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Humphrey

Humphrey

Rezensionen
1 - 5 von 8
Wie ich mich freute. Und wie nichts davon blieb.
Er saß einsam auf der Bank am Rand des Parks, den Blick auf einen Punkt irgendwo zwischen grauen Pflastersteinen gerichtet.
Der Kaffee neben ihm war längst kalt geworden.
Vorhin hatte er geglaubt, etwas Besonderes finden zu können – einen Duft, der ein Versprechen einlöste, das schon beim Namen begann. Ein Wort wie eine Tür zu einer neuen Welt. Doch als er mit dem ersten Sprühstoß seine Haut benetzte, war da nichts als ein maues Echo enttäuschter Erwartung, eine blasse Erinnerung an bessere Zeiten.
Jetzt starrte er in die Leere vor sich, während Menschen an ihm vorbeigingen, lachend, redend, ohne zu wissen, dass er gerade dabei war, eine persönliche Enttäuschung zu betrauern.
Nicht die zu schnell vergangene große Liebe, nicht der Verlust des Arbeitsplatzes – nur ein Duft, der nichts sagte.
Und doch wog diese Bedeutungslosigkeit schwer.
Er seufzte, hob kurz den Blick, als könnte die Ferne ihm eine Antwort geben. Aber sie schwieg.

**
*

Manchmal verspricht die frohe Erwartung mehr, als die Realität dann halten kann.

Ein neuer Prada kündigte sich an. Der Name war höchst vielversprechend und der Flakon erinnerte zum einen an bessere Zeiten anderer Marken und erschien in seiner klaren, grünen Einfachheit schlicht wunderschön und verstärkte die Vorfreude noch maßgeblich.

Nun verhält es sich aber mit Flakons und Düften ganz ähnlich wie mit Erwartungen und Realitäten.

Was hatte ich erwartet? Einen olfaktorischen Paradigmenwechsel? Nicht unbedingt. Zumindest aber einen neuen Prada.

Was habe ich bekommen? Einen neuen MYSLF-Klon mit dem aktuellen Paco-Rabanne-Charme. Nicht dem von früher, als Flakons noch grün und einfach waren und Pour Homme hießen. ( Paco Rabanne pour Homme Eau de Toilette )

Dem von heute mit Roboterspielzeugfigürchen als Flakons. ( Phantom )

Die Eröffnung flackert, wenn überhaupt, nur kurz zitrisch auf, bevor sie bedeutungslos erlischt wie eine Kerze, der der Sauerstoff jede Liebe entzogen hat.

Duftnoten, die sich vorab schön haben lesen lassen werden ignoriert wie Kunden im Baumarkt.

Die wässrig-seifige-Orangenblüten-Mittelachse verdient es ob mangelnder Eigenständigkeit gar nicht, im Rahmen eines neuen Dufts rezensiert zu werden, da wir hier eigentlich keinen neuen Duft haben, sondern den kleinsten gemeinsamen Nenner der allgemeinen Designer-Uninspiriertheit der letzten Monate und Jahre.

Der sog. Drydown schafft hier eher finale Distanz, als dass er wärmend versöhnt.

Paradigme hätte meine Duftwelt erweitern können. Stattdessen erinnert es mich nur an etwas, das ich schon lange kenne und versuche, hinter mir zu lassen: Belanglosigkeit.
10 Antworten
„Man reist nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.“
Mit dem in der Überschrift stehenden Goethe-Zitat möchte ich beginnen.
Und ich möchte diese Rezension bewusst einrahmen zwischen zwei Zitaten, denn sie bezieht sich auf einen Duft, der nach einer Klimazone benannt ist, die eingerahmt ist.
Eingerahmt im wahrsten Sinne des Wortes.
Eingerahmt zwischen zwei anderen Klimazonen. Und dieser Umstand wird sich wiederfinden in der Duft-DNA...aber dahin kommen wir noch.

Und um dahin zu kommen, werden wir gemeinsam reisen. Diese Rezension wird nicht gerade verlaufen, sie wird sich schlängeln und lang werden. Sie wird ein Frage-Antwort-Spiel werden und eine Definitionssuche. In erster Linie aber eine Reise.
Ihr könnt jetzt noch abspringen, aber ich freue mich, wenn ihr mitreist. Wir reisen, um einen Duft zu verstehen, der es verdient hat, verstanden zu werden. Ob wir ihm gerecht werden können, kann ich euch nicht versprechen, aber wir werden unser Bestes geben auf dieser Reise.
Fangen wir am Anfang an und arbeiten uns dann langsam und kontinuierlich nach vorne, denn anders lässt es die Thundra, oder wie ich fortan schreiben werde die Tundra, gar nicht zu.

