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vor 5 Monaten - 20.08.2025
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René Laliques Wunderwelt der Flakons – das Musée Lalique in Wingen-sur-Moder

René Laliques Wunderwelt der Flakons – das Musée Lalique in Wingen-sur-Moder

Neulich unternahm ich eine Fahrradtour durch das romantische Unterelsass. Das Ziel meiner Tour war La Petite-Pierre, ein hübsches Dorf, gelegen auf ca. 400 m Höhe in den Nordvogesen. Bevor ich dazu komme, was das mit Parfüm zu tun hat, will ich ein wenig vom dortigen Jazzfestival schwärmen. Es ist die Sorte Festival, bei dem auf mehreren Bühnen den ganzen Tag etwas los ist, und der ganze Ort nur dafür lebt. Gleichzeitig ist es nicht zu groß, die Atmosphäre ist entspannt, das Publikum gemischt.

Im Schlosshof von Burg Lützelstein trat am Abend das Avishai-Cohen-Trio auf. Diese großartigen Musiker aus Israel spielen sehr berührende, melodische Musik, die mich mit ihrem Stimmungsreichtum und ihrer rhythmischen Komplexität in ihren Bann gezogen hat. Zudem strahlt das ganze Ensemble eine enorme Spielfreude aus. Ein wunderbares Erlebnis! Das Ganze fand bei wunderschönstem Sommerwetter statt, bei dem nachts auch die Perseiden noch ein kleines Gastspiel gaben.

Nicht weit von La Petite-Pierre entfernt liegt der Ort Wingen-sur-Moder, wo René Lalique 1921 seine Glasmanufaktur gründete. Die Glasmacherei hat in diesem Teil Frankreichs eine jahrhundertelange Tradition, dort fand Lalique die hochqualifizierten Arbeitskräfte zur Umsetzung seiner Ideen. Das Museum - gebaut nach einem Entwurf von Jean-Michel Wilmotte - wurde im Jahr 2011 eröffnet. Es verbindet die Reste der alten Glashütte Hochberg mit einem klaren, modernen Bau. Teile des Neubaus liegen im Hang, das begrünte Dach führt die Vegetation weiter. Als ich das Areal betrat, hatte ich sofort das Gefühl einer großen Harmonie. Es stimmte alles. Erst später wurde mir bewusst, wie durchdacht hier jedes Detail ist. Die Hecken im Garten sind exakt den Treppenläufen folgend geschnitten, das Bistro ist mit Designklassikern möbliert, alles passt zusammen.

Dies setzt sich im Innern fort: Das Museum bietet eine geglückte Mischung aus traditioneller Museumspädagogik, Wissensvermittlung mit digitalen Medien, und einer irgendwie sehr französischen Inszenierung des Schauens als Event. Die Szenografie ist dunkel, das Licht strahlt gezielt auf die Objekte. Der Fokus liegt auf Präsentation und - löblicherweise, man wird ja älter - auf Aufenthaltskomfort.

Noch bis November zeigt das Museum eine Sonderausstellung zum Thema "Transparenz und Architektur". Sie widmet sich René Laliques Tätigkeit als Gestalter von Gebäuden und Inneneinrichtungen, einer eher unbekannten Facette seines Schaffens. Anlass ist der 100. Jahrestag der Pariser Weltausstellung von 1925, die Lalique auf den Gipfel seines Ruhms führte. Man sieht Glasbausteine, Fenster, Paneele, Leuchten, Wandteppiche, Fotografien von Innenräumen, Entwurfszeichnungen und vieles mehr. Lalique dachte weit über das einzelne Objekt hinaus.

Das Grand Palais mit dem Springbrunnen der Düfte

Ein beeindruckendes Beispiel ist die Gestaltung des Grand Palais mit seinem 16 000 qm großen Glasdach. Erbaut im Jahre 1900 war es auch in die Weltausstellung von 1925 integriert. Das Dekor wurde von den Architekten Raguenet und Maillard in verschiedenen Abstufungen von Silber, Lila und Strohgelb gehalten, darin waren die Vitrinen der Parfümeure sternförmig angeordnet. Gekrönt werden sie von einer von Lalique entworfenen Lichtkaskade, die unter einem an einen Baldachin erinnernden Stuckgewölbe erstrahlt und einen Springbrunnen der Düfte darstellen soll, aus dessen 6 m hohen, aus Pressglas gefertigten Wasserspeiern wohlriechende Essenzen strömen.

