Nicht mehr Malle
Frédéric Malle verlässt seine Firma Editions de Parfums Frédéric Malle im Juni. Dies kommt überraschend, und bedeutet einen großen Einschnitt in die Welt der Nischenparfümerie. Ich hoffe, dass Malle sich nicht vollkommen aus dieser Welt verabschieden wird. Er selbst hält sich hinsichtlich seiner Zukunft bedeckt. In einem Interview auf The Grand Tourist sagte er dazu nur: "Was kommt als nächstes für mich? Wahrscheinlich ein ganz neues Leben. Wir werden sehen." In seinem Ausblick auf die Zukunft der Branche betont er die Rolle der Biotechnologie. Er erwartet, dass sie die Parfümerie stark beeinflussen wird, und zwar stärker als die KI. Gleichzeitig sieht er die Parfümerie weiterhin als künstlerisches Unterfangen, für das die zwischenmenschliche Interaktion unerlässlich sei. Malle ist erst 61 Jahre alt, und diese Worte klingen nicht so, als hätte er das Interesse verloren oder wolle seinen Hut an den Nagel hängen. Aber vorerst werden wir uns von ihm verabschieden müssen.
Malles große Neuerung bestand darin, den Parfümeuren in seinem "Parfümverlag" eine Stimme zu geben, so ähnlich wie es Buchverlage mit ihren Schriftstellern tun. Vor 25 Jahren begann er seine Zusammenarbeit mit einer Reihe berühmter Parfümeure und ließ die Düfte unter deren eigenen Namen erscheinen. Man kann die Wirkung dieses Schrittes gar nicht überschätzen. Er trug wesentlich dazu bei, dass die Öffentlichkeit einen Duft als individuellen, künstlerischen Ausdruck eines Parfümeurs wahrnehmen konnte. Ganz bewußt wollte er damit eine Alternative zum sich immer weiter ausdehnenden Massenmarkt schaffen. Natürlich gibt es Mutmaßungen, Malles Abschied könne damit zusammenhängen, dass seine Firma seit 2015 zu Estée Lauder gehört. Einserseits hat Malle selbst immer betont, wie reibungslos die Zusammenarbeit verliefe. Andererseits ließ Stéphane de La Faverie, Vorstandsvorsitzender von Estée Lauder, zu Malles Schritt nur verlauten, dass man Malles Inspiration und sein kompromissloses Engagement für die Parfümerie auch in Zukunft "würdigen“ wolle und Malle für seine Kreativität "dankbar" sei. Das klingt für mich nicht gerade nach voller Rückendeckung und Übereinstimmung, oder dem Wunsch, weiterzumachen wie bisher. (Auch Eddie Roschi und Fabrice Penot von Le Labo sowie Jo Malone verließen übrigens ihre Firmen nach der Übernahme durch Estée Lauder.)
Aus den Editions de Parfums stammen jedenfalls eine Reihe Meisterwerke, und eigentlich kein wirklich schlechter Duft. Nun gut, in den letzten Jahren begann auch nach meiner Meinung die Qualität stärker zu schwanken, und Malles Abschiedsgeschenk an die Parfümwelt ist ausgerechnet ein Parfüm, das in Zusammenarbeit mit einer Klamottenmarke entwickelt wurde. Trotzdem ist die Produktion dieses Hauses unter dem Gesichtspunkt der Qualität und Beständigkeit einzigartig in der Parfümwelt, wenn man den Umstand berücksichtigt, dass hier nicht ein Parfümeur, sondern der künstlerische Leiter die Kontinuität verkörperte. Parfüms wie Synthetic Jungle brauchen sich vor den berühmten früheren Düften nicht zu verstecken.
Ich bedauere Malles Entscheidung. Nicht mit allen der berühmten Parfüms aus diesem Haus bin ich warm geworden, z. B. nicht mit dem enorm einflußreichen Portrait of a Lady, dessen Blässe, Zurückhaltung und Steifheit mich nicht berührten. Jedoch liebe ich zwei von den Parfüms aus den Editions ganz besonders: Das eine ist das melancholische, kühle und distanzierte Lys Méditerranée. Darüber schrieb ich einmal: "Soweit es möglich ist, von einem Parfum herablassend behandelt zu werden, geschieht das hier." Das andere ist Une Fleur de Cassie, das ich einfach herzzereißend schön finde. Beide bedeuten mir viel. Zu meinen Lieblingen gehört ebenfalls Dans Tes Bras (ein schöner Name für ein Parfüm!), das anscheinend nicht so viel Echo hervorruft, obwohl Malle selbst es sehr schätzt.
Wie seht Ihr das? Ist die Zeit für die Editions de Parfums einfach abgelaufen? Habt Ihr eine besondere Beziehung zu Parfüms von Frédéric Malle? Wie seht ihr seine Rolle in der Parfümwelt? Ich bin neugierig auf Eure Kommentare.


