L'Heure Bleue (Eau de Parfum) von Guerlain

L'Heure Bleue Eau de Parfum

Schrippe
24.05.2021 - 03:40 Uhr
34
Top Rezension
9.5Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 8Flakon

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder

Wieder fuhr sie, trotz der seidenleichten Stola, fröstelnd aus dem Schlaf, der kein tiefer Schlaf war. Erneut wird sie von ihren Ängsten eingeholt, jemand könnte ihre Herkunft erahnen. 

Der Duft der Veilchen auf dem Tisch wabert in dieser lauwarmen Nacht durch die Stube. 
Tagsüber ist sie beschäftigt, die Dämonen ihrer Vergangenheit, manchmal mit Getränken wie Pernod, in Schach zu halten.
Anis, so ihre Rede, sorgt gleichwohl für guten Atem.

Manchmal gondelt sie mit der Stadtbahn in die Hotspots der Stadt, in der Hoffnung, in den Colonnaden, zufällig, auf einen ihrer Verflossenen zu treffen und einen, wenn auch tränenverschleierten Blick auf ihn zu erhaschen. Dass sie für die Anschaffung der dafür notwendigen Markenkleidung am 6. des Monats ihr gesamtes Budget ausgegeben hat, negiert sie sich selbst gegenüber sehr erfolgreich. Tütensuppen machen schließlich auch satt.

Nachts, lange nach Einsetzen der Abenddämmerung, wenn im Haus der frühen achziger Jahre endlich wieder Ruhe einkehrt, schlummert sie in ihrer Zweiraumwohnung auf ihrem hölzernen Canapé ein. 

Das Haus, in dem sie seit Jahren wohnt, wo sie viele Nachbarn kommen und auch durch ihr Zutun hat gehen sehen. 
Ihr selbst ist der Auszug unmöglich, weil ihr dazu die monetären Mittel fehlen oder schlichtweg eine geeignete Wohnung, die bezahlbar wäre. In Hamburg, selbst für solvente Menschen, ein fast aussichtsloses Unterfangen. 

Das blaue, ständig flackernde Licht der defekten Leuchtstoffröhre des Fabrikgebäudes gegenüber stört das Vorhaben, sich erneut abzulegen. 
Sie nickt am Tisch wieder ein. Bloß schnell die kalten Augen, die viel und dabei so wenig Glück gesehen haben, schließen, damit man sich nicht mit dem Elend auseinandersetzen muss. 
Da ist er wieder. Der Traum. Eigentlich ist es ein Deja vu. 
Sie trägt, wie immer, einen Duft von Jacques. Heute, wie passend, die blaue Stunde. Sie bildet sich ein, diesen Jacques persönlich gekannt zu haben.


Blankenese, Elbchaussee. 

Eine noble Wohngegend, in der es aus zimmerhohen Terrassentüren gülden leuchtet. Ein Ort, an dem die Unternehmergattin frisch dem Badeschaum mit Mandelaroma entstiegen, die ihre wallend blonde Haarpracht mit Band zusammen hält, durch ihre großzügig angelegten Rabatten mit Veilchen und Schwertliliengewächsen wandelt. 
Das muss auch Jacques vor seinem geistigen Auge gehabt haben. Man kennt sich. 

Auf der anderen Seite des Flusses, das eher von Arbeit gezeichnete Wohngebiet.
Sie und ihre Mutter hatten Glück. Das Glück, als alleinstehende Mutter eine Anstellung als Zugehfrau bei einer gutsituierten Familie nahe der Elbe gefunden zu haben. Mutter schuftete jeden Tag in den Salons der Herrschaft, während das kleine Mädchen die Zeit mucksmäuschenstill in der Wohnung verbringen musste. Manchmal kam die Mutter, servierte dem Kind eine Mahlzeit von Resten aus der Gesindeküche. 

Man konnte sagen, man wohnte in Blankenese.

Als das Mädchen in die Schule kam, glaubte es, dass eine Zeit der Freiheit beginnen würde. Die Mutter schärfte ihr ein, etwas Besseres zu sein und sich immer auf die Wohnanschrift der Herrschaften zu berufen. In den abgelegten Kleidern der Villenkinder, weißen Spitzensöckchen und roten Lackschuhen machte sich das Kind am Tag der Einschulung auf den Weg. Allein, in Richtung Ostender Strasse, diese Schule war die sicherste, zu Fuß zu erreichende.
Allein, nicht mal an diesem Tag bekam die Mutter frei.
Ob sie die Herrschaften überhaupt gefragt hatte?

Man konnte sagen, man wohnte in Blankenese.