Verlässt man die Sonderausstellung und begibt sich in die ständige Ausstellung, so sieht man zunächst einigen schönen Schmuck. Das folgt quasi der persönlichen Entwicklung René Laliques, der seine Karriere als Schmuckdesigner begann. Auch Entwurfszeichnungen werden in diesem ersten Raum gezeigt: das Motiv der Frau mit den zarten Schmetterlingsflügeln, das ich als Cover für diesen Bericht gewählt habe, ist dort zu sehen. Und vieles mehr, die Gedanken begannen in meinem Kopf zu kreiSen. Es fiel mir schwer, mich loszureißen, doch es musste sein, denn der eigentliche Höhepunkt der Ausstellung ist für jeden Parfümfreund doch die Sammlung von Parfümflakons. Neben Schmuck, Vasen und Skulpturen entwickelte Lalique gerade für Flakons eine große Leidenschaft. Schon im Jahr 1907 begann er, für François Coty zu arbeiten. Stunden habe ich mit ihrer Betrachtung verbracht, gefesselt von ihrer Schönheit, dem Reichtum ihrer Gestaltung, der unerschöpflichen Fantasie Laliques. Man sieht Reliefs, satinierte Oberflächen, streng geometrische Entwürfe, figürliche Verschlüsse oder Miniaturskulpturen, die Nachahmung pflanzlicher Formen - jedes Stück ist besonders. Dabei waren es ja, ebenso wie heute, keine Unikate. Viele wurden im Pressglasverfahren hergestellt, wodurch sie in großen Stückzahlen produziert werden konnten. 

Das Museum zeigt etwa 250 Flakons, vom kleinen Standardmodell bis zum Sammlerstück. Man sieht auf kleinstem Raum die ganze Spannbreite von nüchterner Eleganz bis zur dekorativen Fülle. Ich habe ein kleines Spiel mit mir selbst gespielt und versucht, mich für einen Lieblingsflakon zu entscheiden. Natürlich vergeblich. Aber einige, die mir besonders gefallen haben, möchte ich hier nun vorstellen. Nur von einem kann ich sagen, welches Parfüm darin enthalten war (auch der Museumskatalog war da leider keine Hilfe). Dies ist der Flakon für Chypre von Jean de Parys aus dem Jahr 1926. Er zeigt ein Farnmotiv, ein Beispiel für Laliques Naturinspiration. Lehrreich dargestellt ist das im Garten, wo Schautafeln einige Pflanzen und die Resultate von Laliques Beschäftigung mit ihnen einander gegenüberstellen.

Flakon mit Farnmotiv für "Chypre" von Jean de Parys (1926)

Zu den übrigen Flakons kann ich nichts sagen, was nicht jeder selbst sofort sieht. Ich beschränke mich auf Bilder und ein paar Unterschriften. (Ich danke @Pistazieneis für die Angaben, zu welchem Parfüm aus welchem Jahr diese Flakons gehören.)

Dreieckiger Flakon mit Medaillonrelief "La Sirène", hergestellt für die Firma Burmann Parfums (1912)
Flakon mit graviertem Stopfen, für das Parfum "Izeil" von Perfume d'Heraud (1925)
Die beiden "Blütenflakons" und der Duft sind aus dem Jahr 1922, als die Firma d'Heraud den Duft "Semis de Fleurs" lancierte.
Der Flakon heißt "Chypre Celtic 2". Evtl. für eine Version von "Le Chypre Celtic" von Isabey (?)
Die "Auteuil"-Flakons wurden für die Firma Lalo, Paris, ca. 1919 hergestellt. Darin befand sich das Parfum "Shyba".

Die oben dargestellten flachen Flakons sind wirklich Flakons, keine Dosen. Sie haben Stopfen zum Herausnehmen und ich finde sie wunderhübsch. Schließen möchte ich jedoch wieder mit einem Schmetterling. Satinierte und polierte Flächen erzeugen eine Bewegung, als würde er einem zuflattern.

