris und auf den silbernen Zuckerkugeln Penhaligon’s… und ehe ich mich’s versehe, hab ich mein Handy aus der Handtasche gekramt und stehe breitbeinig gebückt vor dem Dispenser und knipse in der Totalen, aus der Nähe, aus verschiedenen Winkeln und bin so verzückt, dass ich erst reagiere, als die Verkäuferin sich das zweite Mal diskret räuspert und mir die Pröbchen reicht. Und ich plappere meine Begeisterung aus, bis sie ein Tütchen nimmt und mir einen Schokololli von Floris, eine Minitafel Schokolade von Il Profumo und ein Honigtöpfchen von Amouage einpackt. Ich betone noch, dass das doch nicht nötig gewesen wäre, grapsche aber natürlich dennoch gierig danach. Kann mich langsam losreissen. Wende mich zum Gehen und nehme plötzlich eine grimmig dreinblickende Frau hinter mir wahr, die wohl schon länger darauf wartet, dass ich ausgeschissen habe und sie mal endlich bedient wird. Mon Dieu, so weit ist es mit mir gekommen. Ich bin fanatisch…
Auf den Schock brauche ich, zurück im Büro, erstmal ein Stück Scho(c)kolade. Ich greife nach der Tafel von Il Profumo, auf der Verpackung ist der Chocolat-Flakon abgebildet. Hinten steht: „Chocolat vermittelt das Gefühl einmal vollständig mit allen Sinnen in Schokolade einzutauchen. Geniessen Sie nun ein Stück Schokolade und schwelgen Sie in Erinnerung an „Chocolat“, den umhüllenden Il Profumo-Duft.“
Ich lebe hier im Schoggiland Schweiz. Und habe schon viel Schokolade gegessen. Ausserdem besitze ich den Duft „Chocolat“. Das wäre nicht so, wenn der Duft so riechen würde wie diese Schokolade schmeckt. DAS ist KEINE gute Schokolade!
Okay, ich bin also ein Parfüm-Fanatiker. Ein Freak. Aber immerhin erkenne ich es noch, wenn die Give-Aways von zweifelhafter Qualität sind – egal, was da für ein toller Name draufsteht. Ein No-Go, finde ich. Mit solcher Schokolade kann man vielleicht die Kundenkinder von Schuh Walder erfreuen! Wenn man derart hochwertige und preisintensive Produkte vertreibt, muss alles, was aus diesem Haus kommt bzw wo der Name draufsteht, von ebensolcher Qualität sein. Oder wie seht ihr das?


Aura
Ich finde, gerade in der Nische (die inzwischen mehr boomt als der Mainstream) ist nicht alles Gold was glänzt. Und die hochgepriesene Qualität lässt auch oft zu wünschen übrig. Gerade bei Amouage ist das inzwischen sehr auffällig. Was kann man dann noch von den Giveaways erwarten?
Wobei ich Essbares sowie als nicht unbedingt passend empfinde ... Schoki in der duftgeschwängerten Luft einer Parfumerie nimmt doch bestimmt schnell den Geschmack nach Parfum an, oder? Eine besonders liebevoll gestaltete Duftprobe z. B. fänd ich persönlich besser.
Aber ich esse generell keine Süßigkeiten, wenn, dann nur gute dunkle Schokolade, naja, über eine kleine Honigtopf werde ich mich auch freuen als kleine Goodie, es ist das zweite "Süssigkeit" was ich sogar fast täglich esse.
Bei den letzte Lieferung von ALzD waren auch Bonbons von The Different Company dabei, mit "Merry Christmas" Aufkleber - und die sind so was von schlecht, da sind selbst die alle günstigsten in Netto besser...Also ja, ich stimme Dir zu - entweder was richtig gutes machen oder es verlassen, nur weil es weihnachtet muss es nicht extra alle möglichen Süßigkeiten als Verkaufs-Gimmick geben. Oder falls, dann auch von gute Qualität.
doch nicht Lalique! Bitte sei so gut und frag in der nächsten Pause;) dann kannst auch gleich
die Zuckerl kosten:)))
ich lächel auch gaaaaaaanz lang und überzeugend:-)
Ich gebe Dir vollkommen recht, dass Give-aways renommierter Marken auch eine solide Qualität haben sollten.
Ansonsten landen sie sehr schnell im Müll oder finden sich unbeachtet in so mancher Schublade wieder.
Wenn ich von mir selbst ausgehe, kann mich ein gut gemachter Werbeartikel oder eine schöne Probe durchaus zum Kauf verleiten oder zumindest einmal meine Neugier wecken.
Erst vor ein paar Tagen wurde mir in einer Parfümerie, in der ich öfters kaufe, eine schöne weiße Rose überreicht mit einer Chloé-Probe.
Das hatte Stil und die Rose steht heute noch bei mir Zuhause in einer Vase.
Hätte ich nicht schon fast sämtliche Chloés in meiner Sammlung, hätte ich mich auf jeden Fall näher mit der Probe auseinander gesetzt, weil dies einfach ein schönes, kleines Geschenk war.
Dagegen führt ein schlecht gemachtes Geschenkchen eher dazu, dass man eine noch negativere Einstellung gegenüber Marken bekommt, die einem schon vorher nicht so am Herzen lagen.