Ein probates und gerade in jüngerer Zeit häufig benutztes simples Rezept zur Fertigung eines ansprechenden Sommerduftes besteht darin, eine Zitrusnote mit einem grünen Küchenkraut wie Basilikum oder Thymian oder mit einem anderen Gewürz wie Kardamom zu mischen. Zitrus vermittelt immer das Gefühl von Frische, und das Kraut sorgt für einen schönen (und ebenfalls frischen) Gegenpol. In der etwas komplexeren Variante sorgt dann eine dritte, eher im Basisnotenbereich angesiedelte Komponente wie Moschus oder Holz für eine größere Tiefe, Haltbarkeit oder Geschmeidigkeit.
So funktioniert ein Großteil der erfolgreichen und durchaus gelungenen Acqua-Colonia-Reihe aus dem Hause 4711 - nämlich die Sorten "Lime & Nutmeg"; "Mandarine & Cardamom", "Lemon & Ginger" und "Blood Orange & Basil". Nach demselben Grundprinzip arbeiten auch viele Acqua-di-Parma-Düfte und, bei Hermès, Concentré d'Orange Vert und einige seiner Brüder.
So einfach das Rezept ist (man kann es natürlich jederzeit weiter abwandeln, etwa, indem die Zitrusfrucht durch Beeren ersetzt wird, indem in der Herznote florale Töne hinzugefügt werden, oder indem statt einer Basisnote mehrere wie z.B. Holz UND Vanille verwendet werden) so gut funktioniert es. Ein gewisses Können vorausgesetzt, kann fast nichts schiefgehen, abgesehen von der oft geringen Haltbarkeit. Mit anderen Worten, mir gefallen derartige Düfte.
Man kann sie aber schließlich nicht alle kaufen. Ich habe mir in kurzer Folge zwei zugelegt: Einmal das schon erwähnte Concentré d'Orange Vert, das seit mindestens zwei Jahren auf meiner Wunschliste herumhing, und diesen Duft hier, den ich im Rahmen eines Spontankaufs nach kurzem Testen erworben habe. Ich habe es nicht bereut.
Die Bergamotte und das Petitgrain, die hier nicht gesondert auftreten, sondern als integrierte hesperidische Spezialeinheit gemeinsam zuschlagen, sorgen für eine wundervoll lichte, strahlende, klare und kühle Frische mit einem grün-herben, limettenhaften Touch, der vielleicht dafür verantwortlich ist, dass dieser Duft als einziger von über 40 der "Aqua-Allegoria"-Reihe hier nicht als Damenduft, sondern als unisex gelistet wird (ist er auch; ich empfinde ihn wenn überhaupt dann eher als maskulin).
Der (zwar im Winter wärmende, aber trotzdem auch eine frische, sommerliche Note, siehe Ginger Ale, aufweisende) Ingwer rundet die Sache im Sinne eines Punkts auf dem i ab. Er - und noch mehr der Kardamom, den ich bestenfalls erahne - wissen aber um ihre Rolle und lassen der Zitrik im Prinzip freie Bahn.
Der weiße Moschus wiederum ist so fein eingesetzt, wohl gering dosiert, vielleicht auch irgendwie produktionstechnisch besonders behandelt oder chemisch eingebunden, dass er das hesperidische Leitmotiv nicht mattweiß weichzeichnet, cremig unterlegt oder dergleichen, sondern ihm nur so etwas wie den letzten Feinschliff (und vielleicht eine erhöhte Haltbarkeit) verleiht.
So ist das oben skizzierte Grundthema hier meisterhaft durchgeführt, das Ergebnis ist ein strahlender, frischer Sommer- und Gute-Laune-Duft, der enorm wertig und trotz seiner Einfachheit nicht trivial, sondern vornehm wirkt.
Bergamote Calabria tritt zu Beginn kraftvoll auf, verliert dann schnell an Intensität und man meint am eigenen Körper kaum noch einen Duftrest zu verspüren, will schon über die geringe Haltbarkeit klagen, bis dann klar wird, dass der Duft sich nicht verzogen, sondern nur zurückgezogen hat. Im Raum bleibt er ohnehin über etliche Stunden präsent; am Körper für mindestens sechs bis acht Stunden als eine Art Aura, die im Falle von körperlicher Anstrengung, Sport etwa, reaktiviert wird und dann wieder zu strahlen beginnt.
Der Flakon weist die eher ungewöhnliche, aber meines Erachtens praktische Größe von 75 ml auf. Ich finde die Form schön und praktisch; mir gefällt auch das Bienenwabenmotiv. Der Wabengitteraufsatz könnte allerdings wertiger ausgeführt sein.
Nachsatz 1: Der direkte Vergleich zum (fast) gleichnamigen Acqua-di-Parma-Duft wäre sicherlich reizvoll.
Nachsatz zur Aqua-Allegoria-Serie: Diese Serie von Guerlain umfasst, obwohl noch nicht alt, inzwischen über 40 Düfte, vorwiegend vom Typ des femininen leichten Sommerwässerchens mit floraler und/oder fruchtiger Ausrichtung. "Mandarine Basilic", "Herba Fresca" und "Teazzurra", die in mein Beuteschema passen (und auch nicht allzu feminin erscheinen) habe ich ebenfalls getestet, sie gefallen mir sehr gut, auch wenn nicht ganz so gut wie dieser hier. Was ich aber mal loswerden möchte, ist, dass mir diese unruhige, ja inflatorische Editionspolitik nicht passt. Wollen die Guerlain-Leute, dass ihre Kunden 45 Düfte testen? Plus die anderen Guerlains, die nicht zu dieser Serie gehören? Plus vielleicht auch noch ein paar von anderen Firmen? Haben wir vielleicht nicht auch Beruf und Familie? Die Duftfirmen sind nach meinem Verständnis ja wohl auch dafür da, eine gewisse Vorauswahl und Akzentsetzung zu treffen und uns "ihre Auswahl" als Konsumvorschlag vorzulegen. Dann kann man auch sagen: "Guerlain überzeugt mich". Wenn die in nur wenigen Jahren Dutzende, ja Hunderte Düfte auf den Markt ballern, geht jede Konturierung verloren, dann können sie auch gleich 1000 Duftnoten zum Selbermischen anbieten. Finde ich ärgerlich.
