René Laliques Wunderwelt der Flakons – das Musée Lalique in Wingen-sur-Moder

Neulich unternahm ich eine Fahrradtour durch das romantische Unterelsass. Das Ziel meiner Tour war La Petite-Pierre, ein hübsches Dorf, gelegen auf ca. 400 m Höhe in den Nordvogesen. Bevor ich dazu komme, was das mit Parfüm zu tun hat, will ich ein wenig vom dortigen Jazzfestival schwärmen. Es ist die Sorte Festival, bei dem auf mehreren Bühnen den ganzen Tag etwas los ist, und der ganze Ort nur dafür lebt. Gleichzeitig ist es nicht zu groß, die Atmosphäre ist entspannt, das Publikum gemischt.

Im Schlosshof von Burg Lützelstein trat am Abend das Avishai-Cohen-Trio auf. Diese großartigen Musiker aus Israel spielen sehr berührende, melodische Musik, die mich mit ihrem Stimmungsreichtum und ihrer rhythmischen Komplexität in ihren Bann gezogen hat. Zudem strahlt das ganze Ensemble eine enorme Spielfreude aus. Ein wunderbares Erlebnis! Das Ganze fand bei wunderschönstem Sommerwetter statt, bei dem nachts auch die Perseiden noch ein kleines Gastspiel gaben.

Nicht weit von La Petite-Pierre entfernt liegt der Ort Wingen-sur-Moder, wo René Lalique 1921 seine Glasmanufaktur gründete. Die Glasmacherei hat in diesem Teil Frankreichs eine jahrhundertelange Tradition, dort fand Lalique die hochqualifizierten Arbeitskräfte zur Umsetzung seiner Ideen. Das Museum - gebaut nach einem Entwurf von Jean-Michel Wilmotte - wurde im Jahr 2011 eröffnet. Es verbindet die Reste der alten Glashütte Hochberg mit einem klaren, modernen Bau. Teile des Neubaus liegen im Hang, das begrünte Dach führt die Vegetation weiter. Als ich das Areal betrat, hatte ich sofort das Gefühl einer großen Harmonie. Es stimmte alles. Erst später wurde mir bewusst, wie durchdacht hier jedes Detail ist. Die Hecken im Garten sind exakt den Treppenläufen folgend geschnitten, das Bistro ist mit Designklassikern möbliert, alles passt zusammen.



Dies setzt sich im Innern fort: Das Museum bietet eine geglückte Mischung aus traditioneller Museumspädagogik, Wissensvermittlung mit digitalen Medien, und einer irgendwie sehr französischen Inszenierung des Schauens als Event. Die Szenografie ist dunkel, das Licht strahlt gezielt auf die Objekte. Der Fokus liegt auf Präsentation und - löblicherweise, man wird ja älter - auf Aufenthaltskomfort.
Noch bis November zeigt das Museum eine Sonderausstellung zum Thema "Transparenz und Architektur". Sie widmet sich René Laliques Tätigkeit als Gestalter von Gebäuden und Inneneinrichtungen, einer eher unbekannten Facette seines Schaffens. Anlass ist der 100. Jahrestag der Pariser Weltausstellung von 1925, die Lalique auf den Gipfel seines Ruhms führte. Man sieht Glasbausteine, Fenster, Paneele, Leuchten, Wandteppiche, Fotografien von Innenräumen, Entwurfszeichnungen und vieles mehr. Lalique dachte weit über das einzelne Objekt hinaus.

Ein beeindruckendes Beispiel ist die Gestaltung des Grand Palais mit seinem 16 000 qm großen Glasdach. Erbaut im Jahre 1900 war es auch in die Weltausstellung von 1925 integriert. Das Dekor wurde von den Architekten Raguenet und Maillard in verschiedenen Abstufungen von Silber, Lila und Strohgelb gehalten, darin waren die Vitrinen der Parfümeure sternförmig angeordnet. Gekrönt werden sie von einer von Lalique entworfenen Lichtkaskade, die unter einem an einen Baldachin erinnernden Stuckgewölbe erstrahlt und einen Springbrunnen der Düfte darstellen soll, aus dessen 6 m hohen, aus Pressglas gefertigten Wasserspeiern wohlriechende Essenzen strömen.