Sie hüpfte in ihrem irisblauen Faltenröckchen, die blonden Haare zu Affenschaukeln gebunden, die Stufen des Hinterhauses, in dem sich die Kammern der Bediensteten befanden, raus in den Hof. Sie war zierlich für ihre sechs Jahre. Sie sah sich um. Links der Kohlenkeller, es stank nach Küchenabfällen, vollen Windeln und nach ungewaschenen Menschen. 
Das konnte man ihrer Mutter nicht nachsagen, darauf wurde geachtet. Immer saubere Wäsche, wenn es auch die abgelegte/ geflickte Kleidung der Kinder der Arbeitgeber war.

Man wohnte ja in Blankenese.

In der Aula der Schule begann die Zeremonie. Alle anderen Kinder in Begleitung der Eltern.
 Sie wurde an ihre Lehrerin verwiesen und auf Nachfragen wurde, wie eingebläut, geantwortet, dass man an der Elbchaussee wohnen würde….und die Eltern unabkömmlich beschäftigt seien. Stimmte auch-irgendwie. 
Dieses Konstrukt zog sich durch das Leben des Mädchens. Immer darauf bedacht, die hochgesteckten Erwartungen ihrer Mutter zu erfüllen. Diese, wohl auf Grund eigener Unzulänglichkeiten, baute ihre Tochter zur Grand Dame auf, schließlich sollte sie es einmal besser haben, sich einen gutsituierten Mann suchen, so würden sie beide gut versorgt sein.
Diesem Druck hielt das Mädchen stand. Lehnte Avancen netter junger Herren ab, stand es doch zu erwarten, dass noch der Prinz auf dem weißen Pferd angaloppiert käme.
Dieser Prinz kam nie. 
Doch, einige kamen….erkannten den Hunger nach Aufmerksamkeit und Liebe, brachten hochwertige Parfums wie L'Heure Bleue Eau de Parfum , scheinbare Preziosen aus Doublé, um die nun junge Frau zu umgarnen. Dass er längst an eine andere Frau gebunden war, diese sogar geehelicht und zur Mutter gemacht hatten, das verschwieg er. Sie gab sich hin…. Und die Galane entschwanden den Bettüchern in Richtung Familienfestung. Eine Familie, die sie niemals aufgeben und die sie nie haben würde. 
Sie wusste um ihre Situation.
 Zu laut, zu energisch die Mutter, die noch immer fußläufig entfernt wohnte und auch ungefragt und unangemeldet, mit dem Schlüssel in der Tür rührte….in diesen Momenten tröstete sie sich mit den teuren Geschenken des Ehebrechers.
Sie duftete so weltgewandt, bediente sich perfekt der Sprache derer, zu denen sie gehören wollte. Sie passte nicht in deren Welt.
 Zu angestrengt versuchte sie jemand zu sein, der sie nie sein konnte . Die Schatten der Herkunft wollten nicht verblassen . Egal, wie sehr sie sich auch abmühte. Das stimmt traurig.
Man wohnte in Blankenese.
Es gab viele dieser Kröten, die sie küsste, diese durchliefen nur nie die Metarmorphose zum Prinzen. Manch Angebeteter nahm sie auf Geschäftsreisen mit, staffierte sie aus und sie gab die wohlhabende Dame von Welt, wie sie es mit ihren wachen Kinderaugen so oft beobachtet hatte. In den Hotellobbies, die sie als den Laufsteg der Welt sah.

Frau konnte sagen, man stamme von der Elbchaussee.

Nach all diesen Enttäuschungen rekapituliert sie die Stationen ihres Lebens, immer einen anderen Duft von Guerlain auf der Haut und sinniert melancholisch über die verpassten Gelegenheiten. 
L'Heure Bleue Eau de Parfum , der einzige Duft, der ihr bis heute der liebste ist.

Intrigant und niederträchtig ist sie geworden, sie weiß, welche Knöpfe man drücken muss. Sie kämpft nie mit offenem Visier.

Sie wohnt in der Unterstadt.

Es ist eine Krux. Immer mehr Menschen merken, dass sie nicht diejenige ist, die sie vorgibt zu sein. 