Zu jeder exakten Aufarbeitung gehört zunächst einmal eine Klärung der Begrifflichkeiten.
Meiner Meinung nach ist ein gewisses Verständnis dafür, was die Tundra bedeutet, sogar unerlässlich, um den Duft zu verstehen.
Was also ist die Tundra?
Die Tundra, die auch baumlose Kältesteppe genannt wird, ist vereinfacht gesagt der Oberbegriff für die Offenlandgebiete der (sub-)polaren Klimazone.
Was bedeutet das nun und wo überall findet man diese Tundra, oder besser die Tundra-Gebiete?
Naja, im Prinzip gibt es nur drei große Bereiche, weshalb wir uns das kurz gemeinsam in der Theorie anschauen wollen, bevor wir dann die Tundra gemeinsam bereisen.
Der größte Teil der Tundra liegt im Norden der nördlichen Erdhalbkugel auf den Landmassen der Arktis. Deshalb wird dieser Teil auch Arktische Tundra genannt und hierzu gehören Teile Kanadas, Sibiriens, Skandinaviens und Alaskas.
Dann gibt es noch die Tundra auf der Südhalbkugel. Da die Antarktis aber fast vollständig mit Eis bedeckt ist, befinden sich die Gebiete der Tundra hier nur am Rand der Antarktis. Je nach Definition gehören auch wesentliche Teile von Feuerland und den Falklandinseln zu dieser Tundra der Südhalbkugel. Das ist dann aufgrund ihrer geografischen Nähe zum Südpol die Antarktische Tundra.
Der dritte große Bereich ist die alpine Tundra, die sich auf der ganzen Welt verteilt. Hierzu gehören dann Tundrengebiete in Gebirgen wie den Alpen oder dem Himalaya.
Diese drei großen Tundrenbereiche zusammen bedecken als Kältesteppe immerhin eine Landmasse von ungefähr 3-4%.

Wenn ich nun ab hier in dieser Rezension von Tundra schreibe, dann meine ich fortan die Arktische Tundra. Zum einen, weil ich zu dieser den größten Bezug habe, zum anderen aber - und das ist an dieser Stelle viel wichtiger - weil sie mir als die absolut einschlägige für das hier rezensierte Parfum erscheint.

Wie bringen wir nun aber Parfum und Klimazone in Einklang, werdet ihr euch vermutlich fragen. Und zu Recht, aber habt noch kurz Geduld, dann wird sich alles klären.

Ich werde euch jetzt auf eine kurze Reise durch die Tundra mitnehmen. Warum DURCH die Tundra und nicht IN die Tundra? Ja, diese Frage ist berechtigt und die Antwort darauf der Lage der Tundra geschuldet.

Die allerwenigsten Menschen siedeln in der Tundra oder lassen sich hier wohnhaft nieder.
In erster Linie durchquert man die Tundra, zumindest als Reisender. Man durchquert sie, um von der Taiga zur Arktis zu kommen. (Oder eben andersrum.)
Zugegebenermaßen kenne auch ich mich in der Tundra nun wirklich nicht ideal aus. Teile der Taiga habe ich zwar bereist und auch bis zur Tundra bin ich gekommen. Ich habe sie aber nie durchquert.
Nichtsdestotrotz habe ich mich mit der Landkarte und den Reiserouten intensiv genug auseinander gesetzt, um beschreiben zu können, dass die Tundra auf ihrer einen Seite direkt an polare Eisflächen grenzt und auf der anderen Seite, also der vegetationsfreundlicheren, in die Taiga übergeht, die sich vor allem durch ihre unzähligen Nadelbäume auszeichnet und wunderschön zu bereisen ist, aber das ist ein Thema für eine andere Rezension.

Nun lasst uns also gemeinsam in Gedanken im Rahmen dieser Rezension die Tundra durchqueren.

