so mutlos meine Seelenflügelchen…
so kraftlos manchmal mein Herz…
im Dickicht verfangen
was bin ich wirklich
ist alles Täuschung
wo ist Halt
Du zeigst mir ein Vanillelicht
legst mir einen schützenden Mantel aus Weihrauchkraft um
stärkst mich mit Styrax im Rücken
legst mir Irispuder zu Füßen
stellst mir Zibetkräfte zur Seite
Zum ersten Mal teste ich hier einen Duft, bei dem Vanille prominent angegeben ist, und bewerte ihn auch noch positiv. Das ist für mich eine kleine Sensation, laufen Vanilledüfte doch bei mir in der Regel Gefahr, plakativ bonbonsüß und/oder muffig zu werden. Beides ist hier nicht der Fall! Die hier und auf der Prada-Homepage gelisteten Noten (Vanille – Styrax – Weihrauch – Amber) lassen vielleicht einen eher schlichten amberigen Duft erwarten, aber das wäre vollkommen falsch. Der hier ist sehr komplex und schön gemacht und überrascht mich immer wieder aufs Neue. Andere Quellen listen außerdem noch weitere Inhaltsstoffe auf, die meinen Geruchseindruck bestätigen – ich hatte schon an mir gezweifelt und gedacht, ich bilde mir die alle ein.
Genau diese Verunsicherung, ein gewisses haltloses Schweben und dann doch Getragensein scheint mir das Thema dieses Duftes zu sein: ein Vanilleleuchten in Verunsicherung und Haltlosigkeit.
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Er beginnt bei mir mit einer amberigen Vanille, die schon am Anfang eine Art Leuchten hat und auch etwas ganz zart und beschwingt zitrisch-Frisches. (Ich dachte zuerst, ich täusche mich, aber manche Quellen listen auch Bergamotte.) Dann wird es im weiteren Verlauf dichter und tiefer, harzig-pudrig-süßlich. Die Helligkeit des Anfangs bekommt einige Schatten. Ich nehme eine zarte, aber sehr dunkle Ledernote wahr, außerdem vermute ich hier auch Ambra mit seiner leichten Animalik, die ja typischerweise zum Thema Dunkelheit/Licht beiträgt – wie ich es vor allem aus den Düften von Annette Neuffer kenne. Und ich würde tippen, dass irgendein Oud auch mit dabei ist. Manchmal zeigt es sich schon kurz nach dem Aufsprühen, aber nicht immer. Die leichte Animalik wird durch etwas Zibet verstärkt, da bin ich mir recht sicher. Hier gewinnt der Duft geradezu Vintagequalitäten mit seiner – ja, soll ich es Opulenz nennen? Es ist eine gelungene moderne und etwas leichtere Interpretation von Vintage-Opulenz.
Der Weihrauch ist vorhanden, bleibt aber Teil dieses Hell-Dunkel-Geschehens und tritt nicht als eigene Note hervor. Und ich kann mir vorstellen, dass bei der Pudrigkeit auch etwas Iris mit im Spiel ist. Also: „Marienbad“ ist ein sehr komplexer, sehr gut gemachter Duft. Die Bestandteile erzeugen ein lebendiges Ganzes, so wie unterschiedliche Schichten, die sich miteinander verflechten und immer wieder einander und Neues freigeben.
(Mit den Arbeiten von Daniela Andrier habe ich mich noch nie beschäftigt – sehe jetzt erst, für wie viele große Häuser sie gearbeitet hat. Dem muss ich bei Gelegenheit auch nochmal nachgehen.)
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Dieser Duft hat damit für mich drei thematische Facetten:
Zum einen, was sich als barock oder opulent beschreiben ließe und mich an Vintagedüfte denken lässt. Auf der Prada-Homepage wird er als „barock“ und „dekadent“ bezeichnet, was es für mich nicht ganz trifft – eher sind es die besagten Vintageanklänge in moderner Interpretation. Wenn man will, lassen sich hier Parallelen zur Bäderarchitektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts finden, die in Marienbad/Tschechien mit der Pracht der klassizistischen und Jugendstilbauten erhalten worden ist.
