17.08.2025 - 04:53 Uhr

Intersport
109 Rezensionen

Intersport
Top Rezension
24
Détour XIX: L'Eau Trois Zwei ?!
…und nochmal Gestrüpp, Landschaft & Hitze:
16 Jahre vor dieser 'Nouvelle Interprétation' von L’Être Aimé veröffentlichte Yvon Mouchel L’Être Aimé Homme und L’Être Aimé Femme (beide 2008) – in Zusammenarbeit mit dem Givaudan-Parfümeur Yann Vasnier, der auch Autor dieses vollständigen Umbau's von 2024 ist. Mit L’Être Aimé Femme konnte ich nichts anfangen, die Immortelle Note empfand ich hauptsächlich süss, die Mandarinen dabei etwas pauschal. Aber nur blöd, dass ausgerechnet L’Être Aimé Homme zu den außergewöhnlichsten Immortelle Veröffentlichungen seiner Zeit zählte – ein Duft, der vermutlich stark auf das grünlichere Immortelle Essential Oil zu setzen schien und dabei eine sehr spezielle, sellerieartige Tendenz entwickelte (siehe mein Review dazu). Kommerziell blieben L’Être Aimé Homme wie Femme folglich Außenseiter, was Mouchel's Entscheidung für eine Neuausrichtung vermutlich erleichtert hat…
Ich mag Divine – nicht nur wegen des eingestellten L’Être Aimé Homme, sondern auch wegen des nicht minder speziellen L’Homme Sage (2005) und auch weil das Haus zu den wenigen Marken gehört, die nicht erst seit drei Monaten Unzenware ab 200 Euro pro 30 ml auf den Markt werfen, sondern seit 30 Jahren ihr eigenes Ding machen. Nahezu alle Divine Düfte stammen von Yann Vasnier oder Richard Ibáñez – auch solche Kontinuität find ich oft interessant – und obendrein zu einer sympathischen Preispolitik, die im Vergleich zur aktuellen Nischenszene fast trotzig bodenständig wirkt. Eine Neuinterpretation der Divine Immortelle Klassikern ist Grund genug, genauer hinzuschauen.
Rückblick: Vor 50 Jahren veröffentlichte Diptyque mit L’Eau Trois (1975) vermutlich die Urform aller Macchia-Düfte. Die Szene? „A refuge at the top of Mount Athos – arrived at after a long hike in the blazing sun.“ – so Diptyque im Jubiläumsjahr 2025, und auch schon früher wurde auf nord-griechische Kulturlandschaften und deren Vegetation hingewiesen. L’Eau Trois roch nach Gestrüpp und Harzen in trockener Hitze – vermutlich lange bevor der Begriff 'Macchia' überhaupt in der Parfumwelt zirkulierte. Vor zwei Jahren war der Duft zusammen mit den anderen frühen von Serge Kalouguine entworfenen Diptyque's plötzlich wieder – leider nur kurzzeitig – in vielen Verkaufsstellen der Marke erhältlich. Eine Überraschung, hatte er doch jahrelang ein zurückgezogenes Pariser Dasein gefristet. Profumo’s Rezension und Mörderbiene’s Statement porträtieren L’Eau Trois treffend – und genau daran erinnert mich die neue Interpretation von L’Être Aimé im Auftakt frappierend.
Ca. 2.160 Kilometer Luftlinie sind es vom bretonischen Seebad Dinard bis zum griechischen Mount Athos. Ein Weltkulturerbe, das seit dem 11. Jahrhundert keine Besucherinnen empfängt – ein Seitenhieb Divine's, diese rein spekulative Referenz mit einem Unisex-Duft zu kommentieren? Sowas war seit CK One (1994) auch im mainstream zeitgemäßer als zweigleisige Femme Homme Produkte – andererseits waren bereits 2008 Homme/Femme Versionen innerhalb der Autorenparfümerie ein Kuriosum. Merkwürdig.
L’Être Aimé startet harzig und säuerlich – wie der Geruch der klebrigen Blätter und Stängel der Zistrose, die gerne in flirrender Hitze ganze Landstriche mit ihrem harzig-grünen Duft markiert. Pfeffer & Koriandersamen sind präsent, ebenso konifere, Pinien-artige Aspekte, und vor allem Myrrhe, die hier – unterstützt von untergeordneten, säuerlichen Frankincense Nuancen – für einen sakralen Unterton verantwortlich ist (kein Weihrauch in Kircheninszenierung). Immer wieder erinnern mich diese Aspekte an L’Eau Trois: ingesamt ein etwas leichterer - der Altersunterschied ist bemerkbar – aber deutlicher L’Eau Trois Vibe.