Flakon "Phalène" für das Parfum "Mona Lisa" von Parfums d'Heraud (1922)
Aktualisiert am 20.08.2025 - 08:21 Uhr
36 Antworten
JeobJeob vor 4 Monaten
1
Wunderbarer Reisebericht, das wird abgespeichert als Reiseempfehlung, im Idealfall zu einer Zeit, in der man das Jazz-Festival gleich mit genießen kann. Ich spaziere jetzt nochmal in Ruhe durch die Flakons und betreibe ein bisschen "Schaufenstershopping" ;) Da sind echte Perlen dabei.
SpatzlSpatzl vor 5 Monaten
1
Zum Niederknien diese Flakons! Danke für diese Bilder und den ausführlichen Bericht. Wird abgespeichert im Ordner "Orte die eine Reise wert sind"! 🙏
PuderperlePuderperle vor 5 Monaten
1
Wie wunderschön diese Flakons sind. Ich könnte heulen und zeitgleich die heutige Branche anbetteln, sie möge sich dort inspirieren lassen. Das war Kunst mit Seele. Dankeschön für den tollen Bericht
SeejungfrauSeejungfrau vor 5 Monaten
1
Vielen Dank für deinen tollen Bericht.
FlughörnchenFlughörnchen vor 5 Monaten
1
Vielen Dank für diesen schönen Reisebericht und die tollen Fotos ✨💫
Absolut sehenswert! Die Flakons und die Arbeiten sind wirklich eine Augenweide 🥰
CaroKossCaroKoss vor 5 Monaten
1
Danke für deinen spannenden Einblick. So schöne Flakons 😍. Das man die schon damals so künstlerische interpretiert hat. Richtig toll 👍🏻
YataganYatagan vor 5 Monaten
1
Sehr schöne Fotos! Danke für den Bericht!
ErgoproxyErgoproxy vor 5 Monaten
2
Vielen Dank für den tollen Bericht. Die Flakons sind eine Klasse für sich.
TtfortwoTtfortwo vor 5 Monaten
1
Ganz wunderschön, lieber Sebastian. Ich finde die Lalique-Arbeiten alle sehr ansprechend und sie scheinen höchst angemessen präsentiert zu werden.
Ein toller Bericht!
TurandotTurandot vor 5 Monaten
1
Vielen Dank für diesen bereichernden Bericht!
OpiNionOpiNion vor 5 Monaten
1
Vielen Dank! Das Lesen und Schauen war mir eine große Freude.
MourantMourant vor 5 Monaten
2
Traumhaft. Ich liebe die Ästhetik dieser Epoche. Immer wieder eine Wohltat fürs geschundene Auge. Danke fürs Mitnehmen.
ParfumineParfumine vor 5 Monaten
2
Was für ein toller Bericht! Sehr gerne gelesen und geschaut. Und die netten Ergänzungen von Pistazieneis machen ihn perfekt. Vielen Dank für diese Lesereise!
Fresh21Fresh21 vor 5 Monaten
2
Wundervoller Reisebericht, lieben Dank fürs Teilen... und die die Flakons, eine Wucht👌
XyzXyzXyzXyz vor 5 Monaten
1
Dem ist nichts hinzuzufügen :D
LiLu77LiLu77 vor 5 Monaten
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Was für ein hinreißender Bericht! Text und Bilder bilden eine wundervolle Einheit und machen Lust auf die Ausstellung und die wunderschönen Flakons von René Lalique. Vielen Dank, dass Du mich mitgenommen hast.
BloodxclatBloodxclat vor 5 Monaten
1
Fantastisch.. vielen Dank für Deinen Report. Ist ja gar nicht so weit von mir, dieses Museum. Ich kann Dir noch das Buch "Masterpieces of the Parfumeindustry" empfehlen. Falls Du das noch nicht hast ;-)
LillyroseLillyrose vor 5 Monaten
1
Einen phantastischen Bericht hast du verfasst!!! Ich mag Lalique Flacons sehr,besitze zwei, und möchte jetzt auch nach Wingen-sur-Moder um mir alles anzuschauen! Super interessant geschrieben und mit tollen Photos versehen! Vielen Dank dafür:)
PollitaPollita vor 5 Monaten
1
Die sind ja wunderschön. Danke für den wunderbaren Bericht und die Fotos. Ganz sicher eine Reise wert.
