Bevor man in David Lynchs "Blue Velvet" ein abgeschnittenes menschliches Ohr voller Ameisen in einer Wiese findet, blühen Blumen in psychedelisch rauschenden Farben, winken Feuerwehrleute fröhlich lachend in Zeitlupe vom Löschfahrzeug, singen Engelschöre aus dem Off, ist alles so bonbonfarben eitel Sonnenschein, dass der Zuschauer unterbewusst genau weiß, dass es sich dabei um eine Illusion einer heilen Welt handelt, die so in ihrer Oberflächlichkeit nicht aufrecht erhalten werden kann. Es geht danach, wie in nahezu allen Lynch-Filmen, in schwer zu entschlüsselnde Tiefen (zumeist in das surreal Unbewusste), erzählt in oft verstörender, mindestens jedoch verwirrender Bildsprache, deren Bestandteile selten für sich selbst stehen, als sie vielmehr eine Impression vermittelt, die den Betrachter abstößt oder fasziniert rätseln lässt, in jedem Fall aber in ihm einen bleibenden Eindruck erzeugt.
In "Maroquin" halluziniere ich eine Parallelität zu Lynchs Filmen. Da fahren erstmal in Cinemascope kandierte Gewürzorangen hell leuchtend und zugleich bittersüß über die Leinwand, holen mich im olfaktorischen Alltag ab, gaukeln die Unbeschwertheit eines Kindes auf einem Jahrmarkt vor, von der ich weiß, dass sie bei Neuffer nur der Auftakt zu einer impressionistischen Reise in die Tiefen meiner Assoziationsräume sein kann. Schon bald verschwindet der Klang der alten Drehorgel im Hall, überziehen warm-rauchig-harzige Nebelschwaden die Szenerie, ist von den süßen Zitrusfrüchten nichts mehr da, raucht ein Mann ohne Gesicht Halfzware-Tabak auf der Veranda einer einsamen Hütte in der Wüste, dominieren Sepiatöne dunkler werdend, blenden zeitlupenartig in eine Nahaufnahme warmer, trockener Erde über, ist deutlich Pfeffer wahrnehmbar, bevor sich aus der Erde brauner Kanten herausbildet, die Flamme eines Zippos sich daran entlang bewegt, die winzigen Wölkchen ihren Duft entfalten, den Betrachter in tiefe Entspannung sinken lassen.
Zeit beginnt sich zunehmend zu dehnen, der Protagonist verschwindet in einer dunklen Ecke des Zimmers, tagträumt auf dem dunklen Leder eines alten Sofas umnebelt von Vanillerauch, unsüß, harzig unterm Deckenventilator vor den parallelen Jalousieschatten an der Wand. Die Abblende scheint endlos, wärmer, süßer, dunkler werdend umschließt das abkühlende Harz schließlich den Protagonisten, ein Dénuement vortäuschend, einen Eindruck hinterlassend, der den Betrachter fasziniert rätseln lässt.
Eine halluzinierte assoziative Parallelwelt. Manchmal ist es fast ein bisschen unheimlich, wie exakt du ins Schwarze triffst. Der Duft gibt mir auch Rätsel auf.
.. wie konnte ich nur diesen Kommentar übersehen .. Lynch verdanken wir ja etliche Irrigkeiten .. ich mag nicht nur seine Filme sehr .
.. vom Duft bin ich auch sehr angetan :))
Zu gut geschrieben. Absolut perfekt eine Duftbeschreibung cineastisch verwoben.
"rufen sie mich an" sprach er ihn vor ihm stehend auf der Party beim Lost Highway an. ;-)
Stell Dir vor, Du hast einen Port, mit dem Du dich in David Lynchs Gehirn einloggen kannst, dann gehst Du mit ihm für einen Tag in eine Parfümerie... Großes Kino.
Mal angenommen, er hätte irgendwann einen Kreativ-Burnout, könntest Du Herrn Lynch wieder zurück ins eigene Universum führen. Dumm nur, dass die transzendentale Meditation so gut bei ihm wirkt.
Der Film hat mich auch verstört. Den Duft kenne ich nicht. Du hast ihn interessant beschrieben. Die bislang von mir getesteten Düfte von Annette Neuffer habe ich dicht und bienenwachsig empfunden. Der hier scheint nach den Orangen dunkel zu werden und Kante zu haben.
.. vom Duft bin ich auch sehr angetan :))
"rufen sie mich an" sprach er ihn vor ihm stehend auf der Party beim Lost Highway an. ;-)