Verlässt man die Sonderausstellung und begibt sich in die ständige Ausstellung, so sieht man zunächst einigen schönen Schmuck. Das folgt quasi der persönlichen Entwicklung René Laliques, der seine Karriere als Schmuckdesigner begann. Auch Entwurfszeichnungen werden in diesem ersten Raum gezeigt: das Motiv der Frau mit den zarten Schmetterlingsflügeln, das ich als Cover für diesen Bericht gewählt habe, ist dort zu sehen. Und vieles mehr, die Gedanken begannen in meinem Kopf zu kreiSen. Es fiel mir schwer, mich loszureißen, doch es musste sein, denn der eigentliche Höhepunkt der Ausstellung ist für jeden Parfümfreund doch die Sammlung von Parfümflakons. Neben Schmuck, Vasen und Skulpturen entwickelte Lalique gerade für Flakons eine große Leidenschaft. Schon im Jahr 1907 begann er, für François Coty zu arbeiten. Stunden habe ich mit ihrer Betrachtung verbracht, gefesselt von ihrer Schönheit, dem Reichtum ihrer Gestaltung, der unerschöpflichen Fantasie Laliques. Man sieht Reliefs, satinierte Oberflächen, streng geometrische Entwürfe, figürliche Verschlüsse oder Miniaturskulpturen, die Nachahmung pflanzlicher Formen - jedes Stück ist besonders. Dabei waren es ja, ebenso wie heute, keine Unikate. Viele wurden im Pressglasverfahren hergestellt, wodurch sie in großen Stückzahlen produziert werden konnten.

Das Museum zeigt etwa 250 Flakons, vom kleinen Standardmodell bis zum Sammlerstück. Man sieht auf kleinstem Raum die ganze Spannbreite von nüchterner Eleganz bis zur dekorativen Fülle. Ich habe ein kleines Spiel mit mir selbst gespielt und versucht, mich für einen Lieblingsflakon zu entscheiden. Natürlich vergeblich. Aber einige, die mir besonders gefallen haben, möchte ich hier nun vorstellen. Nur von einem kann ich sagen, welches Parfüm darin enthalten war (auch der Museumskatalog war da leider keine Hilfe). Dies ist der Flakon für Chypre von Jean de Parys aus dem Jahr 1926. Er zeigt ein Farnmotiv, ein Beispiel für Laliques Naturinspiration. Lehrreich dargestellt ist das im Garten, wo Schautafeln einige Pflanzen und die Resultate von Laliques Beschäftigung mit ihnen einander gegenüberstellen.

Zu den übrigen Flakons kann ich nichts sagen, was nicht jeder selbst sofort sieht. Ich beschränke mich auf Bilder und ein paar Unterschriften. (Ich danke @Pistazieneis für die Angaben, zu welchem Parfüm aus welchem Jahr diese Flakons gehören.)





Die oben dargestellten flachen Flakons sind wirklich Flakons, keine Dosen. Sie haben Stopfen zum Herausnehmen und ich finde sie wunderhübsch. Schließen möchte ich jedoch wieder mit einem Schmetterling. Satinierte und polierte Flächen erzeugen eine Bewegung, als würde er einem zuflattern.



SebastianM
Absolut sehenswert! Die Flakons und die Arbeiten sind wirklich eine Augenweide 🥰
Ein toller Bericht!
Hat Spaß gemacht @SebastianM, mal wieder in den alten Quellen zu stöbern, aufgrund Deines tollen Blogbeitrags, danke Dir!
Danke für's Mitnehmen!
Ich habe deinen Bericht sehr gern gelesen. Das ist alles sehr interessant.