Dazu befinden wir uns auf dem Dempster Highway. Das ist eine der entlegensten Straßen in Kanada und dazu die einzige, die im Sommer und Winter in die Arktis führt.
Über 736 Kilometer schlängelt sich diese Straße über den Permafrost, aus dem Süden des Yukon unweit der Goldgräberstadt Dawson City bis nach Inuvik in den Nordwestterritorien.
Der Dempster Highway führt vorbei an einsamen Seen und subarktischen Wäldern.
Er führt durch die Tundra. Hier gibt es kaum eine Menschenseele weit und breit.

Was für ein Abenteuer!

„Bei 66 Grad und 33 Minuten nördlicher Breite überqueren wir den Polarkreis, später geht’s auf Fähren über die mächtigen Ströme des Nordens. Nur ein Hotel gibt es an der Straße, eine Tankstelle und Werkstatt inklusive.
Ansonsten nur Leere, Einsamkeit und der Horizont, der nicht zu enden scheint.
Am Ende unserer Reise sorgt Inuvik für Superlative mit dem nördlichsten Gewächshaus und der bekanntesten Iglu-Kirche des Landes. Ein ausgefeiltes Lüftungssystem sorgt dafür, dass die runde Konstruktion nicht im Permafrost versinkt. Im Herbst wird in Invuvik eine neue Straße eröffnet, die bis nach Tuktoyaktuk an den Arktischen Ozean führt.“ (Quelle: Reisebericht Dempster Kanada)

So, jetzt habt ihr die Bipolarität der Tundra verstanden. Da wir uns subpolar befinden, ist der Begriff der Bipolarität vermutlich nicht ideal gewählt. Das ist aber auch egal, denn es geht ja darum, zu verstehen, dass es sich um eine diametrale Landschaft handelt.
Gefangen zwischen Taiga und Arktis liegt sie also da: Die Tundra.

Das ist die Lage, aber was ist mit dem Parfum? Haltet durch, die Tundra ist schwierig zu bereisen...
Bevor wir zum Duft an sich kommen müssen wir neben der Lage der Tundra nämlich noch ihre Eigenschaften klären.

Wie ist das Klima? Kalt. Die Temperatur und die Sonneneinstrahlung sind sehr extrem. Es gibt hier lange Winter. Dann liegt die Durchschnittstemperatur bei unter 15 Grad Celsius. Es gibt aber auch große Schwankungen, denn im Sommer steigen die Durchschnittstemperaturen auf über 15 Grad Celsius. Die Böden sind zwischen acht und elf Monaten komplett mit Schnee bedeckt und gefroren.
Genau daher kommt ja auch der Name Permafrost, nämlich von permanentem Frost.
Was passiert im Sommer? Im Sommer schmilzt nun die oberste Eisschicht, aber eben nur diese.
Dann kann das Wasser nicht absickern und es bildet sich ein Überschwemmungsgebiet.
Im Sommer scheint die Sonne in der Tundra zumeist den ganzen Tag.
Und genau hier liegt der kurze Zeitraum der Pflanzen, den sie wachsen können.
Das extreme Klima macht es überhaupt nur wenigen Pflanzen (auch Tieren) möglich, sich hier anzusiedeln.
So ist die Kältesteppe eine sehr karge Landschaft.
Und genau daran kann man beispielsweise den Übergang von der Taiga in die Tundra bestimmen. Dort, wo es keine Bäume mehr gibt, beginnt das Tundragebiet.
Aber wieso? Der Permafrost hindert die Wurzelschlagung der Bäume. Außerdem können diese hier keine Nährstoffe aus dem Boden ziehen.
Und genau deshalb findet man hier eben keine Bäume, sondern so viele kleine Pflanzen wie Moose, Flechten und Sträucher.

+++++

Der Duftet beginnt beim ersten Aufsprühen bereits, sein Wechselspiel aus Patchouli und Minze zu offenbaren.
Die Kopfnote kommt recht stechend daher, denn es handelt sich um eine derart raffinierte kalt Minze, dass man olfaktorisch sofort den Permafrost meint, begreifen zu können.
Gleichzeitig riecht man aber ein so tiefes erdiges Patchouli, dass man den kargen Boden, der die Grundlage aller Tundra ist, meint schmecken zu können.
Sofort ist man dort. Vor Ort. Man riecht in den ersten Minuten bereits die Arktis in der Ferne (Minze) und die zurückliegende Taiga (leichte Nadelwaldassoziation) im Nacken.