SebastianM
Als Frédéric Malle seine Vision umsetzte und die ersten zwölf (?) Parfums als Sample Set erhältlich waren, habe ich zugegriffen. So fokussiert zwölf neue Düfte daheim kennen zu lernen, war reine Faszination für mich. Ich liebte diese neue Welt sehr. Gekauft habe ich in der Zeit seit damals wirklich einige Parfums. Carnal Flower besitze ich immer noch. Ihn habe ich mittlerweile etwas über. L‘Eau D‘Hiver begleitet mich auch schon lange und ich liebe ihn heiss und innig. Nur scheint mir, dass er seit der Firmenübernahme leider noch zarter geworden ist.
Dans Tes Bras und Le Parfum DeThérèse gegenüber bin ich ambivalent geblieben und trage sie nicht mehr. Angéliques Sous La Pluie finde ich nach wie vor wunderschön, aber ebenfalls sehr zart.
Mit den neuen Kreationen konnte ich mich nicht anfreunden.
Ich finde es unglaublich schade, dass Herr Malle seine Firma verkauft hat. Und ich würde mir wünschen, dass sich wieder mehr Parfumeure frei verwirklichen könnten!
Spannender finde ich die Zukunft vieler anderer Marken, die mit Pseudogeschichte und mit Hochpreisigkeit Hochwertigkeit vermitteln. Da wird sich früher oder später die Spreu vom Weizen treffen.
Schade, dass sie nun endet!!!
Mein persönlicher Liebling ist "Le Parfum de Thérèse", seines Zeichens eher unspektakulär, da der Duft fast riecht wie mein geliebtes Diorella, aber da geht für mich eh nix drüber... ach ja, "Synthetik Jungle" habe ich aktuell auch im Gebrauch, trage ich gern.
("Portait of a Lady" mag ich überhaupt nicht...). Und natürlich "En passant"... immer wieder bezaubernd im Frühling.
Für mich war die Marke der Einstieg in die Nischenwelt. Parfüms mochte ich immer schon und habe vor vielen Jahren (2012) einen sehr prägenden Zeitungsartikel in der Welt am Sonntag über Herrn Malle gelesen. Der Titel lautete "Langweilige Menschen tragen langweilige Parfüms". Für mich haben alle Düfte etwas Besonderes, wenngleich sie mir nicht alle taugen. Bleibt zu hoffen, dass etwaige Veränderung das ursprüngliche Konzept und die Qualität der Parfüms nicht torpedieren.
Ich bin jedenfalls gespannt was nun noch kommen wird, ob von der Marke oder von Herrn Malle selbst.
Lieben Dank für den interessanten Beitrag 😊
Nicht die Zeit der "Editions de Parfums Frédéric Malle" ist abgelaufen, nein, ich glaube, die Geschichte der Parfums ist auserzählt. Oder fast.
Jedenfalls die der Parfums, wie sie bisher verstanden wurde: Parfum als Ergebnis einer langsamen, sorgfältigen Entwicklung dank fundierter kunsthandwerklicher Ausbildung. Parfum als Egebnis der langsamen Annäherung an eine Duftvision. Eines geduldigen Reifeprozesses. Der vorsichtigen Verschiebung von Parametern, penibelst protokolliert und immer wieder neu bewertet - und am Ende ohne nicht wenigstens eine Spur persönlicher Parfumeurs-Genialität auch nichts wert.
Die Geschichte dieser Art von Parfums ist auserzählt.
Statt dessen basteln auch große Häuser mit Bausätzen umeinander, die wiederum von spezialisierten Teams zusammengestellt wurden. Da braucht es dann noch nicht einmal KI, um die aktuelle Neuerscheinungsfeuergeschwindigkeit halten zu können.
Diese ganzen hochgepowerten, seelenlosen Industrie-Düfte, die die neusten Aromachemie - Moleküle enthalten, aufwendig verpackt sind und von Influerncern auf Instagram als "unique" angepriesen werden, haben für mich gar nichts mehr mit Parfumkunst zu tun.
Offensichtlich gibt es da gewisse Bausätze, die immer wieder variiert werden, weil sie so gut ankommen. Viele suchen daher jetzt ihr Glück in der Bio - Artisan - Abteilung, völlig verständlich. Gestern las ich ein Statement über einen Duft, von dem 10 Flaschen produziert wurden. Das wiederum ist mir zu abgehoben. Ich habe gar keine Zeit, das Netz nach solchen rare distribution - Dingern zu durchsuchen! Aber zumindest handelt es sich hier nicht um Ausgeburten der Duft-Computer eines Chemiegiganten. In sofern liegt die Zukunft des Parfums - wenn überhaupt - höchstens dort in der kleinen self-made & organic world.
Ich hoffe und wünsche dir, dass er selbst es auch liest.
Liebe Grüße
P. 🥰🤗