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Floyd
28.10.2019 - 11:29 Uhr
38
Top Rezension
8.5Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 9Flakon

Sepia Velvet David Lynch

Bevor man in David Lynchs "Blue Velvet" ein abgeschnittenes menschliches Ohr voller Ameisen in einer Wiese findet, blühen Blumen in psychedelisch rauschenden Farben, winken Feuerwehrleute fröhlich lachend in Zeitlupe vom Löschfahrzeug, singen Engelschöre aus dem Off, ist alles so bonbonfarben eitel Sonnenschein, dass der Zuschauer unterbewusst genau weiß, dass es sich dabei um eine Illusion einer heilen Welt handelt, die so in ihrer Oberflächlichkeit nicht aufrecht erhalten werden kann. Es geht danach, wie in nahezu allen Lynch-Filmen, in schwer zu entschlüsselnde Tiefen (zumeist in das surreal Unbewusste), erzählt in oft verstörender, mindestens jedoch verwirrender Bildsprache, deren Bestandteile selten für sich selbst stehen, als sie vielmehr eine Impression vermittelt, die den Betrachter abstößt oder fasziniert rätseln lässt, in jedem Fall aber in ihm einen bleibenden Eindruck erzeugt.
In "Maroquin" halluziniere ich eine Parallelität zu Lynchs Filmen. Da fahren erstmal in Cinemascope kandierte Gewürzorangen hell leuchtend und zugleich bittersüß über die Leinwand, holen mich im olfaktorischen Alltag ab, gaukeln die Unbeschwertheit eines Kindes auf einem Jahrmarkt vor, von der ich weiß, dass sie bei Neuffer nur der Auftakt zu einer impressionistischen Reise in die Tiefen meiner Assoziationsräume sein kann. Schon bald verschwindet der Klang der alten Drehorgel im Hall, überziehen warm-rauchig-harzige Nebelschwaden die Szenerie, ist von den süßen Zitrusfrüchten nichts mehr da, raucht ein Mann ohne Gesicht Halfzware-Tabak auf der Veranda einer einsamen Hütte in der Wüste, dominieren Sepiatöne dunkler werdend, blenden zeitlupenartig in eine Nahaufnahme warmer, trockener Erde über, ist deutlich Pfeffer wahrnehmbar, bevor sich aus der Erde brauner Kanten herausbildet, die Flamme eines Zippos sich daran entlang bewegt, die winzigen Wölkchen ihren Duft entfalten, den Betrachter in tiefe Entspannung sinken lassen.
Zeit beginnt sich zunehmend zu dehnen, der Protagonist verschwindet in einer dunklen Ecke des Zimmers, tagträumt auf dem dunklen Leder eines alten Sofas umnebelt von Vanillerauch, unsüß, harzig unterm Deckenventilator vor den parallelen Jalousieschatten an der Wand. Die Abblende scheint endlos, wärmer, süßer, dunkler werdend umschließt das abkühlende Harz schließlich den Protagonisten, ein Dénuement vortäuschend, einen Eindruck hinterlassend, der den Betrachter fasziniert rätseln lässt.
23 Antworten
BloodxclatBloodxclat vor 5 Monaten
Grosse Klasse Dein Kommentar. Eine richtige Trouvaille!
44muc44muc vor 10 Monaten
So abgefahren beschrieben! Nun bin ich neugierig!
BeJotBeJot vor 11 Monaten
Dieser Duft ist großartig! Er verstört mich nicht, sondern greift meine eigene Verwirrtheit auf und führt mich zur Ruhe und Klarheit.
KleinKiriviKleinKirivi vor 1 Jahr
Großartiger Kommentar zu einem verstörenden Duft, von dem ich nicht werde lassen können.
KäseKäse vor 2 Jahren
ja, der ist psychedelisch-gut
MarieposaMarieposa vor 2 Jahren
Eine halluzinierte assoziative Parallelwelt. Manchmal ist es fast ein bisschen unheimlich, wie exakt du ins Schwarze triffst. Der Duft gibt mir auch Rätsel auf.
FriesinFriesin vor 4 Jahren
Mit dem Duft auf dem Handgelenk bin ich heute mit dir im Kino gewesen...wir haben den selben Film gesehen.
HautgoutHautgout vor 4 Jahren
2
Toller Kommentar....und eine Hommage an den guten David...aber Preise hat die Annette, da wirds einem ganz schli(e)cht...
DelightfulDelightful vor 4 Jahren
Das ist eine bannende Erzählung zu einer Duftbeschreibung, die sich einfach wunderbar liest :)..
FirstFirst vor 5 Jahren
Was für ein brilliant ausgefeilter, im besten Sinne wortgewaltiger Kommentar! Und so trefflich!
AugustoAugusto vor 5 Jahren
Lynch zum Aufsprühen? Schöne Beschreibung. Merkliste.
AndrulaAndrula vor 5 Jahren
1
.. wie konnte ich nur diesen Kommentar übersehen .. Lynch verdanken wir ja etliche Irrigkeiten .. ich mag nicht nur seine Filme sehr .
.. vom Duft bin ich auch sehr angetan :))
ChopIslandChopIsland vor 6 Jahren
Zu gut geschrieben. Absolut perfekt eine Duftbeschreibung cineastisch verwoben.
"rufen sie mich an" sprach er ihn vor ihm stehend auf der Party beim Lost Highway an. ;-)
FloydFloyd vor 6 Jahren
Stell Dir vor, Du hast einen Port, mit dem Du dich in David Lynchs Gehirn einloggen kannst, dann gehst Du mit ihm für einen Tag in eine Parfümerie... Großes Kino.
TorfdoenTorfdoen vor 6 Jahren
Mal angenommen, er hätte irgendwann einen Kreativ-Burnout, könntest Du Herrn Lynch wieder zurück ins eigene Universum führen. Dumm nur, dass die transzendentale Meditation so gut bei ihm wirkt.
Can777Can777 vor 6 Jahren
1
Das kann man ja schon als Duft-Drehbuch bezeichnen,was Du wieder mal präsentiert hast. Wahnsinn,...toll!
SonnenwendeSonnenwende vor 6 Jahren
1
Den Duft kenne ich leider noch nicht. Deine Beschreibung dazu ist wieder einmal grandios. Ganz großes Kino!
GandixGandix vor 6 Jahren
Einen, der für mich tragbaren Neuffers wunderbar dargestellt.
Helena1411Helena1411 vor 6 Jahren
Die David Lynch-Filme sind mir einfach zu verstörend bizarr, aber diese Duftlandschaft, die Du entspinnst, finde ich äußerst ansprechend.
Melisse2Melisse2 vor 6 Jahren
Der Film hat mich auch verstört. Den Duft kenne ich nicht. Du hast ihn interessant beschrieben. Die bislang von mir getesteten Düfte von Annette Neuffer habe ich dicht und bienenwachsig empfunden. Der hier scheint nach den Orangen dunkel zu werden und Kante zu haben.
MadameLegrasMadameLegras vor 6 Jahren
Wow, was für eine tolle Beschreibung für diesen Duft! Ich kenne ihn zwar nicht, aber Deine Interpretation war sehr schön zu lesen...
YataganYatagan vor 6 Jahren
Sehr schöner Kommentar. Sprachästhetik.
OlkaolkaOlkaolka vor 6 Jahren
...na dannn, er ist für mich !!!!!!