Patchouli bleibt im Verlauf immer präsent, aber wird offener, voluminöser. Die Nadelwaldassoziation wird völlig verdrängt und durch feuchten, moosigen Boden ersetzt. Gleichzeitig bleibt die Minze stets vorhanden, mal stärker und mal weniger stark. Sie weht regelrecht, wie kalte Winde.

Mit der Zeit kommt eine leichte Kräuternote zum Vorschein, die ich nicht näher eingrenzen kann (Thymian, Lavendel, Rosmarin), aber zumindest drängt sich hier die Assoziation mit den Sträuchern und Flechten der Tundra auf. Auch eine ganz leichte, zurückhaltende Animalik blitzt hin und wieder durch, wie ein Schneehase, der kurz ins Bild läuft.

Am Ende bleibt nurmehr Patchouli. Wunderschönes regelrecht breitgetreten offenes Patchouli. Und dennoch ist dieses Patchouli kein warmes Kakaopatchouli, kein reiches Erntepatchouli und kein Kaminkuschelpatchouli. Dieses Patchouli ist kalt-erdig, genial passend zu dem dezenten Minzton der ihn permafrost, ähh permanent begleitet. Und doch strahlt das Patchouli hin und wieder eine gewisse Wärme aus, als wenn der Sommer in der Tundra das Eis zum Schmelzen bringen könnte und die Erde Feuchtigkeit erhält.

Dieser Duft ist das, was man als Nische im eigentlichen Sinne begreifen kann, denn er riecht konsequent nach dem, was er angibt zu sein und strebt nicht danach, jedem zu gefallen.
Die Kombination aus Patchouli und Minze dürfte einem nämlich nicht unbedingt als erstes in den Sinn kommen, wenn man Duftpärchen nach Harmonie durchgeht.
Er hätte, um ein sog. „Crowdpleaser“ zu werden, runder sein müssen, weniger fordernd und weniger brachial. Aber die Tundra ist fordernd.

Und genau das zeigt dieser Duft meisterhaft: Die Tundra. Die Schönheit der Tundra.

Ihr Lieben, wenn ihr also mal (wieder) auf dem Dempster Highway unterwegs seid. Schaut nicht nur nach dem Pol, der Arktis und dem Leuchten der Sterne und Polarlichter. Schaut, wo ihr seid. Was diese karge Landschaft an Schönem für euch bereithält. Es gibt hier bereits Polarfüchse, jede Menge Schnneehasen, Rentiere und den ein oder anderen Eisbären. Aber es gibt eben auch Flechten. Es gibt Moose. Es gibt Sträucher. Sie alle riechen wundervoll nach nahezu unberührter und bemerkenswert ursprünglicher Natur.
Und es gibt Schnee und Frost. Und auch diese beiden könnt ihr riechen. Eure Nase wird die Kälte spüren.

Verweilt gedanklich einen Augeblick an dieser schönen Durchgangsstation. Ihr werdet ankommen, keine Sorge. Aber schaut noch nicht aufs Ziel, sondern verweilt in der Schönheit des Augenblicks.

Denn

„Nur aufs Ziel zu sehen, verdirbt die Lust am Reisen.“
-Friedrich Rückert

9 Antworten
Eichenmoos, oh Eichenmoos - der Duft des Waldes
Kurz vorab: Evernia heißt Eichenmoos.
Eichenmoos ist dem Lateiner bekannt als Evernia prunastri. Das ist eine Flechte, die in Wäldern und auf Bäumen wächst. Dieses Eichenmoos hat einen unfassbar charakteristischen Duft, der als erdig, moosig, holzig und leicht animalisch beschrieben wird. Eichenmoos wird oft als frisch, grün und beruhigend wahrgenommen und erinnert -als Bild geprochen- an einen Waldspaziergang nach einem Regenschauer.

Der Evernia enthält aber gar kein Eichenmoos.

Um früher den Duft von Eichenmoos für Parfums zu gewinnen, wurde -wie so oft- die Extraktionstechnik der Enfleurage verwendet. Dabei wurden die echten Flechten in ein Lösungsmittel wie Alkohol oder Öl eingeweicht, um ihre aromatischen Verbindungen zu extrahieren. Nach einer bestimmten Zeit dann wurde das Lösungsmittel abgetrennt und destilliert - man erhielt konzentriertes Eichenmoos-Extrakt.