Sie erfindet ihren Mitmenschen gegenüber eine Erbtante im Feine-Leute-Viertel und mit der sie Vernissagen und kulturelle Veranstaltungen besucht.
 Um das Erlebte für sich zu reklamieren, studiert und kopiert sie die Erlebnisberichte ehemaliger Kollegen und Freunde. 
Jetzt fliegt sie auf. Ihre Chiffrenummer, unter der sie im Namen der Tante annonciert, gleicht der ihren auf jede Ziffer.
 Sie steht auf, guckt aus dem Fenster.
Was, wenn sie im Spiegel der Erbtante gewahr wird?
Sie wohnt nicht in Blankenese.
17 Antworten
BlauemausBlauemaus vor 4 Jahren
1
Ja, ein ganz besonderes EdP ist das. Anfangs stimmte er mich auch melancholisch, das hat sich aber irgendwann gelegt. Aber er vermittelt mir nach wie vor Ruhe und Geborgenheit.
PoesiefannyPoesiefanny vor 4 Jahren
1
Das arme Mädchen ... zwischen allen Stühlen
https://www.youtube.com/watch?v=At3sekvsuGk
MonsieurTestMonsieurTest vor 4 Jahren
Ganz schön traurige Schichten-Geschichte.
L'heure bleue ist zwar ein wenig melancholisch, ja, aber wunderschön...
FoxearFoxear vor 4 Jahren
"sinniert melancholisch über die verpassten Gelegenheiten" so erging es mir selbst beim Duft, aber am Ende hat er mir eine Tür in die Gegenwart geöffnet. Untragbar! Wüsste nicht, zu welchem Anlass ich diese Stimmung inne halten möchte.
FriesinFriesin vor 4 Jahren
Dann lieber auf der linken Seite vom Fluss...
Wunderbare blaue Stunde birgt zu viel Melancholie.
HyazintheHyazinthe vor 4 Jahren
Traurig und nachdenklich machend. Hoffe, ich muss jetzt nicht immer dran denken, wenn ich den Duft trage. Wohne lieber in Eimsbüttel als an der Elbchaussee. Zu laut vom Verkehr und Hafen. - Aber super geschrieben!
ViolettViolett vor 4 Jahren
2
Respekt. Ein wirklich guter, wenn auch melancholischer Text, der Mitleid weckt, mit dieser gescheiterten Frau.
Hier scheint sich wohl die Stimmung des Duftes wiederzuspiegeln. Ernsthaft, sowas Gutes habe ich hier auf Parfumo noch kaum gelesen. Jetzt trau ich mich aber allerdings langsam nicht mehr, den zu testen! ;-))
ErgoproxyErgoproxy vor 4 Jahren
Dann wohnt die Tante wohl Osdorfer Born? ;))
TablaTabla vor 4 Jahren
1
Wow… was für eine Geschichte. Sie passt ausgezeichnet zu L'Heure Bleue. Diese Zeit wurde auch so genannten, da sie die Phase nach Geschäftsschluss bezeichnet, bevor der Abend begann. Oftmals trafen sich bestimmte Herren zur sogenannten blauen Stunde mit ihren Geliebten.
LicoriceLicorice vor 4 Jahren
Eindrucksvoll und berührend geschrieben. Passt wundervoll zum Duft. :))
SerafinaSerafina vor 4 Jahren
1
Schön geschreiben...und sehr traurig! War noch eine andere Zeit damals...aber heute ist es vielversprechender, sich in der Ausbildung anzustrengen, als auf sein Aussehen zu zählen und den reichen Prinzen zu hoffen.
SchatzSucherSchatzSucher vor 4 Jahren
1
L'Heure Bleue hat wirklich das Vermögen, in nachdenkliche und melancholische Stimmung zu versetzen. Dein Text kann dieses auch sehr gut. Sehr einprägsame Zeilen. An der Elbchaussee muß ich nicht wohnen, mir ist die authentische 2. Reihe viel lieber :-)
PuderperlePuderperle vor 4 Jahren
Pokal für dich für diese schöne Duftgeschichte. Der Duft ist auf meiner Merkliste, nächsten Monat hoffentlich in der Sammlung :-)
TofuwachtelTofuwachtel vor 4 Jahren
2
..."Wo man, wenn der Regen rauschte,
Engelbert, dem Blöden, lauschte,
Der auf einen Haarkamm biß,
Rattenfängerlieder blies." ...
Ich liebe Degenhardt, liebe den Duft ..... und Du hast beides so wunderbar und gekonnt vereint!
PollitaPollita vor 4 Jahren
1
Großartiger Text, der meines Erachtens auch prima zum Duft passt. Sehr gern gelesen.
FirstFirst vor 4 Jahren
1
Das hast Du sehr eindrucksvoll geschrieben! Ich kenne den Duft auch aus HH - aus der hundertjährig anmutenden Poch- und Skatrunde meiner Oma und ihrer Freundinnen. Die Guerlainsche Iris - auch in anderen Düften - wird für ewig dieses Bild in mir hervorrufen.
SerenissimaSerenissima vor 4 Jahren
Der "schöne Schein" verfliegt häufig schneller, als ein Duft von Guerlain.
Danke für diese Geschichte, gerade weil sie nachdenklich macht.