Auch wenn der Immortelle in Divine's Text zum Duft scheinbar auch eine zentrale Rolle zugewiesen wird – offensichtlich ist die Note keineswegs, lange bleibt sie regelrecht absent. Und es hat bei mir mehrere Anläufe gebraucht, sie überhaupt wahrzunehmen – so langsam vollzieht sich der Crossfade von der säuerlichen Cistus/Myrrhe Konstellation über Koniferes zu einer leicht trockenfruchtigen, fast schon klassischen Immortelle Absolute Note, was wirklich erst ganz zum Schluss – bei mir nach Stunden – eine Wende markiert. Was hier als Basis angegeben ist, nehme ich höchstens als ein ganzheitliches, kontinuierliches Grundrauschen wahr.
Schön ist dabei, dass L’Être Aimé eine ausgesprochen leichte Struktur besitzt und nicht den in letzter Zeit gerne aufgegriffenen rustikal-artisanalen, grobschlächtigen Trend bedient, mit dem gerade neuere Immortelle-Düfte oft kokettieren. Und zu keinem Moment nehme ich irgendwelche herausplatzenden, zu künstlich wirkenden Riechstoffe wahr (auch wenn diese sicher verbaut sind) – eine gut umgesetzte 'leise' Art. Diese langsame Entwicklung und Yann Vasnier's sorgfältige Verblendung retten für mich L’Être Aimé in der Nouvelle Interprétation davor, als bloßes L’Eau Trois Counterfeit durchzugehen. Im Vergleich zu L’Être Aimé Homme ist das zwar kein großer Wurf – und auch weit weniger Parfum als viele andere Divine Veröffentlichungen.
Gerade diese Tendenz zum Unparfumigen ist womöglich das, wo sich L’Être Aimé zu diesem Zeitpunkt selbst im Weg steht. Nicht, weil es das schlecht macht – eher, da seit gut zehn Jahren viele Produkte der teuren funktionalen Parfümerie genau in diese Richtung zielen: aromatische, un-zitrische Eindrücke einer fiktiven Macchia, angesiedelt zwischen Restauranttoilette, Handwash-Abzocke und Wellness. Ähnlich wie der Erfolg von Green Irish Tweed (1985) und Cool Water (1988) seinerzeit das Geruchsprofil von Duschgel umgekrempelt hat, handelt es sich letztlich um Noten, die etwa bereits in den frühen Diptyque Veröffentlichungen erstmals zelebriert wurden – und die später von zahlreichen 'Apothecary' Marken im funktionalen Luxus (e.g. Aesop) aufgegriffen und ausgelatscht wurden. Sprich, an Alternativen zum neuen L’Être Aimé mangelt es nicht - etwa L’Eau Trois…. Abgesehen davon: ein sympathisch dezenter, kontemplativer Geruch, der ein bisschen Zeit braucht.
16 Jahre vor dieser 'Nouvelle Interprétation' von L’Être Aimé veröffentlichte Yvon Mouchel L’Être Aimé Homme und L’Être Aimé Femme (beide 2008) – in Zusammenarbeit mit dem Givaudan-Parfümeur Yann Vasnier, der auch Autor dieses vollständigen Umbau's von 2024 ist. Mit L’Être Aimé Femme konnte ich nichts anfangen, die Immortelle Note empfand ich hauptsächlich süss, die Mandarinen dabei etwas pauschal. Aber nur blöd, dass ausgerechnet L’Être Aimé Homme zu den außergewöhnlichsten Immortelle Veröffentlichungen seiner Zeit zählte – ein Duft, der vermutlich stark auf das grünlichere Immortelle Essential Oil zu setzen schien und dabei eine sehr spezielle, sellerieartige Tendenz entwickelte (siehe mein Review dazu). Kommerziell blieben L’Être Aimé Homme wie Femme folglich Außenseiter, was Mouchel's Entscheidung für eine Neuausrichtung vermutlich erleichtert hat…
Ich mag Divine – nicht nur wegen des eingestellten L’Être Aimé Homme, sondern auch wegen des nicht minder speziellen L’Homme Sage (2005) und auch weil das Haus zu den wenigen Marken gehört, die nicht erst seit drei Monaten Unzenware ab 200 Euro pro 30 ml auf den Markt werfen, sondern seit 30 Jahren ihr eigenes Ding machen. Nahezu alle Divine Düfte stammen von Yann Vasnier oder Richard Ibáñez – auch solche Kontinuität find ich oft interessant – und obendrein zu einer sympathischen Preispolitik, die im Vergleich zur aktuellen Nischenszene fast trotzig bodenständig wirkt. Eine Neuinterpretation der Divine Immortelle Klassikern ist Grund genug, genauer hinzuschauen.