Mittlerweile werden aufgrund von Vorschriften und Einschränkungen im Zusammenhang mit Allergenen in Parfums nur und ausschließlich synthetische Alternativen zum natürlichen Eichenmoos verwendet. Diese synthetischen Moleküle reproduzieren den Duft des natürlichen Eichenmooses -wenn gut gemacht- sehr genau und ermöglichen es weiterhin komplexe und facettenreiche Eichenmoosdüfte zu kreieren.

Da es aber wohl nicht ganz einfach ist, das synthetische Eichenmoos, wenn man es derart in den Vordergrund stellt, natürlich wirken zu lassen, ist Eichenmoos immer mehr zum Begleiter der Duftnoten geworden und stellt immer seltener den Protagonisten, den Hauptakteur von Kopf- bis Herznote.

Dank Linda Pilkington und ihren handgefertigten Düften von höchster Qualität brauchen wir uns aber um unseren olfaktorischen Eichenmooseindruck dankenswerterweise keine Sorgen zu machen, sondern dürfen Ormonde Jayne auch hier quasi blind vertrauen.

Also...
...Eichenmoos, oh Eichenmoos, es geht mit der Beschreibung los.

Wenn der Herbst kommt und die Blätter fallen, erwacht der Wald zu einem magischen Ort voller Geheimnisse und vergänglicher Schönheit.
Während man eben noch in der Hitze der Sonne legere Leinenhemden und zarte Zitrik bevorzugte, verändern sich Temperatur und Natur nun so schnell so stark, dass man ganz andere Bedürfnisse entwickelt, als nach Zitrone, Tee und frischen Wässerchen zu riechen.
An einem dann kälter gewordenen, aber leuchtenden Herbsttag spaziert man beispielsweise gerne durch den dichten Wald. Die Farne flattern im Wind, während letzte Sonnenstrahlen durch die goldenen Blätter fallen. Man genießt die Stille und die beruhigenden Geräusche der Natur. Ein leises Rascheln. Ein majestätischer Baum, der mächtig aus dem Dickicht hervorragt.
All das nimmt man plötzlich wieder wahr, nach der dominierenden Hitze des sonnigen Sommers.

Die tiefe Verbundenheit mit der Natur und dem Wald ist im Herbst olfaktorisch so ausgeprägt wie zu kaum einer anderen Jahreszeit.
Natürlich liebt man das frische Gras des Frühlings, die Sonnencremeassoziationen der heißen Tage und den knisternden Schnee und die weihnachtliche Wärme zur Winterzeit.
Der Herbst aber scheint Natur und Geruch in fast magischer Weise so in Einklang bringen zu können, dass man mit bloßer Nase meint, erriechen zu können, ob die Blätter bereits fallen, noch bunt sind, es September, Oktober oder gar schon November ist.

Ich jedenfalls liebe den Herbst.

Ich trage dann kompromisslos eine klassische Barbourjacke und kann es nicht lassen, mich hin und wieder so zu kleiden, dass ich auch gut und gerne dem englischen Landadel angehörig sein könnte.
Wenn es soweit ist, also genau dann, wenn die Blätter langsam von den Bäumen fallen und die Luft kühler wird, dann ist es Zeit für Evernia.

Dieser Duft ist ein parfumgewordener Spaziergang durch den herbstlichen Wald, umgeben von Moos, Eichenmoos und frischer Luft.
Die unfassbar elegante Komposition des Evernia passt auch perfekt zu klassischer Garderobe.

Genau das ist Evernia für mich: Der Duft zu klassischer Garderobe im Herbst.

Im Auftakt leichter Pfeffer mit Kardamom. Auch wenn das Eichenmoos in der Kopfnote gar nicht gelistet ist, ist es doch von Anfang an voll da.
Von der Bergamotte sollte man bitte nicht zu viel frische Zitrik erwarten, diese ist äußerst zurückhaltend und rahmt ebenso wie die schwarze Johannisbeere nur ein.
Die Johannisbeere an sich rieche ich sogar überhaupt nicht als Beere heraus, sondern eher den spätsommerlichen Johannisbeerstrauch als wohlriechendes Dickicht.