Informativ und kritisch - das darf auch mal, es muss ja nicht immer die gleiche gefühlsbetonte Lobhudelei sein.
Eher männlich finde ich den AA Bergamot Calabria nicht. Aber vielleicht stellt sich heute auch wieder neu die Frage, wie man männlich oder weiblich definiert.
Mich verärgern diese inflationäre Emissionspolitik und Flankerepidemien auch im höchsten Maße. Guerlain verzeihe ich das allerdings noch am ehesten, denn wenn das der Preis dafür ist, daß Guerlains ewigschöne Klassiker nicht vom Markt genommen werden, dann solls mir recht sein. Ich fand bisher jede AA-Version, die ich getestet habe, auf ihre Weise mehr oder weniger gelungen, Herr Wasser kann es schon, das muss man sagen.
Schöner und lesenswerter Kommentar. Mich schreckt bei dem Duft nur etwas die ( meist unvermeidliche) Moschus-Fixativ-Basis. Die Infaltion an Guerlain- Zitrikdüften find‘ ich ja auch nervig, aber hier hilft ignorieren...
So sehr ich diese Art von Parfum (straighte, frische Zweiklänge) schätze, aber es bleibt in der Tat zu hoffen, dass sich das derzeitige Überangebot ausmendeln wird. Sehr treffender Kommentar zum Thema! :)
Mir hat der auch richtig gut gefallen, v.a. die Bergamottenote finde ich schön strahlend, spritzig und natürlich. Haltbarkeit war bei mir auch ok. Wahnsinn, über 40, dass wusste ich nicht. Das ist wirklich schon infaltionär.
Wunderbare Beschreibung dieses schönen Duftes den ich bisher nur als Abfüllung habe. Ich freue mich schon auf den Frühling/Sommer wenn ich ihn wieder ausführen kann, da er in der warmen Jahreszeit seine Strahlkraft einfach besser entfalten kann.
Da gebe ich dir völlig recht. Ich meine schon, viele von den Aas zu kennen, aber man kommt nicht recht mit den Veröffentlichungen nach. Zumal Guerlain auch bei anderen Serien inzwischen ein ganz schönes Tempo vorlegt. Das war mal anders und seriöser.
Den hast Du gut beschrieben! Bergamote Calabria hat mir die Angst vor der von mir oft als motzig empfundenen Bergamotte genommen.
Schade finde ich, dass es einige Düfte aus der Reihe nicht mehr gibt, da sind doch zwei oder drei dabei, deren Duftpyramide vielversprechend klingt.
Aber auch das kann Marketing sein.
Von den drei Neuerscheinungen aus der Reihe gibt es am Guerlain-Stand nur zwei...Coconut Fizz haben sie nicht.
Ich liebe Guerlains und Deine Kommis. Dafür einen Allegoria-Pokal!
Diesen und den „MandarineBasilic“ empfand ich beim Testen als herrlich spritzig, süß-herb und perfekt für den Sommer geeignet. Beiden tut meiner Meinung nach eine gewisse „Betriebstemperatur“ gut, bei Wärme erstrahlen sie umso schöner.
Die Menge der Möglichkeiten bei ganzen Parfumserien(Produktionen) eines Anbieters mag des einen Leid und des anderen Freud sein. Hauptsache ist dabei doch, dass jeder etwas Passendes für sich findet.
Hab Deine treffende Beschreibung gern gelesen ;-)
Sehr guter Kommentar! Mich würde Dein Vergleich mit dem blauen AdP interessieren - irgendwann mal. :-D
(Ich finde beide richtig gut, den Guerlain einen Ticken „lieblicher“.)
Und wieder ein gelungener Kommentar von dir! Leider geht man praktisch überall dazu über, statt Klasse lieber Masse zu produzieren. Nach dem Motto: Irgendeiner wird sich schon ganz gut verkaufen. Die Aqua Allegorias habe ich bisher außer Acht gelassen, obwohl sonst Guerlain sehr zugeneigt. Bis auf zwei, die mir nicht sonderlich gefielen. Vielleicht kommt dieser hier mir ja mal vor die Nase.
Eher männlich finde ich den AA Bergamot Calabria nicht. Aber vielleicht stellt sich heute auch wieder neu die Frage, wie man männlich oder weiblich definiert.
Schade finde ich, dass es einige Düfte aus der Reihe nicht mehr gibt, da sind doch zwei oder drei dabei, deren Duftpyramide vielversprechend klingt.
Aber auch das kann Marketing sein.
Von den drei Neuerscheinungen aus der Reihe gibt es am Guerlain-Stand nur zwei...Coconut Fizz haben sie nicht.
Ich liebe Guerlains und Deine Kommis. Dafür einen Allegoria-Pokal!
Die Menge der Möglichkeiten bei ganzen Parfumserien(Produktionen) eines Anbieters mag des einen Leid und des anderen Freud sein. Hauptsache ist dabei doch, dass jeder etwas Passendes für sich findet.
Hab Deine treffende Beschreibung gern gelesen ;-)
(Ich finde beide richtig gut, den Guerlain einen Ticken „lieblicher“.)