Zweitens nehme ich als Thema des Duftes die Schwierigkeit wahr, Wirklichkeitseindrücke zu objektivieren. Das wird durch das Helle, Schwebende, Neblige des Anfangs evoziert, sowie durch die Interaktion der Inhaltsstoffe, die sich jedesmal neu entfaltet. Hier lassen sich Anklänge zum Film „Letztes Jahr in Marienbad“ (1961) herstellen, der die Frage thematisiert, was meine Erinnerung an vergangene Lieben und Verletzungen „zutreffend“ macht. Hier geht es um Liebe, um Seelentiefen, Verwirrrungen, um die Fragen, was wirklich ist und was ich wirklich will. Diese Fragen bleiben im Film ungelöst, es bleibt die Unklarheit bestehen.
Zum dritten ist es die Hell-Dunkel-Thematik, die hier wunderschön umgesetzt ist. Der Duft beginnt zunächst hell und licht, und dann entfaltet sich die Dynamik zwischen Licht und Schatten, zwischen Illusion und Klarheit.
Lieben Dank an @FrauKirsche für die Probe und Euch beiden, liebe @FrauKirsche
und @Can777 , für Eure schönen Vorstellungen des Duftes, ohne die ich ihn nicht probiert hätte, das wäre ein Jammer gewesen. Jetzt steht er auf der Wunschliste.
Habe diese wunderbare Rezension erst jetzt gefunden :)
Ich mag den Duft sehr und nehme Leder auch wahr, obwohl es nicht in der Pyramide steht. Früher hat mich der Duft an "Cuir Béluga" erinnert, ich habe damals geschrieben, der feinere "Cuir Béluga".
Was für eine grandiose Rezension zu einem Duft, den ich so gerne kennenlernen würde! Marienbad ist „meine“ Stadt! Erst vor ein paar Tagen weilte ich wieder dort um mich und meinen Geist wieder zu beleben und der Alltagssteinkruste zu entledigen 😊☀️🫶. Danke für Deine Zeilen! ❤️
Danke, Du Liebe, und wie schön! Ich war noch nie dort...
Der Duft ist auf meiner Wunschliste - wenn ich mal einen Flakon habe, denke ich an Dich und schick Dir was!
Großartiger Text, so fein wie informativ. Ich bin umso froher, dass er Dank der lieben Kirsche hier schon herumkugelt im Probendöschen, sonst müsste ich ihn jetzt eiligst jagen gehen. ;)
Der hat mich allein schon wegen dem Resnais Titel neugierig gemacht, und auch wenn's mir bei Vanille oft ähnlich geht, es gibt ja immer wieder Ausnahmen die dann alles doch in ein ganz anderes Licht setzten. Und gut dass Du auch Querliest bei Noten Angaben - hier wird mir zu oft recht artig 'nachkorrigiert' je nachdem was die Hersteller gerade schreiben. Manchmal lohnt es sich das internet archive zu bemühen …
Was für eine Freude Deine Duftbeschreibungen zu lesen. 😊So informativ, empathisch und poetisch zu schreiben ist ein wahres Talent, das Dir im Übermaß gegeben ist. Bin absolut begeistert und freue mich mit Dir.
Vanille und Weihrauch, zwei meiner liebsten Duftnoten, hier wunderbar vereint. So schön wie Du hätte ich den Duft aber nicht aufdröseln können. Ich stimme Dir aber in allem zu.
Ein sehr ambivalenter Duft für mich, den ich zwar bewertet aber bisher noch nicht kommentiert habe.
Mir fehlt der Zugang, ich weiß auch nicht, woran es liegt.
Deine Zeilen verdienen Applaus!
Schön, dass er Dir solche Bilder verschafft!
Das scheint ein Wechselspieler zu sein, bei dem sich die anscheinenden Gegensätze harmonisch ergänzen und vereinen. Hört sich sehr ansprechend an, Deine Beschreibung!!
Jetzt verstehe ich, warum ich hier keinen Zugang fand. Du nennst Zibet und Oud. Beide eher nicht meine Noten. Und zu komplex war er mir vermutlich auch. Aber voll schön, dass er Dir so gut gefällt
Ich mag den Duft sehr und nehme Leder auch wahr, obwohl es nicht in der Pyramide steht. Früher hat mich der Duft an "Cuir Béluga" erinnert, ich habe damals geschrieben, der feinere "Cuir Béluga".
Der Duft ist auf meiner Wunschliste - wenn ich mal einen Flakon habe, denke ich an Dich und schick Dir was!
Ne Spaß… der muss wundervoll sein 🤩
🏆
Mir fehlt der Zugang, ich weiß auch nicht, woran es liegt.
Deine Zeilen verdienen Applaus!
Schön, dass er Dir solche Bilder verschafft!
und ihren Iresstaub