Die Basisnote verleiht dem Duft meiner Meinung nach lediglich eine gewisse Zartheit, Sanftheit, Weichheit, ist aber von den einzelnen Duftnoten her recht austauschbar.

Die Herznote allerdings ist überwältigend eichenmoosig, gepaart mit warmen holzigen Noten, die dezent erinnern an gemütliche Stunden vor dem Kaminfeuer in einem alten englischen Herrenhaus.

Opoponax als süße Myrrhe hätte ich eher als Weihrauch herausgerochen.
Die Kirchenbankassoziation, die man zuweilen liest, lässt sich nicht ganz leugnen.

Im Gegensatz zum Ormonde Man Eau de Parfum haben wir hier nicht die macho-maskuline Breitseite der Hemlocktanne, die so oudig eingelassen ist, dass der Tanne gut und gerne der Stamm morsch geworden sein könnte. Auch verzichtet der Evernia gänzlich auf den Koriander, der den Ormonde Man Eau de Parfum durchgehend begleitet und der sich ganz und gar nicht jedermanns Beliebtheit erfreut.
Nicht falsch verstehen, ich liebe den Ormonde Man Eau de Parfum , aber er ist eine liebevolle Zusammenstellung maskuliner Noten und kein in sich schlüssiges Bild einer Situation, wie es der Evernia ist.

Aber lassen wir die Einzelnoten mal Einzelnoten sein und kommen wieder zum Gefühl.
Wenn ich den Duft trage, fühle ich mich wie eine Figur aus einem Jane-Austen-Roman, als eine Figur aus Wiedersehen mit Brideshead, oder wegen mir auch aus Downton Abbey oder The Crown.
Englisch, elegant und zeitlos.

In meine Barbourjacke gehüllt, mit dem Evernia auf meiner Haut, fühle ich mich wie ein Teil des Englischen Landadels - stilsicher und voller Eleganz.
Dieser Duft ist für mich mehr als nur ein Parfum, er ist ein Erlebnis, das meine Liebe zum Herbst und zur britischen Kultur widerspiegelt.
Er ist eine Situation.
Er ist eine Jahreszeit.
Er ist der Herbst.
Er ist der Wald.
Er ist Eichenmoos in Perfektion.
5 Antworten
Er hat alles. Und davon zu viel.
Wie könnte man einen Duft schöner kombinieren und zusammenstellen als mit den angegebenen Duftnoten?
Barbershop-Vibes treffen Lakritz.
Vetiver und Kardamom geben maskuline Tiefe, Zimt streut Wärme ein und die Grapefruit liefert die nötige Frische. Dieser Duft hat alles! Und er hat für mich sehr, sehr viel, das ich persönlich wirklich liebe.
Ist es aber mein Signature-Duft? Nein, im Leben nicht. Denn er hat zwar alles, aber von allem zu viel.

Wie kann eine Rezension dieses Duftes ihm überhaupt gerecht werden? Aus meiner Feder wahrscheinlich gar nicht, aber ich versuche es mal mit einer kleinen Geschichte:

Denkt euch einen Gorilla. Der Gorilla soll Elixir heißen. (Ihr merkt, worauf ich hinaus will...)

Unser Elixir also war ein Gorilla, der sich von den anderen Affen im Dschungel deutlich unterschied.
Er war nämlich ein echter Gentleman. Und als solcher wollte er gerne besonders elegant gekleidet zur Arbeit gehen.
Doch das Problem war, dass Elixir einfach zu stark und zu muskulös war, um in einen Anzug zu passen. Er war eben doch ein Gorilla.

Er probierte unzählige Anzüge an, doch keiner wollte so richtig passen. Die Ärmel waren zu kurz, die Jacke zu eng und die Hose spannte an den Oberschenkeln. Elixir war frustriert. Er wollte doch einfach nur wie ein echter Gentleman aussehen. Er hatte alle Anlagen dafür, aber seine schiere Stärke machte es ihm unmöglich.

Eines Tages traf Elixir auf einen weisen alten Affen, der ihm einen wichtigen Rat gab:
"Mein lieber Elixir, man kann auch zu stark sein. Eleganz kommt nicht nur von Stärke, sondern auch durch Zurückhaltung. Sei stolz auf deine Stärke, aber lerne auch, sie zu kontrollieren."

Nach diesen Worten verstand Elixir endlich, dass es auch wieder nicht gut ist, zu stark zu sein.