Rückblick: Vor 50 Jahren veröffentlichte Diptyque mit L’Eau Trois (1975) vermutlich die Urform aller Macchia-Düfte. Die Szene? „A refuge at the top of Mount Athos – arrived at after a long hike in the blazing sun.“ – so Diptyque im Jubiläumsjahr 2025, und auch schon früher wurde auf nord-griechische Kulturlandschaften und deren Vegetation hingewiesen. L’Eau Trois roch nach Gestrüpp und Harzen in trockener Hitze – vermutlich lange bevor der Begriff 'Macchia' überhaupt in der Parfumwelt zirkulierte. Vor zwei Jahren war der Duft zusammen mit den anderen frühen von Serge Kalouguine entworfenen Diptyque's plötzlich wieder – leider nur kurzzeitig – in vielen Verkaufsstellen der Marke erhältlich. Eine Überraschung, hatte er doch jahrelang ein zurückgezogenes Pariser Dasein gefristet. Profumo’s Rezension und Mörderbiene’s Statement porträtieren L’Eau Trois treffend – und genau daran erinnert mich die neue Interpretation von L’Être Aimé im Auftakt frappierend.
Ca. 2.160 Kilometer Luftlinie sind es vom bretonischen Seebad Dinard bis zum griechischen Mount Athos. Ein Weltkulturerbe, das seit dem 11. Jahrhundert keine Besucherinnen empfängt – ein Seitenhieb Divine's, diese rein spekulative Referenz mit einem Unisex-Duft zu kommentieren? Sowas war seit CK One (1994) auch im mainstream zeitgemäßer als zweigleisige Femme Homme Produkte – andererseits waren bereits 2008 Homme/Femme Versionen innerhalb der Autorenparfümerie ein Kuriosum. Merkwürdig.
L’Être Aimé startet harzig und säuerlich – wie der Geruch der klebrigen Blätter und Stängel der Zistrose, die gerne in flirrender Hitze ganze Landstriche mit ihrem harzig-grünen Duft markiert. Pfeffer & Koriandersamen sind präsent, ebenso konifere, Pinien-artige Aspekte, und vor allem Myrrhe, die hier – unterstützt von untergeordneten, säuerlichen Frankincense Nuancen – für einen sakralen Unterton verantwortlich ist (kein Weihrauch in Kircheninszenierung). Immer wieder erinnern mich diese Aspekte an L’Eau Trois: ingesamt ein etwas leichterer - der Altersunterschied ist bemerkbar – aber deutlicher L’Eau Trois Vibe.
Auch wenn der Immortelle in Divine's Text zum Duft scheinbar auch eine zentrale Rolle zugewiesen wird – offensichtlich ist die Note keineswegs, lange bleibt sie regelrecht absent. Und es hat bei mir mehrere Anläufe gebraucht, sie überhaupt wahrzunehmen – so langsam vollzieht sich der Crossfade von der säuerlichen Cistus/Myrrhe Konstellation über Koniferes zu einer leicht trockenfruchtigen, fast schon klassischen Immortelle Absolute Note, was wirklich erst ganz zum Schluss – bei mir nach Stunden – eine Wende markiert. Was hier als Basis angegeben ist, nehme ich höchstens als ein ganzheitliches, kontinuierliches Grundrauschen wahr.
Schön ist dabei, dass L’Être Aimé eine ausgesprochen leichte Struktur besitzt und nicht den in letzter Zeit gerne aufgegriffenen rustikal-artisanalen, grobschlächtigen Trend bedient, mit dem gerade neuere Immortelle-Düfte oft kokettieren. Und zu keinem Moment nehme ich irgendwelche herausplatzenden, zu künstlich wirkenden Riechstoffe wahr (auch wenn diese sicher verbaut sind) – eine gut umgesetzte 'leise' Art. Diese langsame Entwicklung und Yann Vasnier's sorgfältige Verblendung retten für mich L’Être Aimé in der Nouvelle Interprétation davor, als bloßes L’Eau Trois Counterfeit durchzugehen. Im Vergleich zu L’Être Aimé Homme ist das zwar kein großer Wurf – und auch weit weniger Parfum als viele andere Divine Veröffentlichungen.
Gerade diese Tendenz zum Unparfumigen ist womöglich das, wo sich L’Être Aimé zu diesem Zeitpunkt selbst im Weg steht. Nicht, weil es das schlecht macht – eher, da seit gut zehn Jahren viele Produkte der teuren funktionalen Parfümerie genau in diese Richtung zielen: aromatische, un-zitrische Eindrücke einer fiktiven Macchia, angesiedelt zwischen Restauranttoilette, Handwash-Abzocke und Wellness. Ähnlich wie der Erfolg von Green Irish Tweed (1985) und Cool Water (1988) seinerzeit das Geruchsprofil von Duschgel umgekrempelt hat, handelt es sich letztlich um Noten, die etwa bereits in den frühen Diptyque Veröffentlichungen erstmals zelebriert wurden – und die später von zahlreichen 'Apothecary' Marken im funktionalen Luxus (e.g. Aesop) aufgegriffen und ausgelatscht wurden. Sprich, an Alternativen zum neuen L’Être Aimé mangelt es nicht - etwa L’Eau Trois…. Abgesehen davon: ein sympathisch dezenter, kontemplativer Geruch, der ein bisschen Zeit braucht.
15 Antworten