PistazieneisPistazieneis vor 5 Monaten
4
Beim Flakon mit der eingravierten Spirale im Stopfen bin ich mir nicht ganz sicher, Chypre Celtic 2 wird er benannt, könnte somit eine Herrenversion des Chypre Celtic von Isabey beinhaltet haben.
Hat Spaß gemacht @SebastianM, mal wieder in den alten Quellen zu stöbern, aufgrund Deines tollen Blogbeitrags, danke Dir!
SebastianMSebastianM vor 5 Monaten
4
Freut mich, dass es Dir gefallen hat. Und vielen Dank für das Teilen Deiner Expertise!
PistazieneisPistazieneis vor 5 Monaten
4
Das unterste Foto zeigt den Flakon namens "Phalène" (Nachtfalter) Er enthielt das Parfum "Mona Lisa" von der Firma Parfums d'Heraud (auch hier gelistet) und stammt aus dem Jahr 1922.
PistazieneisPistazieneis vor 5 Monaten
3
Das Model der flachen Flakons nennt sich Auteuil und wurde für die Firma Lalo, Paris ca. 1919 hergestellt. Das Parfum namens "Shyba" befand sich darin.
PistazieneisPistazieneis vor 5 Monaten
4
Die beiden "Blütenflakons" und der Duft sind aus dem Jahr 1922, als die Firma d'Heraud den Duft "Semis de Fleurs" lancierte.
TurbobeanTurbobean vor 5 Monaten
3
Die Reiseberichte in letzter Zeit sind echt überzeugend 👍
Danke für's Mitnehmen!
PistazieneisPistazieneis vor 5 Monaten
5
Der Flakon mit dem gravierten Stopfen enthält das Parfum "Izeil" der Firma Perfume d'Heraud aus dem Jahr 1925.
SebastianMSebastianM vor 5 Monaten
3
Beide Parfüms sind sogar auf Parfumo gelistet. Die Produktion wurde offenbar eingestellt :-)
SebastianMSebastianM vor 5 Monaten
4
Oh danke für diese Angaben! Ich mache daraus Bildunterschriften.
PistazieneisPistazieneis vor 5 Monaten
5
Der dreieckige Flakon (Foto unter dem Chypre) wurde von Lalique Anfang des Jahres 1912 für die Firma Burmann Parfums hergestellt, er nennt sich -wie auch das darin abgefüllte Parfum- "La Sirène"
GenovevaGenoveva vor 5 Monaten
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Danke für den sehr interessanten Bericht und die wunderbaren Bilder! 🌸
LubnaLubna vor 5 Monaten
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Vielen Dank für diesen schönen Bericht, der mir meine Mittagspause versüßt hat :-) Ich liebe die Kunst von Lalique. In meiner Nähe gibt es ein Schmuckmuseum, u.a mit seinem Jugendstilschmuck -ein Traum.
DSportelloDSportello vor 5 Monaten
1
Vielen herzlichen Dank!
Ich habe deinen Bericht sehr gern gelesen. Das ist alles sehr interessant.
Vea91Vea91 vor 5 Monaten
2
Einfach wundervoll, danke dir für so einen tollen Bericht. Schönheit ist wirklich zeitlos 💐
PoesiefannyPoesiefanny vor 5 Monaten
2
Ist das sinnlich. Ich hätte gerne auch solch sinnliche Flakons von früher ... warum ist heute das Meiste so entsetzlich trivial - vergleichsweise primitiv - gemacht?!! Die Beleuchtung ist tatsächlich sehr passend, was natürlich hier auch den Fotografen ehrt.
ChnokfirChnokfir vor 5 Monaten
2
1000 Dank für deine Teilhabe und die fantastischen Fotos ...
ElAttarineElAttarine vor 5 Monaten
1
Donnerwetter - danke für den tollen Bericht und die fantastischen Fotos! Jetzt hast Du mich nicht nur in Richtung Utrecht, sondern auch noch in Richtung La-Petite-Pierre angefixt... Das Avishai-Cohen-Trio habe ich schon live in Lüneburg gehört und höre ihre Musik sehr gerne. Und die Lalique-Flakons sind ja ein Traum... Da muss ich auch mal hin, danke nochmal!

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