Die Moral der Geschichte soll sein: Es ist wichtig, sowohl Stärke als auch Eleganz zu besitzen.
Denn nur wenn man beides im Gleichgewicht hält, kann man wahrhaftig ein Gentleman sein.

Und so verhält es sich meiner Meinung nach auch mit unserem hier zu rezensierenden Elixir. Sauvage heißt je nach Übersetzung zwar wild, nicht gezähmt oder gar brutal. Ich möchte aber nicht eine völlig ungezähmte Sillage gepaart mit dieser Stärke auf mein Umfeld loslassen.

Ich liebe diesen Duft, aber er ist für mich mit Vorsicht zu genießen. Er ist wahrlich ungezähmt. Elegant und klar, aber eben doch ein wildes Tier.

Er könnte eine 10 sein. Ist er aber nicht. Für mich nicht.

Und das verrückterweise nicht, weil er zu schwach ist, wie wir es hier nur zu oft kritisieren bei unseren Sommer-Freshies und Daily-Signatures.

Sondern weil er zu stark ist.

Wie ein Gorilla im Anzug.

(Verzeiht mir diesen Vergleich - ihr wisst hoffentlich, was ich zum Ausdruck bringen will.)
1 Antwort
Eine ganz eigene DNA - geboren in Rom
Es war ein ganz normaler Tag in einer ganz normalen deutschen Stadt, als ich diesen Duft zum ersten Mal auftrug und an meinem Unterarm roch.
"Warum gleich auf den Unterarm?" werden jetzt ein paar Kenner schockiert denken...es gibt doch Teststreifen.
Ja, stimmt, die gibt es.
Aber: Teststreifen sind für mich nur eine Art Möglichkeit zur Vorauswahl, zur ersten Einschätzung, ob etwas in eine ganz und gar andere Richtung geht, als ich es auf meiner Haut tragen möchte.
Ein wirkliches Testen kann man mit Teststreifen meiner Meinung nach aber nicht umsetzen.
Die Düfte, die ohnehin als Crowdpleaser konzipiert sind, teste ich schon immer nur auf meiner Haut, weil mir der Umweg über den Teststreifen einfach nichts bringt.

Gut, jetzt hatte ich den Born in Roma damals also auf meinem Unterarm...und fand ihn...einfach zu süß.

Ich trug ihn über den Tag, schnüffelte hin und wieder, aber verstanden habe ich die Born-in-Roma-DNA damals noch nicht.

Ich denke, ich hatte einfach zu wenig Erfahrung mit süßen Düften, die keine Gourmands sind.
Ich habe die Interpretation des so süßen Sommerduftes nicht gekannt und nicht verstanden.
Es ist kein Clubbing-Duft wie Ultra Mâle oder ein weiterer Vanillezucker-Schmankerl-Duft für kalte Winterabende.
Dieser Duft gehört einer eigenen Kategorie an, von der ich - gerade nach den Erscheinungen der letzten Jahre - keinesfalls behaupten würde, dass es wenige Vertreter dieser Kategorie gibt.
Ich würde aber durchaus behaupten wollen, dass Born in Roma innerhalb dieser Kategorie eine gänzlich neue DNA erschaffen hat, eine eigene Komposition in sich, die aufgeschlüsselt in Duftnoten nicht verstehen lässt, wie die Kombination der Einzelzutaten diesen Duft entstehen lassen kann und dass Born in Roma eben mehr ist als die sprichwörtliche "Summe der Einzelteile", wie auch die DNA an sich mehr ist als die bloße Aneinanderreihung von Nukleotiden.

Diese DNA des Born in Roma scheint sich, gerade mit Blick auf die Bewertungen hier, tatsächlich nicht jedem aufzuschlüsseln. Ich verstehe auch die hier gelisteten Duftnoten nicht hundertprozentig und probiere gleich, zu beschreiben, was mein Eindruck war und ist.

Dazu benötigte ich aber zunächst eine zweite Begegnung mit dem Born in Roma. Diese erfolgte gänzlich unspektakulär in Form einer Probe, die mir in der Parfumerie beim Kauf eines anderen Dufts geschenkt wurde.
Ich testete diesmal zu Hause. Abends. Ich konnte dem Duft schon mehr abgewinnen.
Beim erneuten Auftragen setzte er dann ein: der Wiedererkennungswert der Born in Roma-DNA. Und mir ging es wie so vielen anderen, die diesem Duft verfallen sind und sich zu seinen Fans zählen - ich erlag dieser DNA. Aber wonach riecht diese DNA?
Was spielte sich auch beim dritten Testen auf meiner Haut ab und warum sind die Duftnoten hier auf Parfumo meiner Meinung nach andere als die in meiner Nase?

Es waren zunächst Kopfnoten von Ingwer und schwarzer Johannisbeere die sich da entfalteten so sanft auf meiner Haut. Und tatsächlich können diese bereits die Assoziation wecken zur lebendigen Energie der italienischen Hauptstadt. Wenn man in dieser Assoziation bleibend durch die warmen, engen Gassen spaziert, dann mischen sich die Herznoten von Jasmin und Maiglöckchen mit dieser unverwechselbaren warmen Basisnote. Es ist, als würde man olfaktorisch durch einen blühenden Garten wandeln, umgeben von süßen und sinnlichen Düften der pulsierenden Stadt.
Dieser Duft schlüsselt sich auf als eine Liebeserklärung an die Schönheit und Eleganz Italiens.
Er verströmt eine zeitlose Raffinesse und eine unwiderstehliche Anziehungskraft.
Und er bleibt dabei doch recht linear.

Die Raffinesse liegt in seiner DNA, nicht in seinem Verlauf.

Insgesamt kann ich wenig mehr sagen, als dass dieses Eau de Toilette eine harmonische Komposition aus süß-fruchtigen, blumigen und warmen Noten ist, die eine olfaktorische Reise verspricht.
Es ist ein Duft, der vermutlich sowohl tagsüber als auch abends getragen werden kann, auch wenn ich klar den Abend bevorzuge.
Den warmen Abend.
Den Sommerabend, der nicht nach zarter Zitrik ruft, sondern der pulsierend und süß ist.
Urban und laut.
Und an dem einem nach einer Duft-DNA zumute ist, die eine süße Spur von Luxus und Stil hinterlässt.

Der Born in Roma ist ein Duft, der die Sinne verzaubert und die Seele berührt, wenn man ihn als eine Hommage an die Schönheit begreift.
Und er hat eine Unverwechselbarkeit, die ihn auszeichnet.
Ich akzeptiere es absolut, wenn man ihn nicht als Meisterwerk klassifiziert.
Aber ich kann es einfach nicht akzeptieren, wie schlecht er hier insgesamt bewertet wird.

All denjenigen, die die Synthetik kritisieren, möchte ich zurufen, ja, das stimmt, aber sie ist Teil der DNA.
Rom selbst würde in olfaktorischer Darstellung auch nicht aufgeschlüsselt und abgrenzbar nach Salz, Vetiver und Maiglöckchen riechen, sondern wäre eine wilde süße Mische, ein pulsierender Mix, eine urbane Hommage.
Und da sind wir. Das ist sie: die DNA des Born in Roma.

Und was ist überhaupt Synthetik? Meint ihr denn, Geza Schön pflückt Eichenmoos im Wald für uns für unsere geliebten Ormonde Jaynes und Clive Christians? Es gibt schon seit 2004 oder so kein Eichenmoos mehr in Düften.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und es ist nicht alles strikt natürlich, was da draußen so nischt. Und trotzdem feiern und lieben wir unsere Nische. Und auch die enthält zuweilen eine gute Portion Synthetik. Und das muss weder besonders gut noch besonders schlecht sein.

Aber ebenso sind Düfte sind nicht automatisch schlecht, weil sie Designer sind. Und eine absolut unverwechselbare Duft-DNA von einem Designer geliefert zu bekommen, kann durchaus mehr Wert haben, als wenn das nächste Nischenhaus einen Duft kreiert, der ganz, ganz ähnlich bereits im Regal steht und einem vor Augen führt, dass unsere Duftwelt durchaus repetitiv sein kann.

Düfte wie der Born in Roma schaffen es, diese Repetivität zu unterbrechen, indem sie etwas Neues kreien.
Etwas mit eigener DNA.

Und deshalb ist auch korrekt, dass dieser Duft nicht veröffentlicht, released oder herausgebracht wurde, sondern

"geboren".

Born in Roma.
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